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Management: Innovation und Ausstieg

So sieht es aus, wenn wir Selbstverständliches, Liebgewonnenes oder auch allgegenwärtig nerviges aus der Perspektive der Vergangenheit betrachten:

Wir schreiben das Jahr 18hundert-irgendwas. Ich habe etwas erfunden, es ist patentiert und liegt bereits in serienreife entwickelt vor. Meine Erfindung heißt PKW, oder einfach Auto. Ein PKW fährt Dich, gegebenenfalls sogar mit Freunden und Familie jederzeit überallhin, auch ganz spontan. Im Gegensatz zum vorherrschenden öffentlichen Verkehr bedarf es keiner Anmeldung, wir müssen nicht warten bis der Zug oder der Bus kommt, fahren jederzeit von Haustür zu Haustür. Da ich unterschiedliche Modelle entwickelt habe, ist eigentlich für fast jeden Geldbeutel etwas dabei, es ist dadurch demokratisch, trägt zur individuellen Freiheit und zur gesellschaftlichen Teilhabe bei. Ich bin sehr stolz.

Auch die Nachteile möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen:

  • Meine Erfindung wird allein in Deutschland jährlich 3.600 Menschen das Leben kosten, meist sind es PKW-Nutzer, häufig Unbeteiligte, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
  • Da meine PKW mit Verbrennungsmotor arbeiten, werden unsere Autos allein in Deutschland pro Jahr 160 Mio. Tonnen CO2 ausstoßen und damit nach Kohlekraftwerken wohl Hauptverursacher für Klimaerwärmung sein.
  • Für den Bedarf an Ausbau und Pflege eines Netzes (ja, auch meine PKW brauchen Schienen, wir nennen das System „Straße“ und bauen das Netzt engmaschig, eben von Haustür zu Haustür) veranschlage ich 100 Mrd. jährlich, darin enthalten sind städtische ebenso wie Fernstraßen (sogenannte „Autobahnen“).

Um das ganze positiv abzuschließen: wir haben in Deutschland die Chance, mit meiner Erfindung Millionen Jobs zu schaffen, vielleicht exportieren wir PKW ja sogar bald in alle Welt – wir müssen nur dran glauben!

 

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Erfindungen haben, wie Schokoladenosterhasen oder Häuser, eine Lebensdauer. Nach Ablauf müssen sie schnell aufgegessen, abgebaut oder irgendwie anders aus dem Verkehr gezogen werden. Aber niemand implementiert in seine Erfindung eine Exit-Strategie. Das Auto von heute ist natürlich auch keine Erfindung, sondern eine Entwicklung. Das Problem daran: für langfristige Folgen ist niemand verantwortlich, nicht der alte Carl Benz, nicht die Autoindustrie und nicht der Nutzer.

These: manche Erfindungen von gestern richten heute mehr Schaden als Nutzen an, aber die Ausstiegshürden sind hoch.

Ein evidentes Beispiel hierfür sind die Atomkraft und die Kohleenergie. Seit dem Schock von Fukushima wollen wir aussteigen und tun uns schwer damit. Nun bin ich entgegen manch professionellem oder selbstberufenem Experten diesbezüglich optimistisch, schließlich ist die Energiewende eines der größten Infrastrukturprojekte, die dieses Land je gesehen hat – da ruckelt’s an der einen oder anderen Stelle. Und trotzdem, oder gerade deshalb denke ich: wir brauchen ein Ausstiegsmanagement für Erfindungen, die ihre Zeit einfach hinter sich haben, in der Sackgasse stecken oder sich als Fehlentwicklung herausstellen. Nicht Change-Management, nicht Turn-around – Ausstieg.

Jeder Danone Jogurt hat eine Eliminierungsstrategie, die beschreibt, wie er eines Tages ohne Schaden oder vielleicht sogar zum Nutzen des Unternehmens vom Markt genommen wird. Aber für eine ganze Produktklasse gibt es das nicht, den Ausstieg zum Nutzen aller und möglichst ohne Schaden für beteiligte Unternehmen. Dabei sind die Determinanten die gleichen:

1. Wann hat sich ein Konzept überlebt, welches sind Kernkriterien zur Abwägung von Nutzen und Schaden?

2. Ausstieg kostet Geld und tut weh. Wem tut’s weh, wie können Lasten verteilt werden?

3. Neue Lösungskonzepte müssen her. Leitfrage: Gibt es schon Ansätze (die gibt es immer!)? Wie können sie umgesetzt werden? Wer kann Sie umsetzen? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

4. Wo sind Schnittstellen zum alten Konzept, die beim Ausstieg Beachtung finden müssen?

5. Der Vorgang schafft Raum für Neues, hier liegen die Chancen. Leitfrage: wie können wir entstehende Gewinne, nicht nur finanzielle, verteilen und möglichst viele Menschen abholen und mitnehmen?

 

Braucht die Bundesregierung ein Institut oder einen Beirat für makroökonomisches Ausstiegsmanagement, zur Sammlung von Expertise und Erfahrung in diesen Vorgängen? Innovationsagenturen gibt es zuhauf, aber kennt jemand eine Exit Agentur, die sich um abgelaufene Konzepte kümmert? Einen Sackgassenlotsen? Ist das erstrebenswert – Entwicklungsbeschleunigung durch Innovations- und Exitmanagement?

Noch ein Beispiel gefällig? Der Preis für das vor 20 Jahren als basisdemokratisches Allheilmittel gefeierte Internet wächst gerade in den Himmel. Das Netz, mit allen angeschlossenen Kommunikations-, Zahlungs- und Verwaltungssystemen ist wie eine tragische Liebe: OHNE geht nicht, aber MIT ist die Hölle.