Briefe ans Management, Teil 3

Liebes Management,

ich sehe unser Unternehmen anders.

Durch die HOME Brille betrachtet besteht unsere Unternehmung aus vier unterschiedlichen Räumen, und jeder Raum ist voller Situationen, Vorgänge und Fragestellungen. Haben wir alle Fragen in unserem Haus untergebracht indem wir sie einem Raum sinnvoll zugeordnet haben, können wir mit der Ressource Zukunft sicher umgehen.

Eine Führung durch unser neues Haus würde ungefähr so ablaufen:
Wir betreten den ersten Raum und stellen fest, dass er extrem aufgeräumt ist. Es ist eine Mischung aus Büro und Lager, in dem jede Schraube und jeder Karton seinen Platz hat. Wir finden hier gut einsortiert und abgeheftet die einfachen Fragestellungen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie in schöner Regelmäßigkeit immer wieder auftauchen. Das Suchen, Einstellen und Einarbeiten eines neuen Mitarbeiters; das morgendliche Aufstellen der Terrasse meiner Eisdiele; der Weg vom Prototyp zum Serienmodell. Der besondere Charme liegt darin, dass wir diese Prozesse Beschreiben, Wiederholen und Verbessern können. Rezepte entstehen und werden, wie beim Kochen und Backen weitergegeben, wenn sie sich bewährt haben. Unternehmen nennen diese Dokumentationen Qualitätsmanagement oder Prozessbeschreibungen. Es ist der Raum der optimierten Situationen.

Optimierte Situationen im Raum 1
Einordnen, dokumentieren und optimieren, dafür ist Raum 1 da

 

Auch der zweite Raum ist aufgeräumt, doch benötigen wir hier für den nötigen Durchblick den Experten. Es ist der Raum der komplizierten Situationen. Das WLAN Netzwerk ist ausgefallen. Das Firmenfahrrad ist kaputt. Der Ausgang dieser Prozesse ist ebenso vorhersagbar wie der Aufbau meiner Eisdielenterrasse – nur eben nicht für jeden, denn jede Situation ist erst einmal neu. Der (in jedem Betrieb ebenso begehrte wie gefürchtete) Netzwerkadministrator kann den Schaden am WLAN Netzwerk beheben, der Mechaniker den am Fahrrad. Allerdings nähern sie sich dem Problem nicht über ein bewährtes Rezept, sondern über eine Fehleranalyse und eine Strategie.

Komplizierte Situationen in Raum 2
Komplizierte Fragen: der Raum für Experten

 

Beim Betreten des dritten Raumes bemerken wir auf Anhieb den großen Unterschied zu den beiden anderen. Hier herrschen Kreativität, Freiheit und Dynamik. Die Energie ist spürbar beim Durchschreiten des Raumes. Brainstormings werden abgehalten. Im Stehen werden Szenarien schneller wieder verworfen als sie entwickelt wurden. An Werkbänken entstehen dutzende Prototypen und werden sofort ausgiebigen Test unterzogen. Handeln und Ausprobieren hat hier den Vorzug vor sorgfältiger Planung. Offensichtlich ist dies der Raum für alle Situationen, deren Ergebnisse nicht prognostiziert werden können. Probieren geht hier offenbar über Studieren, es ist der Raum der komplexen Situationen. Sie wollen ein Unternehmen gründen, ein neues Produkt entwickeln oder einen neuen Markt betreten? Niemand kann Ihnen hierfür eine Zukunftsprognose erstellen, jedenfalls keine sichere. Sie können aber Schritt für Schritt nach bestimmten Regeln vorangehen, Ihre Intuition einbringen und immer neue Erfahrungen sammeln. In diesem Raum arbeiten die Entdecker, Visionäre und Gestalter, die ihre Zukunft nicht vorhersagen, sondern prägen wollen. Ihre Gründung, Ihre Produktentwicklung ist in diesem Raum hervorragend aufgehoben.

Komplexe Situationen in Raum 3
Komplexe Probleme lassen sich am besten gemeinsam lösen

 

Im vierten und letzten Raum herrscht Chaos. Es brennt lichterloh, und völlig unmöglich ist es hier vorherzusagen, was in den nächsten Sekunden passieren wird. Zu dynamisch entwickelt sich die Situation – nichts wie raus hier. Wir können von Glück sagen, wenn jemand im Raum sich ein Herz für schnelle Anweisungen nimmt: wer ruft die Feuerwehr, wer löscht und wer macht am besten gar nichts? Führungsstärke und schnelle Entscheidungen sind gefragt, um Schaden abzuwenden und möglichst schnell Ordnung zu schaffen. Es ist der Raum der chaotischen Situationen.

Chaotische Situationen möchten wir vermeiden, sie kommen aber manchmal ungefragt
Chaotische Situationen möchten wir vermeiden, irgendwann kommen sie dann doch

 

Unsere kleine Führung endet hier. Wir haben uns einen Überblick über unser HOME Office verschafft und stellen fest: jeder Raum hat seine eigenen Gesetze und funktioniert nach eigenen Regeln. Diese Regeln werde ich Dir, liebes Management, in kommenden Briefen ausführlich beschreiben.
Und jeder Raum hat seinen Sinn. Unser Haus ist stabil, wenn jede Situation einem Raum zugeordnet ist, und wenn jeder der vier Räume seinen Platz in unserem Haus, unserem Unternehmen eingenommen hat. Auch hierfür gibt es Regeln, auch die werden bald an dieser Stelle beschrieben.

Herzlichst – Ihr Oliver Schmidt

Cynefin („Kü-ne-win“)

HOME Office beruht auf dem „Cynefin Framework“ von Dave Snowden, das ab 2000 für IBM entwickelt wurde und vier situative Zustände voneinander unterscheidet, die ganz unterschiedliche Sicht- und Handlungsweisen erfordern (Harvard Business Review, November 2007). Die Unterscheidung findet anhand ihrer inneren Komplexität und der Stabilität ihrer Rahmenbedingungen statt. Die beiden Leitfragen lauten:

  1. Wie einfach oder kompliziert ist die Aufgabe, die sich gerade stellt?
  2. Wie stabil oder veränderlich sind die Rahmenbedingungen der Situation?

Sind diese einfachen Fragen beantwortet, wissen wir, wie vorhersagbar Zukunft ist – also die Wirkung dessen, was ich zur Bewältigung einer Aufgabe unternehme oder unterlasse.

 

In den Briefen ans Management geht es um…
  1. …eine Wende im Management
  2. …aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und unsere Rolle darin
  3. …Situationen, ihre Komplexität und die daraus resultierende vorhersagbarkeit von Zukunft
  4. …eine neue Sicht auf Personal und Persönlichkeit
  5. …die Implementierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen