Gewaltfreie Medien gibt es nicht…

…durchaus in Anlehnung an meinen Artikel „Soziale Medien gibt es nicht“, in dem ich den Begriff „Social Media“ versuchte zurechtzurücken. Kurz gesagt: Medien bleiben, was sie immer waren, nämlich Impulsgeber in den gesellschaftlichen Raum. Dort erst werden Botschaften, sofern sie subjektiv als relevant eingeschätzt werden (und das können Kochrezepte, Sturmwarnungen, Boulevardmeldungen ebenso wie „Breaking News“ sein) sozial verarbeitet und weitergegeben.

Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]
Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]

Wir wissen wie Zensur funktioniert. Aber wie funktioniert eigentlich Nicht-Zensur? Gar nicht.

Twitter ersetzt die klassischen Nachrichtenkanäle las ich kürzlich in einem Newsportal (es war nicht Twitter). Und ich dachte sofort „ja, längst“. Während der Proteste auf dem Maidan in Kiew erhielt ich binnen kurzem zwei Bilder, die mich sofort in ihren Bann zogen. Nicht nur die klare Bildsprache war es, die mich faszinierte. Es war die Aktualität, die Vorstellung, jemand habe die Fotos geschossen und wenige Minuten oder Sekunden später konnte ich sie sehen.

Kiew
Quelle links: Rianovosti  ||  Quelle rechts: Louisa Gouliamaki, AFP

Natürlich ist Twitter so viel heißer, brennender und elektrisierender als jede Nachrichtensendung. Aktuell auf die Sekunde, mehr „Live“ geht nicht. Was Twitter aber wirklich spannend macht ist die Perspektive: Fotos machen und 140 Zeichen tippen kann jeder, so dass hier eine völlig ungebremste Nachrichtenmacht auf die Welt einprasselt, scheinbar unzensiert. Erdogan hat der Welt in der größten digitalen Versuchsanordnung aller Zeiten vorgeführt was passiert, wenn ein Land Twitter abschaltet: die Sperre war innerhalb von Stunden überwunden und die Nutzerzahlen vervielfachten sich. Erdogan wird offensichtlich von Twitter bezahlt.

Die Versuchsanordnung für alle Medien sieht so aus: Die Welt ist voller Nachrichten. In China fällt ein Sack Reis um, Paris Hilton hat eine neue Frisur und Oliver Schmidt einen neuen Artikel (manchmal auch umgekehrt), Steglitz-Zehlendorf kämpft um die Jugendhilfe, Berlin streitet über den Mindestlohn und so weiter. Diesen Nachrichtendschungel, diesen milliardenfachen Overkill, kann ich nur gefiltert aufnehmen und jetzt habe ich zwei Möglichkeiten, diese Gewalt zu delegieren:

Entweder ich delegiere sie an eine Suchmaschine, Google, Twitter, völlig egal. An dieser Suchmaschine kann ich an individuellen Voreinstellungen schrauben, ab dann entscheidet der Algorithmus (den ich weder kenne noch verstehe).

Oder ich vertraue einer Nachrichtenredaktion, Menschen, die ihr Handwerk (hoffentlich) gelernt haben und dafür (hoffentlich) gut bezahlt werden. Ich stelle mir vor wie Klaus Kleber und Marietta Slomka (für mich die Gesichter des Nachrichtenjournalismus) eine Redaktionskonferenz leiten und Eingangs die Frage stellen: „Welche unter den zahllosen Meldungen des zurückliegenden Tages ist für Oliver Schmidt und den Rest so relevant, dass wir sie in den knappen 15 Minuten, die uns hierfür zur Verfügung stehen, präsentieren?“

Twitter oder Kleber? Google oder Slomka? Ich muss nicht entscheiden, werde aber mit gutem Gefühl weiterhin meinen Anteil an den Rundfunkgebühren zahlen.

Der Auswahlmechanismus bei Überangeboten (und von denen sind wir umzingelt) ist immer derselbe. Was kaufe ich im Supermarkt? Welches Bio/FairTrade Siegel sagt die Wahrheit? Welche Nachricht ist für mich relevant? Ich suche Abkürzungen, und zwar über Vertrauen. Ich vertraue einem bestimmten Markthändler – und muss deshalb nicht in jede Melone hineinhorchen. Ich vertraue einer Marke – und verlasse mich darauf, dass das Müsli schmeckt wie immer. Ich vertraue Twitter und meinen eigenen Auswahlkriterien. Ich vertraue Klaus Kleber. Aber wirklich kontrollieren kann und will ich all das nicht, die Gewalt über meine Informationen gebe ich in jedem Fall aus der Hand. Vertrauen ist und bleibt der Schlüsselbegriff im Marketing, und nicht nur hier.