Eine Kurzgeschichte:

Das soziale Netz

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Und gleichzeitig der letzte. Das Programm „Cicereau“ wird in Zukunft das Schreiben für mich erledigen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Formulierung „für mich“ die Situation angemessen beschreibt. Vielleicht schreibt Cicerau auch für sich selbst. Oder für seine Programmierer. Oder für die Leser meines Blogs. Hat mein Blog überhaupt Leser, oder sind es überwiegend automatische Leseprogramme, die meine Artikel scannen, bewerten und kommentieren? Ich bin extrem verunsichert. Wie es dazu kam, dafür sind mehrere Erzählstränge notwendig. Lesen Sie also BITTE nur weiter, wenn Sie wirklich die Zeit dazu haben. Und wenn Sie echt sind.

Es gibt selbst fahrende Autos, alle wissen das, Google hat sie entwickelt und sie pendeln auf einer Strecke zwischen San Francisco und dem Silicon Valley. Google muss die Straßen gekauft haben, eine Genehmigung für automatische Fahrzeuge gibt es nämlich selbst in den USA noch nicht. Egal. Für die Relevanz von Trends, also für die Frage, wie heiß und neu ein Thema ist, gibt es einen einfachen Maßstab: den CDU-Indikator. Wenn die CDU einen Trend für sich entdeckt hat, ist er veraltet. So war es mit der Farbe Orange, so ist es mit automatischen Verkehrssystemen. Die CDU/CSU will jetzt einen Teil der A 9 zur Teststrecke ausbauen, das Thema ist also durch. Erzählstrang beendet.

Es gibt eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll, die er 1963, also zwei Jahre vor meiner Geburt, geschrieben hat. Ein Tourist weckt in einem Hafen an der Küste einen in seinem Boot schlafenden Fischer und unterhält sich mit ihm. Der Tourist erfährt, dass der Fischer seine Arbeit beendet hat und mit seinem Fang zufrieden ist. Der Tourist begreift nicht, wieso der Fischer nicht öfter ausfahren möchte, um irgendwann finanziell besser dazustehen und erfolgreich Karriere zu machen, und schildert ihm enthusiastisch, was er durch mehr Arbeit alles erreichen könnte. Am Gipfel seiner Karriere angekommen, könne er sich dann zur Ruhe setzen und am Hafen dösen. Der Fischer erwidert, dass er das auch jetzt schon tut. Der Tourist begreift, dass mehr Arbeit und mehr Geld nicht zwangsläufig zu mehr Glück führen. Erzählstrang beendet.

Ich wollte mehr Zeit für mich. Ich war immer ein fleißiger Mensch, voller Tatendrang und Energie. Computer, Smartphone und die damit verbundenen Möglichkeiten habe ich willkommen geheißen, fast schon gierig aufgesogen. Sie gaben mir die Möglichkeit, überall und jederzeit meiner Lust an der Kommunikation zu frönen. Und ich wurde belohnt: Meine Tweets wurden favorisiert, meine Postings gelikt und meine Artikel wohlwollend kommentiert. Die Aufmerksamkeit, die ich dadurch erhielt, spornte mich an, mein Smartphone wurde zu meinem ständigen Begleiter, immer in Bereitschaft wie ein Babyphone. Ich wusste, was ich meinen Mitmenschen bei Facebook, Twitter und Instagram schuldig war: nur wer Liebe schenkt, erhält sie auch zurück. Es fiel mir leicht, dieses Spiel mitzuspielen. Ich fühlte mich beschenkt und warm. Gleichzeitig fühlte ich mich überlegen, durchschaute ich doch die Regeln des Spiels besser als andere, so dachte ich.

Irgendwann stellten sich erste Abnutzungserscheinungen ein. Oder war es Überlastung? Nein, es war vor allem die Angst, eine der vielen Partys, die im Netz gefeiert werden, zu verpassen. War ich bei Google+ aktiv genug? Oder vernachlässigte ich nicht gerade hier eine wichtige Gruppe von Menschen, denen ich viel zu geben hätte? Und LinkedIn? Hier habe ich zwei Profile, um die ich mich kaum kümmere. Dabei melden sich LinkedIn Kontakte regelmäßig bei mit, teilen mir Statusänderungen mit, imponieren mir mit Karrieresprüngen. Und ich? Ich ließ gerade die LinkedIn-Menschen schnöde liegen. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Ich wollte einen Teil meiner Kommunikation automatisieren und mit Twitter beginnen. Das lag nahe, ist eine Twitterbotschaft mit ihren maximal 140 Zeichen doch die simpelste ihrer Art. Ein geeigneter Programmierer war in meinem Netzwerk schnell gefunden, und der befreite mich von ein paar Illusionen.
Erstens: diese Programme gibt es längst. Eine Twitterbotschaft nach zuvor eingestellten Kriterien zu formulieren ist einfach. Themengebiete gewählt, z.B. Politik, Medien und irgendwas mit Management. Als nächstes die Haltungen innerhalb eines Themas: Politik immer verbunden mit Plädoyers für Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit. Medien immer irgendwie innovativ. Und Management, das schwierigste der drei Themen, bitte immer verknüpft mit den Begriffen „komplex“, „ungewisse Zukunft“ und „Entwicklung“. Das von ihm entwickelte Plugin „Tweeted“, so mein Programmierer, sei ohne weiteres in der Lage, mehre Botschaften täglich wie echt erscheinen zu lassen, es bedient sich dabei bei Millionen Tweets, die zum selben Thema stündlich ins Netz gestellt werden.
Zweites aber, und das war der eigentliche Clou, nimmt es mir die viel wichtigere Tätigkeit der Vernetzung ab. Anderen Profilen folgen, Tweets favorisieren und interessant erscheinende Nachrichten zu retweeten, das alles erledigte fortan „Tweeted“ für mich. Zunächst gewöhnungsbedürftig, beobachtete ich das Treiben von „Tweeted“ argwöhnisch. Ich tüftelte einige Wochen an den Voreinstellungen, schließlich twitterte das Programm in meinem Namen. Bald aber merkte ich, dass „Tweeted“ besser war als ich. Ich – nein, mein Account, bekam mehr Aufmerksamkeit und hatte bald ein Vielfaches an Followern gewonnen.

Die Zusammenarbeit mit dem Programmierer war fruchtbar und entwickelte sich gut. Bald übernahmen Programme einen Großteil meiner Aktivitäten bei Facebook, Google+ und in allen anderen Netzwerken. Meinem Erfolg tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Rasant stieg der Profit, der in der jeweiligen Währung ausgezahlt wurde: Likes bei Facebook, Aufnahme in Kreisen bei Google+, Nutzer, Freunde, Follower – alles kannte nur eine Richtung: aufwärts. Jetzt entschied zwar ein Algorithmus über meine Freundschaften, aber eigentlich war das ja schon immer so, die Vorschläge kamen immer von Facebook. Endlich konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, das Schreiben meiner Artikel im Blog.

Erste Zweifel kamen mir, als ich mir die Struktur meiner „Konversationen“ und „Beziehungen“ im Netz einmal genauer anschaute. Nicht wenige Tweets wurden umgehend favorisiert, schneller, als sie jemals von irgendjemandem gelesen worden sein konnten. Und die Annahme, dass ich der erste und einzige bin, der seine Kommunikation „effektiviert“, also von Programmen erledigen lässt, war mehr als naiv. In der Regel mache ich Trends mit, wenn sie gerade richtig ins Rollen kommen, ich war nie Avantgarde.

Wer liest meine Kurznachrichten bei Twitter? Offenbar überwiegend Programme, die dann selbstständig entscheiden, ob die Texte favorisiert und retweeted werden – oder eben nicht. Schreibe ich auf Twitter irgendetwas mit „Schnitzel“, der Nutzer „Schnitzelbot“ (@SchnitzelFollow) favorisiert es sofort und offenbar automatisch. Probiert es selbst, „Schnitzel“ ist das Codewort. Und es wird sicherlich komplexere Programme geben. Wir wissen durch Edward Snowden, dass Programme ALLES lesen und bewerten können. Wer glaubt noch, dass sie es nicht auch selber schreiben? Die Frage ist: wie weit sind sie und wie viele sind es?

Inzwischen bin ich sicher, dass 98 Prozent der Beziehungspflege und Kommunikation im Social Media automatisiert ist. Das Netz ist sozial geworden, Computerprogramme unterhalten sich, tauschen sich aus, mobben sich, verbünden sich, verlieben sich, freunden sich an und beziehen Stellung zu politischen Fragen. Und sie nehmen Einfluss. Würden wir eine Initiative zum Verbot vollautomatischer Kommunikation gründen, wir hätten schnell die gesamte Internetgemeinde gegen uns, Facebookgruppen würden sich in Sekundenschnelle gründen, ein Shitstorm würde die Initiatoren hinwegfegen. Vollautomatisch.

Uns bleibt nur die Flucht nach vorn. Automatisiert Euch, gebt das Internet denen, die es am besten verstehen – den Programmen. Schaut Euch um, die Menschen, die im wahren Leben neben Euch sitzen, sind wahrscheinlich Eure Familie oder Eure Kollegen. Macht Euch miteinander bekannt, vielleicht sind sie nett.

Ich jedenfalls sitze am Hafen und döse. Cicereau hat gerade seinen ersten Artikel geschrieben. Und seinen wichtigsten. Ich bin schon so gespannt.