Was bleibt von Dir?

Noch so ein Gesprächsfetzen, der hängenblieb und mich seither beschäftigt. Es ging um dies und das im Gespräch zwischen mir und dem großartigen und großherzigen Journalisten, Moderator und Medienarchitekten Kai Schächtele, es ging um Geschäftsmodelle, Täler und Gipfel des Lebens und offenbar auch um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Jedenfalls stellten wir fest, dass uns beiden Carl Friedrich Gauß ein Begriff ist – Kai, weil er Mathematik Leistungskurs hatte und mir, weil ich bei meinen Beobachtungen zu Management über Gauß und die Glockenkurve der Normalverteilung gestolpert bin (für diejenigen, die es etwas genauer interessiert, hier der alte Beitrag, der mit Gauß abschließt).

Unser Dialog jedenfalls ging ungefähr so:
Ich: Gauß war ja auch auf dem alten 10 DM Schein abgebildet.
Kai: Ja, und seine Glockenkurve auch.
Ich: Und Du Kai? Was wird neben Deinem Bild auf dem 10 Euro Schein eines Tages abgebildet sein? Was steht für Dich und Dein Wirken?
Kai: Wahrscheinlich ein stilisierter Dialog aus zwei Sprechblasen…

Ja, das passt, denn es beschreibt genau das, was Kai ausmacht. Er redet, schreibt, lässt aber vor allem andere zu Wort kommen und macht dadurch Umstände, Entwicklungen und Zusammenhänge sichtbar. Sollte die D-Mark wiederkommen, ich wäre dafür: der 10-er trägt das Bild von Kai und einem Dialog.

Und ich? Was wird auf meinem Schein zu sehen sein? Ich weiß es nicht.

Und Du, treuer Leser? Was werden wir neben Deinem Abbild sehen? Was ist auf Deinem Schein? Was bleibt uns von Dir?

Gauss

Wachstum

Es sind die Fetzen alltäglicher Gespräche und scheinbar belanglos verlaufender Unterhaltungen, die einen anschließend nicht loslassen. Wundert sich ein gut berenteter Verwandter im Gespräch über Autos, wie teuer die sind und sagt sinngemäß: „Für den Preis eines Golfs von heute bekam man früher einen großen Mercedes“.

Das stimmt. Aber stellen wir die beiden Autos nebeneinander, war zum Beispiel der „Strich Achter“ Benz von 1968 geradezu traurig ausgerüstet – aus heutiger Sicht. Er hatte in der stärksten Version 80 PS, der Käufer eines aktuellen Golf VII kann heute darüber nur lachen. Seine Motorleistung beginnt bei 90 PS und geht bis 185. Wir sind anspruchsvoll geworden, und können das Wachstum unseres Begehrens an PS Zahlen, Wohnbedürfnissen und Mobilität ablesen.

Ein weiteres Beispiel aus einer Talkshow vor ein paar Monaten, es ging um den tatsächlichen oder vermeintlichen Abstieg der Mittelklasse (Menschen, nicht Autos). Eine Teilnehmerin der Runde beschrieb, wie sie ihr eigenes Leben als Weg nach unten wahrnimmt. Ihre Eltern hatten Parkett, sie nur PVC. Ein anderer in der Runde, und das gefiel mir gut, erinnerte sie daran, dass ihre Eltern keinen PC und kein Tablett hatten – das gab es schlicht und einfach noch nicht. Situationen sind eben nur schwer miteinander vergleichbar. Wo es keine Smartphones gibt, vermissen wir sie nicht.

Dabei ist nicht jede technische oder auch optische Entwicklung willkürlich oder gar überflüssig, Autos sind heute nicht nur schneller, sondern auch sicherer. Kostete der Straßenverkehr im Jahr 1968 noch 16.500 Menschen ihr Leben (bei 16 Millionen zugelassenen PKW), waren es 2004 „nur noch“ 4.500 – und das bei mehr als dreimal so vielen Fahrzeugen.

Und doch kommt einem unser Hang (oder Zwang) zum Wachstum vor wie unsere eigene Geißel – wir wuchern, statt zu wachsen.

Naturkundler preisen die Maniok als nahrhaftes Knollengewächs, ähnlich wertvoll wie die Kartoffel, aber auch Reis, Weizen und andere Getreide. Aus heutiger Sicht meint man fast, Grundnahrungsmittel müssten mit Warnhinweisen versehen sein, enthalten sie doch Kohlehydrate (machen dick), wahlweise auch Weißmehl (Allergien!), Zucker oder Fett. Meine Uroma kannte noch den Ausdruck „Gute Butter“, sie hat zwei Weltkriege und eine Flucht überstanden. Heute werden Menschen immer dünner und ihre Autos immer dicker. Heidi Klum macht Werbung für den Geländewagen von VW.

Was sagt uns das? Ich weiß es nicht, wollte Euch diese Gedanken aber nicht vorenthalten.

Zum Wochenende noch ein Video, das mich berührt hat und mir gute Laune schenkte. Achtet auf den Kerl im Bild mit Bart, Bauch und Surfbrett:

Glücksmanagement und Gelegenheitsgurus

Wenn Sie zurückschauen auf ihr bisheriges Leben oder auf ihr Unternehmen – waren Ziele, die sie sich gesetzt haben, entscheidend für das, was Sie heute sind? Wahrscheinlich nicht, oder zumindest nicht ausschließlich.

Unser Leben kennt Zufälle, Glück und Schicksalsschläge. Wendungen und Gelegenheiten – verpasste und genutzte. Ziele spielen in jedem Managementhandbuch aber eine zentrale Rolle, Glück hingegen wird selten thematisiert. Dabei wissen wir alle, was Glück für uns bedeutet, wie es uns befördert, sobald es uns begegnet und wie es Energie in uns mobilisiert. Es geht nicht um Glück in einem esoterischen Sinne, noch nicht einmal ausschließlich in einem emotionalen – obwohl das natürlich wichtig ist. Es geht um Glück im Sinne von Prozessabfolgen, die nicht vorhersehbar sind. Es geht darum, Gelegenheiten als glückliche Wendung zu erkennen und zu nutzen. Mein Gelegenheitsguru zurzeit ist Christian Lindner, zu ihm später.

  • Früher wurden Lebensmittel gekühlt, indem Eisblöcke aus Gletschern oder langen Wintern transportiert, gelagert und genutzt wurden, das konnten sich natürlich nur wenige privilegierte leisten.
  • Dieses Geschäftsmodell wurde abgelöst durch professionell betriebene Kühlhäuser, in denen Waren gesammelt wurden.
  • Danach kam aus den USA die Privatisierung der Frische – der Kühlschrank für jeden Haushalt. Wir kennen und schätzen ihn bis heute.

Können Sie sich vorstellen, dass bald andere Systeme unseren Kühlschrank ablösen? Nein? Ich auch nicht. Die Verkäufer von Gletschereis und die Betreiber von Kühlhäusern konnten oder wollten sich offenbar auch nichts anderes vorstellen, als ihre jeweilige Gegenwart. Jedenfalls hat keiner dieser Unternehmer den Sprung ins nächste Geschäftsmodell geschafft. Sie hatten eben Ziele und bestimmt auch Businesspläne – und dann kam das Leben dazwischen.

Praktisches Management kennt zwei Leitfragen:

  1. Wie sieht die Zukunft aus und welchen Teil von ihr kann ich in Szenarien vorhersagen?
  2. Welchen Teil meiner Zukunft (und der Zukunft anderer, denn Zukunft gehört niemandem) kann ich aktiv beeinflussen?

Ziele akzeptieren weder, dass Zukunft Überraschungen birgt, noch sind sie geeignetes Mittel der Zukunftsgestaltung – außer unter festen Rahmenbedingungen, da sind Ziele das erste Mittel der Wahl.

Wer aber in dynamischen Situationen, und ich denke jetzt sowohl an die Zeit vorindustrieller Kühlsysteme als auch an unsere digitale Gegenwart, ein Unternehmen gründet und sich ausschließlich an Zielen orientiert, der wird Wendungen immer nur als Störung des Plans, nicht aber als glückliche Fügung, als Gelegenheit wahrnehmen.

Wenn Du still stehst, kommen die Dinge auf Dich zu, sagt Buddha. So ähnlich muss sich das auch Christian Lindner gesagt haben, Vorsitzender der heruntergewirtschafteten FDP. Er hielt im Landtag von NRW eine Rede, die wohl keiner weiter beachtet hätte, hätte nicht ein Kollege der SPD einen Zwischenruf zum Thema Insolvenz und Scheitern platziert. Christian Lindner beantwortete diesen Zwischenruf in aller Ausführlichkeit und mit viel Wut im Bauch, das Video bei Youtube ist ein Hit.

Und Christian Lindner, dessen Partei vor ein paar Wochen niemand auch nur mit spitzen Fingern angefasst hätte, ist plötzlich der Star bei Veranstaltungen wie der „Fuck Up Night“. Es ist nur ein kleiner Schritt zum Liebling der deutschen Startup Szene, und Herr Lindner wird diese Gelegenheit nutzen. Planbar war das nicht, aber jetzt, wo die Gelegenheit da ist, wird er sie nutzen. Wir können viel von ihm lernen.

Eine Kurzgeschichte:

Das soziale Netz

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Und gleichzeitig der letzte. Das Programm „Cicereau“ wird in Zukunft das Schreiben für mich erledigen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Formulierung „für mich“ die Situation angemessen beschreibt. Vielleicht schreibt Cicerau auch für sich selbst. Oder für seine Programmierer. Oder für die Leser meines Blogs. Hat mein Blog überhaupt Leser, oder sind es überwiegend automatische Leseprogramme, die meine Artikel scannen, bewerten und kommentieren? Ich bin extrem verunsichert. Wie es dazu kam, dafür sind mehrere Erzählstränge notwendig. Lesen Sie also BITTE nur weiter, wenn Sie wirklich die Zeit dazu haben. Und wenn Sie echt sind.

Es gibt selbst fahrende Autos, alle wissen das, Google hat sie entwickelt und sie pendeln auf einer Strecke zwischen San Francisco und dem Silicon Valley. Google muss die Straßen gekauft haben, eine Genehmigung für automatische Fahrzeuge gibt es nämlich selbst in den USA noch nicht. Egal. Für die Relevanz von Trends, also für die Frage, wie heiß und neu ein Thema ist, gibt es einen einfachen Maßstab: den CDU-Indikator. Wenn die CDU einen Trend für sich entdeckt hat, ist er veraltet. So war es mit der Farbe Orange, so ist es mit automatischen Verkehrssystemen. Die CDU/CSU will jetzt einen Teil der A 9 zur Teststrecke ausbauen, das Thema ist also durch. Erzählstrang beendet.

Es gibt eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll, die er 1963, also zwei Jahre vor meiner Geburt, geschrieben hat. Ein Tourist weckt in einem Hafen an der Küste einen in seinem Boot schlafenden Fischer und unterhält sich mit ihm. Der Tourist erfährt, dass der Fischer seine Arbeit beendet hat und mit seinem Fang zufrieden ist. Der Tourist begreift nicht, wieso der Fischer nicht öfter ausfahren möchte, um irgendwann finanziell besser dazustehen und erfolgreich Karriere zu machen, und schildert ihm enthusiastisch, was er durch mehr Arbeit alles erreichen könnte. Am Gipfel seiner Karriere angekommen, könne er sich dann zur Ruhe setzen und am Hafen dösen. Der Fischer erwidert, dass er das auch jetzt schon tut. Der Tourist begreift, dass mehr Arbeit und mehr Geld nicht zwangsläufig zu mehr Glück führen. Erzählstrang beendet.

Ich wollte mehr Zeit für mich. Ich war immer ein fleißiger Mensch, voller Tatendrang und Energie. Computer, Smartphone und die damit verbundenen Möglichkeiten habe ich willkommen geheißen, fast schon gierig aufgesogen. Sie gaben mir die Möglichkeit, überall und jederzeit meiner Lust an der Kommunikation zu frönen. Und ich wurde belohnt: Meine Tweets wurden favorisiert, meine Postings gelikt und meine Artikel wohlwollend kommentiert. Die Aufmerksamkeit, die ich dadurch erhielt, spornte mich an, mein Smartphone wurde zu meinem ständigen Begleiter, immer in Bereitschaft wie ein Babyphone. Ich wusste, was ich meinen Mitmenschen bei Facebook, Twitter und Instagram schuldig war: nur wer Liebe schenkt, erhält sie auch zurück. Es fiel mir leicht, dieses Spiel mitzuspielen. Ich fühlte mich beschenkt und warm. Gleichzeitig fühlte ich mich überlegen, durchschaute ich doch die Regeln des Spiels besser als andere, so dachte ich.

Irgendwann stellten sich erste Abnutzungserscheinungen ein. Oder war es Überlastung? Nein, es war vor allem die Angst, eine der vielen Partys, die im Netz gefeiert werden, zu verpassen. War ich bei Google+ aktiv genug? Oder vernachlässigte ich nicht gerade hier eine wichtige Gruppe von Menschen, denen ich viel zu geben hätte? Und LinkedIn? Hier habe ich zwei Profile, um die ich mich kaum kümmere. Dabei melden sich LinkedIn Kontakte regelmäßig bei mit, teilen mir Statusänderungen mit, imponieren mir mit Karrieresprüngen. Und ich? Ich ließ gerade die LinkedIn-Menschen schnöde liegen. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Ich wollte einen Teil meiner Kommunikation automatisieren und mit Twitter beginnen. Das lag nahe, ist eine Twitterbotschaft mit ihren maximal 140 Zeichen doch die simpelste ihrer Art. Ein geeigneter Programmierer war in meinem Netzwerk schnell gefunden, und der befreite mich von ein paar Illusionen.
Erstens: diese Programme gibt es längst. Eine Twitterbotschaft nach zuvor eingestellten Kriterien zu formulieren ist einfach. Themengebiete gewählt, z.B. Politik, Medien und irgendwas mit Management. Als nächstes die Haltungen innerhalb eines Themas: Politik immer verbunden mit Plädoyers für Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit. Medien immer irgendwie innovativ. Und Management, das schwierigste der drei Themen, bitte immer verknüpft mit den Begriffen „komplex“, „ungewisse Zukunft“ und „Entwicklung“. Das von ihm entwickelte Plugin „Tweeted“, so mein Programmierer, sei ohne weiteres in der Lage, mehre Botschaften täglich wie echt erscheinen zu lassen, es bedient sich dabei bei Millionen Tweets, die zum selben Thema stündlich ins Netz gestellt werden.
Zweites aber, und das war der eigentliche Clou, nimmt es mir die viel wichtigere Tätigkeit der Vernetzung ab. Anderen Profilen folgen, Tweets favorisieren und interessant erscheinende Nachrichten zu retweeten, das alles erledigte fortan „Tweeted“ für mich. Zunächst gewöhnungsbedürftig, beobachtete ich das Treiben von „Tweeted“ argwöhnisch. Ich tüftelte einige Wochen an den Voreinstellungen, schließlich twitterte das Programm in meinem Namen. Bald aber merkte ich, dass „Tweeted“ besser war als ich. Ich – nein, mein Account, bekam mehr Aufmerksamkeit und hatte bald ein Vielfaches an Followern gewonnen.

Die Zusammenarbeit mit dem Programmierer war fruchtbar und entwickelte sich gut. Bald übernahmen Programme einen Großteil meiner Aktivitäten bei Facebook, Google+ und in allen anderen Netzwerken. Meinem Erfolg tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Rasant stieg der Profit, der in der jeweiligen Währung ausgezahlt wurde: Likes bei Facebook, Aufnahme in Kreisen bei Google+, Nutzer, Freunde, Follower – alles kannte nur eine Richtung: aufwärts. Jetzt entschied zwar ein Algorithmus über meine Freundschaften, aber eigentlich war das ja schon immer so, die Vorschläge kamen immer von Facebook. Endlich konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, das Schreiben meiner Artikel im Blog.

Erste Zweifel kamen mir, als ich mir die Struktur meiner „Konversationen“ und „Beziehungen“ im Netz einmal genauer anschaute. Nicht wenige Tweets wurden umgehend favorisiert, schneller, als sie jemals von irgendjemandem gelesen worden sein konnten. Und die Annahme, dass ich der erste und einzige bin, der seine Kommunikation „effektiviert“, also von Programmen erledigen lässt, war mehr als naiv. In der Regel mache ich Trends mit, wenn sie gerade richtig ins Rollen kommen, ich war nie Avantgarde.

Wer liest meine Kurznachrichten bei Twitter? Offenbar überwiegend Programme, die dann selbstständig entscheiden, ob die Texte favorisiert und retweeted werden – oder eben nicht. Schreibe ich auf Twitter irgendetwas mit „Schnitzel“, der Nutzer „Schnitzelbot“ (@SchnitzelFollow) favorisiert es sofort und offenbar automatisch. Probiert es selbst, „Schnitzel“ ist das Codewort. Und es wird sicherlich komplexere Programme geben. Wir wissen durch Edward Snowden, dass Programme ALLES lesen und bewerten können. Wer glaubt noch, dass sie es nicht auch selber schreiben? Die Frage ist: wie weit sind sie und wie viele sind es?

Inzwischen bin ich sicher, dass 98 Prozent der Beziehungspflege und Kommunikation im Social Media automatisiert ist. Das Netz ist sozial geworden, Computerprogramme unterhalten sich, tauschen sich aus, mobben sich, verbünden sich, verlieben sich, freunden sich an und beziehen Stellung zu politischen Fragen. Und sie nehmen Einfluss. Würden wir eine Initiative zum Verbot vollautomatischer Kommunikation gründen, wir hätten schnell die gesamte Internetgemeinde gegen uns, Facebookgruppen würden sich in Sekundenschnelle gründen, ein Shitstorm würde die Initiatoren hinwegfegen. Vollautomatisch.

Uns bleibt nur die Flucht nach vorn. Automatisiert Euch, gebt das Internet denen, die es am besten verstehen – den Programmen. Schaut Euch um, die Menschen, die im wahren Leben neben Euch sitzen, sind wahrscheinlich Eure Familie oder Eure Kollegen. Macht Euch miteinander bekannt, vielleicht sind sie nett.

Ich jedenfalls sitze am Hafen und döse. Cicereau hat gerade seinen ersten Artikel geschrieben. Und seinen wichtigsten. Ich bin schon so gespannt.

+++ Eilmeldung +++

EZB stellt sozialem Sektor 1 Billion € zur Verfügung

Die Europäische Zentralbank EZB stellt in einem ab sofort wirksamen Programm innerhalb eines Jahres 1 Billion Euro für soziale Zwecke zur Verfügung. Konkret soll das Geld in Projekte der Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehung und Bildung sowie für soziokulturelle und ökologische Projekte bereitgestellt werden, das gab die EZB in einer Meldung bekannt. Auf der anschließenden Pressekonferenz begründete EZB Präsident Mario Draghi diese Entscheidung: „Wir müssen in die Gesellschaft investieren. Menschen darin zu befähigen, fester und verlässlicher Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft zu werden, ist eine Investition, die sich vielfach auszahlen wird. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden davon nachhaltig profitieren.“

Dass die EZB Geld in diesem Umfang nutzen würde, um Einfluss auf die Währungszone des Euro zu nehmen, war allgemein erwartet worden. Allerdings gingen Wirtschaftsexperten davon aus, dass der Ankauf sogenannter Staatsanleihen im Mittelpunkt des Programms stehen würde. Mit Anleihekäufen versuchen Zentralbanken üblicherweise, ihre Währungen zu beeinflussen und Deflation vorzubeugen. Der Kauf von Staatsanleihen kommt Banken zugute, die widerum dieses Geld günstig an Investoren weitergeben und so die Wirtschaft stützen sollen.

Dementsprechend deutlich fiel die Kritik an der Entscheidung Draghis aus, das Geld nicht den Finanzhäusern, sondern dem Sozialsektor bereitzustellen: „Die Mittel werden denen fehlen, die in Europa Stabilität und Wachstum garantieren“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Banken Jürgen Fitschen.

Unerwartete Unterstützung kam indes aus Deutschland. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Anleiheverkäufen stets kritisch gegenüberstand, verteidigte das Programm: „Wer sich mit Wirtschaftssystemen auskennt weiß, dass Geld nie von oben nach unten oder von unten nach oben fließt, sondern in Kreisläufen zirkuliert.“ Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Sprecher ausrichten: „Alle Entscheidungen der Europäischen Zentralbank sind mit den nationalen Regierungen abgestimmt und werden von uns ausdrücklich unterstützt. Es kann nicht angehen, dass die Milliarden, die von Menschen in Europa erarbeitet wurden, ausschließlich dem Finanzsektor zugute kommen. Diese Sozialinvestitionen werden sich auszahlen“.
Auch Hans Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und eigentlich treuer Kritiker der EZB, unterstützt in diesem Fall Mario Draghi: „Es ist ein mutiges Experiment und überschreitet wahrscheinlich die Kompetenzen der Zentralbank bei Weitem. Aber finanzpolitisch ist es klug. Während Banken das Geld im schlimmsten Fall statt für Investitionskredite für Spekulationen veruntreuen würden, fließt Kapital hier in die Breite. Es ist gut angelegt.“

Dabei birgt das Programm weitere Überraschungen: ein Teil des Geldes soll gar nicht in europäische, sondern in internationale Projekte fließen. In enger Abstimmung mit der Unesco sowie Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Greenpeace, Kirchen und Gewerkschaften werden Projekte in Afrika und Asien unterstützt. „Das Recht auf würdige Lebensbedingungen und auf Teilhabe an gesellschaftlichem Miteinander, das Recht auf Zukunftsperspektive ist ebenso global wie die bereits gut vernetzte Wirtschaft“, bekräftigt Draghi auf der Pressekonferenz.

Vor Redaktionsschluss meldete der Vatikan über den persönlichen Account von Papst Franziskus (@Pontifex): „Dies ist ein wichtiger und richtiger Schritt hin zu einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit“

Kurz danach bin ich aufgewacht.