Kommentar:

Du Arschloch!

Eine Selbstanzeige

Würden wir heute die Wahl zum (sagen wir mal um Beleidigungsklagen zu vermeiden) „Underperformer“ der Woche austragen, dann hätten die folgenden Bewerber herausragende Chancen:

Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)
Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)

Europäische und amerikanische Firmen haben Luxemburg als gedeihliche Umgebung für ihr höchstes Gut entdeckt: ihr Geld. Über komplexe und eigens mit den luxemburgischen Behörden ausgehandelte Firmenkonstrukte zahlen sie im Extremfall weniger als ein Prozent Steuern – das fand ein internationales, jounalistisches Recherchenetzwerk heraus (Luxemburg Leaks, SZ).

Nun gab es ja schon immer Unternehmen und Menschen, die meinten, Steuern zahlen reicht als Engagement fürs Große Ganze vollkommen aus, aber einigen scheint selbst das zu viel geworden zu sein. Gleichzeitig fordern ihre Verbände aber mehr öffentliche Ausgaben für wichtige Infrastruktur wie Datennetzwerke und Transportsysteme – das passt nicht zusammen!

Und es gibt noch einen Kandidaten. Er bestellt regelmäßig Bücher und andere Produkte bei Amazon und steht seit Jahren auf Apple Computer. Bei jedem Klick auf „Kaufen“ denkt er: „Ich bin ja nur einer von Millionen und kann die Welt nicht ändern“. Ich schaue ihm jeden Morgen beim Blick in den Spiegel in die Augen. Du Arschloch!

Geben und nehmen

Die Frage, ob Anbieter oder Kunden für ihre gemeinsame Welt verantwortlich sind ist obsolet. Jeder hat seine Rolle und ist verantwortlich dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen: Unternehmen, Konsumenten, Gesetzgeber, Verbände – letztlich aber jeder Mensch.
Berliner sind von dem oben beschriebenen Modell doppelt betroffen: Bei Hauskäufen werden normalerweise Grunderwerbssteuern fällig, die dem Bundesland zugute kommen. Die Stadt Berlin hat über ihre Wohnungsbaugesellschaften aber Häuser nach Luxemburg verkauft, der Kauf lief dann steuerfrei. Den Berlinern entgeht Geld, das die Stadt gut gebrauchen könnte. Und die Mieter haben jetzt einen Hausbesitzer, der sich erfahrungsgemäß wenig um ihre Belange kümmert: eine luxemburgisch-kanadische Holding. Na vielen Dank! (NDR zum Thema)

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich gönne jedem seinen Reichtum, wenn er ihn sich erarbeitet, ererbt oder im Casino gewonnen hat, von Herzen. Aber die beschriebenen Modelle sind in meinen Augen, auch wenn sie nach luxemburgischen Gesetzen legal sind, Betrug. Und zwar an allen, die Steuern zahlen, die arbeiten und auch an denjenigen, die das Geld dringend benötigen: Kinder, Jugendliche, Studenten, Forscher, syrische Kriegsflüchtlinge sowie jeder Mensch, dem der öffentliche Raum nicht vollkommen egal ist. Leben hat etwas zu tun mit Balance aus Geben und Nehmen.