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Briefe ans Management, Teil 10: Das Willi Prinzip

Das Willi Prinzip, nach dem zwei Probleme eine Lösung ergeben können, will ich an dieser Stelle näher untersuchen. Bitte folgen Sie mir unauffällig.

1. Die Würfel
2 – 2 – 3 – 4 – 6: Diese Kombination habe ich gerade jetzt für Sie, für uns, gewürfelt. Nichts Besonderes eigentlich. Stellen Sie sich aber vor, ich hätte eine Kombination aus fünf Sechsen hingelegt, oder würde dies zumindest behaupten. Vermutlich würden Sie es mir einfach nicht glauben.

Dabei ist die Wahrscheinlichkeit der Kombination 2 – 2 – 3 – 4 – 6 ganz genau so hoch wie die Kombination 6 – 6 – 6 – 6 – 6, nämlich 7.770 zu 1. Der einzige Unterschied: die erste Kombination erscheint uns beliebig und ist den Würfelregeln (z. B. Kniffel oder Würfelpoker) entsprechend minderwertig. In der zweiten erkennen wir ein Muster, sie ist scheinbar etwas Besonderes. Dementsprechend werten wir sie in gängigen Würfelspielen als wertvoll.

2. Das Willi Prinzip
Das Willi Prinzip beschreibt die mögliche Wechselwirkung zweier Situationen. Zum ersten Mal im gestrigen Artikel „Willi ist weg“ vorgestellt besagt es, dass manchmal zwei Probleme eine Lösung ergeben können. Erzählt wurde es erstens am Beispiel zweier Kater, der eine ist fort, ein anderer sucht eine Bleibe. Und zweitens an der Situation von Flüchtlingen in Deutschland in Korrelation zu deutschen Binnenproblemen wie Fachkräftemangel, Ärztemangel und ähnlichem.

Nun ist das Willi Prinzip eigentlich etwas uraltes, banales und längst erkanntes. Wenn ich nämlich eine Chaiselongue, Lehne links, aus wallnussfarbenen Beinen und popelgrünem Samt einfach nicht mehr sehen kann und sie gerne verkaufen möchte (Situation 1) und jemand anderes ziemlich genau so ein Möbel schon lange sucht (Situation 2), dann müssen wir uns nur noch finden. Hierfür gibt es schon immer den Aushang bei Kaisers, den Flohmarkt und natürlich Ebay. Das Willi Prinzip lebt, es lebt auf Automärkten, der „Zweiten Hand“, bei Humana und im Kleinanzeigenteil unserer Tageszeitung.

3. Willi und die Würfel
Erinnern wir uns an das Würfelspiel: nicht jede Struktur wird von uns auf Anhieb als solche erkannt. Manche Strukturen sind komplex, sie scheinen wirr, unübersichtlich, nicht einzuordnen in bekannte Schubladen oder machen uns Angst, weil sie schwer durchschaubar sind.
Anders gesagt: nicht immer liegen zwei Probleme, die sich gegenseitig auflösen, so klar auf der Hand wie beim Beispiel der Chaiselongue oder des gebrauchten Autos, bei denen nur Verkäufer und Interessent zueinander finden müssen. Das Beispiel der Berliner Flüchtlinge und der Mangelsituationen in Deutschland berührt wirtschaftliche, juristische, organisatorische und nicht zuletzt politische Fragen – es ist komplex. Es fällt also unter Umständen schwer, diese beiden Situationen als passende Puzzleteile zu erkennen. Passen sie überhaupt? Die Antwort lautet: möglicherweise.

4. Komplexe Puzzle
Im klassischen Puzzlespiel bringen wir die passenden Teile zueinander. Jetzt erhöhen wir mal den Schwierigkeitsgrad in vier Stufen.

  • Erstens: die Teile sind nicht, wie wir es bisher beim Puzzle gewohnt waren, einfach gestaltet, sondern haben komplexere Strukturen an den Rändern. Schließen Sie jetzt bitte die Augen und stellen Sie sich Puzzleteile vor, die etwas komplexer sind als die, die Sie kennen (die Kunst besteht darin, diesen Artikel mit geschlossenen Augen weiterzulesen. Aber das kriegen Sie hin!).
  • Zweitens: die Teile sind dynamisch. Jedes einzelne Teil ändert langsam aber sicher seine Form. Meist ist die Bewegung am Rand sacht und nachvollziehbar, aber es gibt auch einzelne, plötzliche Ausschläge. Dynamik ist jetzt Teil des Spiels.
  • Drittens: wie die Teile sich entwickeln, ist durch unser Wirken in kleinem Rahmen beeinflussbar.
  • Viertens: je mehr wir sind, desto stärker können wir einzelne Puzzleteile in ihrer Dynamik beeinflussen.

Nun können wir einige spannende Dinge beobachten:
Ein Großteil der Spieler steigt aus, ihnen ist die Sache zu kompliziert und zu neu.
Sie, ich und die anderen, die noch dabei sind, spielen jetzt gemeinsam weiter. Konzentration, Spaß und Kreativität bestimmen die Runde. Es gibt aber auch Frust und Verunsicherung, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie erhofft. Das Bild, das wir gemeinsam schaffen, ist nicht mehr vorherbestimmt, es gibt keine Vorlage, wir kreieren unsere Zukunft selbst und gemeinsam. Und die Frage, ob ein Teil zu einem anderen passt, ist schwererer zu beantworten. Teile passen möglicherweise zueinander, wir müssen es ausprobieren. Können zwei Probleme eine Lösung ergeben? Vielleicht. Welche neuen Probleme ergeben sich daraus? Wir werden es sehen, jetzt, spätestens aber, wenn wir es ausprobiert haben. Die Exaktheit verschwindet, Ziele müssen erst verabredet und dann immer neu überdacht werden. An ihre Stelle treten Mut, Vision, Verständigung untereinander, gegenseitige Fehlertoleranz. Und Ausdauer, das Puzzlespiel des Lebens ist nie zu Ende.

5. Willi, das Puzzle und der blaue Ozean
Es gibt ein Management Prinzip zur Produktentwicklung, das heißt „Blue Ocean“, es war Thema an mancher Stelle dieses Blogs. Es trägt Kostenersparnis und Qualitätssteigerung in einen gemeinsamen Raum. Kurz gesagt: welche „üblichen“ Produktaspekte können wir weglassen und so einen Vorteil schaffen.
Nach diesem Prinzip entstand der Smart (Rückbank weg), McDonalds (Bedienung weg) und das I Phone (Tastatur weg). Das Prinzip „Blue Ocean“ ist dem Willi Prinzip sehr ähnlich, werden doch zwei Probleme – ich muss Kosten sparen und ich muss Qualität erhöhen – zusammengebracht und eben dadurch gelöst.

Fazit
Das Willi Prinzip befähigt uns, über den Verkauf ungeliebter Sofas hinaus komplexe Probleme als möglicherweise zueinander passend zu erkennen und so zumindest Teillösungen zu erwägen, auszuprobieren und weiterzuentwickeln go to my site. Nach dem Willi Prinzip werden aus Serverräumen Heizanlagen, aus herumstehenden Elektroautos Energiespeicher und aus Flüchtlingen – möglicherweise – Fachkräfte.

P.S.: Braucht irgendjemand eine grüne Chaiselongue?

Der Gastkommentar:

Deutschland, bleibe

Der Gastkommentar

Gerit Probst, interkulturelle Trainerin, widerspricht meinem Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“. Sie schreibt: „Jeder Mensch braucht eine geistige und kulturelle Heimat, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt… die Geborgenheit gibt uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben…
Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für ‚Deutschland, bleibe’“

 

Deutschland, bleibe

von Gerit Probst
 

Wir alle sind in diesen Tagen aufgerüttelt vom Zeitgeschehen: im Namen der Religionen geschehen furchtbare Dinge: Charlie Hebdo – medial ganz vorne dran, Boko Haram mordet in Nigeria, kleine Mädchen werden zu Selbstmordattentätern, der saudische Blogger Raif Badawi wird öffentlich ausgepeitscht, ein Ägypter wegen Atheismus zu Gefängnis verurteilt, während Repräsentanten seines Landes in Paris geheuchelte Sympathie für Meinungsfreiheit bekunden, es wird entführt, enthauptet, geschmäht. Diverse Gidas und Nongidas bevölkern die Strassen; Flüchtlingsströme drängen nach Europa – plötzlich sind Salafisten und Islamismus in aller Mund, religiöser Fanatismus und die Angst vor dem Islam sowie die mahnenden Gegenstimmen dominieren die Schlagzeilen.

Von Krieg ist die Rede: Terror gegen Abendland und Freiheit – der Islam, die rückständige Religion der Gewalt und Intoleranz gegen die Moderne, gegen den Westen und seine Errungenschaften.

Diese Simplifizierung aber birgt den eigentlichen Sprengstoff: was fanatische Terroristen niemals erreichen könnten, vermag diese Art der Darstellung und Empfindens: einen Graben quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Wenn wir Islam gleichstellen mit Islamismus, jede Form des Salafismus gleich mit gewaltbereitem Extremismus, jeden Muslim unter Generalverdacht stellen, schaffen wir Zustände, die den Terroristen in die Hände spielen.

Nicht der Islam ist unser Feind.

Es ist eine Binsenweisheit, dass im Namen aller großen Religionen entsetzliche Gräueltaten verübt wurden und werden. Zugegebenermaßen: während Burenkriege, Missionierungen, Kreuzzüge, Inquisition und Pogrome im Dunkel der Geschichte zu verblassen drohen, drängen sich ISIL, Al Qaida, Boko Haram und wie sie alle heißen nachdrücklich ins Bewusstsein.

Ein zweiter Blick aber zeigt, dass nicht nur in Paris auch Muslime unter den Opfern waren: in Syrien, Irak, Nigeria etc. waren neben Yesiden und Kopten v.a. Tausende Muslime Opfer des fundamentalistischen Irrsinns. Auch heute noch kämpfen und töten nicht nur muslimische, sondern auch christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische und selbst konfuzianische Fundamentalisten im Namen ihrer Religionen; Fundamentalisten, welche den toleranten und milden Aspekten, die jeder Religion innewohnen, eine Absage erteilen.

Es gilt, gegen diesen Extremismus vorzugehen, gegen gewaltbereiten Fundamentalismus jeglicher Couleur. Nicht das Abendland muss sich gegen den Islam wehren – vielmehr sind es die friedlichen, offenen und toleranten Menschen dieser Welt, die sich – unabhängig von und ganz im Sinne ihrer Religionen gegen die Barbarei zur Wehr setzen müssen.

Der omanische Sultan Qaboos sagte – bezogen auf den Islam – in einer Rede im Jahr 2000: „Die freie Gesinnung, eigenständiges Nachdenken und selbstständige Entscheidungsfindung zu korrumpieren ist eine Todsünde. …“ Jede Religion bietet den Raum für eine offene, tolerante und versöhnliche Haltung und Lebensführung. Erfolgreich kann dies aber nur geschehen, wenn dem Fundamentalismus langfristig der Nährboden entzogen wird.
Militärische Mittel alleine können hier keine Lösung schaffen –vielmehr muss den Entstehungsursachen fundamentalistischer Strömungen entgegengewirkt werden: eine gewaltige, globale Herausforderung. Es ist schließlich kein Zufall, dass islamischer Terrorismus derzeit an so vielen Ecken der Welt aufbricht.

So segensreich viele Segnungen der Moderne sein mögen, einigen Teilen der Welt haben wir sie gewaltsam und wenig weitblickend angedeihen lassen. Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat dies einmal sehr anschaulich illustriert: „Wenn wir einen Kuchen mit falschen Zutaten (Reis statt Mehl etwa) und den falschen Geräten backen, wird das Endergebnis nicht mit dem Ideal des Rezepts übereinstimmen: es ist anders – es kann köstlich sein, kann aber auch ganz abscheulich werden. Vielleicht ist es besser, mit den vorhandenen und verfügbaren Techniken und Ingredienzen zu arbeiten, lokale Sachkenntnis (…) zu benutzen, um sich dem Vorbild möglichst weitgehend zu nähern. (…)einen eigenen, unverwechselbaren und modernen Kuchen zu backen.“

Es bedarf weltpolitischen Weitblicks, globaler wirtschaftlicher sowie politischer Ansätze und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühls, um nicht mit westlicher Arroganz neue Brandherde zu schaffen. Die gesellschaftlichen und politischen Zustände, Furcht und Orientierungslosigkeit sind wichtige Ursachen von Fundamentalismus, hier gilt es anzusetzen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine geistige und kulturelle Heimat braucht, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt. Auch hier mag man nicht jeden gleichermaßen, teilt nicht jedermanns Ansichten und ist oft uneins. Dennoch gibt die Geborgenheit uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben. Gemeinsam mit all den anderen warmherzigen und offenen Menschen weltweit, die auch alle ihre Nestwärme brauchen.

Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für „Deutschland bleibe!“

Marketingmanagement:

Es muss Liebe sein (3)

Die Berliner Verkehrsbetriebe, also Betreiber von U-Bahn, Bus und Tram, hatten eine Idee. Nutzer sollten auf Twitter unter dem Stichwort #weilwirdichlieben ihre „schönsten BVG Momente“ schildern. Nun ist die Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“ nie dazu angetan gewesen, jemanden in Leidenschaft zu versetzen, sondern nervt in der Regel den Befragten. Die Aktion #weilwirdichlieben jedenfalls lief so ab:

Phase 1: Aktion
Irgendjemand in der BVG Abteilung Soziale Medien muss diese spontane Idee gehabt haben, vielleicht war es aber auch Ergebnis über Tage praktizierter Kreativtechniken eines beauftragten Think Tanks – wie auch immer. Gestern, am 13. Januar ging es früh morgens los. Die BVG lud mit den Worten: „Hallo Berlin! Wir eröffnen hiermit unseren #weilwirdichlieben-Account. Mit Herz und Hashtag. Einsteigen bitte!“ zum Dialog.

Bild 1

Phase 2: Reaktion
Schnell kommt die Sache in Schwung, allerdings in eine andere Richtung, als gewollt. BVG Nutzer haben ENDLICH ein Forum, in dem sie Dampf ablassen können. Tausende nutzen im Laufe des Tages diese Möglichkeit. Eine meiner Lieblingsgeschichten:

Fahrgast: „Fährst Du Zoo?“
Fahrer: „Nein, Bus“

Wer in Berlin lebt und regelmäßig Bus fährt weiß, dass dies kein Witz, sondern tägliche Realität ist.

Bild 2

Phase 3: Häme
Als Redakteur für Online Medien hat man’s vermutlich nicht leicht, so viel passiert ja eigentlich nicht im Netz. Genau genommen gar nichts. Jedenfalls nehmen von Spiegel Online bis Bild.de nahezu alle Medien die Vorlage gerne an und berichten voll Häme und Spott über dieses vermeintliche Eigentor der Verkehrsbetriebe. „Die Kampagne ging nach hinten los“ ist noch eine der vorsichtigeren Bewertungen.

Analyse
Meister Oogway in Kung-Fu Panda sagt „Es gibt keine guten und schlechten Nachrichten – es gibt nur Nachrichten“. Effectuation sagt: Wer in der Lage ist, Umstände und Zufälle zu nutzen, hat in dynamischen Situationen einen entscheidenden Vorteil gegenüber demjenigen, der Unvorhergesehenes als Bedrohung seiner Pläne betrachtet.

  • Das klassische, lineare Denken sieht eine Kampagne, die nicht zu dem gewünschten Ziel geführt hat.
  • Der Effectuator sieht eine Kampagne, die überraschend dynamisch verlaufen ist.

Hätte die BVG den üblichen Kummerkasten als Beschwerdeforum eingerichtet, kaum jemand hätte die Aktion beachtet. Aber niemand konnte ahnen, dass tausende Nutzer #weilwirdichlieben als Kummerkasten statt zu Liebesbekundungen nutzen würden.
Nun wird ein Mitarbeiter oder Manager nicht für seine Vorahnungen bezahlt, sondern dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Mit den richtigen Entscheidungen ist das aber so eine Sache. Es gibt in unserem Leben Entscheidungen, von denen wir im Nachhinein eindeutig sagen können, sie waren richtig. Andere waren vielleicht falsch, wir können sie zwar nicht rückgängig machen, würden heute aber anders entscheiden.
Dazwischen aber liegt ein riesiges Feld von Entscheidungen, aus denen etwas resultiert, was weder falsch noch richtig ist. In jedem Fall ist eine Entscheidung ein Schritt, der uns voranbringt, aus dem Entwicklung resultiert – siehe BVG. Wir gehen im Leben wie im Management selten einen Weg von A nach B sondern von dort wo wir stehen, zu einem Punkt, den wir am Anfang unserer Reise, zum Zeitpunkt unserer Entscheidung also, noch nicht kennen.

Anders ausgedrückt: Wenn Plan A nicht funktioniert, hält unser Alphabet immer noch 25 weitere Buchstaben für uns bereit. Glückwunsch, BVG! Macht was draus.

Es muss Liebe sein (2) | Es muss Liebe sein (1)

Deutschland, schaff Dich ab

Wieder ein Gespräch mit meinem an dieser Stelle bereits zitierten Bekannten, Wirtschaftsingenieur, Doktor, Staatssekretär a. D., über Freiheit und Menschenrechte. Ich erzähle ihm, wie mein Weltbild zerbrach, oder zumindest rapide abbaute über die Jahre. Geboren 1965 im Weser Bergland, groß geworden an der Ostsee, lebte ich natürlich in der tief verwurzelten Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen (wer in Geografie einen Fensterplatz hatte: ich bin Wessi). Die mit Stacheldraht bewehrte Zonengrenze hatte ich stets vor Augen, der Russe stand als manifeste Drohung quasi vor unserer Haustür.

Eine typische Szene aus meiner Jugend gefällig? Nur zu gern. Klassen- und Geschichtslehrer Horst Mevius befragte uns als Schüler der neunten Klasse des Jungen Gymnasiums „Oberschule zu Dom“ nach unserer Ansicht, und das lief so ab: „Wer ist der Meinung, dass wir die Olympischen Spiele in Moskau boykottieren sollten?“ Das Votum der Schüler fiel ungefähr Hälfte/Hälfte aus.

Sein nun folgender Vortrag über den Russen, seine Expansionsbestrebungen in Afghanistan und internationale Sportpolitik ist mir leider nicht mehr wörtlich in Erinnerung. Umso erstaunlicher, wurde er doch kraftvoll vom Lehrerpult aus in den Klassenraum gebrüllt und zwar im zackigen Da-geht’s-lang-habt ihr’s-endlich-kapiert? Ton. Abschluss: „Und wer ist JETZT für einen Boykott?!“ Alle Hände gingen hoch (nur nicht die von Rainer Laabs und mir, was eher unserem Rollenverständnis als Fundamentalopposition entsprach als politischer Weitsicht). Der Russe und seine Satteliten waren brutal, bedrohlich und unbarmherzig. Moskau knechtet und bespitzelt sein Volk und kennt nur das eine Ziel, diese Werte in alle Welt zu exportieren.

Wenn ein amerikanischer Präsident sich heute gegen den Einmarsch der Russen in ein anderes Land ausspricht, wenn er von Freiheit und Menschenrechten redet, ist er unglaubwürdig. In unseren Hirnen setzt sich das Kopfkino in Gang: amerikanische Foltergefängnisse, „erweiterte Verhörmethoden“, weltweit eingesetzte Abhörpraktiken… Auf welcher Seite standen wir da eigentlich über die Jahrzehnte? Vor allem auf unserer, denn uns ging es gut, in der DDR möchte ich nicht gelebt haben. Also alles gut?

Um auf das Gespräch mit meinem Staatssekretär zurückzukommen – er pflichtete mir bei und schloss die Frage an, wem wir unsere Zukunft denn überhaupt anvertrauen können? „Welches Land hält die Fahne der Freiheit und Menschenrechte hoch? Die Amerikaner? Die Chinesen? Europa? Wir?“ Meine Antwort darauf lautete: „Die Frage ist falsch gestellt. KEIN Land trägt diese Fahne glaubhaft vor uns her, wenn wir es nicht selber tun. Aber in JEDEM Land gibt es Menschen und Institutionen, denen wir vertrauen und mit denen wir uns vernetzen und verbünden können.“ Er gab mir Recht. Umweltaktivisten, Menschenrechtsgruppen, vernünftige und glaubwürdige Personen gibt es überall. Hier in Nationalstaaten zu denken ist absurd und irgendwie gestrig. Das organisierte Verbrechen, die Mafia und die Lobbyisten sind da längst weiter, zum Glück aber auch Organisationen wie Amnesty International – verschaffen wir unseren Ideen weltweit Gehör.

Um an dieser Stelle Missverständnissen aus dem Weg zu gehen: oft bin ich von Herzen national. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als mit dem Zug durch Deutschland zu fahren, die Veränderung unserer Landschaften zu beobachten von der Geest im östlichen Holstein, wo ich aufgewachsen bin, durch die Mittelgebirge bis ins traumhaft schöne Alpenvorland. Nur habe ich immer weniger das Gefühl, dass dies „unsere“ Landschaften sind. Wer ist dieses „Wir“? Belasten Ausländer wirklich „unsere“ Sozialsysteme, wenn sie sich in Berlin oder Baden-Württemberg niederlassen? Ich spüre keine Gemeinsamkeit mit Herrn Meier aus Paderborn oder Frau Müller aus der Pfalz, jedenfalls nicht mehr als mit Kowalczyk oder Al Sayed.

Mit Meier und Müller teile ich die Gene und die Mene, also die kulturelle und zutiefst eingegrabene Erinnerung an Christentum alles, was deutsch sein eben ausmacht. Das prägt uns zutiefst und ist Teil unserer Identität. Es gibt aber Erfahrungen und Werte, die ich mit den Kowalczyks und Al Sayeds dieser Erde ebenso teile, egal welche Hautfarbe wir haben, welche Religion unsere Vorfahren praktizierten und welchen Bräuchen wir anhängen. Das Wir in mir löst sich auf – und setzt sich gerade neu zusammen.

Gestern waren wir alle Charlie. Dem Einwand einer arabischen Demonstrantin, warum ebenso brutal und zu Hunderten ermordete Palästinenser nicht ansatzweise das selbe Entsetzen, die selbe Trauer und die selbe Solidarität auslösen, wurde mit dem Hinweis begegnet, es käme nicht auf die Anzahl an. Seit wann das denn nicht?

Verteidigen wir wirklich die Pressefreiheit? Oder verteidigen wir unsere Pressefreiheit, unseren Frieden in Europa? Die Sozialsysteme würden zusammenbrechen, ließen wir alle sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge ins Land – hoffentlich tun sie’s bald, dann wären wir endlich gezwungen, „unser“ Sozialsystem zu überdenken. Ein nationales Sozialsystem will ich nicht, denn es kann nicht funktionieren.
Thomas Mampel veröffentlichte gestern auf Twitter die Grafik des Grenzzauns, der das „Wir“ von denen da abgrenzt:

Grenzanlage-eu

Sie steht den Grenzanlagen der DDR, deren Fall, nein, deren Niederreißen durch die Eingesperrten wir gerade zu Recht gefeiert haben, in nichts nach:

Grenzanlage-ddr

Eingesperrt, ausgesperrt – das ist letztendlich eine Frage der Perspektive. Wir sperren uns ein, damit die da draußen uns mit ihren Problemen in Ruhe lassen.

Es wird Zeit, supranational zu denken, und zwar weit über die europäischen Grenzen hinaus. Umweltschäden machen vor Grenzen nicht halt, Terror nur bedingt, und wenn wir den Hunger aussperren können, vergeht mir doch der Appetit. Meinen beiden Töchtern, und sie sind der Grund für alles, was ich tue, wird es gut gehen, wenn es den Menschen um sie herum gut geht. Das gilt für unsere Siedlung, unsere Stadt, unser Land, unseren Kontinent und unseren Planeten gleichermaßen. Für’s gut gehen, für ein Leben in Würde und der Möglichkeit zur Entfaltung, gibt es keine Grenzen. Wir können nicht die Welt retten, aber wir können aufhören, diese merkwürdige und völlig abstrakte Unterscheidung zwischen uns und denen zu denken. DIE haben auch Töchter.

Politischer Kommentar

Pegida, TTIP und das Nürnberger Würstchen

#Pegida und #Nopegida

An Pegida stört mich alles, an Nopegida in letzter Zeit einiges. Richtig geärgert habe ich mich, als auf Twitter das Bild eines älteren Pegida Demonstranten begeistert retweetet wurde, dessen Schild im Wort „Islamisierung“ einen Fehler aufwies. Kommentar: #Idiot. Heute musste ich dieses Bild sogar in meiner hochgeschätzten Berliner Zeitung sehen. Hallo? Seit wann machen wir uns denn über Rechtschreibschwäche lustig? Der nächste Schritt ist dann, sich über humpelnde zu erheben – sind ja nur Nazis. Einmal abgesehen davon, dass ich die allermeisten Pegidas nicht für Nazis halte – diese Form der „Kritik“ ist nicht mein, ist nicht unser Niveau!

Ich gehe hart ins Gericht mit Nopegida, gerade weil es mir am Herzen liegt. Ich bin stolz und erleichtert, dass Massenaufmärsche, verdunkelte Gebäude und so manche Politiker klar stellen, wir leben nicht 1933, sondern sind in der Mehrheit tolerant und aufgeschlossen.

#TTIP

Wer die Diskussion um das Wirtschaftsabkommen TTIP verfolgt, der könnte meinen, alle fressen Scheiße, nur wir nicht. Ich drücke das so drastisch aus, weil mich die Situation an eine ähnliche in den 80-er Jahren erinnert. Das deutsche Reinheitsgebot für Bier von 1516, nach dem ausschließlich mit den Zutaten Wasser, Malz und Hopfen gebraut werden darf, war nicht zu halten. Der deutsche Markt musste sich auf Druck der EU ausländischen Bieren, und damit auch anderen Rezepten öffnen. Die Panikmache begann, und sie war nicht nur gesteuert vom heimischen Brauereiwesen. Selbst die Tagesthemen fragten ängstlich: „Wann kommen sie wohl, die Billigbiere aus dem Ausland?“.

Ein paar Monate später tranken wir mexikanisches Maisbier aus der Flasche, garniert mit einem Scheibchen Limette, und waren beseelt vom frischen Wind ganz ohne alte Bierseeligkeit. Ernsthafte Erkrankungen, allergische Reaktionen oder gar der Untergang des Abendlandes sind mir nicht in Erinnerung.

Auch TTIP werden wir überleben. Nürnberger Rostbratwurst kommt aus Nürnberg, und das ist gut so, tatsächlich möchte ich keine Nürnberger Rostbratwurst aus Tennessee essen. Aber schon heute habe ich keine Ahnung, woher das Fleisch der Bratwurst kommt: Aus Nürnberg? Aus Wrocław? Aus Xinjiang? Die Vergabe von Herkunfts- und Gütesiegeln in der EU ist so unübersichtlich, dass wir uns nicht aufs hohe Ross setzen sollten. Hart verhandeln um vernünftige und nachvollziehbare Standards sollte die EU allemal, nur diese geozentrische Hochnäsigkeit nervt und erinnert eben auch an Pegida.

Einwanderung und die Öffnung von Märkten sind zwei Seiten einer Medaille, ich bejahe beide von Herzen. Die auszuhandelnde Frage ist dann das „Wie“, nicht aber das „Ob“.
Das Leben ist wie ein großer Fluss. Die Richtung des Ganzen ist vorherbestimmt. Ich als kleines Teilchen kann aber immer beeinflussen wie ich mich bewege. Schwimme ich rechts oder links in Ufernähe, lasse ich mich einfach treiben? Oder schwimme ich auch mal, solange die Kraft reicht, gegen den Strom?

Allen Pegida Anhängern, allen Skeptikern, allen Freunden, Bekannten und Kollegen, allen Lesern dieses Blogs und nicht zuletzt mir selbst rufe ich zu: Habt Mut! Habt Zuversicht! Begrüßt die Flüchtlinge und Einwanderer ebenso, wie Ihr den morgigen Tag begrüßt. Für beide gilt: wir wissen nicht, was er mitbringt, aber wir haben es doch selbst in der Hand! Die Zukunft gehört uns gemeinsam und steckt voller Wunder.

Du lebst auf einem blauen Planet, der sich um einen Feuerball dreht, mit ´nem Mond, der die Meere bewegt – und Du glaubst nicht an Wunder?

Ich glaube.