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Kreative Zerstörung

Die Zukunft der Arbeit

Am Montag erfuhren wir aus den Medien, dass die Barmer GEK 3.500 von 18.000 Stellen streichen, also Angestellte entlassen wird. Dann die Reflexe. Gewerkschaft: „Es darf keinen Kahlschlag zu Lasten der Versicherten und der Beschäftigten geben“. Vorstand: Es handelt sich um eine „Reorganisation von Geschäftsstellennetz und Arbeitsorganisation“ zur „Qualitätssteigerung der Service- und Leistungsangebote für die Versicherten“.

Ich war vor allem von der Zahl geschockt.

Nicht von der Zahl der abzubauenden Stellen, sondern von der der Angestellten. Was machen 18.000 Mitarbeiter einer Krankenkasse, einer von vielen Kassen in Deutschland? Gerade ist WhatsApp für 19 Milliarden Dollar ver- und gekauft worden, das Unternehmen besteht aus 50 Angestellten. Nun ist ein Messenger etwas anderes als eine Krankenkasse, bei der Barmer geht es um das Spannungsfeld aus Gesundheit und Geld, ein sensibles Feld, das viel Fingerspitzengefühl, Verantwortung und Empathie benötigt.

Und doch ist mir beim Lesen der Schlagzeile klar geworden: diese Mischbranche aus Finanz- und Servicesektor, die Versicherungen, Krankenkassen und Banken werden die nächsten sein, die der Reihe nach Massenentlassungen verkünden werden. Es erinnert an die Situation der Kohle- und Stahlindustrie der 80-er Jahre.

Jede Krise trägt ihre Lösung bereits in sich

Und in jeder Lösung keimt bereits die nächste Krise, die sie auslösen wird. Ist nicht von mir, ist von Nikolai Kondratieff. In Duisburg sind in den 90-er Jahren Medienzentren entstanden – aber natürlich sitzen da nicht die Bergbauarbeiter an den Rechnern. Die Natur kennt keine Zerstörung, sie kennt nur Veränderung. Dieser Satz passt auch auf Sozioökotope, auf menschliche Wirtschafts- und Lebensräume. Die Hinterlassenschaften – Menschen, die in der bisherigen Funktion nicht mehr gebraucht werden – nicht allein oder zurückzulassen liegt in der Verantwortung aller.

Die Transformationsprozesse werden häufig angetrieben – oder zumindest nehmen wir das so wahr – von Unternehmen, der Unternehmer ist ein kreativer Zerstörer. Ist nicht von mir, ist von Joseph Schumpeter.

Worin also besteht die Lösung, die ja angeblich schon da sein soll? Ein Ansatz ist ein alter, er wird von Gewerkschaften seit den 70-er Jahren gefordert: Arbeitszeitverkürzung. Nur sind die Gewerkschaften viel zu bieder, zu egoistisch und zu vorsichtig, um noch wahr- oder ernst genommen zu werden. Da die Wertschöpfung ja insgesamt unverändert bleibt, sollte es doch nach Massenentlassungen den Menschen nicht schlechter sondern besser gehen, zumindest rechnerisch. Ein Ansatz ist der: Jeder Mensch arbeitet höchstens 20 Stunden wöchentlich. In der verbleibenden Zeit repariert er sein Handy (statt es wegzuwerfen), flickt seine Jeans (dito), baut Gemüse an – oder bietet eine dieser Leistungen auf Tauschmärkten gegen andere an. Jetzt wird das Finanzamt auf den Plan treten, hoffentlich, denn nur wer Steuern auf geldwerte Leistungen zahlt, ist gesellschaftlich anerkannt (die Hausfrau und Mutter zum Beispiel ist es auch deshalb nicht). Die Idee ist nicht von mir, ist von Professor Niko Paech.

Es gibt Youtube Kanäle und Internetseiten, Twitterdienste und Blogs, die als One Man/Woman Show funktionieren und besser sind als ARD und ZDF zusammen. Natürlich benötigen wir Korrespondenten in jedem Land der Erde und investigative Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben – aber benötigt die Gesellschaft das alles doppelt und dreifach, mit Milliarden finanziert? Oder gibt es dringendere Bedarfe?

Natürlich benötigen Menschen, die in einer schwierigen Situation besondere Fragen haben an ihre Krankenkasse, einen kompetenten Ansprechpartner. Aber wenn schon die Barmer GEK 800 Beratungsstellen hat, wie viele Stellen haben wir dann insgesamt in Deutschland? Lässt es sich anders so organisieren, dass es für alle besser funktioniert: für die Versicherten, die Angestellten und die Gesellschaft?

Mehr Fragen als Antworten. Aber jede Frage trägt ihre Antwort schon in sich, und jeder Fragende kennt eigentlich schon die Antwort, sie muss ihn nur finden. Ist von mir.