Eine Weihnachtsgeschichte

Mach weiter, Lisa!

Bad Wimpfen ist ein verschlafenes Nest in der schwäbischen Provinz. Jahrhunderte alte Fachwerkhäuser lehnen sich aneinander um nicht auf der Stelle umzufallen, die wachsende Zahl der Rentner und die immer weniger werdenden Kurgäste tun es ihnen nach.

Hier in Bad Wimpfen lebt und arbeitet das Ärzte-Ehepaar Al Khoudri, genauer gesagt Dr. Christiane Krestel Al Khoudri und ihr syrischer Ehemann Dr. Bassam Al Khoudri. Der Großteil der Familie lebte bis vor kurzem noch nahe Damaskus und konnte dort nicht mehr sicher zur Arbeit und zur Schule gehen. Für die Al Khourdris in Bad Wimpfen gibt es seit zwei Jahren nur ein Ziel: die Familie zu retten. Bassam Al Khoudri und seine Frau setzten sich mit Behörden in Verbindung, kämpften um Einreisgenehmigungen und unterschrieben, für alle aufzukommen. Die Geschwister Bassams durften dann tatsächlich nach Deutschland einreisen, mit Ehepartnern und ihren minderjährigen Kindern, im November 2013 kam der erste Teil der Familie, bis heute sind es rund 40 Personen. 40 Menschen sind gerettet vor Krieg und Zerstörung, aber es sind eben zu viele, um von einem Ehepaar in Würde untergebracht, versorgt und versichert zu werden.

Seit die Al Koudris mit Wohnraum und Geld an ihre Grenzen kommen, sammelt die Stadt Spenden, veranstaltet Abende und räumt ungenutzten Wohnraum leer. Mit den Spenden der 2.800 köpfigen evangelischen Gemeinde konnte die Miete für ein ganzes Haus bezahlt werden in dem ein Teil der syrischen Großfamilie lebt. Es gibt Hausaufgabenhilfen und Deutschunterricht, die 14-jährige Maria konnte so bereits von der Hauptschule auf das örtliche Gymnasium wechseln. Zurzeit wird ein weiteres, leerstehendes Haus ausgeräumt und um eine zweite Küche erweitert. „Unsere Syrer“ ist in Bad Wimpfen inzwischen ein geflügeltes Wort.

Lisa aus Bad Wimpfen, 16 Jahre alt, wollte einen Schritt weitergehen. „Die Al Khoudris sind in Sicherheit, auch wenn ihre Situation schwierig ist. Aber was ist mit den Menschen, die noch auf der Flucht sind, oder untergekommen in einem türkischen Zeltlager?“ Lisa wollte helfen, konnte mit Spenden aber nicht dienen. Sie kann aber Geige spielen, und wer musiziert, ist damit meistens nicht allein. So veranstaltete sie mit Hilfe der evangelischen Kirchengemeinde einen Abend, zehn Musiker und ein Chor. Auch die Al Koudris waren dabei, es kamen 767,70 Euro zusammen, die umgehend gespendet wurden.

Benefizkonzert

Lisa ist nun enttäuscht, weil der Abend nur von 60 Personen besucht wurde, sie hatte mit mehr gerechnet. Ich finde 60 Menschen sind viele.

Mach weiter, Lisa! Mach gemeinsam mit der Kirche eine monatliche Veranstaltung daraus. Selbst wenn nur hundert, nur fünfzig Euro zusammen kommen, es lohnt sich. Und ich glaube, es wird eher mehr, als weniger Geld. Ich glaube, dass viele Menschen helfen wollen, aber keinen Ansatz finden. Ein monatliches Konzert, bei dem wir spenden und gleichzeitig Menschen treffen können. Menschen, die helfen wollen und Menschen, denen geholfen wurde – was gibt es besseres? Mach weiter Lisa!

Bunt und farbenfroh

Ich widme meine Weihnachtsgeschichte Anna Schmidt, die ich hoch schätze. In ihrem Blog „Bunt und Farbenfroh“ sorgt sie sich um den Zustand unseres Landes und um die Zukunft ihres Neffen, angesichts einer scheinbar breiten, fremdenfeindlichen Haltung, die es auf die Straße zieht, und die sich den Namen Pegida gibt („Unter der Mütze versteckt“ von Anna Schmidt).

Liebe Frau Schmidt, auch in mir weckt es Angst und Unbehagen, wenn, wie ´33, ein Sündenbock gesucht, gefunden und angefeindet wird. Aber im Unterschied zur finstersten Stunde unserer Geschichte gibt es heute tausende von Gegendemonstranten. Es gibt einen Bundespräsidenten, der in seiner Weihnachtsansprache zu Hilfe und zu Unterstützung für Flüchtlinge aufruft. Es gibt einen Twitter Shit Storm GEGEN Pegida, der jeden Montag zu einem Orkan anschwillt. Und es gibt Lisa, die stille Demonstrantin. Es gibt sie in Bad Wimpfen, in Berlin Steglitz und überall dort, wo Menschen helfen, spenden und gemeinsam Willkommen heißen.

Das alles wissen Sie, liebe Frau Schmidt, besser als ich, denn sie engagieren sich ja selbst. Sorgen sie sich nicht um das Wohl Ihres Neffen, er wächst hinein in eine bunte und bewegte Gesellschaft. Nicht „die Ausländer“, Menschen anderer Hautfarbe oder „anderen Glaubens“ (was soll das überhaupt sein?) sind die Minderheit – sie sind längst diejenigen, die unsere gemeinsame Zukunft mitschreiben. Die Minderheit, die wir wohl zähneknirschend tolerieren müssen, weil es sie immer geben wird, sind die Pegida Anhänger. Aus dieser Position heraus gehen sie auf die Straße, sie verlieren den Boden unter den Füßen. Und das ist gut so, die allermeisten von denen werden sich wieder beruhigen und unsere Welt so akzeptieren, wie sie ist: bunt, farbenfroh und einzigartig.


Lisa ist übrigens die Enkelin von Opa Oskar, dessen Flüchtlinggeschichte von ´44 ich hier bereits beschrieben habe. Sie sieht da keinen Zusammenhang. Ich denke, hier schließt sich ein Lebenskreis.

2 Gedanken zu „
Eine Weihnachtsgeschichte

Mach weiter, Lisa!

  1. Lieber Herr Schmidt,

    seit zwei Tagen überlege ich meine Antwort – mir wurde noch nie etwas gewidmet und dann ist es gleich so eine schöne, besonders hoffnungsvolle Geschichte! Ich fühle mich sehr geehrt. Dennoch ist die Dankbarkeit größer, denn – ja, Sie haben natürlich und glücklicher Weise vollkommen Recht.

    Allein der Satz: „Nicht „die Ausländer“, Menschen anderer Hautfarbe oder „anderen Glaubens“ (was soll das überhaupt sein?) sind die Minderheit – sie sind längst diejenigen, die unsere gemeinsame Zukunft mitschreiben.“ … ich habe ihn meinem Bruder, dem Vater meines ungeborenen Neffen, vorgelesen und es hat ihm und mir sehr gut getan!

    In einem anderen Blog las ich den Appell, seine Meinung dazu laut, öffentlich und deutlich zu sagen: „Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Leute damit durchkommen, wenn sie sagen, dass die Mehrheit der Deutschen hinter ihnen stünde.“ …. das, denke ich, ist genau der richtige Weg. (Ich erlaube mir den Link zu dem vollständigen Text: http://iranique.wordpress.com/2014/12/18/ein-appell-oder-auslanderhass-und-die-grenzen-der-aufklarung/ ).

    Sie haben mir sehr geholfen, einen anderen, sehr viel positiveren und den richtigen Blick, auf diese ganze Sache zu werfen und auch dafür – herzlichen Dank! Opa Oskar (dessen Geschichte mich auch schon sehr gefesselt hatte) hat eine bewundernswerte Enkelin – mögen viele ihrem Beispiel folgen!

    Vielen herzlichen Dank und liebe Weihnachtsgrüße!

    Anna Schmidt

  2. Liebe Frau Schmidt, vielen lieben Dank für Ihre Nachricht und auch für den Hinweis auf das schöne Blog „iranique, Herz im Kopf“!
    Wir sehen uns ja bald „im echten Leben“, worauf ich mich schon freue. Bis dahin alles Gute!

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