Politischer Kommentar

Pegida, TTIP und das Nürnberger Würstchen

#Pegida und #Nopegida

An Pegida stört mich alles, an Nopegida in letzter Zeit einiges. Richtig geärgert habe ich mich, als auf Twitter das Bild eines älteren Pegida Demonstranten begeistert retweetet wurde, dessen Schild im Wort „Islamisierung“ einen Fehler aufwies. Kommentar: #Idiot. Heute musste ich dieses Bild sogar in meiner hochgeschätzten Berliner Zeitung sehen. Hallo? Seit wann machen wir uns denn über Rechtschreibschwäche lustig? Der nächste Schritt ist dann, sich über humpelnde zu erheben – sind ja nur Nazis. Einmal abgesehen davon, dass ich die allermeisten Pegidas nicht für Nazis halte – diese Form der „Kritik“ ist nicht mein, ist nicht unser Niveau!

Ich gehe hart ins Gericht mit Nopegida, gerade weil es mir am Herzen liegt. Ich bin stolz und erleichtert, dass Massenaufmärsche, verdunkelte Gebäude und so manche Politiker klar stellen, wir leben nicht 1933, sondern sind in der Mehrheit tolerant und aufgeschlossen.

#TTIP

Wer die Diskussion um das Wirtschaftsabkommen TTIP verfolgt, der könnte meinen, alle fressen Scheiße, nur wir nicht. Ich drücke das so drastisch aus, weil mich die Situation an eine ähnliche in den 80-er Jahren erinnert. Das deutsche Reinheitsgebot für Bier von 1516, nach dem ausschließlich mit den Zutaten Wasser, Malz und Hopfen gebraut werden darf, war nicht zu halten. Der deutsche Markt musste sich auf Druck der EU ausländischen Bieren, und damit auch anderen Rezepten öffnen. Die Panikmache begann, und sie war nicht nur gesteuert vom heimischen Brauereiwesen. Selbst die Tagesthemen fragten ängstlich: „Wann kommen sie wohl, die Billigbiere aus dem Ausland?“.

Ein paar Monate später tranken wir mexikanisches Maisbier aus der Flasche, garniert mit einem Scheibchen Limette, und waren beseelt vom frischen Wind ganz ohne alte Bierseeligkeit. Ernsthafte Erkrankungen, allergische Reaktionen oder gar der Untergang des Abendlandes sind mir nicht in Erinnerung.

Auch TTIP werden wir überleben. Nürnberger Rostbratwurst kommt aus Nürnberg, und das ist gut so, tatsächlich möchte ich keine Nürnberger Rostbratwurst aus Tennessee essen. Aber schon heute habe ich keine Ahnung, woher das Fleisch der Bratwurst kommt: Aus Nürnberg? Aus Wrocław? Aus Xinjiang? Die Vergabe von Herkunfts- und Gütesiegeln in der EU ist so unübersichtlich, dass wir uns nicht aufs hohe Ross setzen sollten. Hart verhandeln um vernünftige und nachvollziehbare Standards sollte die EU allemal, nur diese geozentrische Hochnäsigkeit nervt und erinnert eben auch an Pegida.

Einwanderung und die Öffnung von Märkten sind zwei Seiten einer Medaille, ich bejahe beide von Herzen. Die auszuhandelnde Frage ist dann das „Wie“, nicht aber das „Ob“.
Das Leben ist wie ein großer Fluss. Die Richtung des Ganzen ist vorherbestimmt. Ich als kleines Teilchen kann aber immer beeinflussen wie ich mich bewege. Schwimme ich rechts oder links in Ufernähe, lasse ich mich einfach treiben? Oder schwimme ich auch mal, solange die Kraft reicht, gegen den Strom?

Allen Pegida Anhängern, allen Skeptikern, allen Freunden, Bekannten und Kollegen, allen Lesern dieses Blogs und nicht zuletzt mir selbst rufe ich zu: Habt Mut! Habt Zuversicht! Begrüßt die Flüchtlinge und Einwanderer ebenso, wie Ihr den morgigen Tag begrüßt. Für beide gilt: wir wissen nicht, was er mitbringt, aber wir haben es doch selbst in der Hand! Die Zukunft gehört uns gemeinsam und steckt voller Wunder.

Du lebst auf einem blauen Planet, der sich um einen Feuerball dreht, mit ´nem Mond, der die Meere bewegt – und Du glaubst nicht an Wunder?

Ich glaube.

2 Gedanken zu „
Politischer Kommentar

Pegida, TTIP und das Nürnberger Würstchen

  1. Lieber Oli, ich schätze zwar Deine Gedanken im Wesentlichen, aber hier denkst Du m.E. nicht weit genug. Unser Ernährungsverhalten ist weitaus einflussreicher auf unsere Umwelt und damit auch auf uns, als Du denkst.
    Die Qualtät der Nahrungsmittel, das heißt in diesem Falle ohne veränderte Gene, ohne Pestizide und überflüssigen Kunstdünger wirkt sich sehr viel stärker auf die Landschaft und das ganze Ökosystem aus, als Ihr „Großstädter“ es wahrnehmen könnt
    Der ganze Kommentar wurde hier als Artikel bzw. als Gastkommentar veröffentlicht.

  2. Lieber Burkhard,
    vielen Dank für Deine Auseinandersetzung mit dem Artikel und Deinen ausführlichen Kommentar. Er enthält so viele wichtige EInzelheiten, dass ich nicht auf jeden Absatz eingehen kann. Ich gebe Dir auch nur zu gerne Recht: wir brauchen keine Pestizide, keine genetisch veränderten Lebensmittel und nicht noch mehr überflüssige Produkte, die unter enormem Energieaufwand hergestellt, transportiert, verbraucht und weggeworfen werden.
    Ich sehe nur den Frontverlauf nicht so klar zwischen EU und USA, wie es manchmal erscheint. Als Antwort auf Deinen Text habe ich den neuesten Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“ geschrieben. Wir müssen Verbündete und Vernünftige in aller Welt suchen – und uns immer wieder selbst ehrlich und kritisch fragen, wo wir stehen.
    Alles Gute – Oliver

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