Politik und Management

Flüchtlinge willkommen

Heute in der Süddeutschen Zeitung lesen wir das erstaunliche Interview mit Oliver Junk, dem Oberbürgermeister von Goslar.

Gestern durfte ich für 20 Führungskräfte im Sozialbereich einen Impulsvortrag zum Thema Zielorientierung halten und warb dafür, Störungen von Außen auch auf ihr Chancenpotential zu überprüfen.

Und was macht Oliver Junk? Eben genau das. Während Kommunen über die finanziellen Belastungen stöhnen, die die Unterbringung von Flüchtlinge mit sich bringt, will der Bürgermeister von Goslar gern noch mehr Menschen in der Stadt im Harz aufnehmen. Er bewirbt Goslar ausdrücklich. Und das, obwohl die Stadt immer weniger Geld hat, sie liegt in einer wirtschaftlich schrumpfenden Region. Oder gerade deshalb?

Wenn der Kühlschrank, der meinen Mittelvorrat enthält, mit den Jahren immer schlechter gefüllt ist, kann ich Leute einladen, die was mitbringen: Motivation, Lebenserfahrung, Kinder, Perspektiven. Nun muss ich allerdings Rahmenbedingungen schaffen, ein Flüchtlingslager und Arbeitsverbot sind eher schlechte Vorraussetzungen. Junk wirbt für die dezentrale Unterbringung in der ganzen Stadt und denkt, dass Betriebe, Vermieter, Geschäfte und Schulen langfristig profitieren können. „Flüchtlinge sind eine Bereicherung für uns“. Den Mittelvorrat wieder wachsen lassen. Dazu passen aktuelle Studien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über einen stetig steigenden Bildungsstand von Immigranten.

Junk weiß, seine wichtigsten Partner sind die Bürger der Stadt. Gefragt ob die seine Ideen mittragen, antwortet er: „Das weiß ich noch nicht“ – wie mutig und ermutigend! Ich habe diesen schlichten Satz schon oft gehört, aber noch nie aus der Politik. Sind wir es doch bis dato gewohnt, dass Mutti und Papi immer alles wissen. Die aktuelle Richtungsanweisungen tun sie dann kund, indem sie diese wahlweise in volle Säle brüllen (CSU), mit sonorer Stimme und skeptischer Mine in einen Mikrofonwald diktieren (SPD), den Pressesprecher oder Staatssekretär verkünden lassen (CDU) oder, wie bei den Grünen, gegensätzliche Positionen von unterschiedlichen Personen in schneller Abfolge quasi im Dialog mit sich selbst verkünden.

Junk ist verdammt mutig. Und her hat ein Rückgrad – 2013 wurde er mit 93,7 Prozent wiedergewählt.

Lineares Denken lässt sich kurieren

Unbenommen: Berlin hat andere Voraussetzungen als Goslar. Aber haben wir in Berlin die Kraft zu sagen: wir gucken mal, wie die das in Goslar machen? Liegen uns New York und Amsterdam wirklich so viel näher?
Wenn ich morgens aufstehe, will ich vor allem eins: das es heute ungefähr so läuft wie gestern. Unangenehme Überraschungen wollen wir alle am liebsten vermeiden. Dabei wissen wir alle, die Überraschungen kommen auf jeden Fall. Und Meister Oogway aus „Kung-Fu Panda“ sagt: „Es gibt keine guten oder schlechten Nachrichte, es gibt nur Nachrichten“. Entscheidend ist, was wir draus machen.
Wir wünschen uns unser Leben als linearen Verlauf und wollen Störungen vermeiden. So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlauf unserer Lebenslinie gerade bleibt, von der Vergangenheit über heute in die Zukunft. Kontinuität ist wichtig, um Leben gedeihen zu lassen.

An den Umgang mit Impulsen von Außen aber zeigt sich, wo das Leben uns noch hinführen kann. Oder an welche Orte wir uns und andere führen können. Gestern Abend saß ich mit jungen Menschen aus der Ukraine zusammen, Menschen, die gerade dabei sind, ihr Land zu verlieren. Sie promovieren, verbereiten Optimismus und Spaß, erzählen von gestorbenen Freunden, vom Krieg und von deutsch-rumänisch-ukrainischen Projekten, für die sie brennen. Sie lachen offenen Herzens zum Abschied und luden mich an ihre Universität ein, auf die sie so stolz sind. Über lineare Lebensträume würden sie wahrscheinlich nur staunen, sie sind längst woanders.

Sie ahnten wohl nicht, welche Inspiration und Bereicherung sie an diesem Abend – und darüber hinaus – sie für mich waren. Danke.

Delegation

Ein Gedanke zu „
Politik und Management

Flüchtlinge willkommen

  1. Herr Dr. Junk antwortete heute per Mail:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vielen Dank für Ihre freundlichen und aufmunternden Zeilen. Wie Sie sich sicher vorstellen können, habe ich als Reaktion auf mein Impulsreferat zu Beginn einer neu aufgelegten Veranstaltungsreihe „Der Berg ruft – Zukunft fördern“ und meinem Statement zur zusätzlichen Aufnahme von Flüchtlingen nicht nur positive Resonanz erhalten. Ich spüre aber auch, dass sich Menschen über meine Initiative freuen und das Thema weit über Goslars Grenzen hinaus angeregt diskutiert wird. Derzeit bin ich dabei, die unterschiedlichen Stimmen zu sammeln und Partner zu suchen, die mich bei meinem Vorhaben unterstützen. Einen abschließenden Erfolg kann ich derzeit noch nicht vermelden, werde mich aber weiterhin in unterschiedlichen Gesprächen für meinen Vorschlag stark machen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Oliver Junk
    Oberbürgermeister

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