Soziale Medien gibt es nicht

Vorab eine wichtige Begriffsklärung. Während das englische „social“ jeglichen gesellschaftlichen Zusammenhang beschreibt, meint das deutsche „sozial“ meist das karitativ gebende, staatliche oder private Wohlfahrt oder einfach verantwortungsvolles Verhalten. „Social Media“ meint nun Medien, die keine Einbahnstraße sind, sondern in denen sich Menschen gleichberechtigt und interaktiv austauschen.

Nur: Einbahnstraßenmedien gab es nie. Und neue, interaktive Medien funktionieren im Wesentlichen nach denselben Wirkprinzipien, wie die Tagesschau und die Bildzeitung immer funktioniert haben. Und zwar so:
Das alte Medium Tagesschau sendete eine Information oder eine Meinung. Eine Einbahnstraße, wenn der Weg hier beendet wäre. Ist er aber nicht, im Gegenteil, jetzt nimmt die Information erst richtig fahrt auf. Flüchtlingsströme aus Syrien? Britney Spears auf Entzug? Egal was es ist, wenn es uns interessiert, verarbeiten wir es, und zwar in der Regel gemeinsam mit anderen – sozial. Noch am Abend wird es besprochen, am nächsten Morgen in der U Bahn ist der Skandal in unseren Köpfen und will raus, spätestens auf der Arbeit beginnt das Gerede, Getratsche und die Diskussion. Spannend wird’s dadurch, dass jeder die Info anders aufgenommen hat (Epiktet: Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.) und dadurch dass wir von unterschiedlichen Medien informiert wurden.
Input und Wirkung, erst die Meldung, dann die gemeinsame Verarbeitung wie in einer Brennkammer, unberechenbar und hyperdynamisch.

 

Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]
Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]

Die Social Media nehmen demgegenüber für sich in Anspruch, dass Meldungen gleich diskutiert werden, das ist aber ganz selten der Fall. Die Tagesschau App bietet unter jedem Artikel eine Kommentarfunktion, die auch je nach Thema rege genutzt wird. Aber gefühlt von den immer gleichen maximal zehn Nutzern, die sich wirklich zu jedem Thema äußern. Vor allem aber: die Tagesschau App ist ja nur der Ableger eines klassischen (verstaubten? bewährten?) Mediums, und meldet exakt das, was um 20 Uhr über den Bildschirm geht. So machts auch die Berliner und die Bildzeitung. Was soll man auch anderes schreiben? Das Blog von Lieschen Müller und Max Mustermann hingegen dämmert vor sich hin – wir sind eben nicht alle Sascha Lobo. Sascha Lobo ist die Bildzeitung von heute, er hat Einfluss, er hat Follower – und er schreibt in der Frankfurter Allgemeinen (auf Papier!). Selbst die Blogs der großen Unternehmen kommen höchstens auf einen (!) Kommentar pro Artikel.

Wir können bloggen, twittern und uns vernetzen ohne Ende, und es ist gut, dass wir das tun. Der Weg ist aber immer der gleiche geblieben. Eine Nachricht wird gesendet und empfangen, dann verarbeitet, erst in unseren Köpfen, dann im sozialen Raum, der uns zur Verfügung steht: dem Wohnzimmer, der Kantine oder dem Chatroom.

4 Gedanken zu „Soziale Medien gibt es nicht

  1. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich twitter gerne, blogge, Sie finden mich auf Xing und Linked-in. Das Blog ist meine Chance, wenigstens ein Dutzend Menschen zu erreichen – das ging früher nicht.

    Die Überschrift zu diesem Artikel “Soziale Medien gibt es nicht” ist natürlich Quatsch, ein typischer und heillos übertriebener Aufmacher. Ich stelle mir gerade vor die BILD macht morgen mit der Schlagzeile auf: “Blogger Schmidt schafft die sozialen Medien ab”. Das würde mir gefallen: eine Lüge, die so groß rauskommt, dass sie sich bald in Luft auflöst.
    😉

  2. Und genau das ist der – legitime – Trick, den sich jede gute Nachricht bedient. Erst frech behaupten – Leser interessieren – und dann auflösen. Gut gemacht und funktioniert ja! 🙂

  3. 😉
    Danke, Frau Schmidt!
    Sie als Profi kennen natürlich die Mechanismen. Aber letztendlich, weiß jeder, der mit Neugierde, kühlem Kopf und offenen Augen durch die Welt geht, wo es lang geht.
    Alles Gute für Sie und liebe Grüße.

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