Briefe ans Management, Teil 4

Liebe Personalabteilung,

dies sind Eure Mitarbeiter.

Ihr erinnert Euch noch an unsere kleine Führung? Heute möchte Euch einige der Mitarbeiter vorstellen, die wir unterwegs getroffen haben.

Stephan, der strukturierte Planer
Im ersten Raum, dem Lager der gut sortierten und optimierten Prozesse, arbeitet Stephan, er ist ein gut strukturierter Planer. Bevor er loslegt, macht er sich erstmal eine Liste um sie dann Schritt für Schritt abzuarbeiten, oder einzelne Punkte zu delegieren. Stephan benötigt ein klares Regelwerk, das alle relevanten Prozesse beschreibt und auf diese Weise Orientierung bis zur Handlungsanweisung bietet. Wo diese Regeln fehlen, identifiziert er sie in alltäglichen Abläufen, beschreibt sie und dokumentiert ihre Einhaltung. Dank Stephan können fehlende Mitarbeiter schnell und ohne Einarbeitung ersetzt sowie neue Mitarbeiter systematisch angeleitet werden. Leute wie ihn findet ihr überall im Unternehmen, vom Sachbearbeiter bis zum Leiter des Qualitätsmanagements, bei dem alle Fäden der Prozesssteuerung und Prozessoptimierung zusammenlaufen.
Wie lange Stephan schon im Unternehmen ist? Ich weiß es nicht genau. Man erzählt sich aber, er hätte schon vor zwei Millionen Jahren seinen Job ebenso gründlich erledigt. Als Jäger und Sammler stellte er die Regeln für den Stamm auf und wachte streng über ihre Einhaltung: die Vorräte an Nahrung und Holz müssen ausreichen, um auch lange Winter zu überleben; das Feuer darf nicht ausgehen und das Brennmaterial nicht nass werden. So, wie er die Vielzahl der Regeln von ihren Vorfahren gelernt hatte, gab er sie weiter, denn sie sicherten das Überleben. So ist es bis heute.
Veränderte Rahmenbedingungen bedeuten Gefahr, denn die bewährten Regeln funktionieren hier nicht.

Nina, Expertin für Analyse und Strategie
Nina arbeitet im zweiten Raum, sie ist eine der zahlreichen Expertinnen und Experten für knifflige Fragen, eine Analytikerin und Strategin. Meist arbeitet sie, wie der strukturierte Planer auch, nach funktionierenden Rezepten. Aber wenn eine Situation nicht mehr nach Standardanleitung zu lösen ist, blüht Nina auf: wo genau ist das Problem und wie sind die Rahmenbedingungen? Welche Ressourcen benötigen wir, um es zu lösen? Was ist eigentlich das Ziel und wie lange wird es dauern, das zu erreichen? Zur großen Erleichterung des lieben Managements und aller beteiligten Kollegen erscheint das Problem schon viel kleiner sobald Nina, die Analytikerin, es eingegrenzt hat – denn eine Strategie zur Lösung hat sie dann meist schnell.
Analytiker und Strategen benötigen oftmals noch nicht einmal eine formale Ausbildung, für das, was sie können – aber viel Erfahrung. Sie blühen auf, wenn sie mit ihrem einzigartigen Know-How Kunden oder Kollegen helfen können. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist meist angenehm, denn sie wissen: Probleme lösen sich am besten im Team, wenn Management und fachliche Expertise gut verzahnt zusammenarbeiten.

Torben, kreativer Erfinder und schöpferischer Zerstörer
Torben aus Raum drei ist kreativer Erfinder. Er sucht die Herausforderung. Seine Domäne ist das Neue, das Unbekannte. In Raum drei herrscht Ungewissheit, es ist der Raum für Visionen und Visionäre, hier entwickelt Torben seine Ideen, um sie anschließend gemeinsam mit Vertrauten zu besprechen. Schon jetzt klopft sein Herz, er bewegt sich, wie so oft, zwischen Angst und Euphorie: wie werden seine Gedanken aufgenommen? Wie gut kann er sich verständlich machen?
Der kreative Erfinder fühlt sich wohl in neu angestoßenen Projekten. Er sollte möglichst früh eingebunden werden, denn hier bringt er seine Stärken zum Einsatz: seine ansteckende, visionäre Kraft; seine Fähigkeit, gewohnte Denkpfade zu verlassen, über den Tellerrand hinaus zu schauen. In Risiken erkennt er Chancen, überraschende Wendungen zeigen ihm neue Möglichkeiten.
Die Zusammenarbeit mit ihm ist nicht immer ein Vergnügen, die Teamarbeit manchmal belastend. Es fällt ihm schwer sich in bewährte Prozesse einzufügen und an Regeln zu halten, selbst wenn diese nicht nur der Etikette, sondern dem Überleben des Unternehmens dienen. Unwillkürlich und oft ohne es zu merken, strebt er den Zustand der Ungewissheit an – seine Komfortzone. Sobald ein Projekt in der Spur ist, verliert er das Interesse. Er wendet sich anderen Projekten zu oder lässt beim Joggen um den See seinen Gedanken, die sich immer gleichzeitig um Management und Philosophie, Prozesse und Projekte drehen, freien Lauf. Sein Herz schlägt erst wieder für die alte Sache, wenn sie in schwere Fahrwasser gerät oder vor neuen Herausforderungen steht.
Im schlimmsten Fall muss Torben bei Stephan in Raum eins aushelfen, dessen Prozesse effizient funktionieren und stark reguliert sind. Torben wird den Raum bald verlassen, vermutlich im Streit, da sich das Missverständnis zwischen der regulierten Grundsituation auf der einen Seite und der zu Unsicherheit und Herausforderungen neigenden Art des kreative Erfinders nicht rechtzeitig geklärt hat.
Und noch eines kann der kreative Erfinder schwer verarbeiten: Misserfolg. Er empfindet es als persönliches Scheitern, als Kränkung. Er muss dann von Kollegen daran erinnert werden, dass das schnelle Scheitern Teil seines Erfolgsrezeptes ist: „Fail fast and cheap“.
Wer auch immer das Rad erfunden hat oder das Feuer nutzbar machte, welcher Stamm auch immer als erstes im Einbaum Meere überwunden hat: sie hatten einen kreativen Erfinder im Team. Und eines vor allem zeichnete diese Gruppe aus: sie nahmen ihn ernst, sie stützten und motivierten ihn vor allem in Zeiten und Situationen, in denen seine Kreativität nutzlos schien, vielleicht sogar belastend für die tägliche Arbeit. So war er hoch motiviert und voller vorbereiteter Ideen, die er nur noch zu einem Ganzen fügen musste, als er gebraucht wurde: in der Stunde der Ungewissheit und der Herausforderung, der Domäne des kreativen Erfinders.

Herzlichst – Ihr Oliver Schmidt

Wo wohnst Du?

HOME Office heißt unter anderem deshalb so, weil jeder Mensch und jeder unserer Mitarbeiter sein Zuhause hat, seine eigene Domäne, in der er sicher fühlt. Sich dessen bewusst zu sein ist einer der Schlüssel für gute, erfolgreiche und nachhaltige Unternehmensführung.

Sie kennen das: Sie sind in einem Raum und FÜHLEN, wissen aber nicht genau, weshalb Sie SO, und nicht anders fühlen.
Jeder Mensch hat seine Komfortzone, in der er sich sicher, also pudelwohl fühlt. Die Komfortzone ist dabei nicht als räumliche Dimension gemeint, obwohl auch das eine Rolle spielen kann. Es geht vielmehr um unterschiedliche Situationen.
Die Stationen meines Arbeitslebens beispielsweise verliefen sehr unterschiedlich: mal waren es eher kurze Zwischenstopps, mal hielt die Beziehung zu einem Arbeit- oder Auftraggeber einige Jahre. In einigen Fällen ist die Beziehung bis heute stabil, für manche Kunden arbeite ich sein zehn Jahren oder länger. Diese Kunden haben dabei sogar die Wechsel meiner persönlichen Perspektiven und Passionen, vom Marketing über Nachhaltigkeit bis zur Auseinandersetzung mit dem Thema Management, mitgemacht.
Auch die Trennungen voneinander waren äußerst divers: die einen verliefen in Freundschaft – hier hielten persönliche Beziehungen lange über die berufliche Trennung hinaus. Andere endeten im Streit, verbunden mit Hausverboten und gegenseitiger Nichtachtung.

Warum eigentlich? Woher kommen die Unterschiede? Welche Faktoren bestimmen darüber, ob ich mich wohlfühle, oder nicht? Und ob sich mein Arbeitgeber und meine Kollegen mit mir wohlfühlen? Eine entscheidende Frage, die dieses Buch ergründet, lautet: wie kann ich als Manager einer Abteilung, als Leiter eines Unternehmens oder als Initiator eines Projektes sicherstellen, mich auf die richtigen, die passenden Partner einzulassen? Und umgekehrt, aus der Sicht des Arbeitnehmers, Auftragnehmers oder Arbeitsuchenden: welches Unternehmen, welches Projekt passt zu mir?

Die Antwort liegt in der Komfortzone. Die Unternehmensprosa in Stellen-ausschreibungen beinhaltet Vieles, von „Aufstiegschancen“ und „Verantwortung“ ist da die Rede, von „tollen Teams“ und „herausfordernden Aufgaben“. Die Komfortzone aber, in die ein zukünftiger Arbeitsplatz einlädt, ist selten beschrieben. Ist es meine? Die Antwort entscheidet über Erfolg und Misserfolg der kommenden Monate und Jahre.
Das mit den „Herausforderungen“ ist nämlich so eine Sache: 80 Prozent der Tätigkeiten, die in klassischen Unternehmen verrichtet werden, haben absolut gar nichts herausforderndes, es sind Routineaufgaben, die sich täglich wiederholen. Die einzige Herausforderung besteht darin, nicht vom geregelten Weg abzukommen. Das passt eigentlich sehr gut, schließlich suchen 80 Prozent aller Arbeitnehmer keine herausfordernden Aufgaben. „Suche neue Herausforderungen“ ist meist, und alle wissen es, das Synonym dafür, dass man arbeitslos und auf Jobsuche ist.
Warum tun also wir so, als sei jeder Mensch ein Gefahrensucher, der sich nichts sehnlicher wünscht, als täglich knifflige Probleme lösen und neue Ufer zu erreichen? Wie kriegen Unternehmen es hin, Menschen ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend auf unterschiedliche Situationen vorzubereiten? Und wie führen wir Unternehmen erfolgreich, ohne uns oder unsere Mitarbeiter zu verbiegen.

Die Antwort gibt HOME Office. Es ist die Antwort auf die Frage: „Wo wohnst Du?“

 

In den Briefen ans Management geht es um…
  1. …eine Wende im Management
  2. …aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und unsere Rolle darin
  3. …Situationen, ihre Komplexität und die daraus resultierende vorhersagbarkeit von Zukunft
  4. …eine neue Sicht auf Personal und Persönlichkeit
  5. …die Implementierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen