Syrien ist das neue Schlesien

Mein Schwiegervater Oskar ist ein rechtschaffener Mann. Er war in seinem Leben überaus fleißig und wahrscheinlich meistens ehrlich. Opa Oskar (wie er seit ich zwei Kinder habe bei uns heißt) bewohnt mit seiner Frau ein Haus in Schwaben und fährt Volkswagen. Er hat insgesamt acht Enkelkinder. Die schlichte Tatsache, dass meine Kinder sich im Leben sicher fühlen können, hat auch mit ihm zu tun: würde meiner Frau und mir etwas zustoßen, müssten meine Mädchen doch nie wirtschaftliche Not fürchten. Opa Oskar ist ein Rückgrat für die aus seiner Sicht dritte Generation.

Oskar ist gut integriert in unsere Gesellschaft. Das ist nicht selbstverständlich, denn er ist ein Flüchtling. 1945 floh er als siebenjähriger mit seinen Eltern, einer Schwester und anderen Familienmitgliedern aus Schwarzwasser nach Deutschland, um in Baden-Württemberg neu anzufangen. Wie ihm ging es Millionen anderen, sie kamen aus Schlesien, Pommern und anderen Gebieten Mittel- und Osteuropas. Wo die Flüchtlinge ankamen, waren sie Belastung: Lager mussten aufgebaut, Menschen versorgt werden. Mit den Jahren aber änderte sich das Bild, die meisten von ihnen waren echte Anpacker und kämpften verbissen darum, ihr Leben neu zu sortieren. Heute funktioniert Wirtschaft oft dort besonders gut, wo nach dem Krieg viele Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)
Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)

Ich kenne weitere Geschichten, zum Beispiel die von Peter Brundke. Er kam 45 mit seinen „vier Müttern“ (seine Mutter und drei Tanten) aus dem heutigen Polen, er war damals 14 Jahre alt. Die Brundkes waren, wie alle Flüchtlinge, nicht gern gesehen und wurden ordentlich beschimpft. Die Angst der eingesessenen Anwohner: das Wenige, was 1945 da war, muss jetzt auch noch geteilt werden. Untergebracht wurde die Familie in einer Baumschule in Berlin Gatow. „Damit war mein Berufswunsch erledigt – ich wurde Gärtner“. Heute wird das „Garten- und Landschaftsbau Unternehmen Brundke und Thürmann“ erfolgreich in dritter Generation geführt und beschäftigt zahlreiche Angestellte.

Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)
Die damalige Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)

Welche Chance geben wir einer syrischen Familie, nennen wir sie Al Sayed, sich ein neues Leben aufzubauen. Und welche Chance geben wir uns? Wird es in 40 Jahren eine Landschaftsgärtnerei Al Sayed in Berlin geben, mit vielen Angestellten? Oder ein IT Unternehmen? Menschen in aussichtslos erscheinenden Situationen haben allen Umständen zum Trotz oft erstaunlich viel Kraft, Mut und Zuversicht. Wie viel haben wir?

Ein Gedanke zu „

Syrien ist das neue Schlesien

  1. Wer unterstützt die Kampagne „Ich bin Flüchtling“? Flüchtlinge und deren Nachkommen erzählen ihre Geschichten von Menschen, die ankommen durften. Motto: Ankommen und losleben. Es gibt meiner Erfahrung nach kaum eine Familie, die nicht einen „Flüchtlingsstrang“ in ihrer Genealogie hat.
    #ankommenundlosleben – erzählt wird unter diesem Hashtag auf Twitter, Youtube, facebook und vorm Kamin – wer macht mit?

Kommentare sind geschlossen.