Archiv der Kategorie: Allgemein

Es muss Liebe sein (2)

Mein letzter Artikel im Jahr 2014 ist der Liebe gewidmet. Und unserem sechsten Familienmitglied (neben den Eheleuten, den zwei Mädchen und der Katze): Brummi, der ´98 er Golf Kombi.

Wem das kitschig, kindisch oder albern erscheint, den verweise ich gerne auf einen meiner zahlreichen Artikel zu Management, Nachhaltigkeit und Marketing. Wer aber weiß, was Liebe ist, der ist hier richtig. Es ist meine älteste Tochter, die die Familie zusammen hält. Sie bestimmt, wer dazu gehört und überträgt ihren unbedingten Bindungswillen schnell auf alle. Und Brummi gehört eben dazu. Warum ich das schreibe? Für Brummi wird es wohl das letzte Silvesterfest sein, das er bei uns ist. Letztens konnte ich vor Sorge nicht schlafen, ein großer Ölfleck schien sich auf der verschneiten Straße breit zu machen.

Die Nacht verbrachte Brummi in der Einfahrt, eine Plane unter dem Motorraum. Am nächsten Morgen war die Plane sauber, der vermeintliche Ölfleck war wohl doch nur geschmolzenes Schmutzwasser gewesen. Aber wie lange wird er es noch machen? Ungewiss.

Brummi hat beide Mädchen aus der Geburtsklinik abgeholt und bringt sie bis heute täglich in die Kita und zur Schule. Er hat die Familie in zahlreiche Urlaube bis nach Dänemark und Kroatien getragen und schleppt zuverlässig jede noch so schwere Last, egal ob Großeinkauf oder Kanus.

Darf ich ehrlich sein? Ich stelle mir manchmal einen neuen Ford Focus vor oder einen Volkswagen Tiguan. Ich träume heimlich von einem Porsche Cayenne oder, je nach Stimmung, von einem elektrischen Tesla. Meine Kinder aber können sich kein anderes Auto als Brummi vorstellen. Ihr Plan ist, ihn irgendwann auf einem Schrottplatz abzustellen um ihn täglich zu besuchen.

Und wie es eben so ist, wenn Liebe im Spiel ist, entdecken meine Mädchen Eigenschaften an ihm, die anderen wohl nicht auf Anhieb ins Auge fallen. „Brummi ist doch super! Er ist schon so alt und fährt immer noch!“ Das nenne ich mal eine Sichtweise. Was für andere Autos selbstverständlich ist, wird für Brummi zum Alleinstellungsmerkmal.

Ein Wirtschaftsingenieur, Doktor und Staatssekretär a. D. sagte kürzlich zu mir sinngemäß, wie blöd doch die Wirtschaftswissenschaften seien. Diese meinen, alles über den Preis und über Währungshebel beeinflussen zu können. Die Sozialwissenschaften hingegen, so sagte er weiter, würden anerkennen, dass es Liebe gibt. Dass Menschen also von ganz anderen Motivationen angetrieben sind, als nur der Suche nach dem eigenen Vorteil.

Er hat Recht. Unser Auto lohnt sich wirtschaftlich schon lange nicht mehr. Es muss Liebe sein.

Allen Lesern, die meinem Blog bis hierhin gefolgt sind, wünsche ich für das kommende Jahr, dass sie viel Liebe geben und erhalten.

Nachtrag

Die Wirtschaftswissenschaften sind unter allen Gesellschaftswissenschaften diejenige, die Einflussfaktoren wie zum Beispiel „Liebe“ am wenigsten anerkennen – so habe ich den mir bekannten und von mir hoch geschätzten Wirtschaftsingenieur hoffentlich besser wiedergegeben, er bat mich zu Recht um Präzisierung. Und „blöd“ kommt natürlich von mir, das käme ihm niemals über die Lippen.
😉

Es muss Liebe sein (1)

Sozialarbeit

Die im Hinterhof Gras fressen

Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. trägt Verantwortung für rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Verein betreibt Kitas, Schulhorte, Jugendprojekte und macht generationsübergreifende Angebote. Einnahmen aus sicheren Geschäftsfeldern fließen gezielt in Projekte, die finanziell anders keine Chance hätten: ein Beispiel von vielen ist das Kinderrestaurant Lichterfelde, in dem eine volle Mahlzeit schon für 1,- Euro zu haben ist, Kochkurs inklusive.

Die aktuelle Stellenanzeige für eine dringend gesuchte Kitaleitung klang überraschend selbstbewusst. Tenor: Achtung, lieber nicht bewerben – es sei denn, Sie zählen zu den Besten, denn nur die wollen wir. Im folgenden wurde die Haltung ausführlich erläutert mit der besonderen Verantwortung, die ein Träger von Kinder- und Jugendangeboten für seine Kunden trägt.

Darf der das? Das fragten sich offenbar nicht wenige Leserinnen und Leser, und beantworteten diese Frage gleich selbst und heftig. Thomas Mampel berichtet in seinem Blog von Beurteilung „nicht menschenfreundlich“, „unsympathisch“ und „neoliberal“. Mampel schreibt weiter: „…einer ( der sich selbst zu den “allerbesten” seines Berufsstandes zählt) würde sogar lieber “im Hinterhof Gras fressen, als für mich zu arbeiten – die Schimpfwörter lasse ich hier lieber weg”. Guten Appetit.

Ich bin nicht Bruegel, möchte an dieser Stelle aber zwei Bilder nebeneinander entwerfen: der Geschäftsführer eines wirtschaftlich stabilen mittelständischen Betriebes der Kettensägenbranche fährt Audi A8, veröffentlicht stolz seine Quartalsbilanzen (und die seiner Mitarbeiter) mit stetig steigenden Umsätzen und Renditen und sagt: „Bei uns arbeiten nur die Besten“. Völlig normal.

Entnehmen wir diesem Gemälde die industrielle Ausrichtung und ersetzen sie durch etwas, was ungleich wichtiger ist als Kettensägen, nämlich Lebensvorbereitung, Stabilisierung von Persönlichkeiten, Bildung und Sozialarbeit – dann wirkt die Orientierung am Erfolg plötzlich unanständig. Nicht nur den scharfen Kritikern wird es so gehen, ganz ehrlich, die meisten von uns werden spontan die Begriffe „Erfolgsorientierung“, „Elite“ (genau das sind „Die Besten“) einerseits, und „Inklusion“ und „Sozialarbeit“ andererseits nicht unter einen Hut bekommen. Auch mir geht es so.
Das sind dann allerdings genau die, die doof aus der Wäsche gucken, wenn die Kitaleitung eines Tages mit jemandem besetzt wird der, zum Beispiel, körperlich stark beeinträchtigt ist. Ein Rollstuhlfahrer gar? Eine Blinde oder Hörgeschädigte? Aber es war doch von „den Besten“ die Rede…?!

Wer allzu heftig kritisiert, sagt oft auch viel über sich selbst und seinen Blick in die Welt. Von „Wertschätzung“ ist in der Stellenanzeige die Rede, von „Offenheit“ und von „Vertrauen untereinander“. Was spricht eigentlich dagegen, hier die allerhöchsten Maßstäbe anzusetzen? Es entspricht ziemlich genau dem, was ich erwarte, wenn ich die beste Kita für mein Kind suche.

Noch ein zweiter Aspekt ist mir nicht weniger wichtig: die Ansprüche an Sozialunternehmen sind hoch, und das ist gut so. Allerdings werden sie zur Zerreißprobe, wenn wir unterschiedliche Maßstäbe an klassische Branchen und an Sozialbetriebe anlegen. Organisationen der Sozialarbeit sollen, um Steuergelder zu sparen, profitabel arbeiten – aber auf keinen Fall profitorientiert. Darüber hinaus sollen sie bitte in Bezug auf Immobilien, Firmenfahrzeuge und andere notwendige Ausgaben bescheiden sein – aber bitte ebenso erfolgreich wie Bosch, Siemens oder der Kettensägenexporteur Stihl. Viele Unternehmen der Sozialarbeit – also Anbieter von gesellschaftlich lebenswichtigen Kernleistungen wie Bildung, Betreuung und Begleitung – sind angesichts völlig veränderter Rahmenbedingung verunsichert. Was dürfen wir? Was sollen wir? Was wird von uns erwartet?

Einen Vortrag zum Thema „Social Entrepreneurs“ hatte ich mal unter das Motto gestellt: „Was Siemens von der Kita um die Ecke lernen kann“, nämlich Dialogfähigkeit und eine unvergleichbare und sehr direkte Nähe zum Kunden. Und was kann die Kita von Siemens lernen? Vielleicht allerhöchste Ansprüche an seine Mitarbeiterschaft zu stellen? Eher nicht, ich weiß nämlich zufällig, dass eben dies in den Kitas des Stadtteilzentrum Steglitz sowie in vielen anderen privaten, städtischen und kirchlichen Kitas längst üblich ist. Nur sagen darf man’s offensichtlich nicht.

55 Innovationskonzepte, 33 Erfolgsprinzipien und 2 Vorschläge

von Oliver Schmidt für Oliver Gassmann

Zwei interessante Bücher zum Thema Management, die fast wie Nachschlagewerke funktionieren, stelle ich hier vor.

33 Erfolgsprinzipien der Innovation

und

Geschäftsmodelle entwickeln, 55 innovative Konzepte…

Beide sind von Prof. Dr. Oliver Gassmann (und anderen Autoren), und in beiden Büchern geht es um innovative Entwicklungen von Geschäftsmodellen. In „33 Erfolgsprinzipien“ schreiben Oliver Gassmann und Sascha Friesike zurecht: „Innovation ist kein vorhersagbarer Prozess“, deshalb sei das Buch nicht als Bauanleitung zu verstehen. Ich verstehe es als Inspiration. Jedem, der es liest, fallen wahrscheinlich bei allen erläuterten „Erfolgsprinzipien“ Beispiele aus der Welt der großen und kleinen Wirtschaft ein. Das „Nostalgie-Prinzip“ beispielsweise lässt alte Moden, die dem Kunden in lieber Erinnerung sind, wieder aufleben – fertig ist das Label für Vinylschallplatten oder die Manufaktur für Porzellanpuppen.
Meine spontane Eingebung für einen 34. Innovationstreiber war, vorhandene Geschäftsmodelle radikal zu vereinfachen. Diesem Prinzip folgte beispielsweise Whatsapp – die kleine Anwendung kann das, was auf Facebook für Viele die eigentliche Kernleistung ist: Nachrichten plus Medienanhang verschicken. Leider musste ich feststellen, dass das Büchlein dieses Prinzip unter dem Titel „Kleines-Schwarzes“ schon verbucht hat.

In „55 innovative Konzepte der Geschäftsmodellentwicklung“ geht es nicht um die Innovation vorhandener Modelle, sondern grundsätzlich um die Frage, wie Geschäftsideen funktionieren können. Eine wilde und manchmal spannende Mischung aus Maßnahmen der Preis-, Kommunikations- und Vertriebspolitik bietet dem Leser Ansätze wie „Pay per Use – nutzungsabhängige Vergütung“, ein Bezahlmodell, das mal den TV Markt aufgemischt hat (der bis dahin, und in Deutschland bis heute, als „Zwangs-Flatrate“ funktionierte).

Und an dieser Stelle habe ich tatsächlich einen Vorschlag, der seinen Platz im Buch verdient hat. Ich nenne das Prinzip „Dorfdisco – hier kommt längst nicht jeder rein“. Wir alle haben irgendwann mal unsere leidvollen Erfahrungen mit dem Türsteher gemacht. Und wenn wir dann doch mal mit dabei waren? Gutes Gefühl! Den Eintritt und die vielen vergeblichen Versuche wert. Facebook wirbt mit einer Milliarde Nutzern – genauso gut könnte der Planet Erde mit seinen neun Milliarden Bewohnern werben. Nett, dass es Euch gibt, aber will ich Euch alle kennen? Natürlich nicht, ihr seid einfach zu viele!
Ello, ein soziales Netzwerk mit enormem Zulauf, wirbt eben gerade mit der Tatsache, dass man nur mit Einladung eines Ello Mitgliedes dabei sein darf. Irgendwie kommt wahrscheinlich jeder rein, aber wir fühlen uns dabei viel besser, exklusiver und besonderer.

Das Prinzip „Dorfdisco“ fehlt also im Buch „Geschäftsmodelle entwickeln, 55 innovative Konzepte“. Verehrter Prof. Dr. Oliver Gassmann – ich schenke es Ihnen, eine ausführliche Beschreibung liefere ich nach, sobald Sie mir einen kleinen Wink geben. Und gemeinsam mit alles Lesern meines Blogs freue ich mich auf die nächste Auflage von „ Geschäftsmodelle entwickeln, 56 innovative Konzepte“. Da wir den selben Vornamen haben, werden die grafischen Änderungen am Buchcover ja überschaubar bleiben.

Herzliche Grüße – Oliver Schmidt

 

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