Innovation

Der folgende Artikel ist eine Antwort auf einen Text aus dem Blog Mampels Welt, in dem der Autor Thomas Mampel nach dem Funktionieren von Innovation im sozialen Raum fragt. Meine Antwort: Echte Innovation setzt einen Mangel voraus, also unbeantwortete und relevante Fragen. Davon haben wir zurzeit viele.

Lieber Thomas,
zu Deinem Gedanken, ja Deiner Aufforderung geradezu, Innovation durch kreative, schöpferische Zerstörung voranzutreiben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal Stellung nehmen.
„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – dieses Zitat wird Victor Hugo zugeschrieben und er musste es wissen – er lebte und wirkte in der Zeit nach der Französischen Revolution, deren gesellschaftliche Auswirkungen wir bis heute spüren. Wir leben geradezu auf ihren Fundamenten.

Dein Aufruf zur schöpferischen Zerstörung leitet sich ja vom Wirtschaftswissenschaftler (und furiosen Lebemann) Joseph Schumpeter ab, der den Unternehmer als eben diesen schöpferischen Zerstörer interpretierte. Schumpeters „lange Wellen der innovativen Konjunktur“ belegen bis heute eindrucksvoll, dass etwas Neues erst durch einen Mangel entsteht, der behoben werden will. Bringe ich beide Gedanken, den von Hugo und den von Schumpeter, zusammen, so lautet die Aussage: „Nichts ist so zerstörerisch (und im nächsten Schritt so schöpferisch), wie eine Idee, deren Ende gekommen ist.“ Und die Idee, die ich meine, ist die Idee des Nationalstaates.

Staaten sind wie Geld, sie existieren eigentlich gar nicht. Papiergeld erhält seinen Wert

1. durch die Verabredung untereinander, das wir einem Schein einen bestimmten (aber nicht exakt bestimmbaren) Wert zuschreiben.

2. durch das Versprechen einer Zentralbank, dieses Papier zu akzeptieren und mit realen Werten abzudecken.

3. und nicht zuletzt dadurch, dass die große Mehrheit aller Beteiligten an die Idee „Geld“ glaubt.

Eine Verabredung also, Vertrauen untereinander, eine starke Institution sowie der Glaube an all das machen aus Metallmünzen, Papierscheinen und digitalen Ziffern eines der mächtigsten Systeme der Welt: Geld, mit all seinen Mechanismen und Auswirkungen.

Die Idee des Nationalstaates ist mindestens ebenso abstrakt, er wird ebenfalls durch Verabredungen, Vertrauen, starke Institutionen und den Glauben daran zusammengehalten. Und die Idee ist ebenso wirkmächtig, wie die Idee des Geldes. Der Unterschied, den ich sehe: Das Geld wird noch lange Bestand haben. Der Nationalstaat hat ausgedient. Ihm fehlen Antworten auf nahezu alle Fragen der Zukunft.

Wenn wir in einen Atlas oder in Google Maps auf das Gebilde „Deutschland“ schauen, das sich wiederum zu neun anderen (ebenso stolzen) Nationen abgrenzt, stellt sich bei den meisten von uns ein Gefühl von Identität ein. Egal, wie wir unserem (falls wir Deutsche sind) Land gegenüberstehen – ob wohlwollend oder skeptisch – die meisten von uns haben einen deutlichen Bezug. Wir setzen uns kritisch mit „unserer“ Geschichte auseinander, sind stolz auf „unser“ Land und zahlen Steuern. Dabei ist uns allen, aber erst wenn wir darüber nachdenken, klar, dass wir mit den allermeisten Menschen in Berlin, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern sehr wenig gemeinsam haben, wir kennen sie schlicht nicht. Und doch funktioniert die Idee. Spätestens seit 1848, seit dem Versuch, ein geeintes Deutschland zu schaffen (der zwar politisch scheiterte), war die Idee geboren. Und sie war, finde ich, klasse. Anders ausgedrückt: Ihre Zeit war gekommen, es war eine mächtige Idee. Kleinstaaten und Fürstentümer, deren Machtstreben zu Lasten der kleinen Leute ging, wurden zurückgedrängt. Sprache, Kultur und Wirtschaft erlebten einen Boom, der da ankam, wo er erzeugt wurde: bei den Bürgern. Die Idee des Nationalstaates war revolutionär und passte in die Zeit, die Zeit Victor Hugos. Seitdem hat es Deutschland zu Höchstleistungen gebracht, im Guten wie im Furchtbaren, wir sind Weltmeister in der systematischen Vernichtung von Menschen ebenso wie in der Herstellung von Landmaschinen, Autos und Werkzeugen. Es gab Zeiten, da ging es den allermeisten Menschen in Deutschland gut (im Vergleich zum Rest der Welt) und Zeiten, in denen Deutsche und Menschen anderer Nationen vor dem Deutschen Staat und seinen „Bürgern“ zittern mussten. Auf Vieles, das in unserem Land geschaffen wurde, bin ich stolz (und ich sage das mit Bedacht). Für anderes schäme ich mich.

Wie konnte es passieren, dass heute wieder Menschen anderer Nationen vor „besorgten Bürgern“ zittern und sich in Sicherheit bringen müssen? Unter ihnen ausgerechnet Menschen, die vor Krieg und Elend unter Lebensgefahr geflüchtet sind. Wie kann es sein, dass deutsche Rot Kreuz Helfer, die Zelte und Betten für Flüchtlinge aufstellen, angegriffen werden und anschließend zu Protokoll geben, so etwas hätten sie noch nie und nirgendwo sonst erlebt?

Es sind aber nicht die Schreihälse aus Freital, Lübeck oder Dresden, die mich am Nationalstaat Deutschland zweifeln lassen. Noch nicht einmal die Nationalsozialisten haben Deutschland beseitigen können, auch wenn sie am dichtesten dran waren. Nur ein paar Jahre, nachdem sie ihr Land moralisch und in nahezu jeder Hinsicht zerstört hatten, gelangte Deutschland zu mehr Ansehen, mehr Wohlstand und mehr Macht, als jemals zuvor. Nein, es ist jemand anderes, der durch sein Verhalten die Formen und Verabredungen unseres Zusammenlebens völlig in Frage stellt: der Flüchtling. Er steht vor unserer Tür und sagt, sinngemäß: „Ich möchte etwas abhaben vom Kuchen. Zumindest so viel, dass ich und meine Familie davon leben können. Ich bin auch bereit, bei der Herstellung zukünftiger Kuchen mitzuwirken. Ich kann backen und kenne Rezepte.“

Was wollen wir ihm antworten? Was können wir ihm antworten? Dass es „unser“ Kuchen ist, wir ihn aber gerne teilhaben lassen?

Wenn ich den Satz denke „Wir haben Deutschland aufgebaut“, dann sehe ich alte Menschen vor mir, die sich die Rente durch ihre Lebensleistung, wie man so schön sagt, redlich verdient haben (der eine oder andere auch unredlich, das tut hier aber nichts zur Sache). Vielleicht waren sie Postbote, Dachdecker oder Beamte. Sie haben möglicherweise tausende (wahrscheinlich zehntausende) Briefe an ihre Empfänger zugestellt. Sie haben dutzende Dächer gedeckt oder, als Beamte, unzählige Anträge bearbeitet – aber Deutschland aufgebaut hat keiner von ihnen. Ich kann auch meine eigene Lebensleistung beispielhaft heranziehen: ich habe drei Firmen gegründet, keine von denen ist (in der abstrakten Idee „Geld“ bemessen) besonders viel wert, aber sie ernähren mich. Von den Steuern (und Säumniszuschlägen), die ich Zeit meines Lebens gezahlt habe, kann die Stadt Berlin sich bestenfalls eine neue Parkuhr leisten, viel mehr nicht. Ebenso wie die Pensionäre bin ich weit davon entfernt, Deutschland aufgebaut zu haben. Aber Deutschland existiert, und zwar als Land voller Chancen, Annehmlichkeiten, Wohlstand und Möglichkeiten, es ist ein Land, dass so unglaublich verheißungsvoll in die Zukunft zeigt, dass einem schwindelig werden kann pop over to this web-site. „Unser“ Land ist ein Produkt komplexer, global angelegter und sich dynamisch verändernder Prozesse. Der Kuchen, von dem hier also die Rede ist, der hier angehäufte und genutzte Wohlstand, besteht zu einem guten Teil aus den Zutaten des Flüchtlings: Palmöl, Rohöl, Kupfer und andere Rohstoffe zum Beispiel, die der Flüchtling möglicherweise, als er noch kein Flüchtling war, selbst der Erde abgetrotzt hat. Kaffee, Kakao und Bananen, die er und seine Frau, wenn sie Bauern oder Tagelöhner waren bevor sie Flüchtlinge wurden, gepflanzt, gepflegt und geerntet haben. Während meine beiden Mädchen die Schule besuchen, haben seine Kinder vielleicht gerade deren Kleidung genäht – günstige, bunte T-Shirts und Hosen. „Unser“ Wohlstand, dieser Kuchen, beruht nicht zuletzt auf der Arbeitskraft der Flüchtlingsfamilie – und jetzt steht sie an der Tür. Was nun?

Ein anderes Bild: in einem Raum sind unterschiedliche Menschen versammelt, alle haben gemeinsam, dass sie in Deutschland leben. Auch die Bundeskanzlerin ist dabei, ihre Mitarbeiter haben zum „Bürgerdialog“ geladen, einer Veranstaltung, in der es darum geht, Angela Merkel mit Menschen ins Gespräch zu bringen. Wir alle haben gesehen (wer nicht, kann bei Youtube nachschauen), wie Angela Merkel dem palästinensischen Mädchen Reem erklärte, warum sie mit Abschiebung zu rechnen hat: weil sie Palästinenserin ist. Absurd, ein Raum voller Menschen, einer wird nur geduldet, es ist eine Frage der Nationalität. Der Grundgedanke „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ hat in einer globalen Welt keinen Bestand mehr. Egal, ob die Idee des Nationalstaates mir sympathisch erscheint, oder nicht, sie funktioniert nicht mehr. Ich hatte 50 tolle Jahre, in und mit „meinem“ Land, Jahre der Sicherheit, der Freiheit und des Friedens, und ich hatte viel Spaß. Aber jetzt müssen wir, fürchte ich, neu verhandeln. Ich fühle mich einigen Menschen, die keine Deutschen sind, sehr nahe: Ukrainer, Rumänen, Schweden. Mit denen teile ich Vieles, Interessen und Sichtweisen beispielsweise. Warum muss ein palästinensisches Mädchen verschwinden, nur weil sie Palästinenserin ist? Was unterscheidet, was verbindet?

Deutschland gehen die Antworten an Flüchtlinge aus, und zwar nicht, weil wir zu wenig Geld haben oder zu wenige hilfsbereite Menschen (beides ist nicht der Fall). Die Antworten, die Deutschland geben kann, sind aus der Zeit gefallen, sie werden immer aus der Perspektive „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ formuliert. Egal, ob ich jemanden Willkommen heiße oder mich im mit finsterer Mine vor sein neues Zuhause stelle – ich gehe immer davon aus, dass es irgendwie mein Kuchen ist, den ich teile.

Die französische Revolution, Victor Hugo und Joseph Schumpeter – bewegte Zeiten waren das im neunzehnten Jahrhundert, und so mancher europäische Nationalstaat von heute hat seine Wurzeln auch in dieser Zeit. Und heute? Frankreich nennt sich selbst die „Grande Nation“. England, das in den 80er Jahren praktisch seine gesamte Industrie selbst abgeschafft hat, zehrt bis heute eher von seiner Zeit als Weltmacht unter Segeln, als von heutiger, ökonomischer Stärke (es ist die abstrakte Idee des Geldes und der Finanzmärkte, die England in seiner heutigen Form am Leben hält). Deutsche Produkte sind immer noch als Qualität „Made in Germany“ weltweit beliebt, dabei erstreckt sich ihre Produktion längst über den gesamten Planeten. Germany funktioniert als Marke phantastisch – aber als Nation, deren Mitglieder sich hinter einer Idee, für die sie bereit wären, auf die Barrikaden zu gehen, versammeln? Wenn ich mir Cameron, Hollande und Merkel in einem Raum vorstelle, da ist vor lauter Ego nicht viel Platz für andere. Und die Energiequellen hierfür liegen überwiegend in längst Vergangenem. Man trifft sich, um sein jeweils eigenes Interesse möglichst durchzusetzen und nennt das „Europäische Union“.

Gekämpft haben Menschen aber immer für die Zukunft, und das ist meist die Zukunft anderer, die der Kinder und Enkel. Heute sind es die Flüchtlinge, die kämpfen. Die Nation der Flüchtlinge wächst Tag um Tag, es ist eine elende Nation, die wenig zu verlieren hat. „Die Elenden“ (Les miserables) so nannte auch Victor Hugo seinen Roman, der den Kampf auf Barrikaden für ein besseres Leben beschreibt. Der Kampf für ein besseres, lohnenswertes Leben, eine starke Idee, Energie aus einer ungewissen Zukunft. Fruchtbarer Boden für eine Revolution, für die Geburt einer starken Nation. Was haben wir dem entgegenzusetzen? Nichts vergleichbares, außer dem Festhalten an unserem Wohlstand. Das aber wird vergeblich sein.

Siegfried, eine Sagengestalt zwar, aber auch einer der Gründungsbotschafter der deutschen Nation, zog (in einer von unzähligen Versionen der Nibelungensage) mit den Burgundern gegen ein übermächtiges Heer zu Felde. Zu Beginn der erwarteten Schlacht ließ er seine Soldaten zurück und ritt allein auf die Gegner zu. Stunden vergingen, bis Siegfried, im Bunde und im vergnügten Gespräch mit dem gegnerischen Heerführer, zurückkam. Beide hatten beschlossen, die Schlacht ausfallen zu lassen und stattdessen gemeinsam in die Zukunft zu gehen, Land zu bestellen und Städte zu bauen – der Krieg kann warten. Eine Idee braucht Verabredungen, Vertrauen und Glauben.

Mit besten Grüßen an Dich, Deiner Leser und die meinen

Oliver