Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Management und Marketing spielen sich im echten Leben ab, meistens. Deshalb werden hier gesellschaftliche Zusammenhänge besprochen.

Ali geht es besser

Angela Merkel braucht jetzt, nach Sylvester und parteiinternen Streitereien, gute Nachrichten, habe ich kürzlich gelesen. Da ist sie bei mir richtig.

Die gute Nachricht ist: Arman will Koch werden. Auf seiner fünf Jahre dauernden Flucht von Afghanistan nach Deutschland hat er sich häufig mit Arbeiten in Restaurantküchen über Wasser gehalten, er kann Kochen und Kellnern. Gestern war er Gast in einem Ausbildungszentrum für Bioköche. Dabei wirkte er schüchtern, in Wirklichkeit war es nackte Angst, beruhend auf Erfahrungen, die ihn vorsichtig gemacht haben. Offenbar befürchtete er auch, auf Anhieb deutsch kochen und sprechen zu müssen – beides kann er nicht. Aber nicht nur Furcht hat Arman von seiner Reise mitgebracht, auch Menschenkenntnis und eine hohe Motivation. Er wird die Schule besuchen, deutsch lernen und Koch werden. Zurzeit unterstützt er im Flüchtlingswohnheim das Catering.

Auf einer Podiumsdiskussion über Ausbildungschancen für Geflüchtete war wieder einmal kein einziger Flüchtling zur Mitsprache eingeladen. Zum Glück saß Bashar aus Syrien im Publikum und meldete sich bald selbstbewusst zu Wort. Die Anerkennung seines Handwerksberufes dauert nun schon mehrere Monate, dabei will er unbedingt arbeiten. Sein Deutsch war fließend, obwohl er erst seit einem Jahr im Land ist. Die Vertreterin der IHK bemühte sich redlich, das System der Anerkennung von Berufsausbildungen zu verteidigen, aber es ist offenbar kompliziert. Bashar ließ nicht locker, seine höfliche Hartnäckigkeit war beeindruckend.

Und noch eine gute Nachricht: Ali geht es besser. Er kam gestern mit Herzmuskel- und Mandelentzündung ins Krankenhaus. Der Zustand mancher Jugendlicher ist elend nach ihrem Weg zu uns. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde er begleitet von Ismael, und ich vermute, nicht nur aus Freundschaft. Der junge Syrer möchte nämlich Arzt werden und paukt schon einmal Tag und Nacht deutsche Vokabeln. Der Besuch in einem deutschen Krankenhaus hatte womöglich auch mit seinem Berufswunsch zu tun, das würde zu ihm passen.

Ich möchte in ein paar Jahren bei Arman essen gehen. Bashars charmante Hartnäckigkeit wird uns helfen, unser eigenes, verknöchertes Berufsbildungssystem zu hinterfragen und zu erneuern, damit es wieder das beste der Welt wird. Und Ali? Wird er ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft, irgendwann? Keine Ahnung – er soll erst einmal gesund werden, das wäre eine verdammt gute Nachricht.

Ich schreibe, also bin ich

Vermutlich werden die Bosbachs dieser Welt trotz dieses Artikels nicht die nächsten 14 Tage über gute Nachrichten ebenso leidenschaftlich und ununterbrochen diskutieren, wie über die schlechten aus Köln. Und sicherlich werden die Gegner von Merkels Politik in Deutschland und Europa immer noch nicht die riesigen Chancen von Zuwanderung ehrlich den bestehenden Risiken und Schwierigkeiten gegenüberstellen. Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass gute Nachrichten, wenn sie auch selten zur Schlagzeile taugen, auf Dauer wahrgenommen werden.

Briefe ans Management, Teil 11 Liebes Management, heute feiern wir Halloween!

Heute ist Halloween – für viele Kinder meiner Siedlung der größte Feiertag des Jahres.
Ursprünglich „All Hallows Eve“, also der Vorabend zu Allerheiligen, wird Halloween immernoch als unchristlich, amerikanisch und kommerziell missverstanden. Tatsächlich ist es all das ja auch, mindestens im gleichen Maße wie unser Weihnachtsfest.

Ursprünglich kommt die Party aus dem katholischen Irland. Später pflegten die irischen Einwanderer in den USA ihre Bräuche in Erinnerung an die Heimat und bauten sie aus – nur dass aus der geschnitzten Rübe ein Kürbis wurde. Das „Rübengeistern“ ist auch bei Kindern im deutschsprachigen Raum schon immer beliebt – man muss aus dem, was man hat, das Beste machen.
Heute ziehen bei uns zu Halloween die Kinder als Darth Vader, Harry Potter oder Screems Ghostface durch die Siedlungen und werden von den meisten Erwachsenen in heimlicher Vorfreude erwartet. In kaum einem Land wird das Fest gefeiert wie in Spanien: Dort wird auf Friedhöfen der Toten gedacht, dabei gesungen, gelacht und geweint während die Kinder über die beleuchteten Gräber ihrer Vorfahren springen. Es geht darum, die Toten mit einem Besuch zu ehren und dabei die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit in der feiernden Gemeinschaft zumindest für einen Abend abzulegen.

Halloween ist also ein amerikanisches Unternehmen, heidnisch und kommerziell – mindestens ebenso wie es christlich und spirituell ist. ENTWICKLUNG ist immer komplex und verläuft gleichzeitig in verschiedene Richtungen. Nur wo Vorgänge EINFACH sind und in FESTEN RAHMENBEDINGUNGEN ablaufen, sind eine Ursache und ihre Wirkung leicht abschätzbar. Wo aber Entwicklung vielschichtig verläuft, hat ein Ergebnis viele Ursachen, die zusammenkommen – und jede Ursache eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Auswirkungen. Im Nachhinein ist Halloween geschichtlich beschreibbar – vorhersagen konnte es niemand.

KONTROLLE funktioniert hier nicht. Es gibt aber Handlungsempfehlungen:

  1. Kontrollverlust als Chance verstehen. Aus Zufällen und unvorhergesehenen Ereignissen lassen sich Wirkungen erzielen, wenn wir es zulassen. Die besten Entdeckungen und Erfindungen entspringen solchen überraschenden Gelegenheiten.
  2. Das Risiko des Scheiterns minimieren. Wer sich vor einer Unternehmung fragt, wie viel er einsetzen möchte, mindert sein Risiko. Da Zukunft nicht vorhersagbar ist, ist diese Methode ohnehin logischer, als Gewinnchancen zu phantasieren.
  3. Ressourcenorientiert planen. Wer eine Rübe schnitzen möchte, aber nur Kürbisse hat, muss teuer importieren. Was kann man aber alles aus Kürbissen, Mais und Stoffresten basteln! Wo Planung endet, hier beginnt Kreativität.
  4. Gemeinsam sind wir stark. Wo Zukunft nicht vorhersagbar ist, ist sie doch immer gestaltbar. Das geht am wirksamsten mit vielen Beteiligten. Hier entstehen meist automatisch Lebens- Arbeits- und Geschäftsmodelle, von denen alle etwas haben.

Durch die Nacht zur Morgenröte, gemeinsam.

Die große Zahl von Flüchtlingen aus Krisengebieten erfordert zurzeit die Mobilisierung vieler deutscher und europäischer Ressourcen. Steuererhöhungen werden unvermeidlich sein, auf staatliche wie zivile Organisationen werden weitere Belastungen zukommen – und das ist gut so.

Irgendwann um das Jahr 1800 herum war die Bevölkerung Europas durch globale Erwärmung (das Ende der sogenannten „Kleinen Eiszeit“) und neue landwirtschaftliche Produktionsprozesse so stark angestiegen, dass es zur Belastung wurde. Alle Mäuler wurden zwar halbwegs gestopft, an Kleidung aber, die damals überwiegend noch aus Leder und Filz hergestellt wurde, mangelte es.

Es war ein neuer Rohstoff, der Schwung in die Sache brachte, oder besser: Aufschwung. Baumwolle aus Übersee lies sich leichter herstellen, transportieren und verarbeiten. Dass viel mehr Menschen als früher nicht nur mit Nahrungsmitteln und Unterkünften versorgt werden mussten, sondern auch mit trockener, wärmender Kleidung, wurde nicht von allen auf Anhieb als Chance betrachtet, es war ja auch eher Belastung. Das Gute an der Situation war, dass erst der Bevölkerungsschub einsetzte und dann, mit einiger Verzögerung, die Bedarfsdeckung. Als später zum innovativen Rohstoff auch noch Webstühle, Dampfmaschinen und moderne Transportlogistik hinzukamen, konnten sich die „Zusätzlichen“ quasi selbst versorgen. Sie arbeiteten nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern in Manufakturen, Speditionen und Verwaltungen. Aus Mäulern, die nach Brot schreien, wurden Arbeiter, Weber, Fahrer, Tagelöhner und Steuerzahler.

Es ist kein Märchen mit Happy End, eher eine Neverending Story. Alle 50 Jahre bringt ein neuer Rohstoff in Verbindung mit einer innovativen Technologie einen konjunkturellen Aufschwung – und damit eine tiefgreifende Veränderung etablierter gesellschaftlicher Strukturen. Im oben beschriebenen Beispiel war nicht alles gut, im Gegenteil. Sozial blieb kein Stein auf dem anderen, für die meisten Menschen, deren Familien und deren Arbeitsumfeld änderte sich so ziemlich alles: Die Art zu arbeiten, zu wohnen, Interessen durchzusetzen und das bisschen Freizeit miteinander zu organisieren. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Vereine und Verbände entstanden. Menschen organisierten sich neu und versuchten dabei aus dem alten Leben zu retten, was zu retten war. Nur kurze Zeit später kam in Europa mit der Dampfmaschine und der Eisenbahn schon die nächste Revolution, die industrielle.

In der jüngeren deutschen Geschichte gibt es ein weiteres Beispiel dafür, dass wir erst gemeinsam durch ein Tal schreiten müssen, um einen Gipfel zu erklimmen. Und wenn wir ihn erreicht haben, ist aus uns ein anderes WIR geworden.
Von 1945 – 1950 erreichten 14 Millionen Menschen auf der Flucht ihre Ziele in Deutschland und Österreich. Mit offenen Armen wurden sie in der Regel nicht empfangen, „wir“ lagen ja selbst moralisch und finanziell am Boden, da konnte mit zusätzlichen Bedürftigen niemand etwas anfangen. Gesammelt in Lagern, begann ihre Integration: Kinder gingen in die Schule, ab 14 Jahren auch zur Arbeit, Erwachsene auf die Felder und Fabriken. Das deutsche Wirtschaftwunder, das in den 50er Jahren einsetzte, wäre ohne diese Arbeitskräfte nicht vorstellbar. „Wir sind Weltmeister“, hieß es 1954. Und das Wir war ein anderes geworden.

Als Berater wissenschaftsbasierter und technologisch orientierter Startups habe ich das große Privileg, moderne und weitblickende, häufig noch sehr junge Menschen kennenzulernen und auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleiten zu dürfen. Eines dieser Teams entwickelt zurzeit eine hochinnovative Lösung für Herausforderungen im Finanzsektor. Auf der Suche nach einem Programmierer wurden sie auf der Plattform „Workeer – Die erste Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber“ fündig. Ein junger Mann aus einem der Länder, die gerade von Krieg und Terror überzogen sind, ist ein genialer IT Entwickler. Er spricht nur etwas Deutsch, hervorragend Englisch und ist bereits jetzt von großen IT Unternehmen umworben. Er hat sich für das kleine Startup entschieden. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er verstanden, dass wir, wenn wir die Nacht durchwandern, als neue Gemeinschaft die Morgenröte schauen können.

Fazit:
Flüchtlinge nerven manchmal und kosten jede Menge Geld und Anstrengung. Unseren Wohlstand aber können wir in einer Welt, die sich so schnell verändert wie nie zuvor, nicht erhalten, indem wir Mauern ziehen. Wachstum braucht Arbeitskraft und neue, innovative Impulse und Perspektiven. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und wird in den kommende 50 Jahren auf 60 Millionen schrumpfen, ein Großteil davon Rentner. Unseren Wohlstand können wir uns an die Backe schmieren. Es sei denn, wir haben den Mut, in Flüchtlingen das zu sehen, was sie sind und sein wollen: Mitmenschen, Bürger auf der Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand, Arbeitskräfte, Steuerzahler, Eltern und so weiter. Eine andere Chance haben wir nicht, denn vor jedem Aufschwung kommt ein Tal.

Dies ist die Vertiefung des Artikels „Durch die Nacht zur Morgenröte“, der am 7. Oktober auf Startupbrett erschienen ist.

Typisch,

liebe Leser,

beschimpft mich, wenn ihr wollt.

Donald Trump

Es fällt schwer, über Donald etwas Gutes zu schreiben, wahrscheinlich ist es unmöglich. Er ist offen rassistisch, sexistisch und protzt gerne mit seinem Milliardenvermögen. Von all jenen, die sich für die US-Amerikanischen Republikaner derzeit als Kandidaten bewerben, ist er der peinlichste.
Und der beliebteste. Wie kann das sein? Ein Grund ist, dass er sich von seiner potentiellen Gegenkandidatin Hillary Clinton enorm abhebt. Auch sie ist reich, tut aber so, als wäre ihr der Reichtum irgendwie versehentlich untergekommen. Ihre Sätze klingen wohlüberlegt, als wären ihre Reden von PR Profis geschrieben und getestet worden (was wahrscheinlich der Fall ist), sie klingt wie eine perfekte Sprechmaschine.
Interessant ist, dass es mindestens zwei unterschiedliche Sichtweisen gibt. Die Medien bejubeln Hillarys Auftritte, oder berichten zumindest sehr respektvoll von durchchoreographierten Inszenierungen. Das Wahlvolk aber wendet sich nach und nach von ihr ab. Wenn Donald Trump über die Menstruation einer Journalistin, die ihn gerade interviewt hat, phantasiert, prophezeien anschließend etablierte Beobachter, dass es das wohl war für Donald Trump, sein Ende. Seine eigene Partei lädt ihn längst nicht mehr ein, man schämt sich. Seine Umfragewerte aber steigen nach jeder seiner Eskapaden.

Jeremy Corbyn

Die (früher sozialistische, heute sozialdemokratische) Labour Partei Großbritanniens hatte mit Tony Blair ihren letzten charismatischen Führer. Erinnert sich jemand an die nachfolgenden Gordon Brown und Ed Miliband? Ich auch nicht, zum Glück gibt es Wikipedia. Für die nächste Wahl zum Parteivorsitzenden läuft sich gerade allerlei Parteiprominenz warm – und ein Außenseiter: Jeremy Corbyn. Er fordert Unmögliches, wie die Wiederaufnahme von Bergbauanlagen, die in den 80-er Jahren unter Thatcher geschlossen wurden sowie die Verstaatlichungen von Schlüsselindustrien. Er trägt keine dunkelblauen Anzüge und klingt auch nicht, als hätte er dieselbe Rhetorikschule durchlaufen, wie alle anderen. Prominente warnen eindringlich davor, ihn zu wählen, es wäre das Ende der Labour Partei. In Umfragen liegt er vorne.
Es gab vor kurzem schon mal einen wie ihn, unwählbar und gefährlich. Heute drückt Brüssel die Daumen, dass ihm die Wiederwahl gelingt:

Alexis Tsipras

Er war das Schreckgespenst Europas, als man meinte, ihn noch verhindern zu können. Er war der Buhmann, als er nicht mehr zu verhindern war. Er ist heute der Garant für eine Kontinuität, die sich schnell eingestellt hat. Die Welt ist in der Zwischenzeit meines Wissens nach nicht untergegangen.

Fazit

Der Deutschlehrer meiner 5. Klasse sagte in einer Situation, als wir uns über einen Außenseiter lustig machten: „Gut, dass es Typen gibt“. Das habe ich bis heute nicht vergessen und sehe Typen seitdem anders. Das Establishment, das sind oftmals wir alle. Zum Glück besteht die Welt nicht nur aus wenigen Schubladen, in die wir Menschen einsortieren können, damit wir sie verstehen. Es gibt Typen wie Till Schweiger, den wir nie mochten, dessen Äußerungen oft fragwürdig sind – und denen wir plötzlich glauben, was sie tun. Erst aus dieser Position heraus können wir sie unterstützen, ignorieren, bekämpfen, beschimpfen, anhimmeln oder sonst was mit ihnen anfangen.
Donald Trump ist ein Arsch. Und ich halte ihn für glaubwürdig. Beschimpft mich, wenn ihr wollt.

Innovation

Der folgende Artikel ist eine Antwort auf einen Text aus dem Blog Mampels Welt, in dem der Autor Thomas Mampel nach dem Funktionieren von Innovation im sozialen Raum fragt. Meine Antwort: Echte Innovation setzt einen Mangel voraus, also unbeantwortete und relevante Fragen. Davon haben wir zurzeit viele.

Lieber Thomas,
zu Deinem Gedanken, ja Deiner Aufforderung geradezu, Innovation durch kreative, schöpferische Zerstörung voranzutreiben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal Stellung nehmen.
„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – dieses Zitat wird Victor Hugo zugeschrieben und er musste es wissen – er lebte und wirkte in der Zeit nach der Französischen Revolution, deren gesellschaftliche Auswirkungen wir bis heute spüren. Wir leben geradezu auf ihren Fundamenten.

Dein Aufruf zur schöpferischen Zerstörung leitet sich ja vom Wirtschaftswissenschaftler (und furiosen Lebemann) Joseph Schumpeter ab, der den Unternehmer als eben diesen schöpferischen Zerstörer interpretierte. Schumpeters „lange Wellen der innovativen Konjunktur“ belegen bis heute eindrucksvoll, dass etwas Neues erst durch einen Mangel entsteht, der behoben werden will. Bringe ich beide Gedanken, den von Hugo und den von Schumpeter, zusammen, so lautet die Aussage: „Nichts ist so zerstörerisch (und im nächsten Schritt so schöpferisch), wie eine Idee, deren Ende gekommen ist.“ Und die Idee, die ich meine, ist die Idee des Nationalstaates.

Staaten sind wie Geld, sie existieren eigentlich gar nicht. Papiergeld erhält seinen Wert

1. durch die Verabredung untereinander, das wir einem Schein einen bestimmten (aber nicht exakt bestimmbaren) Wert zuschreiben.

2. durch das Versprechen einer Zentralbank, dieses Papier zu akzeptieren und mit realen Werten abzudecken.

3. und nicht zuletzt dadurch, dass die große Mehrheit aller Beteiligten an die Idee „Geld“ glaubt.

Eine Verabredung also, Vertrauen untereinander, eine starke Institution sowie der Glaube an all das machen aus Metallmünzen, Papierscheinen und digitalen Ziffern eines der mächtigsten Systeme der Welt: Geld, mit all seinen Mechanismen und Auswirkungen.

Die Idee des Nationalstaates ist mindestens ebenso abstrakt, er wird ebenfalls durch Verabredungen, Vertrauen, starke Institutionen und den Glauben daran zusammengehalten. Und die Idee ist ebenso wirkmächtig, wie die Idee des Geldes. Der Unterschied, den ich sehe: Das Geld wird noch lange Bestand haben. Der Nationalstaat hat ausgedient. Ihm fehlen Antworten auf nahezu alle Fragen der Zukunft.

Wenn wir in einen Atlas oder in Google Maps auf das Gebilde „Deutschland“ schauen, das sich wiederum zu neun anderen (ebenso stolzen) Nationen abgrenzt, stellt sich bei den meisten von uns ein Gefühl von Identität ein. Egal, wie wir unserem (falls wir Deutsche sind) Land gegenüberstehen – ob wohlwollend oder skeptisch – die meisten von uns haben einen deutlichen Bezug. Wir setzen uns kritisch mit „unserer“ Geschichte auseinander, sind stolz auf „unser“ Land und zahlen Steuern. Dabei ist uns allen, aber erst wenn wir darüber nachdenken, klar, dass wir mit den allermeisten Menschen in Berlin, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern sehr wenig gemeinsam haben, wir kennen sie schlicht nicht. Und doch funktioniert die Idee. Spätestens seit 1848, seit dem Versuch, ein geeintes Deutschland zu schaffen (der zwar politisch scheiterte), war die Idee geboren. Und sie war, finde ich, klasse. Anders ausgedrückt: Ihre Zeit war gekommen, es war eine mächtige Idee. Kleinstaaten und Fürstentümer, deren Machtstreben zu Lasten der kleinen Leute ging, wurden zurückgedrängt. Sprache, Kultur und Wirtschaft erlebten einen Boom, der da ankam, wo er erzeugt wurde: bei den Bürgern. Die Idee des Nationalstaates war revolutionär und passte in die Zeit, die Zeit Victor Hugos. Seitdem hat es Deutschland zu Höchstleistungen gebracht, im Guten wie im Furchtbaren, wir sind Weltmeister in der systematischen Vernichtung von Menschen ebenso wie in der Herstellung von Landmaschinen, Autos und Werkzeugen. Es gab Zeiten, da ging es den allermeisten Menschen in Deutschland gut (im Vergleich zum Rest der Welt) und Zeiten, in denen Deutsche und Menschen anderer Nationen vor dem Deutschen Staat und seinen „Bürgern“ zittern mussten. Auf Vieles, das in unserem Land geschaffen wurde, bin ich stolz (und ich sage das mit Bedacht). Für anderes schäme ich mich.

Wie konnte es passieren, dass heute wieder Menschen anderer Nationen vor „besorgten Bürgern“ zittern und sich in Sicherheit bringen müssen? Unter ihnen ausgerechnet Menschen, die vor Krieg und Elend unter Lebensgefahr geflüchtet sind. Wie kann es sein, dass deutsche Rot Kreuz Helfer, die Zelte und Betten für Flüchtlinge aufstellen, angegriffen werden und anschließend zu Protokoll geben, so etwas hätten sie noch nie und nirgendwo sonst erlebt?

Es sind aber nicht die Schreihälse aus Freital, Lübeck oder Dresden, die mich am Nationalstaat Deutschland zweifeln lassen. Noch nicht einmal die Nationalsozialisten haben Deutschland beseitigen können, auch wenn sie am dichtesten dran waren. Nur ein paar Jahre, nachdem sie ihr Land moralisch und in nahezu jeder Hinsicht zerstört hatten, gelangte Deutschland zu mehr Ansehen, mehr Wohlstand und mehr Macht, als jemals zuvor. Nein, es ist jemand anderes, der durch sein Verhalten die Formen und Verabredungen unseres Zusammenlebens völlig in Frage stellt: der Flüchtling. Er steht vor unserer Tür und sagt, sinngemäß: „Ich möchte etwas abhaben vom Kuchen. Zumindest so viel, dass ich und meine Familie davon leben können. Ich bin auch bereit, bei der Herstellung zukünftiger Kuchen mitzuwirken. Ich kann backen und kenne Rezepte.“

Was wollen wir ihm antworten? Was können wir ihm antworten? Dass es „unser“ Kuchen ist, wir ihn aber gerne teilhaben lassen?

Wenn ich den Satz denke „Wir haben Deutschland aufgebaut“, dann sehe ich alte Menschen vor mir, die sich die Rente durch ihre Lebensleistung, wie man so schön sagt, redlich verdient haben (der eine oder andere auch unredlich, das tut hier aber nichts zur Sache). Vielleicht waren sie Postbote, Dachdecker oder Beamte. Sie haben möglicherweise tausende (wahrscheinlich zehntausende) Briefe an ihre Empfänger zugestellt. Sie haben dutzende Dächer gedeckt oder, als Beamte, unzählige Anträge bearbeitet – aber Deutschland aufgebaut hat keiner von ihnen. Ich kann auch meine eigene Lebensleistung beispielhaft heranziehen: ich habe drei Firmen gegründet, keine von denen ist (in der abstrakten Idee „Geld“ bemessen) besonders viel wert, aber sie ernähren mich. Von den Steuern (und Säumniszuschlägen), die ich Zeit meines Lebens gezahlt habe, kann die Stadt Berlin sich bestenfalls eine neue Parkuhr leisten, viel mehr nicht. Ebenso wie die Pensionäre bin ich weit davon entfernt, Deutschland aufgebaut zu haben. Aber Deutschland existiert, und zwar als Land voller Chancen, Annehmlichkeiten, Wohlstand und Möglichkeiten, es ist ein Land, dass so unglaublich verheißungsvoll in die Zukunft zeigt, dass einem schwindelig werden kann. „Unser“ Land ist ein Produkt komplexer, global angelegter und sich dynamisch verändernder Prozesse. Der Kuchen, von dem hier also die Rede ist, der hier angehäufte und genutzte Wohlstand, besteht zu einem guten Teil aus den Zutaten des Flüchtlings: Palmöl, Rohöl, Kupfer und andere Rohstoffe zum Beispiel, die der Flüchtling möglicherweise, als er noch kein Flüchtling war, selbst der Erde abgetrotzt hat. Kaffee, Kakao und Bananen, die er und seine Frau, wenn sie Bauern oder Tagelöhner waren bevor sie Flüchtlinge wurden, gepflanzt, gepflegt und geerntet haben. Während meine beiden Mädchen die Schule besuchen, haben seine Kinder vielleicht gerade deren Kleidung genäht – günstige, bunte T-Shirts und Hosen. „Unser“ Wohlstand, dieser Kuchen, beruht nicht zuletzt auf der Arbeitskraft der Flüchtlingsfamilie – und jetzt steht sie an der Tür. Was nun?

Ein anderes Bild: in einem Raum sind unterschiedliche Menschen versammelt, alle haben gemeinsam, dass sie in Deutschland leben. Auch die Bundeskanzlerin ist dabei, ihre Mitarbeiter haben zum „Bürgerdialog“ geladen, einer Veranstaltung, in der es darum geht, Angela Merkel mit Menschen ins Gespräch zu bringen. Wir alle haben gesehen (wer nicht, kann bei Youtube nachschauen), wie Angela Merkel dem palästinensischen Mädchen Reem erklärte, warum sie mit Abschiebung zu rechnen hat: weil sie Palästinenserin ist. Absurd, ein Raum voller Menschen, einer wird nur geduldet, es ist eine Frage der Nationalität. Der Grundgedanke „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ hat in einer globalen Welt keinen Bestand mehr. Egal, ob die Idee des Nationalstaates mir sympathisch erscheint, oder nicht, sie funktioniert nicht mehr. Ich hatte 50 tolle Jahre, in und mit „meinem“ Land, Jahre der Sicherheit, der Freiheit und des Friedens, und ich hatte viel Spaß. Aber jetzt müssen wir, fürchte ich, neu verhandeln. Ich fühle mich einigen Menschen, die keine Deutschen sind, sehr nahe: Ukrainer, Rumänen, Schweden. Mit denen teile ich Vieles, Interessen und Sichtweisen beispielsweise. Warum muss ein palästinensisches Mädchen verschwinden, nur weil sie Palästinenserin ist? Was unterscheidet, was verbindet?

Deutschland gehen die Antworten an Flüchtlinge aus, und zwar nicht, weil wir zu wenig Geld haben oder zu wenige hilfsbereite Menschen (beides ist nicht der Fall). Die Antworten, die Deutschland geben kann, sind aus der Zeit gefallen, sie werden immer aus der Perspektive „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ formuliert. Egal, ob ich jemanden Willkommen heiße oder mich im mit finsterer Mine vor sein neues Zuhause stelle – ich gehe immer davon aus, dass es irgendwie mein Kuchen ist, den ich teile.

Die französische Revolution, Victor Hugo und Joseph Schumpeter – bewegte Zeiten waren das im neunzehnten Jahrhundert, und so mancher europäische Nationalstaat von heute hat seine Wurzeln auch in dieser Zeit. Und heute? Frankreich nennt sich selbst die „Grande Nation“. England, das in den 80er Jahren praktisch seine gesamte Industrie selbst abgeschafft hat, zehrt bis heute eher von seiner Zeit als Weltmacht unter Segeln, als von heutiger, ökonomischer Stärke (es ist die abstrakte Idee des Geldes und der Finanzmärkte, die England in seiner heutigen Form am Leben hält). Deutsche Produkte sind immer noch als Qualität „Made in Germany“ weltweit beliebt, dabei erstreckt sich ihre Produktion längst über den gesamten Planeten. Germany funktioniert als Marke phantastisch – aber als Nation, deren Mitglieder sich hinter einer Idee, für die sie bereit wären, auf die Barrikaden zu gehen, versammeln? Wenn ich mir Cameron, Hollande und Merkel in einem Raum vorstelle, da ist vor lauter Ego nicht viel Platz für andere. Und die Energiequellen hierfür liegen überwiegend in längst Vergangenem. Man trifft sich, um sein jeweils eigenes Interesse möglichst durchzusetzen und nennt das „Europäische Union“.

Gekämpft haben Menschen aber immer für die Zukunft, und das ist meist die Zukunft anderer, die der Kinder und Enkel. Heute sind es die Flüchtlinge, die kämpfen. Die Nation der Flüchtlinge wächst Tag um Tag, es ist eine elende Nation, die wenig zu verlieren hat. „Die Elenden“ (Les miserables) so nannte auch Victor Hugo seinen Roman, der den Kampf auf Barrikaden für ein besseres Leben beschreibt. Der Kampf für ein besseres, lohnenswertes Leben, eine starke Idee, Energie aus einer ungewissen Zukunft. Fruchtbarer Boden für eine Revolution, für die Geburt einer starken Nation. Was haben wir dem entgegenzusetzen? Nichts vergleichbares, außer dem Festhalten an unserem Wohlstand. Das aber wird vergeblich sein.

Siegfried, eine Sagengestalt zwar, aber auch einer der Gründungsbotschafter der deutschen Nation, zog (in einer von unzähligen Versionen der Nibelungensage) mit den Burgundern gegen ein übermächtiges Heer zu Felde. Zu Beginn der erwarteten Schlacht ließ er seine Soldaten zurück und ritt allein auf die Gegner zu. Stunden vergingen, bis Siegfried, im Bunde und im vergnügten Gespräch mit dem gegnerischen Heerführer, zurückkam. Beide hatten beschlossen, die Schlacht ausfallen zu lassen und stattdessen gemeinsam in die Zukunft zu gehen, Land zu bestellen und Städte zu bauen – der Krieg kann warten. Eine Idee braucht Verabredungen, Vertrauen und Glauben.

Mit besten Grüßen an Dich, Deiner Leser und die meinen

Oliver

Flucht und Verantwortung

Was tun mit unserem Geld?

In Deutschland wird wieder selektiert, und zwar in „politische –„ und „Wirtschaftsflüchtlinge“. Statt aber davor Angst zu haben, dass Flüchtlinge uns belasten könnten, sollten wir uns lieber fragen, wie lange wir es uns noch leisten können, sie auszusperren.

Wir haben offenbar einfach kein Geld, uns auch noch um die Wirtschaftsflüchtlinge zu kümmern. In meinem Heimatort Krummesse beispielweise, 2.800 Einwohner, denkt der örtliche Sportverein darüber nach, einen Kunstrasenplatz anzuschaffen. Kosten: 700.000 Euro. Da ich nicht selber Fußball spiele, kann ich auch nicht beurteilen, welchen Vorteil der Kunstrasen gegenüber dem Naturrasen bringt. Ein guter Grund für die Anschaffung liegt aber auf der Hand: In Kronsforde, 500 Einwohner und zwei Kilometer weiter gelegen, bauen sie gerade einen. Da darf Krummesse natürlich nicht hintanstehen.

Rehna liegt ca. 30 Kilometer weiter im wohlhabenden Mecklenburg Vorpommern und ist nicht viel größer. Hier steht ein Leiterwagen auf dem Wunschzettel der Freiwilligen Feuerwehr, 300.000 Euro müssen dafür aufgetrieben werden. Es gibt in Rehna außer einem mittelalterlichen Kirchturm keine nennenswerten Hochbauten und die umliegenden Feuerwehren sind bereits mit Leitern gesegnet, Anfahrt im Notfall: 7 Minuten. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen: Jeder Junge weiß um den Wert eines Feuerwehrautos, eines roten Leiterwagens. Ein Traum.

Deutschland ist das Land solcher Träume, und viele von ihnen gehen in Erfüllung. Nicht nur in der Provinz, wir Berliner wissen (und ich fürchte, auch der Rest der Welt weiß) wovon ich rede: Ein internationaler Airport, ein Stadtschloss, eine Opernsanierung. Die da oben eben… Und wir? Wir sparen wo wir können… Der Strom- und Wasserverbrauch einer Waschmaschine beispielsweise ist seit den 50-er Jahren auf ein Zehntel gesunken! Allerdings hat sich der Gesamtverbrauch an Wäschepflege pro Kopf im gleichen Zeitraum verzehnfacht. Es muss halt nicht nur besonders sauber, sondern auch besonders schnell wieder trocken sein.

Unterm Strich darf man unsere Haltung wohl so zusammenfassen: Für ein paar Wirtschaftsflüchtlinge weniger Wäsche waschen, eventuell sogar auf das Niveau der 50-er Jahre zurückfallen, undenkbar. Zwar sind mir keine Geschichten überliefert, die von untragbaren hygienischen Zuständen der Wirtschaftwunderzeit berichten – trotzdem. Feuerwehrleiter, Kunstrasenplatz, Stadtschloss – wir nennen es Wohlstand, Ökonomen hauchen liebevoll: Wachstum.

Denen darf ich hier etwas verraten. Flüchtlinge aufzunehmen kostet Geld und ist anstrengend. Das Wachstum aber, das wir haben werden, wenn wir Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen, wird bald mit dem der 50-er Jahre vergleichbar sein. Wachstum ergibt sich am besten aus Umbruchsituationen, in der Regel sind dies Kriege und Katastrophen. Hier könnten wir Wachstumsschübe erzeugen, ohne zuvor einen Krieg anzuzetteln. Im Gegenteil, wir retten Leben. Und im Gegensatz zu Freiwilliger Feuerwehr, Stadtschloss, Weichspülgang und Wäschetrockner sind Flüchtlinge, wenn man sie lässt, produktiv. Wahrscheinlich besonders diejenigen, die wir als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Vielleicht haben wir sie ja so genannt, weil es sich in der Regel um motivierte Menschen handelt, die sich möglichst schnell in ein funktionierendes Wirtschaftssystem einbringen wollen.

Auch sie haben Träume, unerfüllte: Eine Familie ernähren zu können, eine Wohnung, ein Auto möglicherweise? Vielleicht ein Studium und eine Perspektive auf ein Leben. Relativ bescheidene Wünsche, erfüllbar eigentlich, zumindest für uns, die hier Geborenen und Aufgewachsenen. So ähnlich stelle ich mir die Sehnsüchte der Nachkriegsgeneration, die mit dieser Motivation als Motor das Wirtschaftwunder entfacht und getragen hat – alles war möglich. Und heute? Schaffen wir es, unsere Angst und unsere Schockstarre zu überwinden und Einwanderung zu ermöglichen?
Einmal ist es uns schon gelungen, die deutsche Wirtschaft brauchte damals auch dringend Arbeitskraft. Die Italiener eröffneten ihre Eisdielen und arbeiteten bei Bosch und Daimler. Die Türken der ersten Generation hatten neben Jobs am Fliessband Gemüseläden und Bäckereien, heute sind sie für einen erheblichen Teil des Inlandsproduktes verantwortlich. Noch doller treiben es die Vietnamesen: Die Eltern stehen eigentlich nur im eigenen Spätkauf, um ihren Kindern das Studium in der Medizin oder im Maschinenbau zu ermöglichen.

Was passiert, wenn wir Afrikaner nach Europa lassen, in das alte und stolze Europa, das so dringend einen Innovationsschub braucht? Was werden ihre Kinder studieren? Was werden DIE mit UNS machen, bevor beides zu einem NEUEN GANZEN wird? Ich möchte es gerne wagen, unbedingt.

Wachstum

Es sind die Fetzen alltäglicher Gespräche und scheinbar belanglos verlaufender Unterhaltungen, die einen anschließend nicht loslassen. Wundert sich ein gut berenteter Verwandter im Gespräch über Autos, wie teuer die sind und sagt sinngemäß: „Für den Preis eines Golfs von heute bekam man früher einen großen Mercedes“.

Das stimmt. Aber stellen wir die beiden Autos nebeneinander, war zum Beispiel der „Strich Achter“ Benz von 1968 geradezu traurig ausgerüstet – aus heutiger Sicht. Er hatte in der stärksten Version 80 PS, der Käufer eines aktuellen Golf VII kann heute darüber nur lachen. Seine Motorleistung beginnt bei 90 PS und geht bis 185. Wir sind anspruchsvoll geworden, und können das Wachstum unseres Begehrens an PS Zahlen, Wohnbedürfnissen und Mobilität ablesen.

Ein weiteres Beispiel aus einer Talkshow vor ein paar Monaten, es ging um den tatsächlichen oder vermeintlichen Abstieg der Mittelklasse (Menschen, nicht Autos). Eine Teilnehmerin der Runde beschrieb, wie sie ihr eigenes Leben als Weg nach unten wahrnimmt. Ihre Eltern hatten Parkett, sie nur PVC. Ein anderer in der Runde, und das gefiel mir gut, erinnerte sie daran, dass ihre Eltern keinen PC und kein Tablett hatten – das gab es schlicht und einfach noch nicht. Situationen sind eben nur schwer miteinander vergleichbar. Wo es keine Smartphones gibt, vermissen wir sie nicht.

Dabei ist nicht jede technische oder auch optische Entwicklung willkürlich oder gar überflüssig, Autos sind heute nicht nur schneller, sondern auch sicherer. Kostete der Straßenverkehr im Jahr 1968 noch 16.500 Menschen ihr Leben (bei 16 Millionen zugelassenen PKW), waren es 2004 „nur noch“ 4.500 – und das bei mehr als dreimal so vielen Fahrzeugen.

Und doch kommt einem unser Hang (oder Zwang) zum Wachstum vor wie unsere eigene Geißel – wir wuchern, statt zu wachsen.

Naturkundler preisen die Maniok als nahrhaftes Knollengewächs, ähnlich wertvoll wie die Kartoffel, aber auch Reis, Weizen und andere Getreide. Aus heutiger Sicht meint man fast, Grundnahrungsmittel müssten mit Warnhinweisen versehen sein, enthalten sie doch Kohlehydrate (machen dick), wahlweise auch Weißmehl (Allergien!), Zucker oder Fett. Meine Uroma kannte noch den Ausdruck „Gute Butter“, sie hat zwei Weltkriege und eine Flucht überstanden. Heute werden Menschen immer dünner und ihre Autos immer dicker. Heidi Klum macht Werbung für den Geländewagen von VW.

Was sagt uns das? Ich weiß es nicht, wollte Euch diese Gedanken aber nicht vorenthalten.

Eine Kurzgeschichte:

Das soziale Netz

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Und gleichzeitig der letzte. Das Programm „Cicereau“ wird in Zukunft das Schreiben für mich erledigen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Formulierung „für mich“ die Situation angemessen beschreibt. Vielleicht schreibt Cicerau auch für sich selbst. Oder für seine Programmierer. Oder für die Leser meines Blogs. Hat mein Blog überhaupt Leser, oder sind es überwiegend automatische Leseprogramme, die meine Artikel scannen, bewerten und kommentieren? Ich bin extrem verunsichert. Wie es dazu kam, dafür sind mehrere Erzählstränge notwendig. Lesen Sie also BITTE nur weiter, wenn Sie wirklich die Zeit dazu haben. Und wenn Sie echt sind.

Es gibt selbst fahrende Autos, alle wissen das, Google hat sie entwickelt und sie pendeln auf einer Strecke zwischen San Francisco und dem Silicon Valley. Google muss die Straßen gekauft haben, eine Genehmigung für automatische Fahrzeuge gibt es nämlich selbst in den USA noch nicht. Egal. Für die Relevanz von Trends, also für die Frage, wie heiß und neu ein Thema ist, gibt es einen einfachen Maßstab: den CDU-Indikator. Wenn die CDU einen Trend für sich entdeckt hat, ist er veraltet. So war es mit der Farbe Orange, so ist es mit automatischen Verkehrssystemen. Die CDU/CSU will jetzt einen Teil der A 9 zur Teststrecke ausbauen, das Thema ist also durch. Erzählstrang beendet.

Es gibt eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll, die er 1963, also zwei Jahre vor meiner Geburt, geschrieben hat. Ein Tourist weckt in einem Hafen an der Küste einen in seinem Boot schlafenden Fischer und unterhält sich mit ihm. Der Tourist erfährt, dass der Fischer seine Arbeit beendet hat und mit seinem Fang zufrieden ist. Der Tourist begreift nicht, wieso der Fischer nicht öfter ausfahren möchte, um irgendwann finanziell besser dazustehen und erfolgreich Karriere zu machen, und schildert ihm enthusiastisch, was er durch mehr Arbeit alles erreichen könnte. Am Gipfel seiner Karriere angekommen, könne er sich dann zur Ruhe setzen und am Hafen dösen. Der Fischer erwidert, dass er das auch jetzt schon tut. Der Tourist begreift, dass mehr Arbeit und mehr Geld nicht zwangsläufig zu mehr Glück führen. Erzählstrang beendet.

Ich wollte mehr Zeit für mich. Ich war immer ein fleißiger Mensch, voller Tatendrang und Energie. Computer, Smartphone und die damit verbundenen Möglichkeiten habe ich willkommen geheißen, fast schon gierig aufgesogen. Sie gaben mir die Möglichkeit, überall und jederzeit meiner Lust an der Kommunikation zu frönen. Und ich wurde belohnt: Meine Tweets wurden favorisiert, meine Postings gelikt und meine Artikel wohlwollend kommentiert. Die Aufmerksamkeit, die ich dadurch erhielt, spornte mich an, mein Smartphone wurde zu meinem ständigen Begleiter, immer in Bereitschaft wie ein Babyphone. Ich wusste, was ich meinen Mitmenschen bei Facebook, Twitter und Instagram schuldig war: nur wer Liebe schenkt, erhält sie auch zurück. Es fiel mir leicht, dieses Spiel mitzuspielen. Ich fühlte mich beschenkt und warm. Gleichzeitig fühlte ich mich überlegen, durchschaute ich doch die Regeln des Spiels besser als andere, so dachte ich.

Irgendwann stellten sich erste Abnutzungserscheinungen ein. Oder war es Überlastung? Nein, es war vor allem die Angst, eine der vielen Partys, die im Netz gefeiert werden, zu verpassen. War ich bei Google+ aktiv genug? Oder vernachlässigte ich nicht gerade hier eine wichtige Gruppe von Menschen, denen ich viel zu geben hätte? Und LinkedIn? Hier habe ich zwei Profile, um die ich mich kaum kümmere. Dabei melden sich LinkedIn Kontakte regelmäßig bei mit, teilen mir Statusänderungen mit, imponieren mir mit Karrieresprüngen. Und ich? Ich ließ gerade die LinkedIn-Menschen schnöde liegen. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Ich wollte einen Teil meiner Kommunikation automatisieren und mit Twitter beginnen. Das lag nahe, ist eine Twitterbotschaft mit ihren maximal 140 Zeichen doch die simpelste ihrer Art. Ein geeigneter Programmierer war in meinem Netzwerk schnell gefunden, und der befreite mich von ein paar Illusionen.
Erstens: diese Programme gibt es längst. Eine Twitterbotschaft nach zuvor eingestellten Kriterien zu formulieren ist einfach. Themengebiete gewählt, z.B. Politik, Medien und irgendwas mit Management. Als nächstes die Haltungen innerhalb eines Themas: Politik immer verbunden mit Plädoyers für Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit. Medien immer irgendwie innovativ. Und Management, das schwierigste der drei Themen, bitte immer verknüpft mit den Begriffen „komplex“, „ungewisse Zukunft“ und „Entwicklung“. Das von ihm entwickelte Plugin „Tweeted“, so mein Programmierer, sei ohne weiteres in der Lage, mehre Botschaften täglich wie echt erscheinen zu lassen, es bedient sich dabei bei Millionen Tweets, die zum selben Thema stündlich ins Netz gestellt werden.
Zweites aber, und das war der eigentliche Clou, nimmt es mir die viel wichtigere Tätigkeit der Vernetzung ab. Anderen Profilen folgen, Tweets favorisieren und interessant erscheinende Nachrichten zu retweeten, das alles erledigte fortan „Tweeted“ für mich. Zunächst gewöhnungsbedürftig, beobachtete ich das Treiben von „Tweeted“ argwöhnisch. Ich tüftelte einige Wochen an den Voreinstellungen, schließlich twitterte das Programm in meinem Namen. Bald aber merkte ich, dass „Tweeted“ besser war als ich. Ich – nein, mein Account, bekam mehr Aufmerksamkeit und hatte bald ein Vielfaches an Followern gewonnen.

Die Zusammenarbeit mit dem Programmierer war fruchtbar und entwickelte sich gut. Bald übernahmen Programme einen Großteil meiner Aktivitäten bei Facebook, Google+ und in allen anderen Netzwerken. Meinem Erfolg tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Rasant stieg der Profit, der in der jeweiligen Währung ausgezahlt wurde: Likes bei Facebook, Aufnahme in Kreisen bei Google+, Nutzer, Freunde, Follower – alles kannte nur eine Richtung: aufwärts. Jetzt entschied zwar ein Algorithmus über meine Freundschaften, aber eigentlich war das ja schon immer so, die Vorschläge kamen immer von Facebook. Endlich konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, das Schreiben meiner Artikel im Blog.

Erste Zweifel kamen mir, als ich mir die Struktur meiner „Konversationen“ und „Beziehungen“ im Netz einmal genauer anschaute. Nicht wenige Tweets wurden umgehend favorisiert, schneller, als sie jemals von irgendjemandem gelesen worden sein konnten. Und die Annahme, dass ich der erste und einzige bin, der seine Kommunikation „effektiviert“, also von Programmen erledigen lässt, war mehr als naiv. In der Regel mache ich Trends mit, wenn sie gerade richtig ins Rollen kommen, ich war nie Avantgarde.

Wer liest meine Kurznachrichten bei Twitter? Offenbar überwiegend Programme, die dann selbstständig entscheiden, ob die Texte favorisiert und retweeted werden – oder eben nicht. Schreibe ich auf Twitter irgendetwas mit „Schnitzel“, der Nutzer „Schnitzelbot“ (@SchnitzelFollow) favorisiert es sofort und offenbar automatisch. Probiert es selbst, „Schnitzel“ ist das Codewort. Und es wird sicherlich komplexere Programme geben. Wir wissen durch Edward Snowden, dass Programme ALLES lesen und bewerten können. Wer glaubt noch, dass sie es nicht auch selber schreiben? Die Frage ist: wie weit sind sie und wie viele sind es?

Inzwischen bin ich sicher, dass 98 Prozent der Beziehungspflege und Kommunikation im Social Media automatisiert ist. Das Netz ist sozial geworden, Computerprogramme unterhalten sich, tauschen sich aus, mobben sich, verbünden sich, verlieben sich, freunden sich an und beziehen Stellung zu politischen Fragen. Und sie nehmen Einfluss. Würden wir eine Initiative zum Verbot vollautomatischer Kommunikation gründen, wir hätten schnell die gesamte Internetgemeinde gegen uns, Facebookgruppen würden sich in Sekundenschnelle gründen, ein Shitstorm würde die Initiatoren hinwegfegen. Vollautomatisch.

Uns bleibt nur die Flucht nach vorn. Automatisiert Euch, gebt das Internet denen, die es am besten verstehen – den Programmen. Schaut Euch um, die Menschen, die im wahren Leben neben Euch sitzen, sind wahrscheinlich Eure Familie oder Eure Kollegen. Macht Euch miteinander bekannt, vielleicht sind sie nett.

Ich jedenfalls sitze am Hafen und döse. Cicereau hat gerade seinen ersten Artikel geschrieben. Und seinen wichtigsten. Ich bin schon so gespannt.

+++ Eilmeldung +++

EZB stellt sozialem Sektor 1 Billion € zur Verfügung

Die Europäische Zentralbank EZB stellt in einem ab sofort wirksamen Programm innerhalb eines Jahres 1 Billion Euro für soziale Zwecke zur Verfügung. Konkret soll das Geld in Projekte der Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehung und Bildung sowie für soziokulturelle und ökologische Projekte bereitgestellt werden, das gab die EZB in einer Meldung bekannt. Auf der anschließenden Pressekonferenz begründete EZB Präsident Mario Draghi diese Entscheidung: „Wir müssen in die Gesellschaft investieren. Menschen darin zu befähigen, fester und verlässlicher Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft zu werden, ist eine Investition, die sich vielfach auszahlen wird. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden davon nachhaltig profitieren.“

Dass die EZB Geld in diesem Umfang nutzen würde, um Einfluss auf die Währungszone des Euro zu nehmen, war allgemein erwartet worden. Allerdings gingen Wirtschaftsexperten davon aus, dass der Ankauf sogenannter Staatsanleihen im Mittelpunkt des Programms stehen würde. Mit Anleihekäufen versuchen Zentralbanken üblicherweise, ihre Währungen zu beeinflussen und Deflation vorzubeugen. Der Kauf von Staatsanleihen kommt Banken zugute, die widerum dieses Geld günstig an Investoren weitergeben und so die Wirtschaft stützen sollen.

Dementsprechend deutlich fiel die Kritik an der Entscheidung Draghis aus, das Geld nicht den Finanzhäusern, sondern dem Sozialsektor bereitzustellen: „Die Mittel werden denen fehlen, die in Europa Stabilität und Wachstum garantieren“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Banken Jürgen Fitschen.

Unerwartete Unterstützung kam indes aus Deutschland. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Anleiheverkäufen stets kritisch gegenüberstand, verteidigte das Programm: „Wer sich mit Wirtschaftssystemen auskennt weiß, dass Geld nie von oben nach unten oder von unten nach oben fließt, sondern in Kreisläufen zirkuliert.“ Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Sprecher ausrichten: „Alle Entscheidungen der Europäischen Zentralbank sind mit den nationalen Regierungen abgestimmt und werden von uns ausdrücklich unterstützt. Es kann nicht angehen, dass die Milliarden, die von Menschen in Europa erarbeitet wurden, ausschließlich dem Finanzsektor zugute kommen. Diese Sozialinvestitionen werden sich auszahlen“.
Auch Hans Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und eigentlich treuer Kritiker der EZB, unterstützt in diesem Fall Mario Draghi: „Es ist ein mutiges Experiment und überschreitet wahrscheinlich die Kompetenzen der Zentralbank bei Weitem. Aber finanzpolitisch ist es klug. Während Banken das Geld im schlimmsten Fall statt für Investitionskredite für Spekulationen veruntreuen würden, fließt Kapital hier in die Breite. Es ist gut angelegt.“

Dabei birgt das Programm weitere Überraschungen: ein Teil des Geldes soll gar nicht in europäische, sondern in internationale Projekte fließen. In enger Abstimmung mit der Unesco sowie Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Greenpeace, Kirchen und Gewerkschaften werden Projekte in Afrika und Asien unterstützt. „Das Recht auf würdige Lebensbedingungen und auf Teilhabe an gesellschaftlichem Miteinander, das Recht auf Zukunftsperspektive ist ebenso global wie die bereits gut vernetzte Wirtschaft“, bekräftigt Draghi auf der Pressekonferenz.

Vor Redaktionsschluss meldete der Vatikan über den persönlichen Account von Papst Franziskus (@Pontifex): „Dies ist ein wichtiger und richtiger Schritt hin zu einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit“

Kurz danach bin ich aufgewacht.

Flüchtlinge zu Facharbeitern:

Willi ist weg

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Willi ist weg. Der noch junge, grau getigerte Kater wird seit 10 Tagen vermisst. Ich weiß zufällig, dass ein Mädchen auf ihn wartet. Jetzt sind in unserer Siedlung Aushänge an Laternenpfählen angebracht, mit Fotos aus Zeiten, in denen die Familie vereint war. Überschrift: „Unser Willi ist weg“.

Willi

Was das bedeutet, kann ich aus leidvoller Erfahrung einschätzen: vor ein paar Monaten verschwand unsere Katze Lucky. Nach drei Tagen ging meine Tochter noch vor der ersten Schulstunde weinend durch die Siedlung und rief nach ihr. Am selben Nachmittag brachten auch wir Schilder an – beim letzten kam Lucky uns entgegen.

Ein weiterer Aushang informiert über ein ähnliches, aber doch auch wieder ganz anders gelagertes Ereignis: „Wer kennt diese Katze?“. Unter dieser Überschrift beschreibt eine Familie, dass ein scheuer, schreckhafter Kater seit Oktober regelmäßiger Übernachtungsgast ist. Dieser Kater ist schwarz, es ist also nicht Willi. Der Name des zugelaufenen ist, das liegt in der Natur der Sache, nicht bekannt.

Beide Schicksale teilen sich nun die Laternenpfähle. Kein Problem, es sind reichlich vorhanden.

Willi plus

Jetzt denke ich mir im Vorübergehen natürlich folgendes: Kann nicht die „Unser Willi ist weg“-Familie den „Wer kennt diesen Kater“-Kater einfach aufnehmen? Kein Ersatz für Willi, das ist klar, Willi ist nicht zu ersetzen. Aber vielleicht entsteht ja etwas Neues daraus. Vielleicht profitiert ja mit der Zeit mindestens eine der Parteien, die hier eine aktive Rolle spielen, also die „Unser Willi ist weg“-Familie, auch der „Wer kennt diesen Kater“-Kater, oder dessen Pflegefamilie oder… na ja, Willi wird nicht profitieren. Hoffentlich geht es ihm gut.

Ist das manchmal so? Zwei Probleme ergeben eine Lösung? Sie müssen ja nicht erst gemeinsam an einem Laternenpfahl hängen. Gibt es das Willi-Prinzip?

Ein Gedankenexperiment mit zwei anderen Geschichten. Die erste: Deutschland wird alt, zumindest immer älter. Sozialsysteme für Renten und Gesundheitsausgaben sind ungesichert, staatliche Aufgaben müssen an allen Ecken finanziert werden: was wird aus Bildung und Infrastruktur? Wer soll das bezahlen? Wer schafft morgen den Mehrwert mit seiner oder ihrer Hände, Kopf und Herzen Arbeit? Auf dem Land fehlen Ärzte in gefährlichem Ausmaß. Der Industrie, dem Bau und teilweise auch der Forschung gehen die Fachkräfte aus. Schon tausend Mal gehört? Gewöhnen wir uns lieber dran, wir werden es in Zukunft noch öfter und noch lauter hören.

Die zweite Geschichte, ist mindestens ebenso kompliziert und geht so: Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu. Noch ist es kein „Flüchtlingsstrom“, davon kann bei einigen tausend Menschen zum Beispiel in Berlin keine Rede sein. Aber es wird eng, zumindest im Erstaufnahmelager in Berlin-Siemensstadt sowie den zusätzlich organisierten Sporthallen. Einer der Gründe ist, dass drei Staaten auf dem Balkan zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt wurden. Rechtzeitig vor Inkrafttreten dieser neuen Regelung haben sich von dort noch ein paar tausend, überwiegend junge Männer, auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Afghanistan und anderen Staaten, in denen schlicht und einfach Krieg, Elend und Chancenlosigkeit vorherrschen.

So. Das sind die beiden Geschichten. Willi ist weg. Der kommt auch nicht wieder, egal wie sehr wir uns wünschen, es wäre alles wieder so wie früher. Nun bin ich nicht der erste, der darauf kommt, dass in Zuwanderung ja statt einem Problem vor allem eine Lösung gesehen werden kann. Einige Politiker haben das immer wieder gesagt. Wahrscheinlich bin ich sogar der letzte, der diese beiden Geschichten gerade zusammengeführt hat, als ich gestern die Aushänge an unseren Laternen sah.

Und jetzt? Eigentlich müssten doch jetzt alle Schlangestehen. Jetzt kann es losgehen. Ich stelle mir, damit es geordnet bleibt, den Verlauf in etwa so vor:

Zuerst dürfen sich die Fußballer und andere Sportvereine nach den größten Talenten umsehen. Wo jetzt vereinzelt Jugendliche und Kinder mit ´nem Ball kicken – vor den Flüchtlingsheimen – werden spätestens im Frühjahr große Turniere veranstaltet: Talentscouting, und wer zuerst kommt, der mahlt ja bekanntlich zuerst. Aufwand: null, alles ist da. Zu verlieren hat hier niemand etwas, alle dürfen mitspielen. Für beheimatete Sportler sind die Wettkämpfe Training und Begegnung, für die Flüchtlinge Spaß, Sinn und Ablenkung – und vielleicht mehr. Sprachprobleme? Haben Pep Guardiola und Salomon Kalou ja auch nicht, Sport verbindet. Selbst Lothar Matthäus konnte sich während seiner Karriere in Italien und Deutschland immer klar und deutlich… okay, schlechtes Beispiel.

Als nächstes lösen wir unseren Mangel an Arbeitskräften in Pflege- und Heilberufen. Schwierig? Geht nicht so einfach? NATÜRLICH nicht! Jedenfalls NICHT EINFACH! Aber, hey, wir haben das Auto erfunden, wie einfach war das denn? Also: ein Plan muss her, die Menschen müssen jetzt erstmal begrüßt werden. Dann Sprachkurse, Begleitung bei Behördengängen (Zeit ist genug, die Kinder sind ja gerade auf dem Sportplatz). Wer von den Flüchtlingen hat schon Erfahrung, wer will überhaupt, wer kann überhaupt?
Die meisten werden sowieso abgeschoben? Das stimmt, zumindest bei denen aus den Balkanstaaten. Aber wer will, findet Möglichkeiten – nur wer nicht will, findet Gründe. Also: Druck auf die Politik, und damit meine ich Druck durch die Lobby der Rentner und der Betreiber von Altenheimen. Damit meine ich uns, mich, wer soll uns pflegen, wenn es soweit ist?

Ärzte. Kaum ein deutscher Arzt will im mecklenburgischen Nirwana hinter den sieben Bergen eine Praxis eröffnen und darauf warten, dass niemand kommt. Und die Mediziner aus den Kriegsgebieten? Haben wir sie überhaupt schon gefragt? Womit könnten wir sie locken? Vielleicht damit, dass sie ihre Familien mitbringen können. Versuchen wir’s – aussichtslos ist nur das Nichtstun! Gesundheitsministerium, Flächenländer, Verbände – schließt Euch zusammen und packt es an! (Um Himmels Willen, bildet keine Arbeitsgruppe, beauftragt einfach gute Leute). Ausbildungen müssen überprüft und gegebenenfalls leichter anerkannt, Perspektiven für Familien geschaffen werden.

Jetzt kommt der Burner: der deutsche Mittelstand, die Zulieferer der globalen Industrie, das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ich sehe Personalvorstände und Human Ressource Manager Recruiting Programme entwickeln – und dann stehen sie an, um die besten der besten. Und wieder wird es schwierig – na super! Es wäre ja auch so langweilig (und ich würde gar nicht drüber schreiben), wenn es einfach wäre. Kontakt anbahnen, kennen lernen, Dialog führen, zuhören. Der deutsche Mittelstand hat Weltkriege, Ölkrisen und Sozialdemokraten überlebt – er wird Wege finden. Flüchtlinge zu Facharbeitern.
Bosch, Siemens und Volkswagen wissen: mit dem Verkauf von Autos und Bohrmaschinen ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Aber womit dann? Bohrer werden auch morgen keine Daten sammeln, Google können wir nicht kopieren. Irgendwas mit Daten oder Service, mit Software oder Nachhaltigkeit? Ja, ihr seid verdammt nah dran, ganz heiß…! Vielleicht sind es gesellschaftliche Konzepte, die den deutschen Standort sichern.

Wir haben Angst, dass Google, Facebook und die Asiaten (deren Namen wir uns schon aus Protest nicht merken können) uns in der digitalen Entwicklung abhängen? Das haben sie doch längst! Aber Entwicklung verläuft niemals linear, deshalb stimmt das Bild von Spitzenreitern und Abgehängten nicht. Entwicklung verläuft gleichzeitig in unendlich viele Richtungen. Und das bedeutet: wir können morgen ganz vorne sein, nämlich in einer Domäne, die plötzlich wichtig geworden ist, und zwar weil wir dort eine Priorität setzen. Dann rennen andere hinterher, schauen auf uns. Schluckt unseren Staub! Die letzten werden die ersten sein, wenn die Marschrichtung sich dreht. Oder die Blickrichtung, die Perspektive. Der Kopf ist rund..

Deutschland, bleibe – schrieb Gerit Probst an dieser Stelle. Ja, Deutschland BLEIBE! Und wenn Du bleiben WILLST, Deutschland, dann kannst Du auf keinen Fall so bleiben wie Du BIST. Und ändern tust Du Dich ja sowieso, die ganze Welt ändert sich gerade mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit. Und Entwicklung, das haben wir ebenfalls in diesem Blog an mancher Stelle gelesen, sollten wir nicht als Störenfried betrachten, vor dem es sich zu schützen gilt. Genau so aber sieht, Deutschland, Dein Umgang mit Flüchtlingen aus: Du bringst sie in Turnhallen unter und teilst sie dann auf in: „Schüblinge“ (Verwaltungsdeutsch) und „Integrierlinge“ (meine Interpretation). Anstatt dass wir einfach mal AKTIV, MUTIG und vor allem aus unserer sehr starken Position heraus schauen, wie man gemeinsam das Geschäfts- und Lebensmodell Deutschland weiterentwickeln kann! Wir SIND STARK, wir sind sogar superstark. Machen wir was draus.

Apple, Google und Facebook treiben die Welt mit immer neuen Angeboten im Tausch gegen Geld und Daten vor sich her. Bosch, Siemens, Volkswagen – diesmal seid Ihr es, die uns überraschen, und zwar mit völlig neuen Konzepten zur Rekrutierung und Ausbildung von Fachkräften. Schwierig? Es ist eine Herkulesaufgabe, wenn es jemand schafft, dann Ihr.

Am Ende noch die Antwort auf die Frage, weshalb dies mein wichtigster Artikel ist. Erstens: der Artikel, den ich gerade schreibe, ist immer der wichtigste. Zweitens: der Artikel ist die Antwort auf eine Frage, die mich seit Wochen beschäftigt, nämlich ob ich die gesellschaftlichen Themen meines Blogs endlich von den Managementthemen trennen sollte. Heute zumindest lautet die Antwort Nein, beides gehört zusammen, denn das eine wirkt ebenso mächtig auf das andere wie umgekehrt.

Mein letzter Gedanke gehört Willi. Bestimmt hat er eine Familie gefunden, die ihn liebt.

Menschen in Berlin

Der stärkste Einwand, der mir selbst beim Lesen kommt, ist natürlich der Zynismus, der darin liegt, nur die besten einzulassen. Ich glaube einfach, zwei Drittel der Flüchtlinge sind wahrscheinlich gut bis sehr gut in irgendwas – oder können durch Bildung, Ausbildung und vernünftigen, würdigen Umgang dazu ertüchtigt werden. Alle anderen sind Durchschnitt, die vertragen wir mit Sicherheit auch noch – kein Land und keine Wirtschaft lebt ausschließlich von Spitzenpersonal. Und es gibt so viel zu tun.

Arbeit ist so wichtig für die eigene Identität. Viele wollen ja vielleicht gar nicht. Sie müssen ja nicht müssen. Sie sollen aber dürfen.

Gestern fand der erste Deutschkurs in der Turnhalle Lippstädter Straße statt, in der seit dem 23. Dezember rund 300 Flüchtlinge, nennen wir sie einfach mal Menschen, leben. Herausgekommen sind „Guten Tag“, „Guten Abend“ und „Ich liebe Dich“ – sowie ein paar lächelnde Gesichter, weil der Tag von mehr erfüllt war als vom warten auf die Essensausgabe. Das nenne ich einen Anfang! Ich liebe Dich. Der wichtigste Satz der Welt – was kann da noch schief gehen, auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft.

Kommentar: Ich sag’s mit Liebermann

Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi war am Freitag wegen „Beleidigung des Islam“ mit 50 Peitschenhieben bestraft worden best pills to lose weight. 950 sollen folgen, jeweils Freitag. Fraglich, ob so eine Tortur, sollte sie bis zum Ende vollstreckt werden, überlebt werden kann.

In Paris marschierte eine Reihe von Politikern für die Pressefreiheit, darunter auch saudische Politiker und Diplomaten.

Saudi-Arabien führt deutsche Produkte und Dienstleistungen in nennenswertem Umfang ein, 2013 betrug das bilaterale Handelsvolumen 11 Mrd. Euro.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

 
 
 
 

Raif Badawi | Auswärtiges Amt | Max Liebermann

Der Gastkommentar:

Deutschland, bleibe

Der Gastkommentar

Gerit Probst, interkulturelle Trainerin, widerspricht meinem Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“. Sie schreibt: „Jeder Mensch braucht eine geistige und kulturelle Heimat, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt… die Geborgenheit gibt uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben…
Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für ‚Deutschland, bleibe’“

 

Deutschland, bleibe

von Gerit Probst
 

Wir alle sind in diesen Tagen aufgerüttelt vom Zeitgeschehen: im Namen der Religionen geschehen furchtbare Dinge: Charlie Hebdo – medial ganz vorne dran, Boko Haram mordet in Nigeria, kleine Mädchen werden zu Selbstmordattentätern, der saudische Blogger Raif Badawi wird öffentlich ausgepeitscht, ein Ägypter wegen Atheismus zu Gefängnis verurteilt, während Repräsentanten seines Landes in Paris geheuchelte Sympathie für Meinungsfreiheit bekunden, es wird entführt, enthauptet, geschmäht. Diverse Gidas und Nongidas bevölkern die Strassen; Flüchtlingsströme drängen nach Europa – plötzlich sind Salafisten und Islamismus in aller Mund, religiöser Fanatismus und die Angst vor dem Islam sowie die mahnenden Gegenstimmen dominieren die Schlagzeilen.

Von Krieg ist die Rede: Terror gegen Abendland und Freiheit – der Islam, die rückständige Religion der Gewalt und Intoleranz gegen die Moderne, gegen den Westen und seine Errungenschaften.

Diese Simplifizierung aber birgt den eigentlichen Sprengstoff: was fanatische Terroristen niemals erreichen könnten, vermag diese Art der Darstellung und Empfindens: einen Graben quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Wenn wir Islam gleichstellen mit Islamismus, jede Form des Salafismus gleich mit gewaltbereitem Extremismus, jeden Muslim unter Generalverdacht stellen, schaffen wir Zustände, die den Terroristen in die Hände spielen.

Nicht der Islam ist unser Feind.

Es ist eine Binsenweisheit, dass im Namen aller großen Religionen entsetzliche Gräueltaten verübt wurden und werden. Zugegebenermaßen: während Burenkriege, Missionierungen, Kreuzzüge, Inquisition und Pogrome im Dunkel der Geschichte zu verblassen drohen, drängen sich ISIL, Al Qaida, Boko Haram und wie sie alle heißen nachdrücklich ins Bewusstsein.

Ein zweiter Blick aber zeigt, dass nicht nur in Paris auch Muslime unter den Opfern waren: in Syrien, Irak, Nigeria etc. waren neben Yesiden und Kopten v.a. Tausende Muslime Opfer des fundamentalistischen Irrsinns. Auch heute noch kämpfen und töten nicht nur muslimische, sondern auch christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische und selbst konfuzianische Fundamentalisten im Namen ihrer Religionen; Fundamentalisten, welche den toleranten und milden Aspekten, die jeder Religion innewohnen, eine Absage erteilen.

Es gilt, gegen diesen Extremismus vorzugehen, gegen gewaltbereiten Fundamentalismus jeglicher Couleur. Nicht das Abendland muss sich gegen den Islam wehren – vielmehr sind es die friedlichen, offenen und toleranten Menschen dieser Welt, die sich – unabhängig von und ganz im Sinne ihrer Religionen gegen die Barbarei zur Wehr setzen müssen.

Der omanische Sultan Qaboos sagte – bezogen auf den Islam – in einer Rede im Jahr 2000: „Die freie Gesinnung, eigenständiges Nachdenken und selbstständige Entscheidungsfindung zu korrumpieren ist eine Todsünde. …“ Jede Religion bietet den Raum für eine offene, tolerante und versöhnliche Haltung und Lebensführung. Erfolgreich kann dies aber nur geschehen, wenn dem Fundamentalismus langfristig der Nährboden entzogen wird.
Militärische Mittel alleine können hier keine Lösung schaffen –vielmehr muss den Entstehungsursachen fundamentalistischer Strömungen entgegengewirkt werden: eine gewaltige, globale Herausforderung. Es ist schließlich kein Zufall, dass islamischer Terrorismus derzeit an so vielen Ecken der Welt aufbricht.

So segensreich viele Segnungen der Moderne sein mögen, einigen Teilen der Welt haben wir sie gewaltsam und wenig weitblickend angedeihen lassen. Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat dies einmal sehr anschaulich illustriert: „Wenn wir einen Kuchen mit falschen Zutaten (Reis statt Mehl etwa) und den falschen Geräten backen, wird das Endergebnis nicht mit dem Ideal des Rezepts übereinstimmen: es ist anders – es kann köstlich sein, kann aber auch ganz abscheulich werden. Vielleicht ist es besser, mit den vorhandenen und verfügbaren Techniken und Ingredienzen zu arbeiten, lokale Sachkenntnis (…) zu benutzen, um sich dem Vorbild möglichst weitgehend zu nähern. (…)einen eigenen, unverwechselbaren und modernen Kuchen zu backen.“

Es bedarf weltpolitischen Weitblicks, globaler wirtschaftlicher sowie politischer Ansätze und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühls, um nicht mit westlicher Arroganz neue Brandherde zu schaffen. Die gesellschaftlichen und politischen Zustände, Furcht und Orientierungslosigkeit sind wichtige Ursachen von Fundamentalismus, hier gilt es anzusetzen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine geistige und kulturelle Heimat braucht, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt. Auch hier mag man nicht jeden gleichermaßen, teilt nicht jedermanns Ansichten und ist oft uneins. Dennoch gibt die Geborgenheit uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben. Gemeinsam mit all den anderen warmherzigen und offenen Menschen weltweit, die auch alle ihre Nestwärme brauchen.

Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für „Deutschland bleibe!“

In eigener Sache:

Der Gastkommentar

Der Gastkommentar

Die Reaktionen auf meine Artikel in diesem Blog sind vielfältig, nicht selten erhalte ich SMS Nachrichten, Mails oder Kommentare in Gesprächen. Die Zustimmung macht Mut: „Toller Artikel, bewegend“, oder „Sehr wahr und gut geschrieben“. Interessant ist: Vor allem Widerspruch zu meinen Thesen wird sehr genau begründet, hergeleitet und erläutert. Und meistens, das ist das Phänomen, bin ich absolut einverstanden, mit dem, was ich lese. Löst Widerspruch sich auf in vernünftigen Argumenten? Spannend…
Manchmal setzen sich Leser meines Blogs so intensiv mit den Themen auseinander, dass ich mich entschieden habe, diese Texte als Gastbeiträge zu veröffentlichen.

Beginnen werde ich mit einem Kommentar meines Vaters zum Artikel über TTIP. Burkhard Schmidt macht sich Sorgen um das, was wir in Deutschland und Europa mit der teilweisen Umstellung auf ökologische Landwirtschaft schon erreicht haben. Er plädiert dafür, „keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufzugeben“.

 

Kommentar zu „TTIP und das Nürnberger Würstchen“

von Burkhard Schmidt
 
Lieber Oli,
ich schätze zwar Deine Gedanken im Wesentlichen, aber hier denkst Du meines Erachtens nicht weit genug. Unser Ernährungsverhalten ist weitaus einflussreicher auf unsere Umwelt und damit auch auf uns, als Du denkst.

Die Qualität der Nahrungsmittel, das heißt in diesem Falle ohne veränderte Gene, ohne Pestizide und überflüssigen Kunstdünger wirkt sich sehr viel stärker auf die Landschaft und das ganze Ökosystem aus, als Ihr “Großstädter” es wahrnehmen könnt.

Wenn ich sehe, dass hinter einem konventionell arbeitenden Trecker höchstens ein paar Möwen auf Futtersuche gehen, hinter einem Ökotrecker aber 25 Paare Störche, Bussarde, Milane, Reiher und Kraniche ihre Nahrung finden, dann wird mir klar, dass ohne die chemische Industrie mit ihrem enormen Energiebedarf für die Herstellung dieser überflüssigen Produkte das Leben in unseren Böden wieder entstehen kann. Dieses bakterielle Leben produziert auf natürliche Art und Weise die Nährstoffe für unsere Nahrung, ausreichend für unsere Gesellschaft. Und das hat Auswirkung auf unsere Landschaft und andere Teile unsers Lebens. Und deshalb darf es nicht sein, dass wir die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel, die in den letzten Jahrzehnten erreicht worden ist, wieder verlieren. Dafür setze ich mich ein. Im Handelsabkommen ist angedacht, die Angaben über Herkunft und Zusammensetzung im Zahlencode zu verstecken. Wer kann denn dann noch die Inhalte erkennen? In diese Verhandler in Brüssel, die diesen Blödsinn verzapfen um den Lobbyisten der Industrie in Berlin zu gefallen, habe ich kein Vertrauen.

Übrigens, die chemische Industrie, die den größten Teil des Saatmarktes beherrscht, hat Saaten entwickelt, die sich nach der Ernte nicht wieder vermehren können. Wer garantiert uns, dass nach dem langjährigen Verzehr dieser Produkte wir selber noch Kinder zeugen können, aber eben diese Kinder keine Nachkommen mehr hervorbringen können. Schwarzmalerei? Nein, denn viele Jahrzehnte sind Pestizide produziert, genehmigt und mit verheerenden Folgen für die Umwelt auf die Äcker gebracht worden gebracht worden. Erst danach kamen die Erkenntnis und das Verbot. Lasst uns deshalb keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufgeben.

Dein besorgter Vater

Gedanken zum Sonntag

Wir können im Leben wenig erreichen durch Erzwingen, aber alles durch Erkennen. Oder hat jemand schon einmal ein besonderes Talent erzwungen? Nein, aber gesegnet ist derjenige, der um sein Talent weiß, weil er – oder jemand anderes – es erkannt hat.

Ich glaube es war der Bildhauer Michelangelo, der sagte, er würde im Stein seine Figuren bereits erkennen, er müsse sie nur befreien. Und Nelson Mandela sagte, die größere Angst als vor der Dunkelheit haben wir vor dem Licht, das in uns leuchtet. Denn es zeigt uns unseren Weg, der nicht immer einfach, aber voller Verantwortung für uns und andere ist.

HOME Office

HOME Office ist ein Managementsystem, dessen Wesen genau darin liegt: zu ERKENNEN, statt zu ERZWINGEN. HOME Office unterscheidet zwischen einfachen Vorgängen, die wir brauchen, um vermittels Routinen effizient und kontrolliert zu arbeiten. Und komplexen Prozessen, mit denen wir uns auf unsere Zukunft vorbereiten, also auf neue Märkte, neue Entwicklungen und neue Ziele. HOME Office ist eine Perspektive, die uns unser Unternehmen, unser Projekt und, wenn wir es wollen, unser Leben anders wahrnehmen lässt.

In diesem Blog sind in der Kategorie <a title="(Fast) alles über HOME Office" href="http://blog.zwo-punkt-null look at these guys.de/category/briefe-ans-management/“ target=“_blank“>:HOME Office / Briefe ans Management viele Aspekte dieser besonderen Perspektive beschrieben, 2015 erscheint ein Buch zum Thema. Außerdem gibt es Vorträge und Workshops zum Thema.

Deutschland, schaff Dich ab

Wieder ein Gespräch mit meinem an dieser Stelle bereits zitierten Bekannten, Wirtschaftsingenieur, Doktor, Staatssekretär a. D., über Freiheit und Menschenrechte. Ich erzähle ihm, wie mein Weltbild zerbrach, oder zumindest rapide abbaute über die Jahre. Geboren 1965 im Weser Bergland, groß geworden an der Ostsee, lebte ich natürlich in der tief verwurzelten Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen (wer in Geografie einen Fensterplatz hatte: ich bin Wessi). Die mit Stacheldraht bewehrte Zonengrenze hatte ich stets vor Augen, der Russe stand als manifeste Drohung quasi vor unserer Haustür.

Eine typische Szene aus meiner Jugend gefällig? Nur zu gern. Klassen- und Geschichtslehrer Horst Mevius befragte uns als Schüler der neunten Klasse des Jungen Gymnasiums „Oberschule zu Dom“ nach unserer Ansicht, und das lief so ab: „Wer ist der Meinung, dass wir die Olympischen Spiele in Moskau boykottieren sollten?“ Das Votum der Schüler fiel ungefähr Hälfte/Hälfte aus.

Sein nun folgender Vortrag über den Russen, seine Expansionsbestrebungen in Afghanistan und internationale Sportpolitik ist mir leider nicht mehr wörtlich in Erinnerung. Umso erstaunlicher, wurde er doch kraftvoll vom Lehrerpult aus in den Klassenraum gebrüllt und zwar im zackigen Da-geht’s-lang-habt ihr’s-endlich-kapiert? Ton. Abschluss: „Und wer ist JETZT für einen Boykott?!“ Alle Hände gingen hoch (nur nicht die von Rainer Laabs und mir, was eher unserem Rollenverständnis als Fundamentalopposition entsprach als politischer Weitsicht). Der Russe und seine Satteliten waren brutal, bedrohlich und unbarmherzig. Moskau knechtet und bespitzelt sein Volk und kennt nur das eine Ziel, diese Werte in alle Welt zu exportieren.

Wenn ein amerikanischer Präsident sich heute gegen den Einmarsch der Russen in ein anderes Land ausspricht, wenn er von Freiheit und Menschenrechten redet, ist er unglaubwürdig. In unseren Hirnen setzt sich das Kopfkino in Gang: amerikanische Foltergefängnisse, „erweiterte Verhörmethoden“, weltweit eingesetzte Abhörpraktiken… Auf welcher Seite standen wir da eigentlich über die Jahrzehnte? Vor allem auf unserer, denn uns ging es gut, in der DDR möchte ich nicht gelebt haben. Also alles gut?

Um auf das Gespräch mit meinem Staatssekretär zurückzukommen – er pflichtete mir bei und schloss die Frage an, wem wir unsere Zukunft denn überhaupt anvertrauen können? „Welches Land hält die Fahne der Freiheit und Menschenrechte hoch? Die Amerikaner? Die Chinesen? Europa? Wir?“ Meine Antwort darauf lautete: „Die Frage ist falsch gestellt. KEIN Land trägt diese Fahne glaubhaft vor uns her, wenn wir es nicht selber tun. Aber in JEDEM Land gibt es Menschen und Institutionen, denen wir vertrauen und mit denen wir uns vernetzen und verbünden können.“ Er gab mir Recht. Umweltaktivisten, Menschenrechtsgruppen, vernünftige und glaubwürdige Personen gibt es überall. Hier in Nationalstaaten zu denken ist absurd und irgendwie gestrig. Das organisierte Verbrechen, die Mafia und die Lobbyisten sind da längst weiter, zum Glück aber auch Organisationen wie Amnesty International – verschaffen wir unseren Ideen weltweit Gehör.

Um an dieser Stelle Missverständnissen aus dem Weg zu gehen: oft bin ich von Herzen national. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als mit dem Zug durch Deutschland zu fahren, die Veränderung unserer Landschaften zu beobachten von der Geest im östlichen Holstein, wo ich aufgewachsen bin, durch die Mittelgebirge bis ins traumhaft schöne Alpenvorland. Nur habe ich immer weniger das Gefühl, dass dies „unsere“ Landschaften sind. Wer ist dieses „Wir“? Belasten Ausländer wirklich „unsere“ Sozialsysteme, wenn sie sich in Berlin oder Baden-Württemberg niederlassen? Ich spüre keine Gemeinsamkeit mit Herrn Meier aus Paderborn oder Frau Müller aus der Pfalz, jedenfalls nicht mehr als mit Kowalczyk oder Al Sayed.

Mit Meier und Müller teile ich die Gene und die Mene, also die kulturelle und zutiefst eingegrabene Erinnerung an Christentum alles, was deutsch sein eben ausmacht. Das prägt uns zutiefst und ist Teil unserer Identität. Es gibt aber Erfahrungen und Werte, die ich mit den Kowalczyks und Al Sayeds dieser Erde ebenso teile, egal welche Hautfarbe wir haben, welche Religion unsere Vorfahren praktizierten und welchen Bräuchen wir anhängen. Das Wir in mir löst sich auf – und setzt sich gerade neu zusammen.

Gestern waren wir alle Charlie. Dem Einwand einer arabischen Demonstrantin, warum ebenso brutal und zu Hunderten ermordete Palästinenser nicht ansatzweise das selbe Entsetzen, die selbe Trauer und die selbe Solidarität auslösen, wurde mit dem Hinweis begegnet, es käme nicht auf die Anzahl an. Seit wann das denn nicht?

Verteidigen wir wirklich die Pressefreiheit? Oder verteidigen wir unsere Pressefreiheit, unseren Frieden in Europa? Die Sozialsysteme würden zusammenbrechen, ließen wir alle sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge ins Land – hoffentlich tun sie’s bald, dann wären wir endlich gezwungen, „unser“ Sozialsystem zu überdenken. Ein nationales Sozialsystem will ich nicht, denn es kann nicht funktionieren.
Thomas Mampel veröffentlichte gestern auf Twitter die Grafik des Grenzzauns, der das „Wir“ von denen da abgrenzt:

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Sie steht den Grenzanlagen der DDR, deren Fall, nein, deren Niederreißen durch die Eingesperrten wir gerade zu Recht gefeiert haben, in nichts nach:

Grenzanlage-ddr

Eingesperrt, ausgesperrt – das ist letztendlich eine Frage der Perspektive. Wir sperren uns ein, damit die da draußen uns mit ihren Problemen in Ruhe lassen.

Es wird Zeit, supranational zu denken, und zwar weit über die europäischen Grenzen hinaus. Umweltschäden machen vor Grenzen nicht halt, Terror nur bedingt, und wenn wir den Hunger aussperren können, vergeht mir doch der Appetit. Meinen beiden Töchtern, und sie sind der Grund für alles, was ich tue, wird es gut gehen, wenn es den Menschen um sie herum gut geht. Das gilt für unsere Siedlung, unsere Stadt, unser Land, unseren Kontinent und unseren Planeten gleichermaßen. Für’s gut gehen, für ein Leben in Würde und der Möglichkeit zur Entfaltung, gibt es keine Grenzen. Wir können nicht die Welt retten, aber wir können aufhören, diese merkwürdige und völlig abstrakte Unterscheidung zwischen uns und denen zu denken. DIE haben auch Töchter.

Politischer Kommentar

Pegida, TTIP und das Nürnberger Würstchen

#Pegida und #Nopegida

An Pegida stört mich alles, an Nopegida in letzter Zeit einiges. Richtig geärgert habe ich mich, als auf Twitter das Bild eines älteren Pegida Demonstranten begeistert retweetet wurde, dessen Schild im Wort „Islamisierung“ einen Fehler aufwies. Kommentar: #Idiot. Heute musste ich dieses Bild sogar in meiner hochgeschätzten Berliner Zeitung sehen. Hallo? Seit wann machen wir uns denn über Rechtschreibschwäche lustig? Der nächste Schritt ist dann, sich über humpelnde zu erheben – sind ja nur Nazis. Einmal abgesehen davon, dass ich die allermeisten Pegidas nicht für Nazis halte – diese Form der „Kritik“ ist nicht mein, ist nicht unser Niveau!

Ich gehe hart ins Gericht mit Nopegida, gerade weil es mir am Herzen liegt. Ich bin stolz und erleichtert, dass Massenaufmärsche, verdunkelte Gebäude und so manche Politiker klar stellen, wir leben nicht 1933, sondern sind in der Mehrheit tolerant und aufgeschlossen.

#TTIP

Wer die Diskussion um das Wirtschaftsabkommen TTIP verfolgt, der könnte meinen, alle fressen Scheiße, nur wir nicht. Ich drücke das so drastisch aus, weil mich die Situation an eine ähnliche in den 80-er Jahren erinnert. Das deutsche Reinheitsgebot für Bier von 1516, nach dem ausschließlich mit den Zutaten Wasser, Malz und Hopfen gebraut werden darf, war nicht zu halten. Der deutsche Markt musste sich auf Druck der EU ausländischen Bieren, und damit auch anderen Rezepten öffnen. Die Panikmache begann, und sie war nicht nur gesteuert vom heimischen Brauereiwesen. Selbst die Tagesthemen fragten ängstlich: „Wann kommen sie wohl, die Billigbiere aus dem Ausland?“.

Ein paar Monate später tranken wir mexikanisches Maisbier aus der Flasche, garniert mit einem Scheibchen Limette, und waren beseelt vom frischen Wind ganz ohne alte Bierseeligkeit. Ernsthafte Erkrankungen, allergische Reaktionen oder gar der Untergang des Abendlandes sind mir nicht in Erinnerung.

Auch TTIP werden wir überleben. Nürnberger Rostbratwurst kommt aus Nürnberg, und das ist gut so, tatsächlich möchte ich keine Nürnberger Rostbratwurst aus Tennessee essen. Aber schon heute habe ich keine Ahnung, woher das Fleisch der Bratwurst kommt: Aus Nürnberg? Aus Wrocław? Aus Xinjiang? Die Vergabe von Herkunfts- und Gütesiegeln in der EU ist so unübersichtlich, dass wir uns nicht aufs hohe Ross setzen sollten. Hart verhandeln um vernünftige und nachvollziehbare Standards sollte die EU allemal, nur diese geozentrische Hochnäsigkeit nervt und erinnert eben auch an Pegida.

Einwanderung und die Öffnung von Märkten sind zwei Seiten einer Medaille, ich bejahe beide von Herzen. Die auszuhandelnde Frage ist dann das „Wie“, nicht aber das „Ob“.
Das Leben ist wie ein großer Fluss. Die Richtung des Ganzen ist vorherbestimmt. Ich als kleines Teilchen kann aber immer beeinflussen wie ich mich bewege. Schwimme ich rechts oder links in Ufernähe, lasse ich mich einfach treiben? Oder schwimme ich auch mal, solange die Kraft reicht, gegen den Strom?

Allen Pegida Anhängern, allen Skeptikern, allen Freunden, Bekannten und Kollegen, allen Lesern dieses Blogs und nicht zuletzt mir selbst rufe ich zu: Habt Mut! Habt Zuversicht! Begrüßt die Flüchtlinge und Einwanderer ebenso, wie Ihr den morgigen Tag begrüßt. Für beide gilt: wir wissen nicht, was er mitbringt, aber wir haben es doch selbst in der Hand! Die Zukunft gehört uns gemeinsam und steckt voller Wunder.

Du lebst auf einem blauen Planet, der sich um einen Feuerball dreht, mit ´nem Mond, der die Meere bewegt – und Du glaubst nicht an Wunder?

Ich glaube.

Eine Weihnachtsgeschichte

Mach weiter, Lisa!

Bad Wimpfen ist ein verschlafenes Nest in der schwäbischen Provinz. Jahrhunderte alte Fachwerkhäuser lehnen sich aneinander um nicht auf der Stelle umzufallen, die wachsende Zahl der Rentner und die immer weniger werdenden Kurgäste tun es ihnen nach.

Hier in Bad Wimpfen lebt und arbeitet das Ärzte-Ehepaar Al Khoudri, genauer gesagt Dr. Christiane Krestel Al Khoudri und ihr syrischer Ehemann Dr. Bassam Al Khoudri. Der Großteil der Familie lebte bis vor kurzem noch nahe Damaskus und konnte dort nicht mehr sicher zur Arbeit und zur Schule gehen. Für die Al Khourdris in Bad Wimpfen gibt es seit zwei Jahren nur ein Ziel: die Familie zu retten. Bassam Al Khoudri und seine Frau setzten sich mit Behörden in Verbindung, kämpften um Einreisgenehmigungen und unterschrieben, für alle aufzukommen. Die Geschwister Bassams durften dann tatsächlich nach Deutschland einreisen, mit Ehepartnern und ihren minderjährigen Kindern, im November 2013 kam der erste Teil der Familie, bis heute sind es rund 40 Personen. 40 Menschen sind gerettet vor Krieg und Zerstörung, aber es sind eben zu viele, um von einem Ehepaar in Würde untergebracht, versorgt und versichert zu werden.

Seit die Al Koudris mit Wohnraum und Geld an ihre Grenzen kommen, sammelt die Stadt Spenden, veranstaltet Abende und räumt ungenutzten Wohnraum leer. Mit den Spenden der 2.800 köpfigen evangelischen Gemeinde konnte die Miete für ein ganzes Haus bezahlt werden in dem ein Teil der syrischen Großfamilie lebt. Es gibt Hausaufgabenhilfen und Deutschunterricht, die 14-jährige Maria konnte so bereits von der Hauptschule auf das örtliche Gymnasium wechseln. Zurzeit wird ein weiteres, leerstehendes Haus ausgeräumt und um eine zweite Küche erweitert. „Unsere Syrer“ ist in Bad Wimpfen inzwischen ein geflügeltes Wort.

Lisa aus Bad Wimpfen, 16 Jahre alt, wollte einen Schritt weitergehen. „Die Al Khoudris sind in Sicherheit, auch wenn ihre Situation schwierig ist. Aber was ist mit den Menschen, die noch auf der Flucht sind, oder untergekommen in einem türkischen Zeltlager?“ Lisa wollte helfen, konnte mit Spenden aber nicht dienen. Sie kann aber Geige spielen, und wer musiziert, ist damit meistens nicht allein. So veranstaltete sie mit Hilfe der evangelischen Kirchengemeinde einen Abend, zehn Musiker und ein Chor. Auch die Al Koudris waren dabei, es kamen 767,70 Euro zusammen, die umgehend gespendet wurden.

Benefizkonzert

Lisa ist nun enttäuscht, weil der Abend nur von 60 Personen besucht wurde, sie hatte mit mehr gerechnet. Ich finde 60 Menschen sind viele.

Mach weiter, Lisa! Mach gemeinsam mit der Kirche eine monatliche Veranstaltung daraus. Selbst wenn nur hundert, nur fünfzig Euro zusammen kommen, es lohnt sich. Und ich glaube, es wird eher mehr, als weniger Geld. Ich glaube, dass viele Menschen helfen wollen, aber keinen Ansatz finden. Ein monatliches Konzert, bei dem wir spenden und gleichzeitig Menschen treffen können. Menschen, die helfen wollen und Menschen, denen geholfen wurde – was gibt es besseres? Mach weiter Lisa!

Bunt und farbenfroh

Ich widme meine Weihnachtsgeschichte Anna Schmidt, die ich hoch schätze. In ihrem Blog „Bunt und Farbenfroh“ sorgt sie sich um den Zustand unseres Landes und um die Zukunft ihres Neffen, angesichts einer scheinbar breiten, fremdenfeindlichen Haltung, die es auf die Straße zieht, und die sich den Namen Pegida gibt („Unter der Mütze versteckt“ von Anna Schmidt).

Liebe Frau Schmidt, auch in mir weckt es Angst und Unbehagen, wenn, wie ´33, ein Sündenbock gesucht, gefunden und angefeindet wird. Aber im Unterschied zur finstersten Stunde unserer Geschichte gibt es heute tausende von Gegendemonstranten. Es gibt einen Bundespräsidenten, der in seiner Weihnachtsansprache zu Hilfe und zu Unterstützung für Flüchtlinge aufruft. Es gibt einen Twitter Shit Storm GEGEN Pegida, der jeden Montag zu einem Orkan anschwillt. Und es gibt Lisa, die stille Demonstrantin. Es gibt sie in Bad Wimpfen, in Berlin Steglitz und überall dort, wo Menschen helfen, spenden und gemeinsam Willkommen heißen.

Das alles wissen Sie, liebe Frau Schmidt, besser als ich, denn sie engagieren sich ja selbst. Sorgen sie sich nicht um das Wohl Ihres Neffen, er wächst hinein in eine bunte und bewegte Gesellschaft. Nicht „die Ausländer“, Menschen anderer Hautfarbe oder „anderen Glaubens“ (was soll das überhaupt sein?) sind die Minderheit – sie sind längst diejenigen, die unsere gemeinsame Zukunft mitschreiben. Die Minderheit, die wir wohl zähneknirschend tolerieren müssen, weil es sie immer geben wird, sind die Pegida Anhänger. Aus dieser Position heraus gehen sie auf die Straße, sie verlieren den Boden unter den Füßen. Und das ist gut so, die allermeisten von denen werden sich wieder beruhigen und unsere Welt so akzeptieren, wie sie ist: bunt, farbenfroh und einzigartig.


Lisa ist übrigens die Enkelin von Opa Oskar, dessen Flüchtlinggeschichte von ´44 ich hier bereits beschrieben habe. Sie sieht da keinen Zusammenhang. Ich denke, hier schließt sich ein Lebenskreis.

Exotische Gerichte:

Wiener Schnitzel

An dieser Stelle mein Geständnis: ich liebe Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Zur Erklärung, Wien ist die Hauptstadt der „Österreicher“, eines Bergvolkes, das seit Jahrhunderten inmitten der Alpen lebt und dem mächtigen Gebirge abtrotzt, was geht. Und weil sich der Österreicher nicht zuletzt der Aufzucht und Weiterverarbeitung von Rindvieh widmet, gibt es diese hervorragende Spezialität, das in Brotkrumen panierte Kalbsschnitzel. Sie sehen, ich mag’s exotisch.

Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Dazu esse ich Bratkartoffeln. Nie gehört? Die Kartoffel (Solanum tuberosum) ist eine Südamerikanische Wurzelknolle, die in Europa spätestens seit dem 16. Jahrhundert zu Hause ist. Der Lateiner nennt sie respektvoll „Trüffel“, während der Brandenburger seine ablehnende Haltung mit der Bezeichnung „Nudel“ unterstreicht. Dem weltoffenen Rest Deutschlands jedenfalls steht das gesunde und schmackhafte Gemüse in zahllosen Variationen zur Verfügung. Und mir eben gebraten. Ein Restaurant, das mit dem Slogan „Gute deutsche Küche“ für sich wirbt, ist vor mir nicht sicher, denn ich weiß: hier ist die Welt nicht nur zu Gast, sondern zu Haus.

Kultur ist ein dynamischer Austauschprozess, zu dem ich meinen Teil beitrage, indem ich mir möglichst häufig Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln schmecken lasse (am liebsten auf Einladung, Kalbsschnitzel ist nicht billig).

Wesentlich fundierter, ernsthafter, liebenswerter und wirksamer betreibt dies auch eine Gruppe von Studentinnen und Studenten der FU Berlin. Sie stellt in ihrem Kochbuch „Über den Tellerrand kochen“ die Lieblingsrezepte und die Geschichten von Menschen vor, die in Deutschland ein neues Zuhause suchen und erzählt dabei von einer Gesellschaft, die zusammenwächst. Gemeinsam möchten sie die Sichtweise auf die Themen Asyl und Flucht nachhaltig verändern.

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„Deutschlandweit haben wir Einheimische und Flüchtlinge über das Kochen zusammengebracht. Das Feedback war enorm. Aus dem kleinen Aufruf wurde eine richtige Bewegung! Die dabei entstandenen Originalrezepte und die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge haben wir zusammengetragen. Daraus soll nun ein außergewöhnliches Rezeptbuch entstehen“ schreibt die Gruppe in ihrem Aufruf. Die Crowdfunding-Phase ist inzwischen erfolgreich abgeschlossen, die Resonanz war überwältigend, statt der erhofften 18.000 Euro sind fast 40.000 zusammengekommen. „Mit unserer bisher einzigartigen „Mach-Mit“ Aktion haben wir ganz Deutschland Flüchtlinge und Beheimatete zusammengebracht. Aus dem Aufruf von 5 Studenten wurde schnell eine deutschlandweite Bewegung. Überall fingen Menschen an, miteinander zu kochen.“
 
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Das Ergebnis liegt vor, es ist ein Buch voller Rezepte und Geschichten aus aller Welt.

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Das Buch bei Amazon

Und noch einmal die Autorinnen und Autoren selbst: „Dieses Buch ist mehr als ein gewöhnliches Rezeptbuch. Es ist mehr als ein buntes Potpourri aus internationalen Originalrezepten. Es ist mehr als eine Sammlung von Erfahrungen der Menschen, die in Deutschland ein Zuhause suchen. Es ist mehr als die Geschichte von Leuten, die ihre Mitmenschen willkommen heißen. Es ist mehr als eine Summe von Begegnungen zwischen Personen unterschiedlicher Kulturen. Es ist die Dokumentation einer Gesellschaft, die zusammenwächst. Entstanden aus einem Aufruf, der Menschen verschiedenster Kulturen zum Kochen zusammenführte – weiter getragen durch all jene, die das Thema Asyl aus einem anderen Blickwinkel betrachten möchten – ermöglicht durch Dich. Die Erfahrungen aus über 30 Kochbegegnungen, die Rezepte aus aller Welt und die ganz persönlichen Geschichten der Flüchtlinge haben wir in diesem Buch zusammengefasst, um noch viele andere zu inspirieren aufeinander zu zugehen. Koch‘ auch Du über den Tellerrand und trage damit bei zu einem besseren WIR.“
 
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Und für alle, die noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, ist es sicherlich mehr als eine Verlegenheitslösung. Es ist eine Einladung.

Darauf einen Dujardin

Nach meinem letzten Erfolgsartikel „Die im Hinterhof Gras fressen“ widme ich mich an dieser Stelle also schon wieder einem kulinarischen Thema. Koch-Blogs sollen ja gut gehen. Da wo die Kartoffel vor 500 Jahren herkam nennt man das Wiener Schnitzel übrigens „escalopa kaiser“.

Zum Nikolaustag

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In der Zeit, als Nikolaus bereits Bischof von Myra war, brach eine Hungersnot über das Land herein, es hatte zu lange Zeit nicht geregnet. Es ergab sich aber, dass ein mit Korn voll beladenes Schiff im Hafen anlegte. Die Rettung? Mitnichten!

Der Kapitän war nicht bereit, auch nur einen einzigen Sack Getreide herauszugeben. Er stand selber unter Druck: seine Rederei unterstand dem Kaiser – sollte er sich des Diebstahls schuldig machen und die Todesstrafe riskieren?

Da wurde der Bischof selbst bei ihm vorstellig. Auch er hatte eine höhere Autorität mitgebracht: Gott. Und er gab im entscheidenden Moment dem Kapitän ein gewagtes Versprechen: wenn die Bewohner von Myra ein paar Säcke von Bord tragen dürften, dann würde am Ende doch nicht ein einziger Sack an der Ladung fehlen: „Ihr könnt den armen Menschen ruhig etwas abgeben. Keiner von euch kommt ins Gefängnis oder wird getötet. Ihr könnt mir vertrauen.“ Er versprach nicht weniger als ein Wunder. War es Verzweiflung, oder der Glaube an seinen Dienstherren?

Der Kapitän jedenfalls gab nach und lies ordentlich Korn vom Bord tragen. Und als das Schiff später Konstantinopel erreichte, da fehlte tatsächlich kein einziger Sack.
Heute würde hoffentlich eine Telefonkonferenz zwischen Kapitän, Bischof und Kaiser die Situation schnell und einvernehmlich klären, damals aber war der Kapitän in der furchtbaren Situation, sich zwischen dem Tod vieler Menschen und seinem eigenen entscheiden zu müssen. Er ging ein hohes persönliches Risiko ein. Und Gott? Der ist eigentlich immer zugeschaltet. Er schenkt uns das Wunder, dass Getreide sich von selbst vermehrt, jeden Tag. Das ist für mich der Kern der Geschichte: Getreide wird mehr, je öfter Menschen es untereinander teilen. Die Geschichte vom Bischof Nikolaus und dem mutigen Kapitän ist auch eine Geschichte der Nachhaltigkeit.

P.S.: Teilen Sie gerne diesen Artikel. Auch er wird nicht kleiner dadurch sondern vermehrt sich – Wunder der Technik!
😉

Syrien ist das neue Schlesien

Mein Schwiegervater Oskar ist ein rechtschaffener Mann. Er war in seinem Leben überaus fleißig und wahrscheinlich meistens ehrlich. Opa Oskar (wie er seit ich zwei Kinder habe bei uns heißt) bewohnt mit seiner Frau ein Haus in Schwaben und fährt Volkswagen. Er hat insgesamt acht Enkelkinder. Die schlichte Tatsache, dass meine Kinder sich im Leben sicher fühlen können, hat auch mit ihm zu tun: würde meiner Frau und mir etwas zustoßen, müssten meine Mädchen doch nie wirtschaftliche Not fürchten. Opa Oskar ist ein Rückgrat für die aus seiner Sicht dritte Generation.

Oskar ist gut integriert in unsere Gesellschaft. Das ist nicht selbstverständlich, denn er ist ein Flüchtling. 1945 floh er als siebenjähriger mit seinen Eltern, einer Schwester und anderen Familienmitgliedern aus Schwarzwasser nach Deutschland, um in Baden-Württemberg neu anzufangen. Wie ihm ging es Millionen anderen, sie kamen aus Schlesien, Pommern und anderen Gebieten Mittel- und Osteuropas. Wo die Flüchtlinge ankamen, waren sie Belastung: Lager mussten aufgebaut, Menschen versorgt werden. Mit den Jahren aber änderte sich das Bild, die meisten von ihnen waren echte Anpacker und kämpften verbissen darum, ihr Leben neu zu sortieren. Heute funktioniert Wirtschaft oft dort besonders gut, wo nach dem Krieg viele Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)
Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)

Ich kenne weitere Geschichten, zum Beispiel die von Peter Brundke. Er kam 45 mit seinen „vier Müttern“ (seine Mutter und drei Tanten) aus dem heutigen Polen, er war damals 14 Jahre alt. Die Brundkes waren, wie alle Flüchtlinge, nicht gern gesehen und wurden ordentlich beschimpft. Die Angst der eingesessenen Anwohner: das Wenige, was 1945 da war, muss jetzt auch noch geteilt werden. Untergebracht wurde die Familie in einer Baumschule in Berlin Gatow. „Damit war mein Berufswunsch erledigt – ich wurde Gärtner“. Heute wird das „Garten- und Landschaftsbau Unternehmen Brundke und Thürmann“ erfolgreich in dritter Generation geführt und beschäftigt zahlreiche Angestellte.

Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)
Die damalige Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)

Welche Chance geben wir einer syrischen Familie, nennen wir sie Al Sayed, sich ein neues Leben aufzubauen. Und welche Chance geben wir uns? Wird es in 40 Jahren eine Landschaftsgärtnerei Al Sayed in Berlin geben, mit vielen Angestellten? Oder ein IT Unternehmen? Menschen in aussichtslos erscheinenden Situationen haben allen Umständen zum Trotz oft erstaunlich viel Kraft, Mut und Zuversicht. Wie viel haben wir?

Politik und Management

Flüchtlinge willkommen

Heute in der Süddeutschen Zeitung lesen wir das erstaunliche Interview mit Oliver Junk, dem Oberbürgermeister von Goslar.

Gestern durfte ich für 20 Führungskräfte im Sozialbereich einen Impulsvortrag zum Thema Zielorientierung halten und warb dafür, Störungen von Außen auch auf ihr Chancenpotential zu überprüfen.

Und was macht Oliver Junk? Eben genau das. Während Kommunen über die finanziellen Belastungen stöhnen, die die Unterbringung von Flüchtlinge mit sich bringt, will der Bürgermeister von Goslar gern noch mehr Menschen in der Stadt im Harz aufnehmen. Er bewirbt Goslar ausdrücklich. Und das, obwohl die Stadt immer weniger Geld hat, sie liegt in einer wirtschaftlich schrumpfenden Region. Oder gerade deshalb?

Wenn der Kühlschrank, der meinen Mittelvorrat enthält, mit den Jahren immer schlechter gefüllt ist, kann ich Leute einladen, die was mitbringen: Motivation, Lebenserfahrung, Kinder, Perspektiven. Nun muss ich allerdings Rahmenbedingungen schaffen, ein Flüchtlingslager und Arbeitsverbot sind eher schlechte Vorraussetzungen. Junk wirbt für die dezentrale Unterbringung in der ganzen Stadt und denkt, dass Betriebe, Vermieter, Geschäfte und Schulen langfristig profitieren können. „Flüchtlinge sind eine Bereicherung für uns“. Den Mittelvorrat wieder wachsen lassen. Dazu passen aktuelle Studien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über einen stetig steigenden Bildungsstand von Immigranten.

Junk weiß, seine wichtigsten Partner sind die Bürger der Stadt. Gefragt ob die seine Ideen mittragen, antwortet er: „Das weiß ich noch nicht“ – wie mutig und ermutigend! Ich habe diesen schlichten Satz schon oft gehört, aber noch nie aus der Politik. Sind wir es doch bis dato gewohnt, dass Mutti und Papi immer alles wissen. Die aktuelle Richtungsanweisungen tun sie dann kund, indem sie diese wahlweise in volle Säle brüllen (CSU), mit sonorer Stimme und skeptischer Mine in einen Mikrofonwald diktieren (SPD), den Pressesprecher oder Staatssekretär verkünden lassen (CDU) oder, wie bei den Grünen, gegensätzliche Positionen von unterschiedlichen Personen in schneller Abfolge quasi im Dialog mit sich selbst verkünden.

Junk ist verdammt mutig. Und her hat ein Rückgrad – 2013 wurde er mit 93,7 Prozent wiedergewählt.

Lineares Denken lässt sich kurieren

Unbenommen: Berlin hat andere Voraussetzungen als Goslar. Aber haben wir in Berlin die Kraft zu sagen: wir gucken mal, wie die das in Goslar machen? Liegen uns New York und Amsterdam wirklich so viel näher?
Wenn ich morgens aufstehe, will ich vor allem eins: das es heute ungefähr so läuft wie gestern. Unangenehme Überraschungen wollen wir alle am liebsten vermeiden. Dabei wissen wir alle, die Überraschungen kommen auf jeden Fall. Und Meister Oogway aus „Kung-Fu Panda“ sagt: „Es gibt keine guten oder schlechten Nachrichte, es gibt nur Nachrichten“. Entscheidend ist, was wir draus machen.
Wir wünschen uns unser Leben als linearen Verlauf und wollen Störungen vermeiden. So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlauf unserer Lebenslinie gerade bleibt, von der Vergangenheit über heute in die Zukunft. Kontinuität ist wichtig, um Leben gedeihen zu lassen.

An den Umgang mit Impulsen von Außen aber zeigt sich, wo das Leben uns noch hinführen kann. Oder an welche Orte wir uns und andere führen können. Gestern Abend saß ich mit jungen Menschen aus der Ukraine zusammen, Menschen, die gerade dabei sind, ihr Land zu verlieren. Sie promovieren, verbereiten Optimismus und Spaß, erzählen von gestorbenen Freunden, vom Krieg und von deutsch-rumänisch-ukrainischen Projekten, für die sie brennen. Sie lachen offenen Herzens zum Abschied und luden mich an ihre Universität ein, auf die sie so stolz sind. Über lineare Lebensträume würden sie wahrscheinlich nur staunen, sie sind längst woanders.

Sie ahnten wohl nicht, welche Inspiration und Bereicherung sie an diesem Abend – und darüber hinaus – sie für mich waren. Danke.

Delegation

Stoßseufzer

Die Wiege der Menschheit

Die Wiege der Menschheit liegt bekanntlich in Südafrika. Die Wiege der Elektromobilität liegt am Bahnhof Lichterfelde-Ost, im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf.

Werner von Siemens stellte zunächst 1879 noch in Moabit das erste Schienenfahrzeug der Welt vor, dessen Elektromotor seinen Strom von Außen geliefert bekommt – eigentlich eine abwegige Idee. Bei einer Leistung von 3 PS wurde mit einem 150 Volt Gleichstrommotor eine Geschwindigkeit von 7 km/h erreicht. Prototypen spielen heute mehr denn je in der Entwicklung technischer Lösungen eine zentrale Rolle.

Nach dem Prototyp kam die Testphase, und die spielte sich tatsächlich in Lichterfelde ab. Auf einer stillgelegten Gütertrasse wird eine Versuchsstrecke angelegt, am 16. Mai 1881 nimmt die erste elektrische Straßenbahn der Welt ihren Betrieb auf. Der Triebwagen konnte 20 Personen mit einer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h transportieren. (Eine Tafel der S-Bahn Berlin und der Stiftung „Werner-von-Siemens-Ring“ am Bahnhof Lichterfelde Ost weist auf die Geschichte hin.)

Auch die Entwicklung elektrischer PKW begann um diese Jahrhundertwende, es entstanden die „Lohner-Porsche“, Fahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb in den Lohner-Werken. Die Fahrzeuge wurden von Ludwig Lohner und Ferdinand Porsche entwickelt und waren mit Otto- und Elektromotor ausgestattet. Der Mixte-Wagen war ein Fahrzeug mit Hybridantrieb und wurde 1899 zum ersten Mal gebaut.

Heute ist im Land der Elektromobilität nicht allzu viel los, jedenfalls nicht auf den Straßen. Wer im E Mobil von Hamburg nach München fährt, dem stehen zwar Informationen über Ladesäulen zur Verfügung, nicht aber darüber, ob diese gerade frei sind (ein Ladevorgang kann mehrere Stunden dauern). Die deutsche Industrie mauert bei der Einführung einheitlicher Stecker-Standards (mein VW Golf muss doch auch keine VW-Tankstelle finden!) und es hapert bei der flächendeckenden Einführung eines Zapfsäulensystems. Absurd, denn Strom ist, im Gegensatz zu Benzin, bereits da vorhanden, wo Straßen, Laternen und Menschen sind – also praktisch überall. Das Unternehmen Ubitricity muss aber sehr kämpfen, um ihre einfachen und kostengünstigen Lade- und Bezahlsysteme an Laternen installieren zu dürfen.

Ich hoffe inständig, dass wir diese Chance als gemeinsame Möglichkeit begreifen. Ich appelliere an die Bundesregierung und ihre untergeordneten Verwaltungseinheiten, an die Anbieter von Fahrzeugen und Infrastruktur, an Konsumenten und andere Parteien: Die USA überholen uns auf der einen Seite, China auf der anderen, Norwegen wartet schon im Zielbereich (zum Thema Oslo und E Mobilität mehr in diesem Blog). Es kann doch nicht so schwer sein!

Kommentar:

Du Arschloch!

Eine Selbstanzeige

Würden wir heute die Wahl zum (sagen wir mal um Beleidigungsklagen zu vermeiden) „Underperformer“ der Woche austragen, dann hätten die folgenden Bewerber herausragende Chancen:

Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)
Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)

Europäische und amerikanische Firmen haben Luxemburg als gedeihliche Umgebung für ihr höchstes Gut entdeckt: ihr Geld. Über komplexe und eigens mit den luxemburgischen Behörden ausgehandelte Firmenkonstrukte zahlen sie im Extremfall weniger als ein Prozent Steuern – das fand ein internationales, jounalistisches Recherchenetzwerk heraus (Luxemburg Leaks, SZ).

Nun gab es ja schon immer Unternehmen und Menschen, die meinten, Steuern zahlen reicht als Engagement fürs Große Ganze vollkommen aus, aber einigen scheint selbst das zu viel geworden zu sein. Gleichzeitig fordern ihre Verbände aber mehr öffentliche Ausgaben für wichtige Infrastruktur wie Datennetzwerke und Transportsysteme – das passt nicht zusammen!

Und es gibt noch einen Kandidaten. Er bestellt regelmäßig Bücher und andere Produkte bei Amazon und steht seit Jahren auf Apple Computer. Bei jedem Klick auf „Kaufen“ denkt er: „Ich bin ja nur einer von Millionen und kann die Welt nicht ändern“. Ich schaue ihm jeden Morgen beim Blick in den Spiegel in die Augen. Du Arschloch!

Geben und nehmen

Die Frage, ob Anbieter oder Kunden für ihre gemeinsame Welt verantwortlich sind ist obsolet. Jeder hat seine Rolle und ist verantwortlich dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen: Unternehmen, Konsumenten, Gesetzgeber, Verbände – letztlich aber jeder Mensch.
Berliner sind von dem oben beschriebenen Modell doppelt betroffen: Bei Hauskäufen werden normalerweise Grunderwerbssteuern fällig, die dem Bundesland zugute kommen. Die Stadt Berlin hat über ihre Wohnungsbaugesellschaften aber Häuser nach Luxemburg verkauft, der Kauf lief dann steuerfrei. Den Berlinern entgeht Geld, das die Stadt gut gebrauchen könnte. Und die Mieter haben jetzt einen Hausbesitzer, der sich erfahrungsgemäß wenig um ihre Belange kümmert: eine luxemburgisch-kanadische Holding. Na vielen Dank! (NDR zum Thema)

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich gönne jedem seinen Reichtum, wenn er ihn sich erarbeitet, ererbt oder im Casino gewonnen hat, von Herzen. Aber die beschriebenen Modelle sind in meinen Augen, auch wenn sie nach luxemburgischen Gesetzen legal sind, Betrug. Und zwar an allen, die Steuern zahlen, die arbeiten und auch an denjenigen, die das Geld dringend benötigen: Kinder, Jugendliche, Studenten, Forscher, syrische Kriegsflüchtlinge sowie jeder Mensch, dem der öffentliche Raum nicht vollkommen egal ist. Leben hat etwas zu tun mit Balance aus Geben und Nehmen.

Briefe ans Management, Teil 6

Liebes Management,

Eleganz und Beweglichkeit beginnen im Kopf.

Heute ist ein historischer Tag. Für mich ganz persönlich: ich habe die Badehose, die 20 Jahre ihren Dienst tat, in den Altkleidercontainer geworfen. Außerdem gedenken wir dem Fall der Mauer vor 25 Jahren. Schauen wir also zurück.

Die Welt hat sich in den letzten fünfzig Jahren technologisch und gesellschaftlich so schnell verändert wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dabei waren nicht die Mondlandung von Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins oder die Entwicklung des Überschallflugzeugs Concorde die eingreifenden, technischen Meilensteine dieser Entwicklung – obwohl sie als eben dies euphorisch gefeiert wurden. Epochal ist vielmehr, dass heute jedem Kind Informationen und Unterhaltung an jedem Ort der Welt zugänglich sind, dass Deutschland gerade versucht, die Welt und sich selbst mit der Energiewende von der Abkehr von Atom und Kohle zu überzeugen und dass wir fast alles, was auf diesem Planeten käuflich ist, wenige Tage oder Stunden später vom freundlichen Postboten gebracht bekommen. Es sind Unternehmen und Kunden, die die Welt mit ihrer ewigen Beziehungskiste prägen und bewegen. Allerdings schlägt sich diese Dynamik in dem, was wir heute in Deutschland unter Unternehmensmanagement verstehen, nicht annähernd nieder. Die meisten Ansätze stammen aus der, im Vergleich zu heute gemütlichen Wirtschaftswunderzeit der 50er, 60er und 70er Jahre. „Management nach Zielen“, „Porters five Forces“ und „Prozessoptimierung“ haben ihre Gültigkeit zwar nicht verloren, basieren aber auf der Idee, dass exaktere Planung automatisch bessere Ergebnisse erzielt.

Die Unternehmenskultur der USA ist hier – wieder einmal und offensichtlich – weiter. Amerikanische Unternehmen stellen sich der Zukunft mit ganz anderen Methoden als sie uns der klassische Werkzeugkoffer aus Analyse, Zielsetzung und Strategieentwicklung zur Verfügung stellt. Bosch, Siemens und Volkswagen sind Weltmeister im herstellen technischer Lösungen und der immer feineren Justierung ihrer internen Herstellungsverfahren. Hiermit versuchen sie, sich auf ihren Märkten wahlweise als Qualitäts- oder Kostenführer zu behaupten. Apple, Google und Facebook gehen andere Wege: sie kreieren neue Märkte, und das inzwischen in rasender Geschwindigkeit immer wieder.

Vor zehn Jahren wurde Facebook gerade erst an der Harvard University vom damals 20 jährigen Mark Zuckerberg erfunden, Google war eine Suchmaschine unter vielen und Apple stellte Computer als Nischenprodukte her. Hätten sich diese Unternehmen darauf konzentriert, ihre Märkte zu verteidigen und ihre Prozesse zu verfeinern, gäbe es sie vermutlich nicht mehr. Stattdessen handeln sie heute mit Musik, Smartphones und Nutzerdaten und bewegen sich dabei mit atemberaubender Geschwindigkeit innerhalb immer neuer Geschäftsmodelle. Musik wird mal verkauft, mal verschenkt, dann verliehen oder gestreamt. Der Kunde dankt es, indem er nicht nur bezahlt, sondern gerne seine Daten zur Verfügung stellt, um Zugang zu immer neue Lösungen und Erlebniswelten zu erhalten. Amazon bietet seit heute den „Echo“ an, einen schwarzen Zylinder, der Antworten auf allerlei Fragen gibt. Er kostet 199 Dollar (99 für Prime Kunden) – vor allem aber gibt der Käufer im Austausch jedes Wort, das im Wohnzimmer gesprochen wird, zurück auf Amazons Serverfarmen, wo die gesammelten und verknüpften Informationen zu neuen Geschäftsfeldern reifen können.

Was in Deutschland unter Management verstanden und praktiziert wird, lässt weder diese Entwicklungsgeschwindigkeit zu, noch bietet es die Strahlkraft, die Energie und die Eleganz, die ein Unternehmen braucht, damit seine Produkte weltweit auf dynamischen Märkten auch in Zukunft als unentbehrlich wahrgenommen zu werden.
Die Welt hat sich in den letzten zehn Jahren revolutioniert und sie wird es in den kommenden fünf Jahren wieder tun. Planung und Zielorientierung bleiben wichtig, helfen uns in dieser Situation aber nicht alleine weiter. Moderne Ansätze wie Effectuation (hier im Blog und als Kurs bei diplomero) und Blue Ocean, Strategien zu Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility sowie Gedanken zu völlig neuen Einflussmöglichkeiten durch neue Medien und ein neues Verbraucherbewusstsein liegen vor, sind aber nie aus einer Hand und einer Perspektive beschrieben worden.
Die Klammer um alle klassischen und modernen Ansätze in Management und Marketing ist Cynefin, ein von Dave Snowden für IBM entwickeltes Managementframework. Es ist auch die Grundlage für HOME Office, denn es gibt Antworten auf die Frage, welche Methoden uns bei der Umsetzung unserer Vorhaben in welcher Situation am besten unterstützen.
Die deutsche Industrie ist der Allradantrieb: kraftvoll und effizient. Christian Blümelhuber, Professor für Marketing sagt: „Es geht in der heutigen Zeit nicht um Effektivität und Effizienz, viel wichtiger ist Eleganz“ – High Heels statt Four Wheels also? Oder gibt es Möglichkeiten, Kraft und Effizienz mit Geschwindigkeit und Eleganz zu vereinen? Die Antwort lautet: JA – die gibt es!

HOME Office ist ein Plädoyer für eine Managementwende in Deutschland, die wir mindestens ebenso dringend brauchen, wie die Energiewende. Vor allem aber versammelt „Four Wheels & High Heels“ moderne Managementansätze zwischen zwei Buchdeckeln und bringt sie in einem Managementmodell zusammen. Damit stellt konkrete Werkzeuge und Methoden zur Verfügung, Vorhaben, Projekte oder Unternehmen neu wahrzunehmen und voranzubringen.

Warum Deutschland die Managementwende gerade jetzt braucht, und warum die derzeitige gesellschaftliche Entwicklungsgeschwindigkeit keine Illusion sondern Wirklichkeit ist.

Veränderung findet in Schritten statt und immer wenn wir denken, wir hätten eine Revolution erlebt liegt sie tatsächlich noch vor uns. Die Schallplatte prägte neben dem Konzertsaal ein Jahrhundert lang die Welt der Musik. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich ein äußerst innovativer und schnelllebiger Industriezweig dessen Zentren in London, Paris, Berlin und Wien lagen. Als in den frühen 1990er Jahren die CD begann sich durchzusetzen, meinten viele, Zeuge einer Revolution zu sein: Daten waren nicht mehr analog ihres Klangs als Rillen sichtbar, sondern wurden abstrakt als digitale Informationen gespeichert. Nur wenige Jahre später konnten wir selber Musik oder andere Daten auf die kleinen silbernen Scheiben „brennen“.
Interessant aus heutiger Sicht ist, was sich alles nicht verändert hatte: Immer noch kauften wir „Alben“ in dafür vorgesehenen Läden, immer noch drehten sich Scheiben auf (oder in) dafür vorgesehenen Abspielgeräten. Der Sog der Revolution, die dann mit Beginn des neuen Jahrtausends tatsächlich einsetzte, war so stark, daß er weite Teile der „Musikindustrie“ wegfegte oder zumindest fundamental veränderte.
Inzwischen hatte sich Musik nämlich vom Datenträger emanzipiert, Musik war überall erhältlich und das meist kostenlos. Musikkauf heute hat wenig gemeinsam mit dem, was es noch vor 20 Jahren war: bei Streamingdiensten schließen wir Abos ab und hören Musik, wann und wo wir wollen. Auch früher gehörte uns die Musik nicht, lediglich der Tonträger war in unseren Besitz übergegangen. Heute ist selbst dieser Deal passé, wir erwerben Mitgliedschaften und Nutzungsrechte. Aber eigentlich – und das ist die entscheidende Dimension, die die alte Musikindustrie viel zu spät erkannt hat – eigentlich erwerben wir etwas ganz anderes: Musikgenuss verbunden mit der Freiheit, jede Musik an fast jedem Ort der Welt unbeschwert hören und mit anderen teilen zu können. Das ist die Revolution, für die der Übergang von der Schallplatte zur CD nur den technischen Boden bereitete.
Die Digitalisierung von Musik bildete nur die Basis, erst das Internet – also der Zugang von Milliarden Menschen zu gemeinsam nutzbaren Austauschplattformen – änderte alles: Kundenbedürfnisse, Geschäftsmodelle und Märkte formierten sich völlig neu.

Zeitungen, und Zeitschriften, Telefonbuch und Gelbe Seiten, Ratgeber und Warentester bieten ihre Inhalte heute neben der Papierversion, die sich immer schlechter verkauft auch als PDF, im Webportal und als App an – aber letztendlich wird das Geschäftmodell „Tausche ein tägliches Paket aus Infos und Geschichten gegen Geld“ aus der analogen in die digitale Welt übertragen. Das ist absurd, niemand will die klassische Zeitung am PC lesen. Wir legen bekanntlich auch keine Telefonbuch CD ein – was wir wollen ist etwas anderes: Informationen, wenn ich sie brauche, ohne dass ich sie anfordern muss. Und die Möglichkeit, alles was meine Identität, mein Befinden und meine Beziehung zur Außenwelt irgendwie beschreibt, mit dem Rest der Welt teilen zu können.
Twitter sendet mir ohne Zeitverzögerung Fotos von aktuellen politischen Ereignissen. Das setzt voraus, dass Twitter „weiß“, was mich interessiert. Google Maps zeigt mir Preise von Lokalen und Nutzerbewertungen in meiner Nähe – Google muss also wissen, wo ich mich befinde und was mich interessiert.
Die Austauschbeziehung zwischen Kunden und Twitter, Google, Facebook & Co besteht also in der gegenseitigen Bereitstellung relevanter Informationen, und zwar der jeweiligen Situation des Kunden angepasst.

Die Welt hat sich digitalisiert, auch wenn dieser Vorgang noch längst nicht abgeschlossen ist. Darin besteht aber noch keine Revolution, es ist lediglich ihre technische Vorbereitung. Das Beben, das gerade erst begonnen hat, besteht vielmehr in veränderten Nutzererwartungen und sich daraus ergebenden Märkten. Wir wollen kein Navi, das uns auf Anfrage sagt wo’s langgeht. Wir wollen ein Gerät – egal ob Armbanduhr, Radio oder Gürtelschnalle – das uns in jeder Situation jegliche für uns relevante Information ungefragt zur Verfügung stellt: Routen, aktuelle Verkehrssituation, Rast- und Einkaufsmöglichkeiten, Kontaktdaten, verbunden mit der Möglichkeit, Einzelheiten mit anderen Nutzern sofort zu teilen. Im Austausch dafür zahle ich nicht nur Geld sondern stelle dem Anbieter meinerseits Informationen zur Verfügung: Wo bin ich? Wie schnell fahre ich? Was interessiert mich? Was teile ich?
Also: wer bin ich?

Die Fotografie hat es vorgemacht und weist damit Richtung Zukunft: Früher fotografierten wir fürs Album. Nicht nur für uns selbst, auch damals gab es schon die Dimension des Teilens: Das Fotoalbum vom vergangenen Urlaub wurde zur passenden Gelegenheit stolz und voller Nachfreude hervorgeholt. Mit der Digitalisierung setzte zunächst eine merkwürdige Übergangsphase ein: jeder von uns versenkte tausende Bilder auf Festplatten, sie wurden nie wieder gesehen. Erst jetzt scheint die Fotografie ihre Bestimmung gefunden zu haben: wir fotografieren, um uns sofort mitzuteilen. Jeder kann mich sehen, live und so wie ich es will, geteilte Momente. Daneben ersetzen Archivierungsfunktionen wie die Timeline von facebook das Fotoalbum.

An dieser Schwelle stehen wir, der Schritt von der technischen Digitalisierung in Dimensionen neuen Nutzerverhaltens. Ganze Märkte verschwinden und neue tauchen auf. Reisen und Textilien kaufen wir längst online, auch Bücher (tatsächlich nur Leserechte an Dateien) und andere Produkte. Für Lebensmittel gehen wir noch in den Supermarkt – dabei ist gerade der Verbrauch an Zahnpasta und Milch so berechenbar wie kaum etwas anderes.
Das Taxigewerbe wird gerade durch die App „Uber“ kräftig durchgeschüttelt. Auch hierbei geht es nicht um einen reinen Ersatz im Sinne von schneller, besser oder billiger. Die App „Uber“ stellt Mobilitätsinformationen bereit, ich kann also erstmal die Möglichkeiten öffentlichen Nahverkehrs checken, bevor ich ein Taxi – oder eben einen Privatanbieter – bestelle. Außerdem kann ich zwischen Nutzer und Anbieter dieser Leistung meine Rolle munter wechseln.
Sport- und Gesundheits-Apps greifen Fitnesscenter an, das Hotelgewerbe ist durch Social travelling und Anbieter wie Airbnb mehr als verunsichert.
Was kommt als nächstes? An der Welt von morgen wird heute vor allem in den USA gebastelt. Google erprobt im Jahr 2014 einhundert Prototypen seines selbst fahrenden PKW. Nach vier Jahre langem testen an Typen von Toyota und Audi bringt einen eigenen Zweisitzer an den Start und will damit „so rasch wie möglich“ auf die Straßen. Die 100 Prototypen fahren maximal 25 Stundenkilometer, sollen vor allem von Mitarbeitern getestet werden und Shuttlebusse, die zwischen San Francisco und dem Firmenstandort Mountain View pendeln, entlasten. Eine überschaubare Zahl von Prototypen wird von Mitarbeitern oder im Freundeskreis getestet, und so die nächste Projektstufe eingeleitet. Die Schatztruhe an Erfahrungen immer wieder aufzufüllen, und sich so Schritt für Schritt den Weg in ungewisse Zukunft zu bahnen, dafür gibt es einen Begriff: Effectuation. Die Managementmethode beruht auf Beobachtungen der US Amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin Saras Sarasvathy, wurde an der University of Virginia begründet und seither mehrfach empirisch belegt und weiterentwickelt.
Sobald das Auto von Google als Serienmodell am Start ist, wird es nicht als PKW angeboten werden, sondern als Teil eines unbeschwerten und smarten Lifestylepakets. „Blue Ocean“ nennt die Managementlehre eine Entwicklungsstrategie, die im Kern nur eine Frage stellt: Was können wir an unserem Produkt weglassen, obwohl es eigentlich „üblich“ ist, und dadurch einen Mehrwert schaffen?

Mehrwert durch weglassen? Das hatte sich auch Apple gedacht, als es das Telefon mit einer einzigen Taste präsentierte – und damit dem Markt der Smartphones schuf. Wir erinnern uns: wer damals wichtig war, kommunizierte mit BlackBerry – einem sperrigen Gerät, das vor allem aus Tastatur bestand. Je mehr Tasten, desto besser – bis Apple das Telefon neu erfand. Der Lohn: auf diesem Markt war Apple ein paar Jahre mit seinen Kunden allein und konnte sich einrichten.
Was also kommt als nächstes? Die Welt ist digitalisiert, die technische Basis bereitet. Täglich werden neue Anwendungen geschaffen, die aus der Zusammenführung von Daten tatsächliche oder vermeintliche Mehrwerte als neue Lifestyle Pakete verkaufen oder im Tausch gegen noch mehr Daten anbieten: Navigation, Fitness und Gesundheit, Unterhaltung und Kommunikation, Wissenschaft und Bildung – kein Bereich wird ausgelassen. Das also kommt als nächstes: die Revolution.
Deutschland ist dabei zum Glück nicht ganz außen vor, auch wenn wir neue Sichtweisen nicht als erstes bei etablierten Unternehmen finden werden. Die reagieren eher verunsichert: Bosch, Daimler und Siemens verkünden fast im Chor, dass Google ihr eigentlicher Konkurrent ist. Soweit die Analyse. Strategie? Fehlanzeige.
Es sind junge Gründer, die beispielsweise in Berlin-Brandenburg gemeinsam mit Hochschulen und einigen engagierten, privaten wie öffentlichen Institutionen einen sehr lebendigen Lebens- und Arbeitsraum gebildet haben. Man trifft sich an der Freien Universität bei „Business & Beer“, tauscht am Grill oder am (gesponserten und immer vollen) Getränkekühlschrank Erfahrungen aus und lauscht den Geschichten derer, die es geschafft haben. Die Vorbilder sind Gründer wie Jan Reichelt, der gemeinsam mit Kommilitonen die Idee hatte, ihr Studium zu erleichtern. Sie haben Mendeley, eine Plattform zum Bearbeiten und Teilen von wissenschaftlichen Artikeln aufgebaut und nach fünf Jahren für 70 Millionen Euro verkauft. Ihnen lauschen aufmerksam Studentinnen und Studenten, die selbst Ideen haben, Gründerteams, die am Anfang ihres ungewissen Weges stehen. So ähnlich muss es zugegangen sein, wenn Alexander von Humboldt oder Charles Darwin nach einer erfolgreichen Expedition ihre Vorträge gehalten haben um anschließend wieder aufzubrechen zu neuen Ufern.

Der Traum liegt in diesen Veranstaltungen klar erkennbar vor den Studenten, und es ist nicht der sichere und gut dotierte Job bei Daimler oder Volkswagen. Gründung kostet Geld, und da Entwicklungsgeschwindigkeit hier ein entscheidender Faktor ist, geht es um viel Geld. Und das möchten die meisten am liebsten in Kalifornien finden, bei Google oder einem der tausend namenlosen aber sehr erfolgreichen US Amerikanischen Unternehmen. Firmen, die schnell und beweglich agieren, die neue Märkte entwickeln indem sie Angebote machen, die Vielen unentbehrlich erscheinen. Der Traum zahlreicher gut ausgebildeter Gründerinnen und Gründer ist es, Deutschland zu verlassen. Sie versprechen sich Geld und Unterstützung, Entwicklungsmöglichkeiten und Risikobereitschaft, Spaß, und Schnelligkeit, eine ansprechende Unternehmenskultur eben. Der effiziente deutsche Allradantrieb benötigt dringend Eleganz und Tempo. Deshalb braucht Deutschland jetzt die Managementwende.

In den Briefen ans Management geht es um…
  1. …eine Wende im Management
  2. …aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und unsere Rolle darin
  3. …Situationen, ihre Komplexität und die daraus resultierende vorhersagbarkeit von Zukunft
  4. …eine neue Sicht auf Personal und Persönlichkeit
  5. …die Implementierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen

Briefe zur Nachhaltigkeit, 7: Good Practice im Stadtteilzentrum Steglitz

Die „Briefe zur Nachhaltigkeit“ haben den Weg von der historischen Betrachtung über die Idee nachhaltigen Wirtschaftens bis zur konkreten Einbindung von Nachhaltigkeit in Geschäftsmodelle beschrieben. Abrunden möchte ich die Briefe mit einem Good Practice Beispiel: dem Stadtteilzentrum Steglitz.

Good- und Best Practice

Im Managementmodell HOME Office, beschrieben in den Briefen an Management, gibt es „Best Practice“ nur in optimierten Situationen, also in exakt dokumentierten und zur Wiederholung empfohlenen Prozessen. Hier kann „Best Practice“ eins zu eins übernommen werden. Ein Beispiel:

Lehrgangskoordinator: „Chef, den letzten Lehrgang haben wir mit einer Wurststulle und einem Kaffee pro Teilnehmer eröffnet. Das kam gut an“.

Chef: „Klasse, das machen wir jetzt immer so“.

Best Practice. In komplizierteren Situationen kann es nur „Good Practice“ geben, weil Problemstellungen sich nicht in Routinen wiederholen. Bewährte Praxis bietet sich zwar an, aber nicht zur exakten Nachahmung sondern zum Erfahrungstransfer, an dessen Ende eigene, der Situation angemessene Lösungen stehen.

 

Stadtteilzentrum Steglitz e.V. ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe im Berliner Bezirk Steglitz‐Zehlendorf. Zum Angebot von Stadtteilzentrum Steglitz e.V. gehören Kindertagesstätten (Kitas), Einrichtungen der ergänzenden Förderung und Betreuung (Schulhorte), Projekte der Nachbarschafts‐ und generationsübergreifenden Arbeit sowie Kinder und Jugendeinrichtungen wie das KiJuNa und die Imme. Darüber hinaus macht Stadtteilzentrum Steglitz e.V. weitere Angebote: Schülerclubs, eine Internetwerkstatt, ein Kinderrestaurant, ein Seniorenzentrum u. a..

Das Stadtteilzentrum entschloss sich im Juni 2013 zum Nachhaltigkeits-Check, einem Prozess aus Workshops, Audits, Vor-Ort-Visitationen und Online-Dokumentation mit dem Ziel, Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Entwicklung zu geben. Dieser Check wurde im Oktober 2014 mit der Übergabe der Urkunde und des Berichtes an die Geschäftsführung des Stadtteilzentrum Steglitz, die AG Nachhaltigkeit sowie an die Stadträtin Christa Markl-Vieto abgeschlossen. Im Ergebnis lenkt die AG Nachhaltigkeit des Stadtteilzentrums jetzt den Umgang vor allem mit ökologischen Fragen, initiiert Aktionen und trägt das Thema in die Belegschaft, immerhin rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn Aspekte der Nachhaltigkeit von hier aus auch an Kunden – also Kinder, Jugendliche, Senioren und Familien – herangetragen wird, ist die Reichweite erheblich.

Im dritten Brief zur Nachhaltigkeit stehen einige Handlungsfelder nachhaltigen Wirtschaftens als Vorschläge. Unter anderem:

Unternehmensphilosophie, Unternehmenskultur, Organisation und Kommunikation:
In der Philosophie (Theorie) und der Unternehmenskultur (Praxis) des Stadtteilzentrums Steglitz spielen Dialog und Transparenz eine große Rolle, dies gilt für das Miteinander in der Belegschaft ebenso wie für den Umgang mit Kunden. Im Bereich Kommunikation und Dialog punkten Sozialunternehmen häufig, klassische Firmen könnten hier ins Praktikum gehen. Im Verein Stadtteilzentrum Steglitz e.V. gibt es „Teamsprecher“, die die direkte
Kommunikation zwischen Geschäftsführung und Mitarbeiterschaft gewährleisten. Dies wird ausdrücklich als sehr hilfreich, konstruktiv und einzigartig wahrgenommen (Zitat aus einem Teamsprecher‐Workshop im Rahmen des Nachhaltigkeits-Checks). Mitarbeiterschaft und Management von Stadtteilzentrum Steglitz e.V. folgen einem gemeinsamen Leitbild, das mit hohem Aufwand und unter Einbindung aller Mitarbeiter entwickelt wurde.

Wirtschaftliche Stabilität, strategische Ausrichtung und Investition in Zukunftsprojekte:
Alle Organisationsebenen arbeiten kontinuierlich an wesentlichen Zukunftsfragen: „Welche Angebote, die zurzeit in Steglitz‐Zehlendorf bestehen, könnten wir ergänzen oder sogar besser umsetzen?“ „Wo wird in Zukunft ein gesellschaftlicher Mangel bestehen, wie können wir den beheben?“ „Welche Voraussetzungen müssen wir in Zukunft erfüllen, welchen Anforderungen genügen, um als Anbieter sozialer Leistungen zu bestehen?“
Das Unternehmen beteiligt sich an der stadtweiten und überregionalen Entwicklung von Modellprojekten und der Vernetzung unterschiedlicher Träger.

Der vierte Brief zur Nachhaltigkeit legte großen Wert darauf, dass der individuelle unternehmerische Blick auf Nachhaltigkeit für Kunden und andere Interessierte nachvollziehbar beschrieben wird. Denn Nachhaltigkeit kann, nein muss in jeder Organisation anders ausgestaltet sein. im Stadtteilzentrum Steglitz bedeutet dies:

  • auf die besonderen soziale Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen, Senioren und Familien in Steglitz‐Zehlendorf aktiv Einfluss zu nehmen und dabei die Arbeits‐ und Lebensumstände der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diesen Anspruch täglich umsetzen, besonders zu berücksichtigen.
  • mit zeitgemäßen Angeboten daran teilzuhaben, die soziale Zukunft des Bezirks zu sichern. Dazu gehört die aktive Teilnahme an Modellprojekten ebenso wie die Entwicklung eigener Angebote und Strategien.
  • im Rahmen der Möglichkeiten die ökologischen Auswirkung des eigenen Handelns zu verstehen, zu beeinflussen und stetig positiv zu entwickeln.

Und konkret? Um sich dem Thema Ressourcensparen gemeinsam mit allen Mitarbeitern, Kunden und „interessierten Mitmachern“ zu nähern, wurden in Schulhorten, Kitas und Jugendzentren Papierpaten gesucht und gefunden. Die bestimmen jetzt jeweils für ihr Haus die Agenda: welche Projekte zum Thema sind geeignet und lassen sich mit Spaß umsetzen? Wie können wir Papier sparsamer nutzen als bisher? Und lassen sich unsere Erfahrungen auf andere Einrichtungen übertragen?

Die Papierpaten haben sich bei der Werkstatt N als ausgezeichnete Nachhaltigkeitsinitiative beworben – zu Recht. Sie haben das Zeug, über die Grenzen von Steglitz und Berlin hinaus wahrgenommen und nachgeahmt zu werden. Good Practice.

 

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren
  7. …ein Beispiel aus der Praxis

Briefe ans Management, Teil 2

Liebes Management,

unsere wichtigste Ressource ist die Zukunft.

Dies gilt für Unternehmen ebenso wie für Staaten, Individuen oder Familien. Offensichtlich ist: wir sitzen in einem Boot, denn nicht jeder hat seine eigene Zukunft, wir haben im Wesentlichen eine gemeinsame. Nimmt einer aktiv Einfluss auf seine Zukunft (und das tut jeder natürlich durch Handeln oder Unterlassen permanent), beeinflusst er die Zukunft aller. Reden wir also über unsere Zukunft.

Jeder Unternehmer weiß: um eine Ressource zu managen, müssen wir sie kennen. Wann ist das Heizöl lieferbar? Wieviel wiegt das Buch und was kostet der Versand? Woraus besteht eigentlich „Rockpaper“ – ist es wirklich Papier aus Stein und kann ich es meinem Kunden als ökologisch anpreisen?

Wie gut kennen wir unsere wichtigste Ressource, die Zukunft? Seit Menschengedenken wollen wir möglichst viel über sie wissen, wir befragen Orakel die früher Delphi und später „Gesellschaft für Konsumforschung“, „Nielsen“ oder „Infratest“ hießen. Tatsache aber ist auch: je mehr Wissen sich die Menschheit aneignet, desto größer wird die Ungewissheit. WISSEN und UNGEWISSHEIT scheinen fast, so widersprüchlich das zunächst klingen mag, synonym für unsere Betrachtung der Zukunft zu stehen.

Als wir alle wussten, dass Gott die Welt in sechs Tagen schuf und am siebten frei machte, gab es kaum noch offene Fragen. Später wuchs mit jeder neuen Erkenntnis gleichzeitig auch die Erkenntnis der eigenen Ungewissheit, denn hinter jedem Geheimnis, das wir entschlüsselten, entdecken wir ein Dutzend neuer. Anstrengend, sich von Denkern, Forschern und Entdeckern über die Jahrhunderte immer wieder das Weltbild zertrümmern zu lassen, in dem wir es uns gerade erst gemütlich gemacht hatten.

Mit der Erforschung von Zukunft, also dem Erlangen von Gewissheiten, ist es so eine Sache, denn eigentlich wollen wir oftmals gar nicht so genau wissen, was da auf uns zukommt. Unternehmer scheuen sich häufig, Fragen zu stellen, wenn die Antworten unangenehm ausfallen könnten. Oder, auch dies kommt oft vor, ihnen fallen die richtigen, die wichtigen Fragen gar nicht erst ein. Wir fühlen uns behaglich, wenn wir uns in Unwissen eingerichtet haben. Zu wissen, dass Gott sein Himmelzelt über unserer Erdscheibe aufgespannt hat während er in den oberen Sphären Engel über uns wachen lässt, war ein gutes Gefühl. So oder so ähnlich muss sich das Management von Kodak und Nokia gefühlt haben, als sie Weltmarktführer waren. Beide Firmen haben Unsummen für Marktforschung ausgegeben und dabei offensichtlich die falschen Fragen gestellt. Marktforschung ist in komplexen Situationen keine Lösung.

Es entspricht einem menschliches Bedürfnis, sich auf gewisse Konstanten zurückzuziehen. Abläufe werden wiederholt, als bewährte Rezepte weitergegeben und aufbewahrt. Das funktioniert genau so lange, wie die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Ändern sie sich, funktionieren auch die Rezepte nicht mehr. Habe ich statt dem elektrischen Backofen einen Gasherd, verbrennt der Käsekuchen plötzlich an der Oberfläche, während er innen noch flüssig ist – ich muss entweder das Rezept anpassen, oder für eine Wiederherstellung der Rahmenbedingungen sorgen. Oder – dritte Möglichkeit – ich mache etwas völlig anderes, zum Beispiel auswärts Kuchen essen. Oder Diät.

Die Situationen, vor denen wir im Leben stehen, sind mal mehr, mal weniger kompliziert. Entsprechend lässt sich die Zukunft mal mehr, mal weniger voraussagen oder gar beeinflussen. Wann ist es sinnvoll, auf bewährte Rezepte zu setzen, wann ist es erfolgversprechender, Neues zu probieren?
HOME Office heißt eine neue Perspektive auf unser Unternehmen, unser Projekt oder auch auf einen größeren Zusammenhang, wie zum Beispiel die hiesige oder die globale Wirtschaft. HOME Office stellt sich der Frage wie vorhersagbar Zukunft ist – und hilft bei ihrer Beantwortung. Bald mehr dazu hier im Blog.

Herzlichst – Ihr Oliver Schmidt

HOME Office

Das Managementmodell HOME Office bietet eine neue Perspektive auf Unternehmen und Organisationen:

  • Gründer können mit HOME Office die komplexen Aufgaben, die vor Ihnen liegen, besser einschätzen und so die wichtige Phase der ersten Jahre effektiver gestalten.
  • Mit HOME Office gestalten Geschäftsführer die ihnen anvertraute Organisation so, dass tägliche Arbeitsroutinen und dynamische Unternehmensentwicklung miteinander funktionieren, statt untereinander zu konkurrieren. Sie selbst können sich auf wesentliche Zukunftsfragen konzentrieren.
  • Das Management einer Organisation kann mit HOME Office anstehende Aufgaben besser beurteilen erforderliche Ressourcen effizient einteilen.
  • Unternehmen können mit HOME Office sowohl ihre interne Kommunikation zwischen Belegschaft und Management als auch die Verständigung mit Geschäfts-partnern klar und verständlich gestalten.
  • Mit HOME Office können Mitarbeiter ihren Arbeitsbereich als funktionierenden Teil der gesamten Organisation ausfüllen und gestalten.

Die HOME Office Perspektive vereint unterschiedliche Managementmodelle miteinander und harmonisiert vorhandene, sich scheinbar widersprechende Unternehmenskulturen.

 

In den Briefen ans Management geht es um…
  1. …eine Wende im Management
  2. …aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und unsere Rolle darin
  3. …Situationen, ihre Komplexität und die daraus resultierende vorhersagbarkeit von Zukunft
  4. …eine neue Sicht auf Personal und Persönlichkeit
  5. …die Implementierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen

Korrekturen

Der erste Teil einer neuen Spiegelserie „Unsere digitale Zukunft“ ist lesenswert (Spiegel Nr. 15 vom 7. April 2014). Die Quintessenz: wachsende Serverkapazitäten, die wirklich alle Daten erfassen können, sowie die Mobilisierung unserer Endgeräte (aktuell das Smartphone, bald Brille oder Armbanduhr) verändern jeden privaten, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Aspekts unseres Lebens. Es ist möglicherweise mehr als der übliche Strukturwandel, der alle 10 bis 15 Jahre mal diese, mal jene Branche erfasst. Es ist eine Umwälzung wie die Zeit der europäischen Völkerwanderung, an deren Ende nichts so blieb, wie es vorher war. Allerdings in der Geschwindigkeit eines Tsunamis.

Unter dem Stichwort „Schöpferische Zerstörung“ etwa lesen wir, dass nach Dienstleistung und Handel bald auch Banken und Versicherungen ihr Gesicht, nein: ihr Wesen vollkommen verändern werden. Kam mir bekannt vor – und richtig: die Leser dieses Blogs wissen das spätestens seit den Beiträgen „Das nächste Große Ding“ vom 30. März oder „Kreative Zerstörung“ vom 26. Februar 2014.

Einen Blick in die Zukunft wirft der Spiegel auch, und schaut dafür von Silicon Valley aus, wo die großen der Kommunikationsbranche wie Facebook und Google ihre Hauptquartiere haben, in die Welt. Der Spiegel zitiert den ehemaligen McKinsey-Deutschaland Chef Henzler, der sagt, „…dass sich viele künftige Entwicklungen dort heute schon abzeichnen.“ Meint Heribert Henzer etwa die Avantgarde Märkte, also Märkte, die in ihrer Entwicklung voraus sind und in denen wir die Zukunft lesen können wie in einer Kristallkugel? Diese Märkte beschrieb dieses Blog als Ergänzungsvorschlag für die klassische Branchenstrukturanalyse in „Frischzellen für Porter“.

Und noch ein Wirtschaftspromi kommt zu Wort, Susanne Klatten, Gesellschafterin bei BMW. Die Autos von morgen nennt sie „Datenträger auf vier Rädern“. Erstens sind sie das längst, außerdem ist diese etwas müde Prophezeiung wohl vor allem geprägt von der Hoffnung nach Bestand. Dass Mobilität sich viel komplexer und vor allem in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln wird, steht im Blogbeitrag „Das unentdeckte Land – die Zukunft“. Mobilität wird eine Mischung aus Verzicht und gelenkter Zuteilung sein, aus öffentlichem Personenverkehr und unterschiedlichsten Sharing Systemen, aus Elektroverkehr, vor allem aber aus individuellen Kombinationen all dieser Komponenten.

An einer Stelle irrt der Spiegel höchstselbst, nämlich wenn er die Stärke von Facebook mit dessen Reichweite begründet. Sicher, eine Milliarde Nutzer hat kein anderes Produkt, mit dem Kauf von Whatsapp ist noch einmal die Hälfte hinzugekommen. Aber die eigentliche Stärke liegt in der Auflösung der Grenze zwischen Nutzer und Produkt. Das Angebot richtet sich hier nicht nach der Nachfrage, beide werden eins.

Ein Satz ist so schön, und so wahr, den muss ich unterstreichen, es ist der Schlusssatz: „Im Kern ist die neue Wirtschaft wie die alte. Nur schneller“

Gewaltfreie Medien gibt es nicht…

…durchaus in Anlehnung an meinen Artikel „Soziale Medien gibt es nicht“, in dem ich den Begriff „Social Media“ versuchte zurechtzurücken. Kurz gesagt: Medien bleiben, was sie immer waren, nämlich Impulsgeber in den gesellschaftlichen Raum. Dort erst werden Botschaften, sofern sie subjektiv als relevant eingeschätzt werden (und das können Kochrezepte, Sturmwarnungen, Boulevardmeldungen ebenso wie „Breaking News“ sein) sozial verarbeitet und weitergegeben.

Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]
Medien nach Lehrbuch und zum nach-[:denken..]

Wir wissen wie Zensur funktioniert. Aber wie funktioniert eigentlich Nicht-Zensur? Gar nicht.

Twitter ersetzt die klassischen Nachrichtenkanäle las ich kürzlich in einem Newsportal (es war nicht Twitter). Und ich dachte sofort „ja, längst“. Während der Proteste auf dem Maidan in Kiew erhielt ich binnen kurzem zwei Bilder, die mich sofort in ihren Bann zogen. Nicht nur die klare Bildsprache war es, die mich faszinierte. Es war die Aktualität, die Vorstellung, jemand habe die Fotos geschossen und wenige Minuten oder Sekunden später konnte ich sie sehen.

Kiew
Quelle links: Rianovosti  ||  Quelle rechts: Louisa Gouliamaki, AFP

Natürlich ist Twitter so viel heißer, brennender und elektrisierender als jede Nachrichtensendung. Aktuell auf die Sekunde, mehr „Live“ geht nicht. Was Twitter aber wirklich spannend macht ist die Perspektive: Fotos machen und 140 Zeichen tippen kann jeder, so dass hier eine völlig ungebremste Nachrichtenmacht auf die Welt einprasselt, scheinbar unzensiert. Erdogan hat der Welt in der größten digitalen Versuchsanordnung aller Zeiten vorgeführt was passiert, wenn ein Land Twitter abschaltet: die Sperre war innerhalb von Stunden überwunden und die Nutzerzahlen vervielfachten sich. Erdogan wird offensichtlich von Twitter bezahlt.

Die Versuchsanordnung für alle Medien sieht so aus: Die Welt ist voller Nachrichten. In China fällt ein Sack Reis um, Paris Hilton hat eine neue Frisur und Oliver Schmidt einen neuen Artikel (manchmal auch umgekehrt), Steglitz-Zehlendorf kämpft um die Jugendhilfe, Berlin streitet über den Mindestlohn und so weiter. Diesen Nachrichtendschungel, diesen milliardenfachen Overkill, kann ich nur gefiltert aufnehmen und jetzt habe ich zwei Möglichkeiten, diese Gewalt zu delegieren:

Entweder ich delegiere sie an eine Suchmaschine, Google, Twitter, völlig egal. An dieser Suchmaschine kann ich an individuellen Voreinstellungen schrauben, ab dann entscheidet der Algorithmus (den ich weder kenne noch verstehe).

Oder ich vertraue einer Nachrichtenredaktion, Menschen, die ihr Handwerk (hoffentlich) gelernt haben und dafür (hoffentlich) gut bezahlt werden. Ich stelle mir vor wie Klaus Kleber und Marietta Slomka (für mich die Gesichter des Nachrichtenjournalismus) eine Redaktionskonferenz leiten und Eingangs die Frage stellen: „Welche unter den zahllosen Meldungen des zurückliegenden Tages ist für Oliver Schmidt und den Rest so relevant, dass wir sie in den knappen 15 Minuten, die uns hierfür zur Verfügung stehen, präsentieren?“

Twitter oder Kleber? Google oder Slomka? Ich muss nicht entscheiden, werde aber mit gutem Gefühl weiterhin meinen Anteil an den Rundfunkgebühren zahlen.

Der Auswahlmechanismus bei Überangeboten (und von denen sind wir umzingelt) ist immer derselbe. Was kaufe ich im Supermarkt? Welches Bio/FairTrade Siegel sagt die Wahrheit? Welche Nachricht ist für mich relevant? Ich suche Abkürzungen, und zwar über Vertrauen. Ich vertraue einem bestimmten Markthändler – und muss deshalb nicht in jede Melone hineinhorchen. Ich vertraue einer Marke – und verlasse mich darauf, dass das Müsli schmeckt wie immer. Ich vertraue Twitter und meinen eigenen Auswahlkriterien. Ich vertraue Klaus Kleber. Aber wirklich kontrollieren kann und will ich all das nicht, die Gewalt über meine Informationen gebe ich in jedem Fall aus der Hand. Vertrauen ist und bleibt der Schlüsselbegriff im Marketing, und nicht nur hier.

Das nächste große Ding: der stationäre Handel

Über den stationären Handel im Vergleich zum Online Geschäft habe ich an dieser Stelle („Jährlich grüßt das Murmeltier…“) schon geschrieben, heute folgt der zweite Streich.

Die Dinge haben sich nämlich umgekehrt, zumindest in meiner Wahrnehmung – und die ist es ja, die ich an dieser Stelle teilen möchte. Während ich bis gestern noch fragte: „Welcher Bereich des täglichen Bedarfs geht als nächstes ans Netz“ fragen wir uns spätestens ab heute, was überhaupt noch übrig bleibt im Sinne eines Einkaufladens, in dem jemand hinterm Tresen steht oder zumindest hinter einem Kassenlaufband sitzt. Nicht viel.

Der Spiegel der kommenden Woche berichtet überzeugend von Internetbanken, die Kredite vermitteln und Geberlasten dabei nach Crowdfundingmodellen auf viele Schultern verteilen. Für den kleineren Bedarf, also die Führung eines Girokontos, gehen wir ja schon lange nicht mehr in die Filiale. Die Banken also auch.

Im Artikel „Kreative Zerstörung – die Zukunft der Arbeit“ haben wir hier ja schon das Requiem auf  die Versicherungsbranche gesungen. Über Mode, Bücher, Geschenke und andere Konsumartikel muss ich hier nicht schreiben, ich will niemanden langweilen.

Als nächstes kommen die Dinge des täglichen Bedarfs. Warum ich ausgerechnet für Butter und Zahnpasta zu Kaisers oder Lidl fahre, versteht eigentlich kein Mensch, schließlich ist hier der Bedarf absolut berechenbar, ich müsste noch nicht mal etwas bestellen. Nach 4 Wochen (Zahnpasta) oder 4 Tagen (Butter) sollte einfach die Lieferung vor der Tür stehen, das Geld bitte abbuchen. Rewe erzielt 6 % seines Umsatzes mit Online Bestellungen.

Und Unternehmensberatung? Gibt’s alles online, teils kostenlos: Quick-Check zur Nachhaltigkeit, das ABC der Suchmaschinenoptimierung, Vergleichsportale für den Firmeneinkauf – noch ist die Qualität des Angebots oft dünn. Wie lange noch?

Was also bleibt? Schauen wir uns mal die Zeitungsbranche an, da schlägt das Pendel schon in die andere Richtung. Während alle Welt in der U Bahn Informationen über Handy und Reader konsumiert, wird die Zeitung aus Papier zur Edelvariante für Menschen mit mehr Geld und mehr Zeit. Amazon-Gründer Jeff Bezos kauft im August letzten Jahres die Washington Post, die wahrscheinlich legendärste Zeitung der Welt, und sagt am nächsten Tag: „Zeitungen auf Papier werden zum Luxusgut“ – der Mann hat eine Strategie. Warren Buffet (oder George Sorros, ich verwechsle die beiden manchmal) kauft gerade in großem Stil Regionalzeitungen (auf Papier!) und verdient angeblich schon Geld mit Ihnen.

Jede Lösung trägt den zukünftigen Mangel schon in sich, und der Mangel die Lösung. Die Lösung „Online“ lässt uns mehr vermissen als nur die gute alte Zeit. Es geht um Nähe und Zeit, um Miteinander und auch um Vertrauen, das sich letztendlich nur zwischenmenschlich herstellt (Prof. Dr. Marina Hennig zum Thema Netzwerke).

Das Soziale also, das bleibt im Laden, stationär. Der Besuch beim Friseur, der Milchkaffee. Der Einkaufsbummel, die Beratung bei jemandem, dem ich vertraue. Oder auch nicht vertraue, aber ich kann überhaupt ein Gefühl für Qualität entwickeln, durch einen Blick ins Gesicht des Verkäufers oder ein Anfassen der Ware. Jeff Bezos ist klug und reich genug um antizyklisch handeln zu können. Der nächste heiße Tipp also: stationärer Handel als Luxusvariante des Konsums.

„Herzlich willkommen Frau Präsidentin Park Geun-hye“

Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye wird heute zu einem Staatsbesuch in Berlin erwartet, sie trifft sich mit Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck. Ich heiße sie herzlich willkommen.

Was ich nicht willkommen heiße ist die befremdliche Kampagne, mit der Samsung – offenbar so etwas wie der südkoreanische Hoflieferant – den Besuch seit Tagen vorbereitet: Banner an Hausfassaden, Leuchtreklame und heute ganzseitige Anzeigen in Tageszeitungen. Bin ich der einzige, der sich an die DDR Politkultur erinnert fühlt? Fehlt nur noch die Beflaggung entlang der Route vom Flughafen.

Unternehmenskommunikation
Unternehmenskommunikation – dokumentiert mit meinem SAMSUNG

„Herzlich willkommen Frau Präsidentin Park Geun-hye

Über 130 Jahre Freundschaft und tiefes Vertrauen zwischen beiden Nationen sind die Basis für die zukünftige Zusammenarbeit und den wachsenden Wohlstand der Republik Korea und der Bundesrepublik Deutschland.“

Klar. Und die Deutsch-Sowjetische Freundschaft ist die Basis für den wachsenden Wohlstand der Werktätigen in der DDR – äh – BRD.

Als Besitzer eines Samsung Smartphones denke ich beim Anblick des dekorierten Baugerüstes: da hängt mein Geld. Mein Geld, von dem ich bislang dachte, es werde in neue Produkte und innovative Ideen gesteckt, gerne auch in Unternehmensstrategien. Aber bitte nicht in liebdienerische Huldigungen an Staatsoberhäupter.

Wenn Merkel und Gauck demnächst von einer Auslandsreise zurückkehren erwarte ich, dass Volkswagen, Siemens und die BSR Plakate kleben mit „Herzlich Willkommen zurück, Frau Dr. Merkel. Guten Flug gehabt?“ Oder „Herzlich Willkommen, Bundespräsident Gauck, großer Führer, Garant für Demokratie, Freiheit und Wohlstand.“

Unter der Textzeile aber kommt’s noch schlimmer, nur leider hat man sich an diesen Anblick schon gewöhnt: zwei Mädchen, ungefähr fünf Jahre alt, halten je ein südkoreanisches und ein deutsches Winkelement in die Kamera. Auch dazu kann man Kinder missbrauchen. Ich stelle ein Fotoshooting und die Verbreitung des entstandenen Produktes nicht auf eine Stufe mit sexuellem Missbrauch, frage aber: müssen Kinder für Smartphones und internationale Wirtschaftspolitik werben? Für Kinderkleidung, Roller oder Ernähungskampagnen – warum nicht? Aber wozu müssen Kinder, die die Folgen und die Umstände ihrer Handlungen nicht annähernd einschätzen können, ihre Gesichter für – entschuldigung – so einen Scheiß herhalten? Ich möchte mich nicht daran gewöhnen.

Kreative Zerstörung

Die Zukunft der Arbeit

Am Montag erfuhren wir aus den Medien, dass die Barmer GEK 3.500 von 18.000 Stellen streichen, also Angestellte entlassen wird. Dann die Reflexe. Gewerkschaft: „Es darf keinen Kahlschlag zu Lasten der Versicherten und der Beschäftigten geben“. Vorstand: Es handelt sich um eine „Reorganisation von Geschäftsstellennetz und Arbeitsorganisation“ zur „Qualitätssteigerung der Service- und Leistungsangebote für die Versicherten“.

Ich war vor allem von der Zahl geschockt.

Nicht von der Zahl der abzubauenden Stellen, sondern von der der Angestellten. Was machen 18.000 Mitarbeiter einer Krankenkasse, einer von vielen Kassen in Deutschland? Gerade ist WhatsApp für 19 Milliarden Dollar ver- und gekauft worden, das Unternehmen besteht aus 50 Angestellten. Nun ist ein Messenger etwas anderes als eine Krankenkasse, bei der Barmer geht es um das Spannungsfeld aus Gesundheit und Geld, ein sensibles Feld, das viel Fingerspitzengefühl, Verantwortung und Empathie benötigt.

Und doch ist mir beim Lesen der Schlagzeile klar geworden: diese Mischbranche aus Finanz- und Servicesektor, die Versicherungen, Krankenkassen und Banken werden die nächsten sein, die der Reihe nach Massenentlassungen verkünden werden. Es erinnert an die Situation der Kohle- und Stahlindustrie der 80-er Jahre.

Jede Krise trägt ihre Lösung bereits in sich

Und in jeder Lösung keimt bereits die nächste Krise, die sie auslösen wird. Ist nicht von mir, ist von Nikolai Kondratieff. In Duisburg sind in den 90-er Jahren Medienzentren entstanden – aber natürlich sitzen da nicht die Bergbauarbeiter an den Rechnern. Die Natur kennt keine Zerstörung, sie kennt nur Veränderung. Dieser Satz passt auch auf Sozioökotope, auf menschliche Wirtschafts- und Lebensräume. Die Hinterlassenschaften – Menschen, die in der bisherigen Funktion nicht mehr gebraucht werden – nicht allein oder zurückzulassen liegt in der Verantwortung aller.

Die Transformationsprozesse werden häufig angetrieben – oder zumindest nehmen wir das so wahr – von Unternehmen, der Unternehmer ist ein kreativer Zerstörer. Ist nicht von mir, ist von Joseph Schumpeter.

Worin also besteht die Lösung, die ja angeblich schon da sein soll? Ein Ansatz ist ein alter, er wird von Gewerkschaften seit den 70-er Jahren gefordert: Arbeitszeitverkürzung. Nur sind die Gewerkschaften viel zu bieder, zu egoistisch und zu vorsichtig, um noch wahr- oder ernst genommen zu werden. Da die Wertschöpfung ja insgesamt unverändert bleibt, sollte es doch nach Massenentlassungen den Menschen nicht schlechter sondern besser gehen, zumindest rechnerisch. Ein Ansatz ist der: Jeder Mensch arbeitet höchstens 20 Stunden wöchentlich. In der verbleibenden Zeit repariert er sein Handy (statt es wegzuwerfen), flickt seine Jeans (dito), baut Gemüse an – oder bietet eine dieser Leistungen auf Tauschmärkten gegen andere an. Jetzt wird das Finanzamt auf den Plan treten, hoffentlich, denn nur wer Steuern auf geldwerte Leistungen zahlt, ist gesellschaftlich anerkannt (die Hausfrau und Mutter zum Beispiel ist es auch deshalb nicht). Die Idee ist nicht von mir, ist von Professor Niko Paech.

Es gibt Youtube Kanäle und Internetseiten, Twitterdienste und Blogs, die als One Man/Woman Show funktionieren und besser sind als ARD und ZDF zusammen. Natürlich benötigen wir Korrespondenten in jedem Land der Erde und investigative Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben – aber benötigt die Gesellschaft das alles doppelt und dreifach, mit Milliarden finanziert? Oder gibt es dringendere Bedarfe?

Natürlich benötigen Menschen, die in einer schwierigen Situation besondere Fragen haben an ihre Krankenkasse, einen kompetenten Ansprechpartner. Aber wenn schon die Barmer GEK 800 Beratungsstellen hat, wie viele Stellen haben wir dann insgesamt in Deutschland? Lässt es sich anders so organisieren, dass es für alle besser funktioniert: für die Versicherten, die Angestellten und die Gesellschaft?

Mehr Fragen als Antworten. Aber jede Frage trägt ihre Antwort schon in sich, und jeder Fragende kennt eigentlich schon die Antwort, sie muss ihn nur finden. Ist von mir.

Briefe zur Nachhaltigkeit, 6: Glückwunsch Galilei, danke Luther, tschüß GRI

Ich bin Nachhaltigkeitsberater. Und als solcher bin ich einem Irrtum aufgesessen, den ich seit Jahren verbreite. „Unternehmen, die ihre Prozesse und ihre Kommunikation nachhaltig ausrichten, genießen einen Vertrauensvorsprung bei Investoren“ – dieser Satz fehlte in den letzten Jahren in kaum einem meiner Workshops, Vorträge und Beratungen. Und er ist falsch.

Ich hatte ein Gespräch mit einem CSR Experten, dem Chefredakteur eines wichtigen Magazins, es ging um Nachhaltigkeitsberichte, ob sie wohl nach GRI – also nach komplexen internationalen Standards – formuliert sein sollten. Ich sagte, für die Endkunden auf keinen Fall nach GRI, das versteht ja kein Mensch. Und für Investoren? Die interessieren sich für Nachhaltigkeitsberichte gar nicht – hörte ich mich sagen und erschrak, denn das hatte ich so zum ersten Mal gesagt.

Die naheliegende Wahrheit lautet, dass Investoren sich vermutlich ausschließlich für den Erfolg ihrer Investition, also für die Rendite und den Return on Investment interessieren. Das müssen sie, es liegt in ihrer Natur und etwas anderes anzunehmen war wohl in meinem Fall eine Mischung aus Naivität und optimistischem Wunschdenken.

Der Fehler lag darin, die Marktmechanismen nicht beachtet zu haben. Investoren investieren um zu gewinnen. Die entscheidende Marktfunktion liegt darin, dass Investoren die Ergebnisse der Geschäftsmodelle, in die sie investieren, nicht selbst nutzen. Sie wohnen meist nicht in den Häusern, die sie besitzen. Außer in einem, und das ist wahrscheinlich aus gesunden Materialien und energieeffizient – also nachhaltig.

Und so holen wir doch noch Investoren in nachhaltige Geschäftsfelder – bleiben wir beim Bild mit den Häusern: Wir kennen ein Grundstück, das phantastisch gelegen, wenig bekannt und völlig unerschlossen ist. Drauf ist Platz für 100 Häuser, wir haben Know-How, gute Ideen und keinen Pfennig Geld, ein Investor muss her. Wie überzeuge ich den? Wohl kaum mit einem Nachhaltigkeitsbericht, mag der auch noch so gut sein. Der Investor will einen Businessplan sehen, der vielversprechend ist – viel Rendite versprechend. Der Plan muss überzeugend darlegen, dass sich viele Häuser in kurzer Zeit bauen und verkaufen oder vermieten lassen.

Und welche Häuser lassen sich gut verkaufen? Das entscheidet der Endkunde, der Hauskäufer, Häuslebauer oder Mieter – einfache oder kluge Menschen, Schwaben, Berliner oder Ostanatolier, Singles oder Familien und viele mehr. Und jetzt kommt der entscheidende Umstand: Mit ebenjene Zielgruppen kann ich als Entwickler der Grundstücke in einen Dialog treten über Werte, nachhaltiges Bauen und Wohnen, Energie sparen für den Geldbeutel und das Klima, Win-Win-Situationen und über viele andere Themen aus dem Kanon der Nachhaltigkeit.

Wenn der Markt, also die Endkunden, einen Sog erzeugen nach nachhaltigen Produkten, fangen auch Investoren an, sich für das Thema zu interessieren, das ist logisch. Und so korrigiere ich den obigen Satz folgendermaßen: „Unternehmen, die ihre Prozesse und ihre Kommunikation nachhaltig ausrichten, genießen einen Vertrauensvorsprung bei ENDKUNDEN, denn nachhaltige Produkte sind häufig gesünder sowie verantwortungsbewusster im Entstehungsprozess. Dieser Umstand wiederum kann Investoren dazu bringen, über Investments in nachhaltig entwickelte Geschäftsfelder verstärkt nachzudenken“. Der Satz ist länger geworden. Und liegt vermutlich dichter bei der Wahrheit.

Nachhaltigkeitsberichte sollten die Grundlage für einen Wertedialog vor allem mit Endkunden und anderen Interessensgruppen bilden. Schaffen sie dies nicht, sind sie wertlos.

Heute vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei in Pisa geboren. Er entriss die Naturkunde der Deutungshoheit der katholischen Kirche und machte seine Entdeckungen im Dialog breiten Gesellschaftsschichten zugänglich, stellte sich und sein Wissen der öffentlichen Diskussion zur Verfügung – fast hätte es ihn das Leben gekostet.

18 Jahre vor Galileis Geburt starb ein anderer, der sich das Denken und Handeln partout nicht verbieten lassen wollt: Martin Luther. Er predigte in der Sprache des Volkes, nicht länger in Latein, er übersetzte auch die Bibel in die deutsche Sprache – bis heute als Lutherbibel bekannt. Es ist kein Zufall, dass wir vor allem den Satz „Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?“ (der wohl fälschlicherweise Luther zugeschrieben wird) von ihm in kollektiver Erinnerung haben – es sind die Sprache und der Duktus der Menschen, mit denen er den Dialog sucht. Damit hat er das Wort Gottes nicht nur übersetzt – er hat es verändert. Denn wer einen Dialog eingeht weiß, dass das Gesprochene besprochen wird, es verändert sich, es wird geliebt, gehasst, geschmäht, bewundert – und weiterentwickelt.

Wer Nachhaltigkeitsberichte nach GRI anfertigt muss wissen, dass nur eine immer kleiner werdende Gemeinde von Experten in der Lage ist diese zu entschlüsseln – egal mit wie viel Bildern und Grafiken der Bericht am Ende aufgehübscht ist.

Wer aber über seine Nachhaltigkeitsstrategie ernsthaft in einen Dialog einsteigen möchte, muss die Sprache seines Gegenübers sprechen und verstehen.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren
  7. …ein Beispiel aus der Praxis

Briefe zur Nachhaltigkeit, 5: Die zehn Gebote

Die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sie werden längst nicht nur als Produzenten und Anbieter von Waren und Dienstleistungen wahrgenommen, sondern von unterschiedlichen Seiten verstärkt nach ihrer Verantwortung für gesellschaftliche Prozesse jenseits des Geschäftsmodells gefragt.

International agierende Akteure gehen in Bezug auf diese Fragen in die Offensive: in Nachhaltigkeits- oder integrierten Geschäftsberichten geben sie Auskunft über wirtschaftliche, ökologische und soziale Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit.

Und kleine oder mittlere Unternehmen? Welche Chancen haben sie, eine verantwortungsbewusste Haltung systematisch in die gelebte Unternehmenskultur zu integrieren? Und Gründer/innen? Start up Unternehmen haben mehr als etablierte Firmen die Chance, Fragen der Nachhaltigkeit von Anfang an als Teil ihrer Unternehmenskultur zu etablieren und hieraus konkrete Strategien abzuleiten.

Dieser fünfte Brief zur Nachhaltigkeit ist der Versuch, zehn Leitkriterien als einfachen Handlungswegweiser für Unternehmen zu formulieren. Eine Linkliste unten schließt diesen Brief ab.

 

 

GESCHÄFTSMODELL

Planet, People, Profit: In welcher Form leistet das Unternehmen einen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung?

 

UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Management: Ist der Bereich CSR / Nachhaltigkeit einem Teammitglied eindeutig zugeordnet? Gibt es im Unternehmen ein Nachhaltigkeitsmanagement im Sinne von Zielformulierungen, Umsetzungsstrategien und Kontrolle in wesentlichen Handlungsfeldern?

Controlling: Erhebt das Unternehmen neben wirtschaftlichen Daten auch Informationen zur Nachhaltigkeit, z.B. den Energieverbrauch, Wassernutzung, Abfallaufkommen oder Kundenzufriedenheit, zum Zweck aktiver Einflussnahme?

Strategie: Ist das Unternehmen wirtschaftlich stabil und investiert es in zukünftige Projekte und Geschäftsfelder?

 

PRODUKT / DIENSTLEISTUNG

Verantwortung: In welchen Produktionsstufen berücksichtigt das Unternehmen neben wirtschaftlichen auch ökologische oder soziale Aspekte (z.B. CO2 Emissionen, Energieverbrauch, Wasser- und Abwasser, Abfallaufkommen, Arbeitsbedingungen?)

Zielgruppen: Bringt die Produktpolitik wirtschaftliche Aspekte mit ökologischen und gesellschaftlichen Fragen in Einklang? Decken sich Nachhaltigkeitsaspekte der Produktpolitik mit den Kundenerwartungen?

 

KOMMUNIKATION

Transparenz und Verständlichkeit: Ist die CSR Strategie durch das Unternehmen für alle Interessierten klar und verständlich beschrieben?

Unternehmenskultur: Stellt das Unternehmen Philosophie, Leitbild und Grundsätze seiner Unternehmensführung transparent dar?

Mehrwert: Stellt das Unternehmen den Mehrwert deutlich heraus, der der Kundschaft sowie der Gesellschaft und der Umwelt durch die Berücksichtigung nachhaltiger Aspekte entsteht?

Stakeholderdialog: Hat das Unternehmen einen Überblick über alle wesentlichen Interessensgruppen, die von den Auswirkungen unternehmerischer Entscheidungen betroffen sind? Bindet das Unternehmen diese Interessensgruppen nach Möglichkeit in unternehmerische Prozesse ein?

Berichterstattung: Wie informiert das Unternehmen angemessen über geschäftliche Ergebnisse, Entwicklungen und Ziele? Wie informiert das Unternehmen darüber hinaus über Entwicklungen im Bereich Nachhaltigkeit? Ist die Berichterstattung die Grundlage für einen Wertedialog zwischen Unternehmen, seinen Mitarbeitern und anderen Gruppen?

 

 

Links für Gründerinnen und Gründer sowie für Unternehmen:

IBB / BPW

Die Investitionsbank Berlin veranstaltet gemeinsam mit der Investitionsbank Brandenburg und dem Berlin Brandenburger Unternehmensverband seit 18 Jahren den Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg. Wer hier mitmacht hat nicht nur die Chance auf ein Preisgeld sondern erhält Beratung, Kontakte und Seminare zum Thema Gründung – und zwar umsonst und ohne Haken. Schon seit vielen Jahren spielt auch die Dimension der Nachhaltigkeit beim BPW eine große Rolle.

 

.garage

.garage Berlin

.garage Berlin

Cool und bodenständig zugleich – dass das geht, zeigt das Gründungszentrum .garage, das unter anderem in Berlin vertreten ist. Hier wachsen überwiegend Gründungsideen heran, die aus der Arbeitslosigkeit herausführen. Gemeinsam mit den Jobcentern der Berliner Bezirke werden einzigartige Programme aufgelegt und durchgeführt.

 

b!gründet

Das Gründungsnetzwerk der Berliner Hochschulen für Stipendiaten im EXIST Programm. Das Netzwerk unterstützt unter anderem durch hervorragende Coaches aus den Bereichen Marketing, Finanzierung und Recht.

 

Green Garage auf dem EUREF Campus Berlin

Green Garage auf dem EUREF Campus Berlin

Green Garage auf dem EUREF Campus Berlin

Die Green Garage unterstützt Gründungen mit nachhaltig positiver Klimawirkung.

 

Hultgren und Partner

Die Nachhaltigkeitsberatung, der der Autor dieses Blogs geschäftsführend vorsteht. Unsere Philosophie: Nur ein Nachhaltigkeitsdialog mit vielen Anspruchsgruppen kann Köpfe und Dinge bewegen. Wir stehen allen Gründern, Unternehmern und anderen Organisationen mit Beratung, Vorträgen und Workshops zur Verfügung.

 

 

Links für Philosophen und Tagträumer:
Es ist eine ERLE, wie ich beim Fotografieren bemerkt habe.

Der Baum, Grundbild nachhaltigen Wirtschaftens

Du aber bist der Baum

 

Links an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft:

Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit

Das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit versammelt wissenschaftliche Expertise zum Thema Green Economy und arbeitet zurzeit an einem Green Economy Gründungsmonitor.

 

Grundsätzliches:

Rat für Nachhaltige Entwicklung

Rat für Nachhaltige Entwicklung, kurz Nachhaltigkeitsrat oder RNE, ist ein Beirat der Bundesregierung – und geht mit eben dieser auch mal streng ins Gericht, wenn er es für erforderlich hält. Zurzeit füllt Marlehn Thieme, die auch Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, die Position der Vorsitzenden stark und eindrucksvoll aus. Der RNE steht für tolle Veranstaltungen, Projekte und Dokumentationen.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

Briefe zur Nachhaltigkeit, 4: Management, 3 > 300?

Mit wie vielen Bällen wollen Sie jonglieren, wenn Sie gerade dabei sind, es zu lernen? Zwei Bälle erscheinen uns da irgendwie zu wenig, drei sollten es schon sein. Der Weltrekord von Anthony Gatto liegt bei acht.

Die Größenverhältnisse beim Nachhaltigkeitsmanagement sind ähnlich: wer drei Faktoren über einen langen Zeitraum im Blick behalten, kontrollieren und steuern kann, macht einen sehr guten Job.

Große DAX-Konzerne geben in ihren Nachhaltigkeitsberichten (oder integrierten Geschäftsberichten) an, über 300 ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Leistungsindikatoren  zu managen, darunter so illustre Beispiele wie: „Beschreibung von Grundsätzen, um Einflüsse auf die Gemeinden in Gebieten, die von Tätigkeiten beeinflusst werden, zu managen sowie Beschreibung von Verfahren/Programmen, um diese Themen anzusprechen, inklusive Überwachungssysteme und Ergebnisse der Überwachung, einschließlich einer Erläuterung von Verfahren zu Identifikation und zur Einbindung von lokalen Stakeholdern in einen Dialog.“

Wer dort angekommen ist, hat es in den Olymp der Nachhaltigkeitsberichterstattung geschafft: er arbeitet am Rande der Perfektion und niemand versteht ihn. Nun können wir es Konzernen wie Volkswagen, Siemens und BASF abnehmen, all diese Faktoren tatsächlich im Griff zu haben, schließlich beschäftigen sich ganze Abteilungen mit dem Thema Nachhaltigkeit und CSR.

Dennoch, bereits beim Üben von Referaten in der Schule haben wir gelernt: eine Sache auf den Punkt zu bringen, darin liegt die Kunst. Eine Modedesignerin plant eine Serie von Cowboystiefeln, „Boss Hoss“ wird Markenbotschafter. In einer Präsentation vor Investoren sagt sie: „Nachhaltigkeit – das bedeutet für mich erstens, wie leben die Rinder? Zweitens, wie sterben die Rinder? Hier arbeiten wir mit einem mobilen Schlachtsystem zusammen, um Transporte zu vermeiden. Und drittens, wie wird das Leder gegerbt? Zu allen genannten Punkten informieren wir auf unserer Homepage.“

Hier wird der Wirkungshorizont des Themas Nachhaltigkeit in Bezug auf das Geschäftsmodell auf den Punkt gebracht, und zwar verständlich. Jeder Interessierte hat nun die Möglichkeit seine Prioritäten mit den genannten abzugleichen. Die wichtigste Frage, nämlich „Was ist Nachhaltigkeit, und was bedeutet dies für unser Geschäftsmodell?“ wurde gleich zu Anfang geklärt.

Mindestens ebenso, wie wir Siemens das Management von dreihundert Indikatoren abnehmen, trauen wir der Designerin die Kontrolle von drei Indikatoren zu. Nur mit dem Unterschied, dass wir die Designerin verstehen. Wir können ihre Haltung kritisch oder wohlwollend überprüfen und sogar über einen längeren Zeitraum die Ziele und Erfolge ihrer Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen. Ein Punkt für die Modedesignerin quick weight loss diet plan.

 

Zuständigkeitshalber

Noch eine Klärung zur Sache: in größeren Organisationen stellt sich die Frage, wo das Thema Nachhaltigkeitsmanagement im Unternehmen angesiedelt sein soll, dies war auch ein Leitkriterium im dritten Brief zur Nachhaltigkeit.

Die schlechteste Variante: im Marketing. Nicht Kommunikationsexpertise ist gefragt, gerade weil wir tatsächlich etwas zu sagen haben – es geht eben um die Sache. Dass das Marketing irgendwann eingebunden werden muss ist wiederum klar: Nachhaltigkeit ist nichts für eine Abteilung, vielmehr eine Querschnittsaufgabe für alle Unternehmensbereiche. Wo also hin mit dem Thema?

Die konsequente Lösung: ins Controlling. Dahin, wo die harten Kerle und Frauen im Businessdress über Zahlen brüten. Dahin, wo diejenigen arbeiten, vor denen alle anderen zittern, zu den Kontrolleuren eben. Im Ernst, warum nicht? Wenn eine Firma die Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen wie Papierverbrauch, Wassermanagement und Kundenzufriedenheit ebenso streng kontrolliert wie Ausgaben und Einnahmen in Euro, nimmt sie ihre Sache ernst. In der Praxis erlebt oder davon gehört habe ich allerdings noch nicht.

Uns von Hultgren – Nachhaltigkeitsberatung ist wichtig, dass es im Unternehmen überhaupt eine Person gibt, die für die Annäherung an das Thema zuständig ist. Im Optimalfall ist dies eine Person, die sich für das Thema interessiert und offen ist – die Expertise kommt mit der Zeit. Erhält diese mit Nachhaltigkeit beauftragte Person dann noch ein Zeitkontingent innerhalb ihrer Arbeitszeit und ein Seminar für Grund- und Fachkenntnisse, dann ist ihr Arbeitgeber sehr gut aufgestellt.

 

Rückblick

Im ersten Brief zur Nachhaltigkeit ging es noch um historische Fragen und Begriffsklärungen, der zweite und dritte klärte die wichtige Frage, was Nachhaltigkeit in unserem Unternehmen bedeutet.

Heute haben wir das Thema Nachhaltigkeit als unternehmerische Chance und Aufgabe verankert, mit drei relevanten Handlungsfeldern und einem oder einer Nachhaltigkeitsbeauftragten, die sich in fünf bis zehn Stunden ihrer Arbeitszeit der Klärung wesentlicher Fragen widmen kann.

 

Auch in Zukunft werden Briefe zur Nachhaltigkeit grundsätzliche oder besondere Fragen besprechen.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

Briefe zur Nachhaltigkeit, 3: Was tun?

Auf welche Handlungsfelder der Nachhaltigkeit können wir uns konzentrieren?

Am Anfang einer jeden Nachhaltigkeitsstrategie steht der Wunsch, etwas zu ändern. Ob wir aus Kalkül in das Thema einsteigen, aus Überzeugung oder vielleicht sogar durch eine Krisensituation ausgelöst, macht zwar einen großen Unterschied hinsichtlich der Ausgangssituation, ändert aber nicht die Prozesse des Nachhaltigkeitsmanagements.

Im Brief 2 zur Nachhaltigkeit ist am Beispiel einer Bäckerei deutlich geworden, dass jede Branche eigene Ansätze einer Nachhaltigkeitsstrategie finden muss. Selbst innerhalb einer Branche muss jedes Unternehmen seine Ansatzpunkte selber suchen – dies ist übrigens nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit der Fall sondern auch bei traditionellen Themen wie Marketing oder Finanzen. Zum Beispiel Banken: Vergleichen Sie einmal die Geschäftsberichte der Deutschen Bank, der Berliner Sparkasse, der GLS Bank und der KfW. Vier Banken, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, hinsichtlich der Unternehmenskultur, der Unternehmensziele, ihrer Organisationsstruktur oder ihrer Kommunikation.

Welche relevanten Handlungsfelder der Nachhaltigkeit bieten sich branchenübergreifend an? Hier einige Vorschläge:

 

Unternehmensphilosophie, Unternehmenskultur, Organisation und Kommunikation

Es ist das grundsätzlichste aller Handlungsfelder, denn es stellt uns die großen Fragen: Wer sind wir (Unternehmenskultur) und was wollen wir sein (Unternehmensphilosophie)?

Die Leitfragen lauten hier:

  • Hat unsere Organisation ein klar formuliertes Leitbild und wie ist die Frage nach Verantwortung darin formuliert?
  • Gibt es transparent formulierte Nachhaltigkeitsziele?
  • Gibt es in unserer Organisation jemanden, der für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist?
  • Gibt es einen lebendigen Dialog mit wesentlichen Interessensgruppen (z. B. mit Mitarbeitern, Kunden, Nachbarn oder Lieferanten), auch zu Themen der Nachhaltigkeit?

 

Ressourcenmanagement

Der Umgang mit Wasser und Abwasser, Energie, Müll und Mobilität spielt in jedem Unternehmen eine Rolle – unterschiedlich ist nur die Relevanz einzelner Punkte. Im überschaubaren Büro einer Werbeagentur ist der Wasserverbrauch sicher nicht so entscheidend wie in einem Hotel, einem Handwerksbetrieb oder gar in der industriellen Produktion.

Ressourcenmanagement ist einfach und wird deshalb oft vergessen. Wer kennt schon seinen jährlichen Stromverbrauch oder den des Wassers – ob zu Hause oder im Betrieb. Erschwerend hinzu kommt, dass diese Daten von den Dienstleistern nur im Jahresrhythmus abgelesen werden, die Abrechnung für 2013 flattert uns also im Herbst des Folgejahres ins Haus (oder in die Buchhaltung).

Ein System zu installieren, das relevante Verbrauchsdaten zunächst erfasst um langfristig eine Einflussnahme zu ermöglichen, ist ein herausforderndes Ziel für viele Unternehmen. Und zwar eines mit großem Einsparpotential.

 

Wirtschaftliche Stabilität, strategische Ausrichtung und Investition in Zukunftsprojekte

Nachhaltigkeit soll zwar salopp gesagt die Welt retten, aber vergessen sollten wir dabei unser Geschäftsmodell nicht. Wenn unsere Firma in den nächsten fünf Jahren nicht mehr existiert, können wir auch keine Verantwortung für gesellschaftliche oder ökologische Fragen übernehmen.

  • Sind wir aktuell wirtschaftlich stabil aufgestellt?
  • Haben wir die Stärken und Schwächen unserer Organisation ebenso im Griff wie die Entwicklung heutiger und zukünftiger Märkte?
  • Investieren wir aktiv in zukünftige Projekte?

Im ersten Schritt können kleine Maßnahmen große Wirkung zeigen. Hat der Chefstratege wirklich mindestens vier Stunden pro Woche Zeit, um nicht nur ungestört, sondern auch in inspirierender Umgebung über die Entwicklung seiner Organisation nachzudenken? Brainstorms mit den Kollegen sind ja wichtig, aber manchmal muss es eben der Spaziergang im Park sein, oder die Tasse Kaffee am See. Ein Tag im Wald, Abstand. Für die Zukunft.

 

Supply Chain – Umgang mit Lieferanten

Es hat sich längst herumgesprochen, dass die Verantwortung für Arbeitsbedingungen und Produkteigenschaften nicht am Werkstor endet. Hier ist der erste Schritt ebenso einfach, wie im Ressourcenmanagement: wir müssen erstmal wissen, worüber wir reden. Heißt: wer sind unsere wichtigsten Lieferanten (in Euro, das macht es schön simpel und objektiv), wie gut kennen wir sie und welche Fragen wollen wir ihnen stellen?

 

Gemeinde und Gesellschaft

Nachhaltigkeit ist mehr als Spendenbereitschaft – aber auch das kann ein Teil der Unternehmensverantwortung sein. Eine Agentur, die Internetseiten und Social Media Strategien für namhafte Kunden entwickelt, könnte dies einmal im Jahr auch für ein soziales Projekt tun. Hier bietet es sich an, Entscheidungskriterien und Bewerbungsmöglichkeiten offenzulegen.

 

Das wichtigste Handlungsfeld: Deins

Eine Fotografin und Grafikerin arbeitet mit alten Werkzeugen, einer Plattenkamera und klassischen Druckmaterialien. Dies kann zentraler Bestandteil ihres nachhaltigen Engagements sein, über das sie mit Kunden und Interessierten ins Gespräch geht. Die Pflege alter Handwerkskunst, Besinnung auf die Wurzeln heutiger Technik und eine besondere Ästhetik, die sich in den Fotografien und Entwürfen niederschlägt: hier wird Nachhaltigkeit spannend und lebendig. Wie es es eben so ist, wenn man sich zutraut, seine ganz eigenen Gedanken zu spinnen und umzusetzen.

Binz, 1930er Jahre
Binz, 1930er Jahre

 

Fazit

Auch für das Abenteuer Nachhaltigkeit gilt: Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Ressourcenmanagement und Supply Chain sind große Begriffe – die ersten Schritte bestehen meist darin, sich Klarheit über den Status Quo zu verschaffen und Daten und Fakten zusammenzutragen. Wer dies neben den täglichen Herausforderungen geschafft hat, ist auf einem guten Weg und kann sich jetzt Gedanken zu Zielen und Strategien machen. Ahoi und allzeit gute Fahrt wünscht das Blog [:machen..] – wir begleiten Sie mit weiteren Briefen zur Nachhaltigkeit.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

 

Lieber Leser, liebe Leserin, die Reihe Briefe zur Nachhaltigkeit wird noch viele Fortsetzungen finden. Bitte schildern Sie mir ehrlich Ihre Eindrücke: sind Sie ermutigt, vielleicht sogar inspiriert, wie ich es hoffe? Oder haben Sie wichtige Hinweise und Fragen an mich? Auch ich als Autor suche den Dialog, um meine Arbeit weiter zu entwickeln.

Herzlichst und an dieser Stelle ausnahmsweise sehr persönlich

Ihr Oliver Schmidt

Briefe zur Nachhaltigkeit, 2: Wo anfangen?

Was bedeutet Nachhaltigkeit in unserer Organisation?

Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe ernst nehmen, genießen einen Vertrauensvorsprung beim Kunden gegenüber Mitbewerbern. In der Praxis achten bereits viele Organisationen auf die Einhaltung selbst gesetzter Nachhaltigkeitsziele. Nur nutzt längst nicht jedes Unternehmen die Chancen, die mit systematisch nachhaltigen Wirtschaften und der entsprechenden Marketingstrategie einhergehen.

Nicht nur der sogenannte „LOHAS“ Kunde, der einen Lifestyle of Health and Sustainability pflegt und entsprechend wahrgenommen werden möchte, legt hier seine Produktstandards „öko“, „fair“, „regional“ etc. an. Die Ansprüche an gesunde Produkte oder Dienstleistungen, deren Herstellung, Nutzung und Entsorgung nicht zu Lasten anderer Menschen oder der Umwelt geht, entwickeln sich mehr und mehr zum gesellschaftlichen Konsens.

Richten wir unser Unternehmen also nachhaltig aus – aber wo fangen wir an? Gibt es Minimalstandards, die erfüllt sein müssen, um nachhaltig zu sein?

Keine Organisation ist mit der anderen vergleichbar. Ebenso, wie jedes Unternehmen eigene wirtschaftliche Erwartungen formuliert (Wie viel Eigenkapital wollen wir haben? Welche Umsatz- und Gewinnerwartungen haben wir? Streben wir Wachstum an?) definieren wir auch unsere Ansprüche an Nachhaltigkeit selbst. Unsere eigene Definition sowie die Ziele, die wir formulieren, sind fortan der Maßstab, an dem wir uns und unser Unternehmen messen lassen müssen – durch uns selbst, unsere Mitarbeiter, die Kunden und andere Interessierte.

Relevanz und Transparenz

Auf der Suche nach Kriterien helfen uns zwei Leitbegriffe: Relevanz und Transparenz. Die Kriterien, nach denen wir unser Unternehmen nachhaltig entwickeln, müssen relevant sein, also den Kern unseres Geschäftsmodells und dessen Auswirkungen tatsächlich betreffen. Ein Beispiel: im Fokus einer Bäckerei kann die Herkunft der Zutaten stehen, die Produktionsbedingungen im Betrieb und bei Lieferanten oder der Verbrauch und die Entsorgung wichtiger Ressourcen wie Wasser und Strom.

Meisterbrief des Bäckerhandwerks, Otto Schmidt, Harburg, 1930
Meisterbrief des Bäckerhandwerks, Otto Schmidt, Harburg, 1930

Stellt sich der Betrieb der Frage, wie viele Brote und Brötchen am Abend weggeworfen werden, hat er sogar die Chance ergriffen, ein Thema zu bearbeiten, das aktuell gesellschaftlich diskutiert, also als relevant empfunden wird: die Vernichtung von Lebensmitteln.

Hier beginnt ein interessanten Spannungsfeld, schließlich ist der „Trick“, die Regale auch um 18 Uhr noch gut gefüllt und jeden Artikel vorrätig zu haben, bisher ein gutes Verkaufsargument gewesen. Wie weit der Bäcker nun konkret geht, hängt auch von der Stabilität der Kundenbeziehung ab, und von der Fähigkeit, miteinander zu reden. Möglicherweise bieten sich auch ergänzende Lösungsansätze, zum Beispiel Spenden an eine soziale Organisation wie die Tafel.

In diesem Prozess liegt die Chance, unternehmerische Entscheidungen gemeinsam mit Mitarbeitern, Kunden und anderen Interessensgruppen zu treffen und auf diese Weise Motivation, Stolz und ein Gefühl – nein, eher die Gewissheit – von „ich bin dabei“ oder „meine Meinung ist hier gefragt“ zu erzeugen.

 

Der dritte Brief zur Nachhaltigkeit wird Handlungsfelder vorstellen und erläutern, die jedes Unternehmen für sich erschließen kann.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

Briefe zur Nachhaltigkeit, 1: Was ist Nachhaltigkeit?

Was ist Nachhaltigkeit? Eine historische Annäherung

1713 formulierte der Forstwirt Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ erstmalig die Anforderung, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden solle, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen kann. Er tat dies nicht als ökologischer Utopist, nicht als Umweltaktivist, sondern in seiner Verantwortung als Volks- und Betriebswirt. Die Knappheit des Energieträgers Holz drohte den Silberbergbau im Erzgebirge lahmzulegen.

Titelblatt der Sylvicultura Oeconomica (1713) von Hans Carl von Carlowitz, 1645 - 1714
Titelblatt der Sylvicultura Oeconomica (1713) von Hans Carl von Carlowitz, 1645 – 1714

Fast dreihundert Jahre später, 1987, entwickelten die Vereinten Nationen durch die Brundtland Kommission, auch Weltkommission für Umwelt und Entwicklung genannt, den Report „Unsere gemeinsame Zukunft“. In dem Bericht wurde erstmals das Konzept der nachhaltigen Entwicklung formuliert und definiert, er gab den Anstoß für einen weltweiten Diskurs zum Thema Nachhaltigkeit:

„Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“

Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“

Wir können diese weltweit anerkannte Definition auf den Punkt bringen: Das Leben der einen sollte nicht auf Kosten von anderen und auch nicht zu Lasten der Zukunft gestaltet werden.

 

Corporate Social Responsibilty

Der Begriff Corporate Social Responsibilty (CSR), der häufig synonym für Nachhaltigkeit verwendet wird, kommt aus den USA und setzt sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen auseinander. Historisch und gesellschaftlich steht er also vor einem anderen Hintergrund als der Begriff Nachhaltigkeit.

CSR wird gerne mit „Spendenbereitschaft“ und „Wohltätigkeit“ verwechselt, läuft also mindestens so sehr wie der Bergriff „Nachhaltigkeit“ Gefahr, falsch interpretiert zu werden.

CSR und Nachhaltigkeit können bei gut geführten Organisationen nur bedeuten, die Verantwortung gegenüber jenen Interessensgruppen, die durch das Geschäftsmodell berührt sind, gezielt zu managen.

 

Nachhaltigkeitsmanagement

Nachhaltigkeitsmanagement ist ein systematisch gesteuerter Entwicklungsprozess mit dem Ziel, Mehrwerte für eine Organisation zu schaffen und dabei langfristige Wirkungen auf Ökologie und Gesellschaft zu berücksichtigen, zu dokumentieren und zu kommunizieren.

Keine Organisation ist entweder nachhaltig oder eben nicht nachhaltig. Unternehmer und Unternehmen können sich entscheiden, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen, die über das Geschäftsmodell hinausgeht – und beginnen damit eine nachhaltige Entwicklung. Was sich zunächst nach zusätzlichem Arbeitsaufwand anhört, eröffnet in der Regel neue Marktchancen. Die Frage nach Verantwortung und Rechtschaffenheit steht bei Konkurrenten, potentiellen Geschäftspartnern und nicht zuletzt bei den Kunden längst auf der Agenda.

Der zweite Brief zur Nachhaltigkeit wird die Frage klären, wie wir Nachhaltigkeit für unsere Organisation und unser Unternehmen definieren und das Thema gestaltend anpacken.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

Management: Innovation und Ausstieg

So sieht es aus, wenn wir Selbstverständliches, Liebgewonnenes oder auch allgegenwärtig nerviges aus der Perspektive der Vergangenheit betrachten:

Wir schreiben das Jahr 18hundert-irgendwas. Ich habe etwas erfunden, es ist patentiert und liegt bereits in serienreife entwickelt vor. Meine Erfindung heißt PKW, oder einfach Auto. Ein PKW fährt Dich, gegebenenfalls sogar mit Freunden und Familie jederzeit überallhin, auch ganz spontan. Im Gegensatz zum vorherrschenden öffentlichen Verkehr bedarf es keiner Anmeldung, wir müssen nicht warten bis der Zug oder der Bus kommt, fahren jederzeit von Haustür zu Haustür. Da ich unterschiedliche Modelle entwickelt habe, ist eigentlich für fast jeden Geldbeutel etwas dabei, es ist dadurch demokratisch, trägt zur individuellen Freiheit und zur gesellschaftlichen Teilhabe bei. Ich bin sehr stolz.

Auch die Nachteile möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen:

  • Meine Erfindung wird allein in Deutschland jährlich 3.600 Menschen das Leben kosten, meist sind es PKW-Nutzer, häufig Unbeteiligte, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
  • Da meine PKW mit Verbrennungsmotor arbeiten, werden unsere Autos allein in Deutschland pro Jahr 160 Mio. Tonnen CO2 ausstoßen und damit nach Kohlekraftwerken wohl Hauptverursacher für Klimaerwärmung sein.
  • Für den Bedarf an Ausbau und Pflege eines Netzes (ja, auch meine PKW brauchen Schienen, wir nennen das System „Straße“ und bauen das Netzt engmaschig, eben von Haustür zu Haustür) veranschlage ich 100 Mrd. jährlich, darin enthalten sind städtische ebenso wie Fernstraßen (sogenannte „Autobahnen“).

Um das ganze positiv abzuschließen: wir haben in Deutschland die Chance, mit meiner Erfindung Millionen Jobs zu schaffen, vielleicht exportieren wir PKW ja sogar bald in alle Welt – wir müssen nur dran glauben!

 

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Erfindungen haben, wie Schokoladenosterhasen oder Häuser, eine Lebensdauer. Nach Ablauf müssen sie schnell aufgegessen, abgebaut oder irgendwie anders aus dem Verkehr gezogen werden. Aber niemand implementiert in seine Erfindung eine Exit-Strategie. Das Auto von heute ist natürlich auch keine Erfindung, sondern eine Entwicklung. Das Problem daran: für langfristige Folgen ist niemand verantwortlich, nicht der alte Carl Benz, nicht die Autoindustrie und nicht der Nutzer.

These: manche Erfindungen von gestern richten heute mehr Schaden als Nutzen an, aber die Ausstiegshürden sind hoch.

Ein evidentes Beispiel hierfür sind die Atomkraft und die Kohleenergie. Seit dem Schock von Fukushima wollen wir aussteigen und tun uns schwer damit. Nun bin ich entgegen manch professionellem oder selbstberufenem Experten diesbezüglich optimistisch, schließlich ist die Energiewende eines der größten Infrastrukturprojekte, die dieses Land je gesehen hat – da ruckelt’s an der einen oder anderen Stelle. Und trotzdem, oder gerade deshalb denke ich: wir brauchen ein Ausstiegsmanagement für Erfindungen, die ihre Zeit einfach hinter sich haben, in der Sackgasse stecken oder sich als Fehlentwicklung herausstellen. Nicht Change-Management, nicht Turn-around – Ausstieg.

Jeder Danone Jogurt hat eine Eliminierungsstrategie, die beschreibt, wie er eines Tages ohne Schaden oder vielleicht sogar zum Nutzen des Unternehmens vom Markt genommen wird. Aber für eine ganze Produktklasse gibt es das nicht, den Ausstieg zum Nutzen aller und möglichst ohne Schaden für beteiligte Unternehmen. Dabei sind die Determinanten die gleichen:

1. Wann hat sich ein Konzept überlebt, welches sind Kernkriterien zur Abwägung von Nutzen und Schaden?

2. Ausstieg kostet Geld und tut weh. Wem tut’s weh, wie können Lasten verteilt werden?

3. Neue Lösungskonzepte müssen her. Leitfrage: Gibt es schon Ansätze (die gibt es immer!)? Wie können sie umgesetzt werden? Wer kann Sie umsetzen? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

4. Wo sind Schnittstellen zum alten Konzept, die beim Ausstieg Beachtung finden müssen?

5. Der Vorgang schafft Raum für Neues, hier liegen die Chancen. Leitfrage: wie können wir entstehende Gewinne, nicht nur finanzielle, verteilen und möglichst viele Menschen abholen und mitnehmen?

 

Braucht die Bundesregierung ein Institut oder einen Beirat für makroökonomisches Ausstiegsmanagement, zur Sammlung von Expertise und Erfahrung in diesen Vorgängen? Innovationsagenturen gibt es zuhauf, aber kennt jemand eine Exit Agentur, die sich um abgelaufene Konzepte kümmert? Einen Sackgassenlotsen? Ist das erstrebenswert – Entwicklungsbeschleunigung durch Innovations- und Exitmanagement?

Noch ein Beispiel gefällig? Der Preis für das vor 20 Jahren als basisdemokratisches Allheilmittel gefeierte Internet wächst gerade in den Himmel. Das Netz, mit allen angeschlossenen Kommunikations-, Zahlungs- und Verwaltungssystemen ist wie eine tragische Liebe: OHNE geht nicht, aber MIT ist die Hölle.

Das unentdeckte Land…

…die Zukunft.

Schon immer fühlte der Mensch sich auf der eindimensionalen und nur in eine Richtung beweglichen Zeitachse eingeengt, beschränkt – er will in die Zukunft sehen, in seine Zukunft. Das Orakel der Antike war in Delphi, heute versuchen sich das Institut für Demoskopie Allensbach, die Gesellschaft für Konsumforschung und die Krake Paul in der Vorhersage zukünftiger Ereignisse und Zusammenhänge.

So wichtig wie der Ausgang von Schlachten oder wenigstens das Bestimmen günstiger Rahmenbedingungen dafür damals war, ist dem Marketingstrategen heute die Analyse und Prognose von Trends und Entwicklungen am „Markt“ – also in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit meinem Geschäftsmodell stehen.

Einfach mal den Kunden fragen funktioniert da leider nicht, denn schon Henry Ford, der der Welt die Automobilproduktion am Fließband schenkte, wusste: „Hätte ich die Menschen gefragt, was sie haben wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde“.

Als „Schnellere Pferde“ bezeichnen wir deshalb Produkte, die in der Vorstellungswelt von Kunden und anderen Interessensgruppen zukünftige, neue Eigenschaften aufweisen, im wesentlichen Kern aber unverändert geblieben sind. Was gegenwärtig innovativ, bisweilen sogar revolutionär erscheint, mutet ein paar Jahrzehnte weiter beschränkt oder sogar naiv an. Das schnellere Pferd der 50er Jahre war das fliegende Automobil, das auf zahlreichen Illustrationen der Zukunft abgebildet war. Bis heute fliegt kein Auto und die Vorstellung belustigt uns how to weight loss.

Noch eine Eigenschaft hatten die schicken Flugkarossen von damals: niemand musste sie steuern, sie wurden durch Maschinen wie von Geisterhand gelenkt. Und siehe da, 2011 stellt Google ebendieses Auto als Prototyp vor, 2013 brachte Audi selbstfahrende Autos mit auf die Elektronikmesse nach Las Vegas. Nicht jede Vorstellung ist also naiv – und wieder wollen wir am liebsten das Orakel befragen und rufen: „Ja wie denn nun? Was bringt uns unsere Zukunft? Wie sieht das Auto 2050 aus?“. Ich sag’s Ihnen:

Das schnellere Pferd von morgen ist das Elektroauto. Mit ihm verknüpfen wir alle Hoffnung in eine bessere Zukunft, die wesentliche Eigenschaften der Gegenwart konserviert: jeder fährt wohin er will, wo lang er will, so schnell er will und darf. Der einzige Unterschied: wir fahren nicht im vierten, fünften oder sechsten Gang, sondern im Ökomodus, CO2 neutral und reinen Gewissens.

Dass es so nicht kommen wird, zeigt ein Blick nach Oslo. In Norwegen hat der Elektro-Sportwagen Tesla den VW Golf von der Spitze der Zulassungslisten verdrängt. Steuervergünstigungen beim Kauf, extra Parkplätze, freie Fahrt auf Busspuren und gratis (!) Ladestationen haben die Nachfrage nach E-Cars ordentlich angefeuert. Folge 1: In Oslo dünsten immer weniger Verbrennungsmotoren CO2 und andere Emissionen aus. Folge 2: Der Markt für E-Autos hat sich verdoppelt, Haushalte steigen um von öffentlichen Verkehrsmitteln oder vom Fahrrad auf das E-Mobil um, Busspuren verstopfen, die Stadt Oslo muss ein Mehr an Autoverkehr aushalten.

Nach Kondratieff trägt die Lösung eines Problems die nächste Herausforderung bereits in sich, so entsteht das, was Schumpeter die langen Wellen der Konjunktur nennt. Bei der Elektromobilität ist es aber zu offensichtlich: Das E-Mobil ist nicht die Lösung der Zukunft. Allerdings: in einem neuen Mobilitätskonzept wird Elektromobilität sicher eine Rolle spielen. Ebenso wie Car-Sharing Systeme, öffentliche Verkehrsmittel und die Verschiebung von Distributionswegen. Und mit noch einem Element zukünftiger Mobilität können wir uns gedanklich schon mal vertraut machen: Einschränkung. Vielleicht erhalten wir zukünftig Mobilitätspunkte, die uns erlauben nach München, Leipzig oder auf die Malediven zu fliegen, je nach Bedarf oder nach zuvor erbrachter gesellschaftlicher Leistung.

Nicht vorstellbar?

Das wäre so, also würden wir Gutscheine erhalten für den Erwerb von Lebensmittel, Luxus oder Kulturteilhabe?

Diese Gutscheine gibt es bereits, sie nennen sich Euro und wir erhalten sie, wie erwähnt, nach Bedarf, nach Leistung, nach Wohlgefallen oder nach anderen Kriterien.

Nennt sich in der Regel Arbeit.

Kommunikation Ehrensache

Die IHK Berlin meldet sich ja immer wieder zu aktuellen Themen: sie ist „besorgt“, wenn die Flughafeneröffnung wieder um ein paar Zeiteinheiten verschoben wird (im Ernst: schreibe ich „Monate“ oder „Jahre“, um nicht ironisch zu klingen?). Und sie ist „zuversichtlich“, wenn irgendwelche Konjunkturdaten Positives verheißen.

Das weiß ich aus der Zeitung, und seit Neuestem auch aus einem Brief, der an mich gerichtet war. Dem Schreiben beigelegt war eine Anstecknadel mit dem Schriftzug „Engagiert für Berlin“, der Brief enthielt viel Lob für mein Engagement. Wofür ich diese Ehrenauszeichnung genau bekomme, weiß ich nicht, das gab der Serienbrief nicht her. Neben dem Standardtext ist ein Foto von Dr. Eric Schweitzer, dem ehrenamtlichen Präsidenten der IHK Berlin, aber das hat nichts zu sagen, das sehen wir in jeder IHK Publikation zum Thema CSR.

Auf der Suche nach Antworten nennt mir die IHK Homepage so viele Ansprechpartner, dass ich kapituliere.

 

Lieber Herr Dr. Schweitzer,

Henry Ford hat der Welt zwar das Fliessband geschenkt, aber für die Produktion von Autos, nicht für Briefe mit Ehrennadeln. Die nächste Auszeichnung an mich doch bitte persönlich, ich könnte mir zum Beispiel vorstellen bei einer Tasse Fair Trade Kaffee in Ihrem Büro.

Oder wenigstens eine handschriftliche Zeile unter dem Serientext? Oder ein Smiley? Ich würde mich freuen.

Der Artikel zu diesem Artikel steht jetzt auf ebay.

Der Erlös dient einem guten Zweck: ich werde den Betrag aus privaten Mitteln aufstocken und ein Eis essen gehen.

 

P.S.: Ist es mein ehrenamtlicher Einsatz als Prüfer, der mich qualifiziert hat? Das mache ich gerne, auch in Zukunft – ist doch Ehrensache!

😉

Mit besten Grüßen – Oliver Schmidt

 

Weitere Links zum Thema

Du aber bist der Baum

Morgens, zehn Uhr in Deutschland: Komme gerade vom Joggen, die übliche Runde um den See. Die Sonne scheint, an der Badestelle steht eine mächtige Eiche, deren Stamm sich bereits nach einem Meter in drei starke Äste gabelt. Und in dieser Gabelung steht ein Junge und lacht, er ist vielleicht zwei Jahre alt.

Baum

Wie mächtig muss dieser Baum ihm erscheinen, wie ewig. Und als ich so die Perspektive des Jungen einnehme, erscheint auch mir der Baum ewig. Eichen sind mit hundert Jahren erwachsen, werden locker 500 Jahre alt, es gibt in Europa Wälder mit Eichen, die weit über tausend Jahre zählen. Aber ewig ist kein Baum.

Fällt ein Baum (ich komme gleich zum Management, dies wird kein Baumtagebuch), bleibt der Wald doch bestehen. Der Baum muss sogar fallen und absterben, damit der Wald als Ganzes Bestand hat.

Und fällt der Wald, zum Beispiel in heißen Klimazonen durch Waldbrand, so entsteht er neu, er hinterlässt fruchtbaren Boden. Es gibt immer einen nächst größeren Zusammenhang, in dem eine traurige Geschichte einen Sinn ergibt. Auch der Wald ist Teil eines Kontinents aus unterschiedlichen Biotopen: Wäldern, Seen, Steppen, Wüsten. Die Natur kennt keine Zerstörung, sie kennt nur Veränderung.

Und wir? Im Ruhrgebiet verschwanden in den 80er und 90er Jahre tausende von Arbeitsplätzen der Kohle- und Stahlindustrie. Neue Arbeitsplätze entstanden, zum Beispiel in Duisburg im Dienstleistungs- und Medienbereich – aber natürlich nicht für die Stahlarbeiter. Eine Stadt wandelt sich, mit sichtbarem Erfolg, Einzelschicksale bleiben unter Umständen auf der Strecke.

Veränderungsbereitschaft ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die Menschen heute abverlangt werden. Meine Schwester betreibt in London eine Rahmengalerie, erfolgreich seit vier Jahren. Jetzt muss sie umziehen, das Haus wird in Eigentumswohnungen umgewandelt. Veränderung. Das Ausmaß notwendiger Flexibilität nervt dabei manchmal gewaltig, groß ist die Sehnsucht nach Stetigem, Ewigem, einem Baum, der tausend Jahre alt wird. Die einzige Konstante heute scheint die Veränderung zu sein, Change-Management hat Konjunktur.

Dies ist also die Frage: Wie viel Veränderung lassen wir zu, um als Großes Ganzes überlebensfähig zu bleiben? Und wie viel Stabilität leisten wir uns, gestehen wir auch gerade denen zu, die nichts in Immobilien oder Rentenzusatzversicherungen stecken können? Die Stabilität einer Gesellschaft hängt nicht nur am Bruttosozialprodukt, am Exportüberschuss oder an anderen Querschnittszahlen. Sondern auch daran, wie sich das daraus erwachsende Glücks- und Sicherheitsgefühl verteilt.

Diese Fragen stellen sich immer. Die Antworten darauf werden immer in Bewegung sein, im Wandel. Und doch müssen wir um Antworten kämpfen. Immer. Als Ganzes. Als Wald.

 

 

Vielleicht auch interessant – die Briefe zur Nachhaltigkeit. Sie behandeln…

  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?”
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

All inclusive

Der Verein Gleich X Anders e.V. (sprich: gleich mal anders) zur Inklusion geistig behinderter Menschen hat sich ein Projekt vorgenommen, das einer genaueren Betrachtung lohnt. Um Alternativen zur Behindertenwerkstatt zu schaffen, also zu bestenfalls geschützten, schlimmstenfalls isolierten Arbeitsplätzen, bauen sie ein Hotel in Darmstadt. Neben dem Kernbereich Gastronomie und Hotellerie entstehen so Jobs in der Wäscherei, einer Gärtnerei, der Küche, einer Bäckerei, sowie einem zum Hotel gehörenden Veranstaltungs- und Kulturzentrum.

Eine der Initiatorinnen ist Gudrun Maurer-Wieland, deren 18 jähriger Sohn sich zurzeit in verschiedenen Praktika ausprobiert. Gastronomie und Hotellerie bieten sich an, sagt Maurer-Wieland, weil von sehr einfachen Tätigkeiten bis hin zu komplexen Vorgängen Vieles erledigt werden muss. In einer speziellen zweijährigen berufsvorbereitenden Maßnahme sollen die jungen Menschen die Abläufe und die Aufgaben in einem Hotel kennenlernen und trainieren. Nicht-behinderte Fachkräfte übernehmen die professionelle Führung und die Ausbildung.

Gudrun Maurer-Wieland erzählt: „Wenn mein Sohn mit den Getränken an den Tisch kommt, dann kann schon mal ein Spruch kommen wie `Dann trinkt mal schön´, das sorgt dann meist für Heiterkeit bei allen Beteiligten. Von den Gästen gelobt werden vor allem Atmosphäre, Wärme und Freundlichkeit“.

Zielpublikum sind natürlich Familien oder andere Reisegruppen, an denen Menschen mit Handicap teilnehmen. Aber nicht nur, denn wenn das Hotel in ein paar Jahren eröffnet ist, muss es vor allem eins: laufen, und zwar wirtschaftlich.

Die Idee ist nicht neu, der weltweite Verbund der Embrace-Hotels arbeitet unter dem Motto „Als Gast willkommen, als Mensch erwünscht“. 1993 wurde das Stadthaushotel Hamburg europaweit als erstes integratives Hotel gegründet. Bei der Gründung 2006 ist Embrace mit 11 Hotelbetrieben gestartet, mittlerweile gibt es deutschlandweit 40 Hotels. Insgesamt werden in den Embrace Hotels über 1000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt, die Hälfte von ihnen haben eine Behinderung.

Liebe Gudrun Maurer-Wieland, lieber Verein „Gleich X Anders“, ich wünsche alles Gute für Euer Projekt. Keine kleine Sache, ein Hotel zu bauen, mit öffentlichen Stellen zu verhandeln, Investoren und Projektpartner zu suchen, Befindlichkeiten auszubalancieren – und dabei nie das Ziel aus den Augen zu verlieren. Aber genau das wünsche ich Euch, dass Ihr den Horizont fest im Blick habt. Rüm hart – klåår kiming, sagt der Friese, weites Herz und klare Sicht. Wenn Ihr es schafft, seid Ihr meine Helden des Managements. Und falls nicht, seid Ihr’s trotzdem.

Hochschule und Hirschgeweih

Dass die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) eine ganz besondere Einrichtung ist, weiß der Autor dieses Blogs aus eigener Erfahrung: Als Leadcoach im Stipendienprogramm Exist und als Geschäftsführer Hultgren – Nachhaltigkeitsberatung gibt er dort Workshops für Existenzgründer. Der Blick in einen Seminarraum des Waldcampus zeigt: diese Hochschule ist nicht wie jede andere.

Im Seminar der HNEE
HNEE, Waldcampus

Gestern wurde an der HNEE ordentlich gefeiert, denn eine ihrer Lehrkräfte wurde als „Professor des Jahres“ ausgezeichnet. Jörn Mallok lehrt seit 2002 Unternehmensführung und Produktionswirtschaft, ausgezeichnet wurde er für seine praxisnahe Lehre, die das selbstständige Denken und Arbeiten fördert sowie zugleich Raum für eigene Ideen lässt. Der Preis wird seit 2006 von der Zeitschrift Unicum Beruf in drei Kategorien vergeben. Mallok wird im Bereich Wirtschaftswissenschaften geehrt, 400 Kandidaten waren diesmal nominiert.

Interview mit Jörn Mallok im Inforadio

Zur Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE)

Hultgren Nachhaltigkeitsberatung, gibt Workshops und Vortäge zum Thema Management, Existenzgründung und Nachhaltigkeit

Nur noch schnell die Welt retten…

… oder doch nur das Geschäftsmodell?

Am 9. November 2012 machte die Commerzbank mit einem Spot auf sich aufmerksam, der – im Vergleich zu dem seichten Durchschnitt üblicher Werbefilme – als spektakulär bezeichnet werden darf. Der Streifen „Erster Schritt“ zeigte eine junge Frau beim Joggen und Philosophieren. Sie denkt an Vertrauenskrise und fragt „Braucht Deutschland eine Bank, die einfach so weitermacht?“. Es ging um Spekulationen auf Grundnahrungsmittel und erneuerbare Energien. Die ganz großen Fragen eben. Hoffnung.

 

25. November 2013: Filialdirektorin Lena Kuske scheint zwischenzeitlich nach Hamburg umgezogen zu sein, zur Arbeit geht’s jetzt mit den Öffentlichen. Aber nicht nur das hat sich geändert, merklich rückt jetzt auch ein ganz anderes Vokabular in den Vordergrund: „Girokonto mit Zufriedenheitsgarantie“, „Baufinanzierung mit Marktvergleich“. Deutlich kleinere Brötchen – und irgendwie enttäuschend. Oder ist das einfach schon die neue Bescheidenheit, die in die Unternehmenskultur des Bankhauses Einzug gefunden hat?

 

Liebe Frau Kuske,

liebe Commerzbank,

lieber ernst dreinschauender Herr im klassischen Businessdress, der am Ende des Making of’s zu „Der nächste Schritt“ sagt: „Und somit ist diese Fortsetzung der Kampagne auch das klare Statement dazu, dass wir diesen Weg weiter gehen werden“,

ein Werbespot ist immer auch so etwas wie ein Versprechen – und ganz bestimmt erwartet niemand von Euch, in einem Jahr die Welt oder auch nur Euer Geschäftsmodell umzukrempeln. Aber Lebensmittelspekulationen und Klimawandel (2012) betreffen Milliarden Menschen existenziell. Kundenzufriedenheit, Girokonto und Baufinanzierung betreffen eben doch nur Eure Kunden.

Vielleicht verraten Sie uns schon jetzt und an dieser Stelle, noch bevor wir 2014 den dritten Spot erwarten dürfen, was tatsächlich Ihre Strategie für die Zukunft ist – und wie wir uns den Rückzug vom Visionären, das so kraft- und hoffnungsvoll daher kam, zum enttäuschenden Klein Klein der Produktpräsentation erklären dürfen. Mal ehrlich: Einfach nur für’s Girokonto werben, das kann die gute, alte Sparkasse viel besser.

Wir freuen uns auf Ihren Kommentar!

 

Weitere Filme und Infos zum Thema:

Der nächste Schritt, Making of

Die Kampagne im Blog der Commerzbank

Nachhaltigkeit bei der Commerzbank

 

Ruby Cup – soziales Unternehmertum

Drei Gründerinnen aus Dänemark und Deutschland haben die Firma Ruby Cup vor zwei Jahren aus der Uni heraus gegründet, sind nach Kenia gezogen und haben dort das Projekt aufgebaut. Ruby Cup ist eine gesunde und nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Frauenhygieneartikeln. Mit jedem Kauf spendet “Frau” einen Ruby Cup an ein Mädchen in Kenia und ermöglicht ihr den Schulbesuch ohne regelbedingte Fehlzeiten.

Das Problem ist klein, unscheinbar und wird hierzulande eher diskret geregelt: zur monatlichen Menstruation bei Mädchen und Frauen gehört der Tampon und/oder die Binde selbstverständlich dazu.
In ärmeren Ländern wird die Situation häufig anders gelöst, oder schlimmstenfalls gar nicht. Weil viele Frauen sich Hygieneartikel als Wegwerfprodukte nicht leisten können, bleiben sie zu Hause oder behelfen sich mit Stofffetzen. Gesundheitliche Probleme können die Folge sein, Mädchen fehlen in der Schule.

Die Fakten:

  • Millionen Frauen und Mädchen kämpfen jeden Monat damit, sich Binden zu leisten.
  • Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat die Monatshygiene als eines der größten Hindernisse zum Erreichen der Millennium Entwicklungsziele (MDGs) „Bildung für alle“ und „Gleichstellung der Geschlechter“ ernannt.
  • Studien haben gezeigt, dass Mädchen bis zu 20 Prozent ihrer Schulzeit verpassen, weil sie Angst haben während der Regel in der Schule ihre Kleidung zu beflecken und daher Zuhause bleiben.
  • Ohne geeignete Hygieneartikel sind Mädchen und Frauen gezwungen zu Notlösungen zu greifen, die keinen geeigneten Schutz bieten und häufig zu gesundheitlichen Problemen, wie etwa Infektionen oder anderen Krankheiten führen.

(Quelle: ruby cup)

Maxie Mathiessen, Studentin für soziales Unternehmertum in Kopenhagen, stellt dieser Situation einen Businessplan entgegen, der nun sogar von der dänischen Regierung ausgezeichnet wurde. Zentrales Element ihres sozialen Modells ist der Ruby Cup, eine sogenannte Menstruationstasse. Deren wichtigsten Eigenschaften: sie ist wieder verwendbar, also günstig, sprich: sozial. Sie enthält darüber hinaus keine Bleichmittel oder Parfüms, und das bedeutet gesund für die Frau und schonend für die Umwelt.
Die lange Geschichte von Maxies Businessplan in Kürze: nach einer ersten Feldstudie wurde Geld aus Fördertöpfen und privaten Mitteln zusammen gekratzt. In Kenia wurden Genehmigungen eingeholt und NGO-Partner gesucht. Das erste Verkaufmodell funktionierte über Slumbewohnerinnen als Vertriebspartnerinnen, der Preis lag bei drei Dollar pro Stück – und war ein Flop. Die neue Strategie lautete „Buy one, give one“: jeder Kauf eines Produktes in Deutschland bedeutet die Abgabe eines Ruby Cups an eine Frau in Kenia. Dann wurde das Produkt mit Coolnessfaktor positioniert, es sollte von Anfang an keine „Arme Leute Notlösung“ sein – dabei halfen Sängerinnen und Schauspielerinnen.

Wie geht es weiter? Der Verkauf in Deutschland könnte natürlich am besten über Drogeriemärkte funktionieren, hierfür wurden beispielsweise dm und Budnikowsky angefragt. Deren laut Maxie Mathiessen zögerliche Reaktion erklärt sich sicher aus der Angst, statt 2.000 Euro Customer-Lifetime-Value pro Frau nur noch einen Bruchteil zu realisieren. Oder stecken in Ruby Cup noch andere Haken? Immerhin steht bei dm das Thema Nachhaltigkeit recht weit oben auf der Agenda.

Maxie Mathiessen jedenfalls drücken wir die Daumen, ihr Projekt ist scheint doch ganz im Sinne von :machen.. zu sein. Wir wollen es gerne langfristig begleiten.

 

www.ruby-cup.com/de/
Quelle: Ruby Cup

Infos zum Thema Maxie Mathiessen und Ruby Cup:
socialimpactstart.eu
ruby cup

Interview mit Maxie Mathiessen im Inforadio

Nachhaltigkeit bei dm