Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Briefe ans Management, Teil 11 Liebes Management, heute feiern wir Halloween!

Heute ist Halloween – für viele Kinder meiner Siedlung der größte Feiertag des Jahres.
Ursprünglich „All Hallows Eve“, also der Vorabend zu Allerheiligen, wird Halloween immernoch als unchristlich, amerikanisch und kommerziell missverstanden. Tatsächlich ist es all das ja auch, mindestens im gleichen Maße wie unser Weihnachtsfest.

Ursprünglich kommt die Party aus dem katholischen Irland. Später pflegten die irischen Einwanderer in den USA ihre Bräuche in Erinnerung an die Heimat und bauten sie aus – nur dass aus der geschnitzten Rübe ein Kürbis wurde. Das „Rübengeistern“ ist auch bei Kindern im deutschsprachigen Raum schon immer beliebt – man muss aus dem, was man hat, das Beste machen.
Heute ziehen bei uns zu Halloween die Kinder als Darth Vader, Harry Potter oder Screems Ghostface durch die Siedlungen und werden von den meisten Erwachsenen in heimlicher Vorfreude erwartet. In kaum einem Land wird das Fest gefeiert wie in Spanien: Dort wird auf Friedhöfen der Toten gedacht, dabei gesungen, gelacht und geweint während die Kinder über die beleuchteten Gräber ihrer Vorfahren springen. Es geht darum, die Toten mit einem Besuch zu ehren und dabei die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit in der feiernden Gemeinschaft zumindest für einen Abend abzulegen.

Halloween ist also ein amerikanisches Unternehmen, heidnisch und kommerziell – mindestens ebenso wie es christlich und spirituell ist. ENTWICKLUNG ist immer komplex und verläuft gleichzeitig in verschiedene Richtungen. Nur wo Vorgänge EINFACH sind und in FESTEN RAHMENBEDINGUNGEN ablaufen, sind eine Ursache und ihre Wirkung leicht abschätzbar. Wo aber Entwicklung vielschichtig verläuft, hat ein Ergebnis viele Ursachen, die zusammenkommen – und jede Ursache eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Auswirkungen. Im Nachhinein ist Halloween geschichtlich beschreibbar – vorhersagen konnte es niemand.

KONTROLLE funktioniert hier nicht. Es gibt aber Handlungsempfehlungen:

  1. Kontrollverlust als Chance verstehen. Aus Zufällen und unvorhergesehenen Ereignissen lassen sich Wirkungen erzielen, wenn wir es zulassen. Die besten Entdeckungen und Erfindungen entspringen solchen überraschenden Gelegenheiten.
  2. Das Risiko des Scheiterns minimieren. Wer sich vor einer Unternehmung fragt, wie viel er einsetzen möchte, mindert sein Risiko. Da Zukunft nicht vorhersagbar ist, ist diese Methode ohnehin logischer, als Gewinnchancen zu phantasieren.
  3. Ressourcenorientiert planen. Wer eine Rübe schnitzen möchte, aber nur Kürbisse hat, muss teuer importieren. Was kann man aber alles aus Kürbissen, Mais und Stoffresten basteln! Wo Planung endet, hier beginnt Kreativität.
  4. Gemeinsam sind wir stark. Wo Zukunft nicht vorhersagbar ist, ist sie doch immer gestaltbar. Das geht am wirksamsten mit vielen Beteiligten. Hier entstehen meist automatisch Lebens- Arbeits- und Geschäftsmodelle, von denen alle etwas haben.

quanto costa levitra 10 mg in farmacia Durch die Nacht zur Morgenröte, gemeinsam.

Die große Zahl von Flüchtlingen aus Krisengebieten erfordert zurzeit die Mobilisierung vieler deutscher und europäischer Ressourcen. Steuererhöhungen werden unvermeidlich sein, auf staatliche wie zivile Organisationen werden weitere Belastungen zukommen – und das ist gut so. order cheap online levitra

Irgendwann um das Jahr 1800 herum war die Bevölkerung Europas durch globale Erwärmung (das Ende der sogenannten „Kleinen Eiszeit“) und neue landwirtschaftliche Produktionsprozesse so stark angestiegen, dass es zur Belastung wurde. Alle Mäuler wurden zwar halbwegs gestopft, an Kleidung aber, die damals überwiegend noch aus Leder und Filz hergestellt wurde, mangelte es.

Es war ein neuer Rohstoff, der Schwung in die Sache brachte, oder besser: Aufschwung. Baumwolle aus Übersee lies sich leichter herstellen, transportieren und verarbeiten. Dass viel mehr Menschen als früher nicht nur mit Nahrungsmitteln und Unterkünften versorgt werden mussten, sondern auch mit trockener, wärmender Kleidung, wurde nicht von allen auf Anhieb als Chance betrachtet, es war ja auch eher Belastung. Das Gute an der Situation war, dass erst der Bevölkerungsschub einsetzte und dann, mit einiger Verzögerung, die Bedarfsdeckung. Als später zum innovativen Rohstoff auch noch Webstühle, Dampfmaschinen und moderne Transportlogistik hinzukamen, konnten sich die „Zusätzlichen“ quasi selbst versorgen. Sie arbeiteten nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern in Manufakturen, Speditionen und Verwaltungen. Aus Mäulern, die nach Brot schreien, wurden Arbeiter, Weber, Fahrer, Tagelöhner und Steuerzahler.

Es ist kein Märchen mit Happy End, eher eine Neverending Story. Alle 50 Jahre bringt ein neuer Rohstoff in Verbindung mit einer innovativen Technologie einen konjunkturellen Aufschwung – und damit eine tiefgreifende Veränderung etablierter gesellschaftlicher Strukturen. Im oben beschriebenen Beispiel war nicht alles gut, im Gegenteil. Sozial blieb kein Stein auf dem anderen, für die meisten Menschen, deren Familien und deren Arbeitsumfeld änderte sich so ziemlich alles: Die Art zu arbeiten, zu wohnen, Interessen durchzusetzen und das bisschen Freizeit miteinander zu organisieren. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Vereine und Verbände entstanden. Menschen organisierten sich neu und versuchten dabei aus dem alten Leben zu retten, was zu retten war. Nur kurze Zeit später kam in Europa mit der Dampfmaschine und der Eisenbahn schon die nächste Revolution, die industrielle.

In der jüngeren deutschen Geschichte gibt es ein weiteres Beispiel dafür, dass wir erst gemeinsam durch ein Tal schreiten müssen, um einen Gipfel zu erklimmen. Und wenn wir ihn erreicht haben, ist aus uns ein anderes WIR geworden.
Von 1945 – 1950 erreichten 14 Millionen Menschen auf der Flucht ihre Ziele in Deutschland und Österreich. Mit offenen Armen wurden sie in der Regel nicht empfangen, „wir“ lagen ja selbst moralisch und finanziell am Boden, da konnte mit zusätzlichen Bedürftigen niemand etwas anfangen. Gesammelt in Lagern, begann ihre Integration: Kinder gingen in die Schule, ab 14 Jahren auch zur Arbeit, Erwachsene auf die Felder und Fabriken. Das deutsche Wirtschaftwunder, das in den 50er Jahren einsetzte, wäre ohne diese Arbeitskräfte nicht vorstellbar. „Wir sind Weltmeister“, hieß es 1954. Und das Wir war ein anderes geworden.

Als Berater wissenschaftsbasierter und technologisch orientierter Startups habe ich das große Privileg, moderne und weitblickende, häufig noch sehr junge Menschen kennenzulernen und auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleiten zu dürfen. Eines dieser Teams entwickelt zurzeit eine hochinnovative Lösung für Herausforderungen im Finanzsektor. Auf der Suche nach einem Programmierer wurden sie auf der Plattform „Workeer – Die erste Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber“ fündig. Ein junger Mann aus einem der Länder, die gerade von Krieg und Terror überzogen sind, ist ein genialer IT Entwickler. Er spricht nur etwas Deutsch, hervorragend Englisch und ist bereits jetzt von großen IT Unternehmen umworben. Er hat sich für das kleine Startup entschieden. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er verstanden, dass wir, wenn wir die Nacht durchwandern, als neue Gemeinschaft die Morgenröte schauen können.

Fazit:
Flüchtlinge nerven manchmal und kosten jede Menge Geld und Anstrengung. Unseren Wohlstand aber können wir in einer Welt, die sich so schnell verändert wie nie zuvor, nicht erhalten, indem wir Mauern ziehen. Wachstum braucht Arbeitskraft und neue, innovative Impulse und Perspektiven. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und wird in den kommende 50 Jahren auf 60 Millionen schrumpfen, ein Großteil davon Rentner. Unseren Wohlstand können wir uns an die Backe schmieren. Es sei denn, wir haben den Mut, in Flüchtlingen das zu sehen, was sie sind und sein wollen: Mitmenschen, Bürger auf der Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand, Arbeitskräfte, Steuerzahler, Eltern und so weiter. Eine andere Chance haben wir nicht, denn vor jedem Aufschwung kommt ein Tal.

Dies ist die Vertiefung des Artikels „Durch die Nacht zur Morgenröte“, der am 7. Oktober auf Startupbrett erschienen ist.

Innovation

Der folgende Artikel ist eine Antwort auf einen Text aus dem Blog Mampels Welt, in dem der Autor Thomas Mampel nach dem Funktionieren von Innovation im sozialen Raum fragt. Meine Antwort: Echte Innovation setzt einen Mangel voraus, also unbeantwortete und relevante Fragen. Davon haben wir zurzeit viele.

Lieber Thomas,
zu Deinem Gedanken, ja Deiner Aufforderung geradezu, Innovation durch kreative, schöpferische Zerstörung voranzutreiben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal Stellung nehmen.
„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – dieses Zitat wird Victor Hugo zugeschrieben und er musste es wissen – er lebte und wirkte in der Zeit nach der Französischen Revolution, deren gesellschaftliche Auswirkungen wir bis heute spüren. Wir leben geradezu auf ihren Fundamenten.

Dein Aufruf zur schöpferischen Zerstörung leitet sich ja vom Wirtschaftswissenschaftler (und furiosen Lebemann) Joseph Schumpeter ab, der den Unternehmer als eben diesen schöpferischen Zerstörer interpretierte. Schumpeters „lange Wellen der innovativen Konjunktur“ belegen bis heute eindrucksvoll, dass etwas Neues erst durch einen Mangel entsteht, der behoben werden will. Bringe ich beide Gedanken, den von Hugo und den von Schumpeter, zusammen, so lautet die Aussage: „Nichts ist so zerstörerisch (und im nächsten Schritt so schöpferisch), wie eine Idee, deren Ende gekommen ist.“ Und die Idee, die ich meine, ist die Idee des Nationalstaates.

Staaten sind wie Geld, sie existieren eigentlich gar nicht. Papiergeld erhält seinen Wert

1. durch die Verabredung untereinander, das wir einem Schein einen bestimmten (aber nicht exakt bestimmbaren) Wert zuschreiben.

2. durch das Versprechen einer Zentralbank, dieses Papier zu akzeptieren und mit realen Werten abzudecken.

3. und nicht zuletzt dadurch, dass die große Mehrheit aller Beteiligten an die Idee „Geld“ glaubt.

Eine Verabredung also, Vertrauen untereinander, eine starke Institution sowie der Glaube an all das machen aus Metallmünzen, Papierscheinen und digitalen Ziffern eines der mächtigsten Systeme der Welt: Geld, mit all seinen Mechanismen und Auswirkungen.

Die Idee des Nationalstaates ist mindestens ebenso abstrakt, er wird ebenfalls durch Verabredungen, Vertrauen, starke Institutionen und den Glauben daran zusammengehalten. Und die Idee ist ebenso wirkmächtig, wie die Idee des Geldes. Der Unterschied, den ich sehe: Das Geld wird noch lange Bestand haben. Der Nationalstaat hat ausgedient. Ihm fehlen Antworten auf nahezu alle Fragen der Zukunft.

Wenn wir in einen Atlas oder in Google Maps auf das Gebilde „Deutschland“ schauen, das sich wiederum zu neun anderen (ebenso stolzen) Nationen abgrenzt, stellt sich bei den meisten von uns ein Gefühl von Identität ein. Egal, wie wir unserem (falls wir Deutsche sind) Land gegenüberstehen – ob wohlwollend oder skeptisch – die meisten von uns haben einen deutlichen Bezug. Wir setzen uns kritisch mit „unserer“ Geschichte auseinander, sind stolz auf „unser“ Land und zahlen Steuern. Dabei ist uns allen, aber erst wenn wir darüber nachdenken, klar, dass wir mit den allermeisten Menschen in Berlin, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern sehr wenig gemeinsam haben, wir kennen sie schlicht nicht. Und doch funktioniert die Idee. Spätestens seit 1848, seit dem Versuch, ein geeintes Deutschland zu schaffen (der zwar politisch scheiterte), war die Idee geboren. Und sie war, finde ich, klasse. Anders ausgedrückt: Ihre Zeit war gekommen, es war eine mächtige Idee. Kleinstaaten und Fürstentümer, deren Machtstreben zu Lasten der kleinen Leute ging, wurden zurückgedrängt. Sprache, Kultur und Wirtschaft erlebten einen Boom, der da ankam, wo er erzeugt wurde: bei den Bürgern. Die Idee des Nationalstaates war revolutionär und passte in die Zeit, die Zeit Victor Hugos. Seitdem hat es Deutschland zu Höchstleistungen gebracht, im Guten wie im Furchtbaren, wir sind Weltmeister in der systematischen Vernichtung von Menschen ebenso wie in der Herstellung von Landmaschinen, Autos und Werkzeugen. Es gab Zeiten, da ging es den allermeisten Menschen in Deutschland gut (im Vergleich zum Rest der Welt) und Zeiten, in denen Deutsche und Menschen anderer Nationen vor dem Deutschen Staat und seinen „Bürgern“ zittern mussten. Auf Vieles, das in unserem Land geschaffen wurde, bin ich stolz (und ich sage das mit Bedacht). Für anderes schäme ich mich.

Wie konnte es passieren, dass heute wieder Menschen anderer Nationen vor „besorgten Bürgern“ zittern und sich in Sicherheit bringen müssen? Unter ihnen ausgerechnet Menschen, die vor Krieg und Elend unter Lebensgefahr geflüchtet sind. Wie kann es sein, dass deutsche Rot Kreuz Helfer, die Zelte und Betten für Flüchtlinge aufstellen, angegriffen werden und anschließend zu Protokoll geben, so etwas hätten sie noch nie und nirgendwo sonst erlebt?

Es sind aber nicht die Schreihälse aus Freital, Lübeck oder Dresden, die mich am Nationalstaat Deutschland zweifeln lassen. Noch nicht einmal die Nationalsozialisten haben Deutschland beseitigen können, auch wenn sie am dichtesten dran waren. Nur ein paar Jahre, nachdem sie ihr Land moralisch und in nahezu jeder Hinsicht zerstört hatten, gelangte Deutschland zu mehr Ansehen, mehr Wohlstand und mehr Macht, als jemals zuvor. Nein, es ist jemand anderes, der durch sein Verhalten die Formen und Verabredungen unseres Zusammenlebens völlig in Frage stellt: der Flüchtling. Er steht vor unserer Tür und sagt, sinngemäß: „Ich möchte etwas abhaben vom Kuchen. Zumindest so viel, dass ich und meine Familie davon leben können. Ich bin auch bereit, bei der Herstellung zukünftiger Kuchen mitzuwirken. Ich kann backen und kenne Rezepte.“

Was wollen wir ihm antworten? Was können wir ihm antworten? Dass es „unser“ Kuchen ist, wir ihn aber gerne teilhaben lassen?

Wenn ich den Satz denke „Wir haben Deutschland aufgebaut“, dann sehe ich alte Menschen vor mir, die sich die Rente durch ihre Lebensleistung, wie man so schön sagt, redlich verdient haben (der eine oder andere auch unredlich, das tut hier aber nichts zur Sache). Vielleicht waren sie Postbote, Dachdecker oder Beamte. Sie haben möglicherweise tausende (wahrscheinlich zehntausende) Briefe an ihre Empfänger zugestellt. Sie haben dutzende Dächer gedeckt oder, als Beamte, unzählige Anträge bearbeitet – aber Deutschland aufgebaut hat keiner von ihnen. Ich kann auch meine eigene Lebensleistung beispielhaft heranziehen: ich habe drei Firmen gegründet, keine von denen ist (in der abstrakten Idee „Geld“ bemessen) besonders viel wert, aber sie ernähren mich. Von den Steuern (und Säumniszuschlägen), die ich Zeit meines Lebens gezahlt habe, kann die Stadt Berlin sich bestenfalls eine neue Parkuhr leisten, viel mehr nicht. Ebenso wie die Pensionäre bin ich weit davon entfernt, Deutschland aufgebaut zu haben. Aber Deutschland existiert, und zwar als Land voller Chancen, Annehmlichkeiten, Wohlstand und Möglichkeiten, es ist ein Land, dass so unglaublich verheißungsvoll in die Zukunft zeigt, dass einem schwindelig werden kann pop over to this web-site. „Unser“ Land ist ein Produkt komplexer, global angelegter und sich dynamisch verändernder Prozesse. Der Kuchen, von dem hier also die Rede ist, der hier angehäufte und genutzte Wohlstand, besteht zu einem guten Teil aus den Zutaten des Flüchtlings: Palmöl, Rohöl, Kupfer und andere Rohstoffe zum Beispiel, die der Flüchtling möglicherweise, als er noch kein Flüchtling war, selbst der Erde abgetrotzt hat. Kaffee, Kakao und Bananen, die er und seine Frau, wenn sie Bauern oder Tagelöhner waren bevor sie Flüchtlinge wurden, gepflanzt, gepflegt und geerntet haben. Während meine beiden Mädchen die Schule besuchen, haben seine Kinder vielleicht gerade deren Kleidung genäht – günstige, bunte T-Shirts und Hosen. „Unser“ Wohlstand, dieser Kuchen, beruht nicht zuletzt auf der Arbeitskraft der Flüchtlingsfamilie – und jetzt steht sie an der Tür. Was nun?

Ein anderes Bild: in einem Raum sind unterschiedliche Menschen versammelt, alle haben gemeinsam, dass sie in Deutschland leben. Auch die Bundeskanzlerin ist dabei, ihre Mitarbeiter haben zum „Bürgerdialog“ geladen, einer Veranstaltung, in der es darum geht, Angela Merkel mit Menschen ins Gespräch zu bringen. Wir alle haben gesehen (wer nicht, kann bei Youtube nachschauen), wie Angela Merkel dem palästinensischen Mädchen Reem erklärte, warum sie mit Abschiebung zu rechnen hat: weil sie Palästinenserin ist. Absurd, ein Raum voller Menschen, einer wird nur geduldet, es ist eine Frage der Nationalität. Der Grundgedanke „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ hat in einer globalen Welt keinen Bestand mehr. Egal, ob die Idee des Nationalstaates mir sympathisch erscheint, oder nicht, sie funktioniert nicht mehr. Ich hatte 50 tolle Jahre, in und mit „meinem“ Land, Jahre der Sicherheit, der Freiheit und des Friedens, und ich hatte viel Spaß. Aber jetzt müssen wir, fürchte ich, neu verhandeln. Ich fühle mich einigen Menschen, die keine Deutschen sind, sehr nahe: Ukrainer, Rumänen, Schweden. Mit denen teile ich Vieles, Interessen und Sichtweisen beispielsweise. Warum muss ein palästinensisches Mädchen verschwinden, nur weil sie Palästinenserin ist? Was unterscheidet, was verbindet?

Deutschland gehen die Antworten an Flüchtlinge aus, und zwar nicht, weil wir zu wenig Geld haben oder zu wenige hilfsbereite Menschen (beides ist nicht der Fall). Die Antworten, die Deutschland geben kann, sind aus der Zeit gefallen, sie werden immer aus der Perspektive „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ formuliert. Egal, ob ich jemanden Willkommen heiße oder mich im mit finsterer Mine vor sein neues Zuhause stelle – ich gehe immer davon aus, dass es irgendwie mein Kuchen ist, den ich teile.

Die französische Revolution, Victor Hugo und Joseph Schumpeter – bewegte Zeiten waren das im neunzehnten Jahrhundert, und so mancher europäische Nationalstaat von heute hat seine Wurzeln auch in dieser Zeit. Und heute? Frankreich nennt sich selbst die „Grande Nation“. England, das in den 80er Jahren praktisch seine gesamte Industrie selbst abgeschafft hat, zehrt bis heute eher von seiner Zeit als Weltmacht unter Segeln, als von heutiger, ökonomischer Stärke (es ist die abstrakte Idee des Geldes und der Finanzmärkte, die England in seiner heutigen Form am Leben hält). Deutsche Produkte sind immer noch als Qualität „Made in Germany“ weltweit beliebt, dabei erstreckt sich ihre Produktion längst über den gesamten Planeten. Germany funktioniert als Marke phantastisch – aber als Nation, deren Mitglieder sich hinter einer Idee, für die sie bereit wären, auf die Barrikaden zu gehen, versammeln? Wenn ich mir Cameron, Hollande und Merkel in einem Raum vorstelle, da ist vor lauter Ego nicht viel Platz für andere. Und die Energiequellen hierfür liegen überwiegend in längst Vergangenem. Man trifft sich, um sein jeweils eigenes Interesse möglichst durchzusetzen und nennt das „Europäische Union“.

Gekämpft haben Menschen aber immer für die Zukunft, und das ist meist die Zukunft anderer, die der Kinder und Enkel. Heute sind es die Flüchtlinge, die kämpfen. Die Nation der Flüchtlinge wächst Tag um Tag, es ist eine elende Nation, die wenig zu verlieren hat. „Die Elenden“ (Les miserables) so nannte auch Victor Hugo seinen Roman, der den Kampf auf Barrikaden für ein besseres Leben beschreibt. Der Kampf für ein besseres, lohnenswertes Leben, eine starke Idee, Energie aus einer ungewissen Zukunft. Fruchtbarer Boden für eine Revolution, für die Geburt einer starken Nation. Was haben wir dem entgegenzusetzen? Nichts vergleichbares, außer dem Festhalten an unserem Wohlstand. Das aber wird vergeblich sein.

Siegfried, eine Sagengestalt zwar, aber auch einer der Gründungsbotschafter der deutschen Nation, zog (in einer von unzähligen Versionen der Nibelungensage) mit den Burgundern gegen ein übermächtiges Heer zu Felde. Zu Beginn der erwarteten Schlacht ließ er seine Soldaten zurück und ritt allein auf die Gegner zu. Stunden vergingen, bis Siegfried, im Bunde und im vergnügten Gespräch mit dem gegnerischen Heerführer, zurückkam. Beide hatten beschlossen, die Schlacht ausfallen zu lassen und stattdessen gemeinsam in die Zukunft zu gehen, Land zu bestellen und Städte zu bauen – der Krieg kann warten. Eine Idee braucht Verabredungen, Vertrauen und Glauben.

Mit besten Grüßen an Dich, Deiner Leser und die meinen

Oliver

+++ Eilmeldung +++

EZB stellt sozialem Sektor 1 Billion € zur Verfügung

Die Europäische Zentralbank EZB stellt in einem ab sofort wirksamen Programm innerhalb eines Jahres 1 Billion Euro für soziale Zwecke zur Verfügung. Konkret soll das Geld in Projekte der Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehung und Bildung sowie für soziokulturelle und ökologische Projekte bereitgestellt werden, das gab die EZB in einer Meldung bekannt. Auf der anschließenden Pressekonferenz begründete EZB Präsident Mario Draghi diese Entscheidung: „Wir müssen in die Gesellschaft investieren. Menschen darin zu befähigen, fester und verlässlicher Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft zu werden, ist eine Investition, die sich vielfach auszahlen wird. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden davon nachhaltig profitieren.“

Dass die EZB Geld in diesem Umfang nutzen würde, um Einfluss auf die Währungszone des Euro zu nehmen, war allgemein erwartet worden. Allerdings gingen Wirtschaftsexperten davon aus, dass der Ankauf sogenannter Staatsanleihen im Mittelpunkt des Programms stehen würde. Mit Anleihekäufen versuchen Zentralbanken üblicherweise, ihre Währungen zu beeinflussen und Deflation vorzubeugen. Der Kauf von Staatsanleihen kommt Banken zugute, die widerum dieses Geld günstig an Investoren weitergeben und so die Wirtschaft stützen sollen.

Dementsprechend deutlich fiel die Kritik an der Entscheidung Draghis aus, das Geld nicht den Finanzhäusern, sondern dem Sozialsektor bereitzustellen: „Die Mittel werden denen fehlen, die in Europa Stabilität und Wachstum garantieren“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Banken Jürgen Fitschen.

Unerwartete Unterstützung kam indes aus Deutschland. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Anleiheverkäufen stets kritisch gegenüberstand, verteidigte das Programm: „Wer sich mit Wirtschaftssystemen auskennt weiß, dass Geld nie von oben nach unten oder von unten nach oben fließt, sondern in Kreisläufen zirkuliert.“ Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Sprecher ausrichten: „Alle Entscheidungen der Europäischen Zentralbank sind mit den nationalen Regierungen abgestimmt und werden von uns ausdrücklich unterstützt. Es kann nicht angehen, dass die Milliarden, die von Menschen in Europa erarbeitet wurden, ausschließlich dem Finanzsektor zugute kommen. Diese Sozialinvestitionen werden sich auszahlen“.
Auch Hans Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und eigentlich treuer Kritiker der EZB, unterstützt in diesem Fall Mario Draghi: „Es ist ein mutiges Experiment und überschreitet wahrscheinlich die Kompetenzen der Zentralbank bei Weitem. Aber finanzpolitisch ist es klug. Während Banken das Geld im schlimmsten Fall statt für Investitionskredite für Spekulationen veruntreuen würden, fließt Kapital hier in die Breite. Es ist gut angelegt.“

Dabei birgt das Programm weitere Überraschungen: ein Teil des Geldes soll gar nicht in europäische, sondern in internationale Projekte fließen. In enger Abstimmung mit der Unesco sowie Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Greenpeace, Kirchen und Gewerkschaften werden Projekte in Afrika und Asien unterstützt. „Das Recht auf würdige Lebensbedingungen und auf Teilhabe an gesellschaftlichem Miteinander, das Recht auf Zukunftsperspektive ist ebenso global wie die bereits gut vernetzte Wirtschaft“, bekräftigt Draghi auf der Pressekonferenz.

Vor Redaktionsschluss meldete der Vatikan über den persönlichen Account von Papst Franziskus (@Pontifex): „Dies ist ein wichtiger und richtiger Schritt hin zu einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit“

Kurz danach bin ich aufgewacht.

Flüchtlinge zu Facharbeitern:

Willi ist weg

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Willi ist weg. Der noch junge, grau getigerte Kater wird seit 10 Tagen vermisst. Ich weiß zufällig, dass ein Mädchen auf ihn wartet. Jetzt sind in unserer Siedlung Aushänge an Laternenpfählen angebracht, mit Fotos aus Zeiten, in denen die Familie vereint war. Überschrift: „Unser Willi ist weg“.

Willi

Was das bedeutet, kann ich aus leidvoller Erfahrung einschätzen: vor ein paar Monaten verschwand unsere Katze Lucky. Nach drei Tagen ging meine Tochter noch vor der ersten Schulstunde weinend durch die Siedlung und rief nach ihr. Am selben Nachmittag brachten auch wir Schilder an – beim letzten kam Lucky uns entgegen.

Ein weiterer Aushang informiert über ein ähnliches, aber doch auch wieder ganz anders gelagertes Ereignis: „Wer kennt diese Katze?“. Unter dieser Überschrift beschreibt eine Familie, dass ein scheuer, schreckhafter Kater seit Oktober regelmäßiger Übernachtungsgast ist. Dieser Kater ist schwarz, es ist also nicht Willi. Der Name des zugelaufenen ist, das liegt in der Natur der Sache, nicht bekannt.

Beide Schicksale teilen sich nun die Laternenpfähle. Kein Problem, es sind reichlich vorhanden.

Willi plus

Jetzt denke ich mir im Vorübergehen natürlich folgendes: Kann nicht die „Unser Willi ist weg“-Familie den „Wer kennt diesen Kater“-Kater einfach aufnehmen? Kein Ersatz für Willi, das ist klar, Willi ist nicht zu ersetzen. Aber vielleicht entsteht ja etwas Neues daraus. Vielleicht profitiert ja mit der Zeit mindestens eine der Parteien, die hier eine aktive Rolle spielen, also die „Unser Willi ist weg“-Familie, auch der „Wer kennt diesen Kater“-Kater, oder dessen Pflegefamilie oder… na ja, Willi wird nicht profitieren. Hoffentlich geht es ihm gut.

Ist das manchmal so? Zwei Probleme ergeben eine Lösung? Sie müssen ja nicht erst gemeinsam an einem Laternenpfahl hängen. Gibt es das Willi-Prinzip?

Ein Gedankenexperiment mit zwei anderen Geschichten. Die erste: Deutschland wird alt, zumindest immer älter. Sozialsysteme für Renten und Gesundheitsausgaben sind ungesichert, staatliche Aufgaben müssen an allen Ecken finanziert werden: was wird aus Bildung und Infrastruktur? Wer soll das bezahlen? Wer schafft morgen den Mehrwert mit seiner oder ihrer Hände, Kopf und Herzen Arbeit? Auf dem Land fehlen Ärzte in gefährlichem Ausmaß. Der Industrie, dem Bau und teilweise auch der Forschung gehen die Fachkräfte aus. Schon tausend Mal gehört? Gewöhnen wir uns lieber dran, wir werden es in Zukunft noch öfter und noch lauter hören.

Die zweite Geschichte, ist mindestens ebenso kompliziert und geht so: Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu. Noch ist es kein „Flüchtlingsstrom“, davon kann bei einigen tausend Menschen zum Beispiel in Berlin keine Rede sein. Aber es wird eng, zumindest im Erstaufnahmelager in Berlin-Siemensstadt sowie den zusätzlich organisierten Sporthallen. Einer der Gründe ist, dass drei Staaten auf dem Balkan zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt wurden. Rechtzeitig vor Inkrafttreten dieser neuen Regelung haben sich von dort noch ein paar tausend, überwiegend junge Männer, auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Afghanistan und anderen Staaten, in denen schlicht und einfach Krieg, Elend und Chancenlosigkeit vorherrschen.

So. Das sind die beiden Geschichten. Willi ist weg. Der kommt auch nicht wieder, egal wie sehr wir uns wünschen, es wäre alles wieder so wie früher. Nun bin ich nicht der erste, der darauf kommt, dass in Zuwanderung ja statt einem Problem vor allem eine Lösung gesehen werden kann. Einige Politiker haben das immer wieder gesagt. Wahrscheinlich bin ich sogar der letzte, der diese beiden Geschichten gerade zusammengeführt hat, als ich gestern die Aushänge an unseren Laternen sah.

Und jetzt? Eigentlich müssten doch jetzt alle Schlangestehen. Jetzt kann es losgehen. Ich stelle mir, damit es geordnet bleibt, den Verlauf in etwa so vor:

Zuerst dürfen sich die Fußballer und andere Sportvereine nach den größten Talenten umsehen. Wo jetzt vereinzelt Jugendliche und Kinder mit ´nem Ball kicken – vor den Flüchtlingsheimen – werden spätestens im Frühjahr große Turniere veranstaltet: Talentscouting, und wer zuerst kommt, der mahlt ja bekanntlich zuerst. Aufwand: null, alles ist da. Zu verlieren hat hier niemand etwas, alle dürfen mitspielen. Für beheimatete Sportler sind die Wettkämpfe Training und Begegnung, für die Flüchtlinge Spaß, Sinn und Ablenkung – und vielleicht mehr. Sprachprobleme? Haben Pep Guardiola und Salomon Kalou ja auch nicht, Sport verbindet. Selbst Lothar Matthäus konnte sich während seiner Karriere in Italien und Deutschland immer klar und deutlich… okay, schlechtes Beispiel.

Als nächstes lösen wir unseren Mangel an Arbeitskräften in Pflege- und Heilberufen. Schwierig? Geht nicht so einfach? NATÜRLICH nicht! Jedenfalls NICHT EINFACH! Aber, hey, wir haben das Auto erfunden, wie einfach war das denn? Also: ein Plan muss her, die Menschen müssen jetzt erstmal begrüßt werden. Dann Sprachkurse, Begleitung bei Behördengängen (Zeit ist genug, die Kinder sind ja gerade auf dem Sportplatz). Wer von den Flüchtlingen hat schon Erfahrung, wer will überhaupt, wer kann überhaupt?
Die meisten werden sowieso abgeschoben? Das stimmt, zumindest bei denen aus den Balkanstaaten. Aber wer will, findet Möglichkeiten – nur wer nicht will, findet Gründe. Also: Druck auf die Politik, und damit meine ich Druck durch die Lobby der Rentner und der Betreiber von Altenheimen. Damit meine ich uns, mich, wer soll uns pflegen, wenn es soweit ist?

Ärzte. Kaum ein deutscher Arzt will im mecklenburgischen Nirwana hinter den sieben Bergen eine Praxis eröffnen und darauf warten, dass niemand kommt. Und die Mediziner aus den Kriegsgebieten? Haben wir sie überhaupt schon gefragt? Womit könnten wir sie locken? Vielleicht damit, dass sie ihre Familien mitbringen können. Versuchen wir’s – aussichtslos ist nur das Nichtstun! Gesundheitsministerium, Flächenländer, Verbände – schließt Euch zusammen und packt es an! (Um Himmels Willen, bildet keine Arbeitsgruppe, beauftragt einfach gute Leute). Ausbildungen müssen überprüft und gegebenenfalls leichter anerkannt, Perspektiven für Familien geschaffen werden.

Jetzt kommt der Burner: der deutsche Mittelstand, die Zulieferer der globalen Industrie, das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ich sehe Personalvorstände und Human Ressource Manager Recruiting Programme entwickeln – und dann stehen sie an, um die besten der besten. Und wieder wird es schwierig – na super! Es wäre ja auch so langweilig (und ich würde gar nicht drüber schreiben), wenn es einfach wäre. Kontakt anbahnen, kennen lernen, Dialog führen, zuhören. Der deutsche Mittelstand hat Weltkriege, Ölkrisen und Sozialdemokraten überlebt – er wird Wege finden. Flüchtlinge zu Facharbeitern.
Bosch, Siemens und Volkswagen wissen: mit dem Verkauf von Autos und Bohrmaschinen ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Aber womit dann? Bohrer werden auch morgen keine Daten sammeln, Google können wir nicht kopieren. Irgendwas mit Daten oder Service, mit Software oder Nachhaltigkeit? Ja, ihr seid verdammt nah dran, ganz heiß…! Vielleicht sind es gesellschaftliche Konzepte, die den deutschen Standort sichern.

Wir haben Angst, dass Google, Facebook und die Asiaten (deren Namen wir uns schon aus Protest nicht merken können) uns in der digitalen Entwicklung abhängen? Das haben sie doch längst! Aber Entwicklung verläuft niemals linear, deshalb stimmt das Bild von Spitzenreitern und Abgehängten nicht. Entwicklung verläuft gleichzeitig in unendlich viele Richtungen. Und das bedeutet: wir können morgen ganz vorne sein, nämlich in einer Domäne, die plötzlich wichtig geworden ist, und zwar weil wir dort eine Priorität setzen. Dann rennen andere hinterher, schauen auf uns. Schluckt unseren Staub! Die letzten werden die ersten sein, wenn die Marschrichtung sich dreht. Oder die Blickrichtung, die Perspektive. Der Kopf ist rund..

Deutschland, bleibe – schrieb Gerit Probst an dieser Stelle. Ja, Deutschland BLEIBE! Und wenn Du bleiben WILLST, Deutschland, dann kannst Du auf keinen Fall so bleiben wie Du BIST. Und ändern tust Du Dich ja sowieso, die ganze Welt ändert sich gerade mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit. Und Entwicklung, das haben wir ebenfalls in diesem Blog an mancher Stelle gelesen, sollten wir nicht als Störenfried betrachten, vor dem es sich zu schützen gilt. Genau so aber sieht, Deutschland, Dein Umgang mit Flüchtlingen aus: Du bringst sie in Turnhallen unter und teilst sie dann auf in: „Schüblinge“ (Verwaltungsdeutsch) und „Integrierlinge“ (meine Interpretation). Anstatt dass wir einfach mal AKTIV, MUTIG und vor allem aus unserer sehr starken Position heraus schauen, wie man gemeinsam das Geschäfts- und Lebensmodell Deutschland weiterentwickeln kann! Wir SIND STARK, wir sind sogar superstark. Machen wir was draus.

Apple, Google und Facebook treiben die Welt mit immer neuen Angeboten im Tausch gegen Geld und Daten vor sich her. Bosch, Siemens, Volkswagen – diesmal seid Ihr es, die uns überraschen, und zwar mit völlig neuen Konzepten zur Rekrutierung und Ausbildung von Fachkräften. Schwierig? Es ist eine Herkulesaufgabe, wenn es jemand schafft, dann Ihr.

Am Ende noch die Antwort auf die Frage, weshalb dies mein wichtigster Artikel ist. Erstens: der Artikel, den ich gerade schreibe, ist immer der wichtigste. Zweitens: der Artikel ist die Antwort auf eine Frage, die mich seit Wochen beschäftigt, nämlich ob ich die gesellschaftlichen Themen meines Blogs endlich von den Managementthemen trennen sollte. Heute zumindest lautet die Antwort Nein, beides gehört zusammen, denn das eine wirkt ebenso mächtig auf das andere wie umgekehrt.

Mein letzter Gedanke gehört Willi. Bestimmt hat er eine Familie gefunden, die ihn liebt.

Menschen in Berlin

Der stärkste Einwand, der mir selbst beim Lesen kommt, ist natürlich der Zynismus, der darin liegt, nur die besten einzulassen. Ich glaube einfach, zwei Drittel der Flüchtlinge sind wahrscheinlich gut bis sehr gut in irgendwas – oder können durch Bildung, Ausbildung und vernünftigen, würdigen Umgang dazu ertüchtigt werden. Alle anderen sind Durchschnitt, die vertragen wir mit Sicherheit auch noch – kein Land und keine Wirtschaft lebt ausschließlich von Spitzenpersonal. Und es gibt so viel zu tun.

Arbeit ist so wichtig für die eigene Identität. Viele wollen ja vielleicht gar nicht. Sie müssen ja nicht müssen. Sie sollen aber dürfen.

Gestern fand der erste Deutschkurs in der Turnhalle Lippstädter Straße statt, in der seit dem 23. Dezember rund 300 Flüchtlinge, nennen wir sie einfach mal Menschen, leben. Herausgekommen sind „Guten Tag“, „Guten Abend“ und „Ich liebe Dich“ – sowie ein paar lächelnde Gesichter, weil der Tag von mehr erfüllt war als vom warten auf die Essensausgabe. Das nenne ich einen Anfang! Ich liebe Dich. Der wichtigste Satz der Welt – was kann da noch schief gehen, auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft.