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Wachstum

Es sind die Fetzen alltäglicher Gespräche und scheinbar belanglos verlaufender Unterhaltungen, die einen anschließend nicht loslassen. Wundert sich ein gut berenteter Verwandter im Gespräch über Autos, wie teuer die sind und sagt sinngemäß: „Für den Preis eines Golfs von heute bekam man früher einen großen Mercedes“.

Das stimmt. Aber stellen wir die beiden Autos nebeneinander, war zum Beispiel der „Strich Achter“ Benz von 1968 geradezu traurig ausgerüstet – aus heutiger Sicht. Er hatte in der stärksten Version 80 PS, der Käufer eines aktuellen Golf VII kann heute darüber nur lachen. Seine Motorleistung beginnt bei 90 PS und geht bis 185. Wir sind anspruchsvoll geworden, und können das Wachstum unseres Begehrens an PS Zahlen, Wohnbedürfnissen und Mobilität ablesen.

Ein weiteres Beispiel aus einer Talkshow vor ein paar Monaten, es ging um den tatsächlichen oder vermeintlichen Abstieg der Mittelklasse (Menschen, nicht Autos). Eine Teilnehmerin der Runde beschrieb, wie sie ihr eigenes Leben als Weg nach unten wahrnimmt. Ihre Eltern hatten Parkett, sie nur PVC. Ein anderer in der Runde, und das gefiel mir gut, erinnerte sie daran, dass ihre Eltern keinen PC und kein Tablett hatten – das gab es schlicht und einfach noch nicht. Situationen sind eben nur schwer miteinander vergleichbar. Wo es keine Smartphones gibt, vermissen wir sie nicht.

Dabei ist nicht jede technische oder auch optische Entwicklung willkürlich oder gar überflüssig, Autos sind heute nicht nur schneller, sondern auch sicherer. Kostete der Straßenverkehr im Jahr 1968 noch 16.500 Menschen ihr Leben (bei 16 Millionen zugelassenen PKW), waren es 2004 „nur noch“ 4.500 – und das bei mehr als dreimal so vielen Fahrzeugen.

Und doch kommt einem unser Hang (oder Zwang) zum Wachstum vor wie unsere eigene Geißel – wir wuchern, statt zu wachsen.

Naturkundler preisen die Maniok als nahrhaftes Knollengewächs, ähnlich wertvoll wie die Kartoffel, aber auch Reis, Weizen und andere Getreide. Aus heutiger Sicht meint man fast, Grundnahrungsmittel müssten mit Warnhinweisen versehen sein, enthalten sie doch Kohlehydrate (machen dick), wahlweise auch Weißmehl (Allergien!), Zucker oder Fett. Meine Uroma kannte noch den Ausdruck „Gute Butter“, sie hat zwei Weltkriege und eine Flucht überstanden. Heute werden Menschen immer dünner und ihre Autos immer dicker. Heidi Klum macht Werbung für den Geländewagen von VW.

Was sagt uns das? Ich weiß es nicht, wollte Euch diese Gedanken aber nicht vorenthalten.

Zum Wochenende noch ein Video, das mich berührt hat und mir gute Laune schenkte. Achtet auf den Kerl im Bild mit Bart, Bauch und Surfbrett: