Flucht und Verantwortung

Was tun mit unserem Geld?

In Deutschland wird wieder selektiert, und zwar in „politische –„ und „Wirtschaftsflüchtlinge“. Statt aber davor Angst zu haben, dass Flüchtlinge uns belasten könnten, sollten wir uns lieber fragen, wie lange wir es uns noch leisten können, sie auszusperren.

Wir haben offenbar einfach kein Geld, uns auch noch um die Wirtschaftsflüchtlinge zu kümmern. In meinem Heimatort Krummesse beispielweise, 2.800 Einwohner, denkt der örtliche Sportverein darüber nach, einen Kunstrasenplatz anzuschaffen. Kosten: 700.000 Euro. Da ich nicht selber Fußball spiele, kann ich auch nicht beurteilen, welchen Vorteil der Kunstrasen gegenüber dem Naturrasen bringt. Ein guter Grund für die Anschaffung liegt aber auf der Hand: In Kronsforde, 500 Einwohner und zwei Kilometer weiter gelegen, bauen sie gerade einen. Da darf Krummesse natürlich nicht hintanstehen.

Rehna liegt ca. 30 Kilometer weiter im wohlhabenden Mecklenburg Vorpommern und ist nicht viel größer. Hier steht ein Leiterwagen auf dem Wunschzettel der Freiwilligen Feuerwehr, 300.000 Euro müssen dafür aufgetrieben werden. Es gibt in Rehna außer einem mittelalterlichen Kirchturm keine nennenswerten Hochbauten und die umliegenden Feuerwehren sind bereits mit Leitern gesegnet, Anfahrt im Notfall: 7 Minuten. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen: Jeder Junge weiß um den Wert eines Feuerwehrautos, eines roten Leiterwagens. Ein Traum.

Deutschland ist das Land solcher Träume, und viele von ihnen gehen in Erfüllung. Nicht nur in der Provinz, wir Berliner wissen (und ich fürchte, auch der Rest der Welt weiß) wovon ich rede: Ein internationaler Airport, ein Stadtschloss, eine Opernsanierung. Die da oben eben… Und wir? Wir sparen wo wir können… Der Strom- und Wasserverbrauch einer Waschmaschine beispielsweise ist seit den 50-er Jahren auf ein Zehntel gesunken! Allerdings hat sich der Gesamtverbrauch an Wäschepflege pro Kopf im gleichen Zeitraum verzehnfacht. Es muss halt nicht nur besonders sauber, sondern auch besonders schnell wieder trocken sein.

Unterm Strich darf man unsere Haltung wohl so zusammenfassen: Für ein paar Wirtschaftsflüchtlinge weniger Wäsche waschen, eventuell sogar auf das Niveau der 50-er Jahre zurückfallen, undenkbar. Zwar sind mir keine Geschichten überliefert, die von untragbaren hygienischen Zuständen der Wirtschaftwunderzeit berichten – trotzdem. Feuerwehrleiter, Kunstrasenplatz, Stadtschloss – wir nennen es Wohlstand, Ökonomen hauchen liebevoll: Wachstum.

Denen darf ich hier etwas verraten. Flüchtlinge aufzunehmen kostet Geld und ist anstrengend. Das Wachstum aber, das wir haben werden, wenn wir Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen, wird bald mit dem der 50-er Jahre vergleichbar sein. Wachstum ergibt sich am besten aus Umbruchsituationen, in der Regel sind dies Kriege und Katastrophen. Hier könnten wir Wachstumsschübe erzeugen, ohne zuvor einen Krieg anzuzetteln. Im Gegenteil, wir retten Leben. Und im Gegensatz zu Freiwilliger Feuerwehr, Stadtschloss, Weichspülgang und Wäschetrockner sind Flüchtlinge, wenn man sie lässt, produktiv. Wahrscheinlich besonders diejenigen, die wir als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Vielleicht haben wir sie ja so genannt, weil es sich in der Regel um motivierte Menschen handelt, die sich möglichst schnell in ein funktionierendes Wirtschaftssystem einbringen wollen.

Auch sie haben Träume, unerfüllte: Eine Familie ernähren zu können, eine Wohnung, ein Auto möglicherweise? Vielleicht ein Studium und eine Perspektive auf ein Leben. Relativ bescheidene Wünsche, erfüllbar eigentlich, zumindest für uns, die hier Geborenen und Aufgewachsenen. So ähnlich stelle ich mir die Sehnsüchte der Nachkriegsgeneration, die mit dieser Motivation als Motor das Wirtschaftwunder entfacht und getragen hat – alles war möglich. Und heute? Schaffen wir es, unsere Angst und unsere Schockstarre zu überwinden und Einwanderung zu ermöglichen?
Einmal ist es uns schon gelungen, die deutsche Wirtschaft brauchte damals auch dringend Arbeitskraft. Die Italiener eröffneten ihre Eisdielen und arbeiteten bei Bosch und Daimler. Die Türken der ersten Generation hatten neben Jobs am Fliessband Gemüseläden und Bäckereien, heute sind sie für einen erheblichen Teil des Inlandsproduktes verantwortlich. Noch doller treiben es die Vietnamesen: Die Eltern stehen eigentlich nur im eigenen Spätkauf, um ihren Kindern das Studium in der Medizin oder im Maschinenbau zu ermöglichen.

Was passiert, wenn wir Afrikaner nach Europa lassen, in das alte und stolze Europa, das so dringend einen Innovationsschub braucht? Was werden ihre Kinder studieren? Was werden DIE mit UNS machen, bevor beides zu einem NEUEN GANZEN wird? Ich möchte es gerne wagen, unbedingt.

Dieser Artikel ist Veronika und Thomas Mampel gewidmet, zwei von vielen unermüdlich Engagierten, ohne die die Welt eine andere wäre.

https://mampel.wordpress.com/