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Briefe zur Nachhaltigkeit

Briefe zur Nachhaltigkeit, 3: Was tun?

Auf welche Handlungsfelder der Nachhaltigkeit können wir uns konzentrieren?

Am Anfang einer jeden Nachhaltigkeitsstrategie steht der Wunsch, etwas zu ändern. Ob wir aus Kalkül in das Thema einsteigen, aus Überzeugung oder vielleicht sogar durch eine Krisensituation ausgelöst, macht zwar einen großen Unterschied hinsichtlich der Ausgangssituation, ändert aber nicht die Prozesse des Nachhaltigkeitsmanagements.

Im Brief 2 zur Nachhaltigkeit ist am Beispiel einer Bäckerei deutlich geworden, dass jede Branche eigene Ansätze einer Nachhaltigkeitsstrategie finden muss. Selbst innerhalb einer Branche muss jedes Unternehmen seine Ansatzpunkte selber suchen – dies ist übrigens nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit der Fall sondern auch bei traditionellen Themen wie Marketing oder Finanzen. Zum Beispiel Banken: Vergleichen Sie einmal die Geschäftsberichte der Deutschen Bank, der Berliner Sparkasse, der GLS Bank und der KfW. Vier Banken, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, hinsichtlich der Unternehmenskultur, der Unternehmensziele, ihrer Organisationsstruktur oder ihrer Kommunikation.

Welche relevanten Handlungsfelder der Nachhaltigkeit bieten sich branchenübergreifend an? Hier einige Vorschläge:

 

Unternehmensphilosophie, Unternehmenskultur, Organisation und Kommunikation

Es ist das grundsätzlichste aller Handlungsfelder, denn es stellt uns die großen Fragen: Wer sind wir (Unternehmenskultur) und was wollen wir sein (Unternehmensphilosophie)?

Die Leitfragen lauten hier:

  • Hat unsere Organisation ein klar formuliertes Leitbild und wie ist die Frage nach Verantwortung darin formuliert?
  • Gibt es transparent formulierte Nachhaltigkeitsziele?
  • Gibt es in unserer Organisation jemanden, der für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist?
  • Gibt es einen lebendigen Dialog mit wesentlichen Interessensgruppen (z. B. mit Mitarbeitern, Kunden, Nachbarn oder Lieferanten), auch zu Themen der Nachhaltigkeit?

 

Ressourcenmanagement

Der Umgang mit Wasser und Abwasser, Energie, Müll und Mobilität spielt in jedem Unternehmen eine Rolle – unterschiedlich ist nur die Relevanz einzelner Punkte. Im überschaubaren Büro einer Werbeagentur ist der Wasserverbrauch sicher nicht so entscheidend wie in einem Hotel, einem Handwerksbetrieb oder gar in der industriellen Produktion.

Ressourcenmanagement ist einfach und wird deshalb oft vergessen. Wer kennt schon seinen jährlichen Stromverbrauch oder den des Wassers – ob zu Hause oder im Betrieb. Erschwerend hinzu kommt, dass diese Daten von den Dienstleistern nur im Jahresrhythmus abgelesen werden, die Abrechnung für 2013 flattert uns also im Herbst des Folgejahres ins Haus (oder in die Buchhaltung).

Ein System zu installieren, das relevante Verbrauchsdaten zunächst erfasst um langfristig eine Einflussnahme zu ermöglichen, ist ein herausforderndes Ziel für viele Unternehmen. Und zwar eines mit großem Einsparpotential.

 

Wirtschaftliche Stabilität, strategische Ausrichtung und Investition in Zukunftsprojekte

Nachhaltigkeit soll zwar salopp gesagt die Welt retten, aber vergessen sollten wir dabei unser Geschäftsmodell nicht. Wenn unsere Firma in den nächsten fünf Jahren nicht mehr existiert, können wir auch keine Verantwortung für gesellschaftliche oder ökologische Fragen übernehmen.

  • Sind wir aktuell wirtschaftlich stabil aufgestellt?
  • Haben wir die Stärken und Schwächen unserer Organisation ebenso im Griff wie die Entwicklung heutiger und zukünftiger Märkte?
  • Investieren wir aktiv in zukünftige Projekte?

Im ersten Schritt können kleine Maßnahmen große Wirkung zeigen. Hat der Chefstratege wirklich mindestens vier Stunden pro Woche Zeit, um nicht nur ungestört, sondern auch in inspirierender Umgebung über die Entwicklung seiner Organisation nachzudenken? Brainstorms mit den Kollegen sind ja wichtig, aber manchmal muss es eben der Spaziergang im Park sein, oder die Tasse Kaffee am See. Ein Tag im Wald, Abstand. Für die Zukunft.

 

Supply Chain – Umgang mit Lieferanten

Es hat sich längst herumgesprochen, dass die Verantwortung für Arbeitsbedingungen und Produkteigenschaften nicht am Werkstor endet. Hier ist der erste Schritt ebenso einfach, wie im Ressourcenmanagement: wir müssen erstmal wissen, worüber wir reden. Heißt: wer sind unsere wichtigsten Lieferanten (in Euro, das macht es schön simpel und objektiv), wie gut kennen wir sie und welche Fragen wollen wir ihnen stellen?

 

Gemeinde und Gesellschaft

Nachhaltigkeit ist mehr als Spendenbereitschaft – aber auch das kann ein Teil der Unternehmensverantwortung sein. Eine Agentur, die Internetseiten und Social Media Strategien für namhafte Kunden entwickelt, könnte dies einmal im Jahr auch für ein soziales Projekt tun. Hier bietet es sich an, Entscheidungskriterien und Bewerbungsmöglichkeiten offenzulegen.

 

Das wichtigste Handlungsfeld: Deins

Eine Fotografin und Grafikerin arbeitet mit alten Werkzeugen, einer Plattenkamera und klassischen Druckmaterialien. Dies kann zentraler Bestandteil ihres nachhaltigen Engagements sein, über das sie mit Kunden und Interessierten ins Gespräch geht. Die Pflege alter Handwerkskunst, Besinnung auf die Wurzeln heutiger Technik und eine besondere Ästhetik, die sich in den Fotografien und Entwürfen niederschlägt: hier wird Nachhaltigkeit spannend und lebendig. Wie es es eben so ist, wenn man sich zutraut, seine ganz eigenen Gedanken zu spinnen und umzusetzen.

Binz, 1930er Jahre
Binz, 1930er Jahre

 

Fazit

Auch für das Abenteuer Nachhaltigkeit gilt: Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Ressourcenmanagement und Supply Chain sind große Begriffe – die ersten Schritte bestehen meist darin, sich Klarheit über den Status Quo zu verschaffen und Daten und Fakten zusammenzutragen. Wer dies neben den täglichen Herausforderungen geschafft hat, ist auf einem guten Weg und kann sich jetzt Gedanken zu Zielen und Strategien machen. Ahoi und allzeit gute Fahrt wünscht das Blog [:machen..] – wir begleiten Sie mit weiteren Briefen zur Nachhaltigkeit.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

 

Lieber Leser, liebe Leserin, die Reihe Briefe zur Nachhaltigkeit wird noch viele Fortsetzungen finden. Bitte schildern Sie mir ehrlich Ihre Eindrücke: sind Sie ermutigt, vielleicht sogar inspiriert, wie ich es hoffe? Oder haben Sie wichtige Hinweise und Fragen an mich? Auch ich als Autor suche den Dialog, um meine Arbeit weiter zu entwickeln.

Herzlichst und an dieser Stelle ausnahmsweise sehr persönlich

Ihr Oliver Schmidt

Briefe zur Nachhaltigkeit, 2: Wo anfangen?

Was bedeutet Nachhaltigkeit in unserer Organisation?

Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe ernst nehmen, genießen einen Vertrauensvorsprung beim Kunden gegenüber Mitbewerbern. In der Praxis achten bereits viele Organisationen auf die Einhaltung selbst gesetzter Nachhaltigkeitsziele. Nur nutzt längst nicht jedes Unternehmen die Chancen, die mit systematisch nachhaltigen Wirtschaften und der entsprechenden Marketingstrategie einhergehen.

Nicht nur der sogenannte „LOHAS“ Kunde, der einen Lifestyle of Health and Sustainability pflegt und entsprechend wahrgenommen werden möchte, legt hier seine Produktstandards „öko“, „fair“, „regional“ etc. an. Die Ansprüche an gesunde Produkte oder Dienstleistungen, deren Herstellung, Nutzung und Entsorgung nicht zu Lasten anderer Menschen oder der Umwelt geht, entwickeln sich mehr und mehr zum gesellschaftlichen Konsens.

Richten wir unser Unternehmen also nachhaltig aus – aber wo fangen wir an? Gibt es Minimalstandards, die erfüllt sein müssen, um nachhaltig zu sein?

Keine Organisation ist mit der anderen vergleichbar. Ebenso, wie jedes Unternehmen eigene wirtschaftliche Erwartungen formuliert (Wie viel Eigenkapital wollen wir haben? Welche Umsatz- und Gewinnerwartungen haben wir? Streben wir Wachstum an?) definieren wir auch unsere Ansprüche an Nachhaltigkeit selbst. Unsere eigene Definition sowie die Ziele, die wir formulieren, sind fortan der Maßstab, an dem wir uns und unser Unternehmen messen lassen müssen – durch uns selbst, unsere Mitarbeiter, die Kunden und andere Interessierte.

Relevanz und Transparenz

Auf der Suche nach Kriterien helfen uns zwei Leitbegriffe: Relevanz und Transparenz. Die Kriterien, nach denen wir unser Unternehmen nachhaltig entwickeln, müssen relevant sein, also den Kern unseres Geschäftsmodells und dessen Auswirkungen tatsächlich betreffen. Ein Beispiel: im Fokus einer Bäckerei kann die Herkunft der Zutaten stehen, die Produktionsbedingungen im Betrieb und bei Lieferanten oder der Verbrauch und die Entsorgung wichtiger Ressourcen wie Wasser und Strom.

Meisterbrief des Bäckerhandwerks, Otto Schmidt, Harburg, 1930
Meisterbrief des Bäckerhandwerks, Otto Schmidt, Harburg, 1930

Stellt sich der Betrieb der Frage, wie viele Brote und Brötchen am Abend weggeworfen werden, hat er sogar die Chance ergriffen, ein Thema zu bearbeiten, das aktuell gesellschaftlich diskutiert, also als relevant empfunden wird: die Vernichtung von Lebensmitteln.

Hier beginnt ein interessanten Spannungsfeld, schließlich ist der „Trick“, die Regale auch um 18 Uhr noch gut gefüllt und jeden Artikel vorrätig zu haben, bisher ein gutes Verkaufsargument gewesen. Wie weit der Bäcker nun konkret geht, hängt auch von der Stabilität der Kundenbeziehung ab, und von der Fähigkeit, miteinander zu reden. Möglicherweise bieten sich auch ergänzende Lösungsansätze, zum Beispiel Spenden an eine soziale Organisation wie die Tafel.

In diesem Prozess liegt die Chance, unternehmerische Entscheidungen gemeinsam mit Mitarbeitern, Kunden und anderen Interessensgruppen zu treffen und auf diese Weise Motivation, Stolz und ein Gefühl – nein, eher die Gewissheit – von „ich bin dabei“ oder „meine Meinung ist hier gefragt“ zu erzeugen.

 

Der dritte Brief zur Nachhaltigkeit wird Handlungsfelder vorstellen und erläutern, die jedes Unternehmen für sich erschließen kann.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren

Briefe zur Nachhaltigkeit, 1: Was ist Nachhaltigkeit?

Was ist Nachhaltigkeit? Eine historische Annäherung

1713 formulierte der Forstwirt Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ erstmalig die Anforderung, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden solle, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen kann. Er tat dies nicht als ökologischer Utopist, nicht als Umweltaktivist, sondern in seiner Verantwortung als Volks- und Betriebswirt. Die Knappheit des Energieträgers Holz drohte den Silberbergbau im Erzgebirge lahmzulegen.

Titelblatt der Sylvicultura Oeconomica (1713) von Hans Carl von Carlowitz, 1645 - 1714
Titelblatt der Sylvicultura Oeconomica (1713) von Hans Carl von Carlowitz, 1645 – 1714

Fast dreihundert Jahre später, 1987, entwickelten die Vereinten Nationen durch die Brundtland Kommission, auch Weltkommission für Umwelt und Entwicklung genannt, den Report „Unsere gemeinsame Zukunft“. In dem Bericht wurde erstmals das Konzept der nachhaltigen Entwicklung formuliert und definiert, er gab den Anstoß für einen weltweiten Diskurs zum Thema Nachhaltigkeit:

„Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“

Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“

Wir können diese weltweit anerkannte Definition auf den Punkt bringen: Das Leben der einen sollte nicht auf Kosten von anderen und auch nicht zu Lasten der Zukunft gestaltet werden.

 

Corporate Social Responsibilty

Der Begriff Corporate Social Responsibilty (CSR), der häufig synonym für Nachhaltigkeit verwendet wird, kommt aus den USA und setzt sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen auseinander. Historisch und gesellschaftlich steht er also vor einem anderen Hintergrund als der Begriff Nachhaltigkeit.

CSR wird gerne mit „Spendenbereitschaft“ und „Wohltätigkeit“ verwechselt, läuft also mindestens so sehr wie der Bergriff „Nachhaltigkeit“ Gefahr, falsch interpretiert zu werden.

CSR und Nachhaltigkeit können bei gut geführten Organisationen nur bedeuten, die Verantwortung gegenüber jenen Interessensgruppen, die durch das Geschäftsmodell berührt sind, gezielt zu managen.

 

Nachhaltigkeitsmanagement

Nachhaltigkeitsmanagement ist ein systematisch gesteuerter Entwicklungsprozess mit dem Ziel, Mehrwerte für eine Organisation zu schaffen und dabei langfristige Wirkungen auf Ökologie und Gesellschaft zu berücksichtigen, zu dokumentieren und zu kommunizieren.

Keine Organisation ist entweder nachhaltig oder eben nicht nachhaltig. Unternehmer und Unternehmen können sich entscheiden, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen, die über das Geschäftsmodell hinausgeht – und beginnen damit eine nachhaltige Entwicklung. Was sich zunächst nach zusätzlichem Arbeitsaufwand anhört, eröffnet in der Regel neue Marktchancen. Die Frage nach Verantwortung und Rechtschaffenheit steht bei Konkurrenten, potentiellen Geschäftspartnern und nicht zuletzt bei den Kunden längst auf der Agenda.

Der zweite Brief zur Nachhaltigkeit wird die Frage klären, wie wir Nachhaltigkeit für unsere Organisation und unser Unternehmen definieren und das Thema gestaltend anpacken.

In den Briefen zur Nachhaltigkeit geht es um…
  1. …die Frage „Was ist Nachhaltigkeit?“
  2. …die Frage „Wo anfangen?“
  3. …Handlungsfelder der Nachhaltigkeit
  4. …gutes Management und pointierte Nachhaltigkeitsberichterstattung
  5. …die zehn Gebote der Nachhaltigkeit
  6. …den Nutzen nachhaltiger Entwicklung für Unternehmen, Kunden und Investoren