Der Gastkommentar:

Deutschland, bleibe

Der Gastkommentar

Gerit Probst, interkulturelle Trainerin, widerspricht meinem Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“. Sie schreibt: „Jeder Mensch braucht eine geistige und kulturelle Heimat, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt… die Geborgenheit gibt uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben…
Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für ‚Deutschland, bleibe’“

 

Deutschland, bleibe

von Gerit Probst
 

Wir alle sind in diesen Tagen aufgerüttelt vom Zeitgeschehen: im Namen der Religionen geschehen furchtbare Dinge: Charlie Hebdo – medial ganz vorne dran, Boko Haram mordet in Nigeria, kleine Mädchen werden zu Selbstmordattentätern, der saudische Blogger Raif Badawi wird öffentlich ausgepeitscht, ein Ägypter wegen Atheismus zu Gefängnis verurteilt, während Repräsentanten seines Landes in Paris geheuchelte Sympathie für Meinungsfreiheit bekunden, es wird entführt, enthauptet, geschmäht. Diverse Gidas und Nongidas bevölkern die Strassen; Flüchtlingsströme drängen nach Europa – plötzlich sind Salafisten und Islamismus in aller Mund, religiöser Fanatismus und die Angst vor dem Islam sowie die mahnenden Gegenstimmen dominieren die Schlagzeilen.

Von Krieg ist die Rede: Terror gegen Abendland und Freiheit – der Islam, die rückständige Religion der Gewalt und Intoleranz gegen die Moderne, gegen den Westen und seine Errungenschaften.

Diese Simplifizierung aber birgt den eigentlichen Sprengstoff: was fanatische Terroristen niemals erreichen könnten, vermag diese Art der Darstellung und Empfindens: einen Graben quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Wenn wir Islam gleichstellen mit Islamismus, jede Form des Salafismus gleich mit gewaltbereitem Extremismus, jeden Muslim unter Generalverdacht stellen, schaffen wir Zustände, die den Terroristen in die Hände spielen.

Nicht der Islam ist unser Feind.

Es ist eine Binsenweisheit, dass im Namen aller großen Religionen entsetzliche Gräueltaten verübt wurden und werden. Zugegebenermaßen: während Burenkriege, Missionierungen, Kreuzzüge, Inquisition und Pogrome im Dunkel der Geschichte zu verblassen drohen, drängen sich ISIL, Al Qaida, Boko Haram und wie sie alle heißen nachdrücklich ins Bewusstsein.

Ein zweiter Blick aber zeigt, dass nicht nur in Paris auch Muslime unter den Opfern waren: in Syrien, Irak, Nigeria etc. waren neben Yesiden und Kopten v.a. Tausende Muslime Opfer des fundamentalistischen Irrsinns. Auch heute noch kämpfen und töten nicht nur muslimische, sondern auch christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische und selbst konfuzianische Fundamentalisten im Namen ihrer Religionen; Fundamentalisten, welche den toleranten und milden Aspekten, die jeder Religion innewohnen, eine Absage erteilen.

Es gilt, gegen diesen Extremismus vorzugehen, gegen gewaltbereiten Fundamentalismus jeglicher Couleur. Nicht das Abendland muss sich gegen den Islam wehren – vielmehr sind es die friedlichen, offenen und toleranten Menschen dieser Welt, die sich – unabhängig von und ganz im Sinne ihrer Religionen gegen die Barbarei zur Wehr setzen müssen.

Der omanische Sultan Qaboos sagte – bezogen auf den Islam – in einer Rede im Jahr 2000: „Die freie Gesinnung, eigenständiges Nachdenken und selbstständige Entscheidungsfindung zu korrumpieren ist eine Todsünde. …“ Jede Religion bietet den Raum für eine offene, tolerante und versöhnliche Haltung und Lebensführung. Erfolgreich kann dies aber nur geschehen, wenn dem Fundamentalismus langfristig der Nährboden entzogen wird.
Militärische Mittel alleine können hier keine Lösung schaffen –vielmehr muss den Entstehungsursachen fundamentalistischer Strömungen entgegengewirkt werden: eine gewaltige, globale Herausforderung. Es ist schließlich kein Zufall, dass islamischer Terrorismus derzeit an so vielen Ecken der Welt aufbricht.

So segensreich viele Segnungen der Moderne sein mögen, einigen Teilen der Welt haben wir sie gewaltsam und wenig weitblickend angedeihen lassen. Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat dies einmal sehr anschaulich illustriert: „Wenn wir einen Kuchen mit falschen Zutaten (Reis statt Mehl etwa) und den falschen Geräten backen, wird das Endergebnis nicht mit dem Ideal des Rezepts übereinstimmen: es ist anders – es kann köstlich sein, kann aber auch ganz abscheulich werden. Vielleicht ist es besser, mit den vorhandenen und verfügbaren Techniken und Ingredienzen zu arbeiten, lokale Sachkenntnis (…) zu benutzen, um sich dem Vorbild möglichst weitgehend zu nähern. (…)einen eigenen, unverwechselbaren und modernen Kuchen zu backen.“

Es bedarf weltpolitischen Weitblicks, globaler wirtschaftlicher sowie politischer Ansätze und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühls, um nicht mit westlicher Arroganz neue Brandherde zu schaffen. Die gesellschaftlichen und politischen Zustände, Furcht und Orientierungslosigkeit sind wichtige Ursachen von Fundamentalismus, hier gilt es anzusetzen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine geistige und kulturelle Heimat braucht, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt. Auch hier mag man nicht jeden gleichermaßen, teilt nicht jedermanns Ansichten und ist oft uneins. Dennoch gibt die Geborgenheit uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben. Gemeinsam mit all den anderen warmherzigen und offenen Menschen weltweit, die auch alle ihre Nestwärme brauchen.

Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für „Deutschland bleibe!“