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Flüchtlinge zu Facharbeitern:

Willi ist weg

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Willi ist weg. Der noch junge, grau getigerte Kater wird seit 10 Tagen vermisst. Ich weiß zufällig, dass ein Mädchen auf ihn wartet. Jetzt sind in unserer Siedlung Aushänge an Laternenpfählen angebracht, mit Fotos aus Zeiten, in denen die Familie vereint war. Überschrift: „Unser Willi ist weg“.

Willi

Was das bedeutet, kann ich aus leidvoller Erfahrung einschätzen: vor ein paar Monaten verschwand unsere Katze Lucky. Nach drei Tagen ging meine Tochter noch vor der ersten Schulstunde weinend durch die Siedlung und rief nach ihr. Am selben Nachmittag brachten auch wir Schilder an – beim letzten kam Lucky uns entgegen.

Ein weiterer Aushang informiert über ein ähnliches, aber doch auch wieder ganz anders gelagertes Ereignis: „Wer kennt diese Katze?“. Unter dieser Überschrift beschreibt eine Familie, dass ein scheuer, schreckhafter Kater seit Oktober regelmäßiger Übernachtungsgast ist. Dieser Kater ist schwarz, es ist also nicht Willi. Der Name des zugelaufenen ist, das liegt in der Natur der Sache, nicht bekannt.

Beide Schicksale teilen sich nun die Laternenpfähle. Kein Problem, es sind reichlich vorhanden.

Willi plus

Jetzt denke ich mir im Vorübergehen natürlich folgendes: Kann nicht die „Unser Willi ist weg“-Familie den „Wer kennt diesen Kater“-Kater einfach aufnehmen? Kein Ersatz für Willi, das ist klar, Willi ist nicht zu ersetzen. Aber vielleicht entsteht ja etwas Neues daraus. Vielleicht profitiert ja mit der Zeit mindestens eine der Parteien, die hier eine aktive Rolle spielen, also die „Unser Willi ist weg“-Familie, auch der „Wer kennt diesen Kater“-Kater, oder dessen Pflegefamilie oder… na ja, Willi wird nicht profitieren. Hoffentlich geht es ihm gut.

Ist das manchmal so? Zwei Probleme ergeben eine Lösung? Sie müssen ja nicht erst gemeinsam an einem Laternenpfahl hängen. Gibt es das Willi-Prinzip?

Ein Gedankenexperiment mit zwei anderen Geschichten. Die erste: Deutschland wird alt, zumindest immer älter. Sozialsysteme für Renten und Gesundheitsausgaben sind ungesichert, staatliche Aufgaben müssen an allen Ecken finanziert werden: was wird aus Bildung und Infrastruktur? Wer soll das bezahlen? Wer schafft morgen den Mehrwert mit seiner oder ihrer Hände, Kopf und Herzen Arbeit? Auf dem Land fehlen Ärzte in gefährlichem Ausmaß. Der Industrie, dem Bau und teilweise auch der Forschung gehen die Fachkräfte aus. Schon tausend Mal gehört? Gewöhnen wir uns lieber dran, wir werden es in Zukunft noch öfter und noch lauter hören.

Die zweite Geschichte, ist mindestens ebenso kompliziert und geht so: Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu. Noch ist es kein „Flüchtlingsstrom“, davon kann bei einigen tausend Menschen zum Beispiel in Berlin keine Rede sein. Aber es wird eng, zumindest im Erstaufnahmelager in Berlin-Siemensstadt sowie den zusätzlich organisierten Sporthallen. Einer der Gründe ist, dass drei Staaten auf dem Balkan zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt wurden. Rechtzeitig vor Inkrafttreten dieser neuen Regelung haben sich von dort noch ein paar tausend, überwiegend junge Männer, auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Afghanistan und anderen Staaten, in denen schlicht und einfach Krieg, Elend und Chancenlosigkeit vorherrschen.

So. Das sind die beiden Geschichten. Willi ist weg. Der kommt auch nicht wieder, egal wie sehr wir uns wünschen, es wäre alles wieder so wie früher. Nun bin ich nicht der erste, der darauf kommt, dass in Zuwanderung ja statt einem Problem vor allem eine Lösung gesehen werden kann. Einige Politiker haben das immer wieder gesagt. Wahrscheinlich bin ich sogar der letzte, der diese beiden Geschichten gerade zusammengeführt hat, als ich gestern die Aushänge an unseren Laternen sah.

Und jetzt? Eigentlich müssten doch jetzt alle Schlangestehen. Jetzt kann es losgehen. Ich stelle mir, damit es geordnet bleibt, den Verlauf in etwa so vor:

Zuerst dürfen sich die Fußballer und andere Sportvereine nach den größten Talenten umsehen. Wo jetzt vereinzelt Jugendliche und Kinder mit ´nem Ball kicken – vor den Flüchtlingsheimen – werden spätestens im Frühjahr große Turniere veranstaltet: Talentscouting, und wer zuerst kommt, der mahlt ja bekanntlich zuerst. Aufwand: null, alles ist da. Zu verlieren hat hier niemand etwas, alle dürfen mitspielen. Für beheimatete Sportler sind die Wettkämpfe Training und Begegnung, für die Flüchtlinge Spaß, Sinn und Ablenkung – und vielleicht mehr. Sprachprobleme? Haben Pep Guardiola und Salomon Kalou ja auch nicht, Sport verbindet. Selbst Lothar Matthäus konnte sich während seiner Karriere in Italien und Deutschland immer klar und deutlich… okay, schlechtes Beispiel.

Als nächstes lösen wir unseren Mangel an Arbeitskräften in Pflege- und Heilberufen. Schwierig? Geht nicht so einfach? NATÜRLICH nicht! Jedenfalls NICHT EINFACH! Aber, hey, wir haben das Auto erfunden, wie einfach war das denn? Also: ein Plan muss her, die Menschen müssen jetzt erstmal begrüßt werden. Dann Sprachkurse, Begleitung bei Behördengängen (Zeit ist genug, die Kinder sind ja gerade auf dem Sportplatz). Wer von den Flüchtlingen hat schon Erfahrung, wer will überhaupt, wer kann überhaupt?
Die meisten werden sowieso abgeschoben? Das stimmt, zumindest bei denen aus den Balkanstaaten. Aber wer will, findet Möglichkeiten – nur wer nicht will, findet Gründe. Also: Druck auf die Politik, und damit meine ich Druck durch die Lobby der Rentner und der Betreiber von Altenheimen. Damit meine ich uns, mich, wer soll uns pflegen, wenn es soweit ist?

Ärzte. Kaum ein deutscher Arzt will im mecklenburgischen Nirwana hinter den sieben Bergen eine Praxis eröffnen und darauf warten, dass niemand kommt. Und die Mediziner aus den Kriegsgebieten? Haben wir sie überhaupt schon gefragt? Womit könnten wir sie locken? Vielleicht damit, dass sie ihre Familien mitbringen können. Versuchen wir’s – aussichtslos ist nur das Nichtstun! Gesundheitsministerium, Flächenländer, Verbände – schließt Euch zusammen und packt es an! (Um Himmels Willen, bildet keine Arbeitsgruppe, beauftragt einfach gute Leute). Ausbildungen müssen überprüft und gegebenenfalls leichter anerkannt, Perspektiven für Familien geschaffen werden.

Jetzt kommt der Burner: der deutsche Mittelstand, die Zulieferer der globalen Industrie, das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ich sehe Personalvorstände und Human Ressource Manager Recruiting Programme entwickeln – und dann stehen sie an, um die besten der besten. Und wieder wird es schwierig – na super! Es wäre ja auch so langweilig (und ich würde gar nicht drüber schreiben), wenn es einfach wäre. Kontakt anbahnen, kennen lernen, Dialog führen, zuhören. Der deutsche Mittelstand hat Weltkriege, Ölkrisen und Sozialdemokraten überlebt – er wird Wege finden. Flüchtlinge zu Facharbeitern.
Bosch, Siemens und Volkswagen wissen: mit dem Verkauf von Autos und Bohrmaschinen ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Aber womit dann? Bohrer werden auch morgen keine Daten sammeln, Google können wir nicht kopieren. Irgendwas mit Daten oder Service, mit Software oder Nachhaltigkeit? Ja, ihr seid verdammt nah dran, ganz heiß…! Vielleicht sind es gesellschaftliche Konzepte, die den deutschen Standort sichern.

Wir haben Angst, dass Google, Facebook und die Asiaten (deren Namen wir uns schon aus Protest nicht merken können) uns in der digitalen Entwicklung abhängen? Das haben sie doch längst! Aber Entwicklung verläuft niemals linear, deshalb stimmt das Bild von Spitzenreitern und Abgehängten nicht. Entwicklung verläuft gleichzeitig in unendlich viele Richtungen. Und das bedeutet: wir können morgen ganz vorne sein, nämlich in einer Domäne, die plötzlich wichtig geworden ist, und zwar weil wir dort eine Priorität setzen. Dann rennen andere hinterher, schauen auf uns. Schluckt unseren Staub! Die letzten werden die ersten sein, wenn die Marschrichtung sich dreht. Oder die Blickrichtung, die Perspektive. Der Kopf ist rund..

Deutschland, bleibe – schrieb Gerit Probst an dieser Stelle. Ja, Deutschland BLEIBE! Und wenn Du bleiben WILLST, Deutschland, dann kannst Du auf keinen Fall so bleiben wie Du BIST. Und ändern tust Du Dich ja sowieso, die ganze Welt ändert sich gerade mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit. Und Entwicklung, das haben wir ebenfalls in diesem Blog an mancher Stelle gelesen, sollten wir nicht als Störenfried betrachten, vor dem es sich zu schützen gilt. Genau so aber sieht, Deutschland, Dein Umgang mit Flüchtlingen aus: Du bringst sie in Turnhallen unter und teilst sie dann auf in: „Schüblinge“ (Verwaltungsdeutsch) und „Integrierlinge“ (meine Interpretation). Anstatt dass wir einfach mal AKTIV, MUTIG und vor allem aus unserer sehr starken Position heraus schauen, wie man gemeinsam das Geschäfts- und Lebensmodell Deutschland weiterentwickeln kann! Wir SIND STARK, wir sind sogar superstark. Machen wir was draus.

Apple, Google und Facebook treiben die Welt mit immer neuen Angeboten im Tausch gegen Geld und Daten vor sich her. Bosch, Siemens, Volkswagen – diesmal seid Ihr es, die uns überraschen, und zwar mit völlig neuen Konzepten zur Rekrutierung und Ausbildung von Fachkräften. Schwierig? Es ist eine Herkulesaufgabe, wenn es jemand schafft, dann Ihr.

Am Ende noch die Antwort auf die Frage, weshalb dies mein wichtigster Artikel ist. Erstens: der Artikel, den ich gerade schreibe, ist immer der wichtigste. Zweitens: der Artikel ist die Antwort auf eine Frage, die mich seit Wochen beschäftigt, nämlich ob ich die gesellschaftlichen Themen meines Blogs endlich von den Managementthemen trennen sollte. Heute zumindest lautet die Antwort Nein, beides gehört zusammen, denn das eine wirkt ebenso mächtig auf das andere wie umgekehrt.

Mein letzter Gedanke gehört Willi. Bestimmt hat er eine Familie gefunden, die ihn liebt.

Menschen in Berlin

Der stärkste Einwand, der mir selbst beim Lesen kommt, ist natürlich der Zynismus, der darin liegt, nur die besten einzulassen. Ich glaube einfach, zwei Drittel der Flüchtlinge sind wahrscheinlich gut bis sehr gut in irgendwas – oder können durch Bildung, Ausbildung und vernünftigen, würdigen Umgang dazu ertüchtigt werden. Alle anderen sind Durchschnitt, die vertragen wir mit Sicherheit auch noch – kein Land und keine Wirtschaft lebt ausschließlich von Spitzenpersonal. Und es gibt so viel zu tun.

Arbeit ist so wichtig für die eigene Identität. Viele wollen ja vielleicht gar nicht. Sie müssen ja nicht müssen. Sie sollen aber dürfen.

Gestern fand der erste Deutschkurs in der Turnhalle Lippstädter Straße statt, in der seit dem 23. Dezember rund 300 Flüchtlinge, nennen wir sie einfach mal Menschen, leben. Herausgekommen sind „Guten Tag“, „Guten Abend“ und „Ich liebe Dich“ – sowie ein paar lächelnde Gesichter, weil der Tag von mehr erfüllt war als vom warten auf die Essensausgabe. Das nenne ich einen Anfang! Ich liebe Dich. Der wichtigste Satz der Welt – was kann da noch schief gehen, auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft.

Kommentar: Ich sag’s mit Liebermann

Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi war am Freitag wegen „Beleidigung des Islam“ mit 50 Peitschenhieben bestraft worden best pills to lose weight. 950 sollen folgen, jeweils Freitag. Fraglich, ob so eine Tortur, sollte sie bis zum Ende vollstreckt werden, überlebt werden kann.

In Paris marschierte eine Reihe von Politikern für die Pressefreiheit, darunter auch saudische Politiker und Diplomaten.

Saudi-Arabien führt deutsche Produkte und Dienstleistungen in nennenswertem Umfang ein, 2013 betrug das bilaterale Handelsvolumen 11 Mrd. Euro.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

 
 
 
 

Raif Badawi | Auswärtiges Amt | Max Liebermann

Der Gastkommentar:

Deutschland, bleibe

Der Gastkommentar

Gerit Probst, interkulturelle Trainerin, widerspricht meinem Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“. Sie schreibt: „Jeder Mensch braucht eine geistige und kulturelle Heimat, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt… die Geborgenheit gibt uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben…
Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für ‚Deutschland, bleibe’“

 

Deutschland, bleibe

von Gerit Probst
 

Wir alle sind in diesen Tagen aufgerüttelt vom Zeitgeschehen: im Namen der Religionen geschehen furchtbare Dinge: Charlie Hebdo – medial ganz vorne dran, Boko Haram mordet in Nigeria, kleine Mädchen werden zu Selbstmordattentätern, der saudische Blogger Raif Badawi wird öffentlich ausgepeitscht, ein Ägypter wegen Atheismus zu Gefängnis verurteilt, während Repräsentanten seines Landes in Paris geheuchelte Sympathie für Meinungsfreiheit bekunden, es wird entführt, enthauptet, geschmäht. Diverse Gidas und Nongidas bevölkern die Strassen; Flüchtlingsströme drängen nach Europa – plötzlich sind Salafisten und Islamismus in aller Mund, religiöser Fanatismus und die Angst vor dem Islam sowie die mahnenden Gegenstimmen dominieren die Schlagzeilen.

Von Krieg ist die Rede: Terror gegen Abendland und Freiheit – der Islam, die rückständige Religion der Gewalt und Intoleranz gegen die Moderne, gegen den Westen und seine Errungenschaften.

Diese Simplifizierung aber birgt den eigentlichen Sprengstoff: was fanatische Terroristen niemals erreichen könnten, vermag diese Art der Darstellung und Empfindens: einen Graben quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Wenn wir Islam gleichstellen mit Islamismus, jede Form des Salafismus gleich mit gewaltbereitem Extremismus, jeden Muslim unter Generalverdacht stellen, schaffen wir Zustände, die den Terroristen in die Hände spielen.

Nicht der Islam ist unser Feind.

Es ist eine Binsenweisheit, dass im Namen aller großen Religionen entsetzliche Gräueltaten verübt wurden und werden. Zugegebenermaßen: während Burenkriege, Missionierungen, Kreuzzüge, Inquisition und Pogrome im Dunkel der Geschichte zu verblassen drohen, drängen sich ISIL, Al Qaida, Boko Haram und wie sie alle heißen nachdrücklich ins Bewusstsein.

Ein zweiter Blick aber zeigt, dass nicht nur in Paris auch Muslime unter den Opfern waren: in Syrien, Irak, Nigeria etc. waren neben Yesiden und Kopten v.a. Tausende Muslime Opfer des fundamentalistischen Irrsinns. Auch heute noch kämpfen und töten nicht nur muslimische, sondern auch christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische und selbst konfuzianische Fundamentalisten im Namen ihrer Religionen; Fundamentalisten, welche den toleranten und milden Aspekten, die jeder Religion innewohnen, eine Absage erteilen.

Es gilt, gegen diesen Extremismus vorzugehen, gegen gewaltbereiten Fundamentalismus jeglicher Couleur. Nicht das Abendland muss sich gegen den Islam wehren – vielmehr sind es die friedlichen, offenen und toleranten Menschen dieser Welt, die sich – unabhängig von und ganz im Sinne ihrer Religionen gegen die Barbarei zur Wehr setzen müssen.

Der omanische Sultan Qaboos sagte – bezogen auf den Islam – in einer Rede im Jahr 2000: „Die freie Gesinnung, eigenständiges Nachdenken und selbstständige Entscheidungsfindung zu korrumpieren ist eine Todsünde. …“ Jede Religion bietet den Raum für eine offene, tolerante und versöhnliche Haltung und Lebensführung. Erfolgreich kann dies aber nur geschehen, wenn dem Fundamentalismus langfristig der Nährboden entzogen wird.
Militärische Mittel alleine können hier keine Lösung schaffen –vielmehr muss den Entstehungsursachen fundamentalistischer Strömungen entgegengewirkt werden: eine gewaltige, globale Herausforderung. Es ist schließlich kein Zufall, dass islamischer Terrorismus derzeit an so vielen Ecken der Welt aufbricht.

So segensreich viele Segnungen der Moderne sein mögen, einigen Teilen der Welt haben wir sie gewaltsam und wenig weitblickend angedeihen lassen. Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat dies einmal sehr anschaulich illustriert: „Wenn wir einen Kuchen mit falschen Zutaten (Reis statt Mehl etwa) und den falschen Geräten backen, wird das Endergebnis nicht mit dem Ideal des Rezepts übereinstimmen: es ist anders – es kann köstlich sein, kann aber auch ganz abscheulich werden. Vielleicht ist es besser, mit den vorhandenen und verfügbaren Techniken und Ingredienzen zu arbeiten, lokale Sachkenntnis (…) zu benutzen, um sich dem Vorbild möglichst weitgehend zu nähern. (…)einen eigenen, unverwechselbaren und modernen Kuchen zu backen.“

Es bedarf weltpolitischen Weitblicks, globaler wirtschaftlicher sowie politischer Ansätze und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühls, um nicht mit westlicher Arroganz neue Brandherde zu schaffen. Die gesellschaftlichen und politischen Zustände, Furcht und Orientierungslosigkeit sind wichtige Ursachen von Fundamentalismus, hier gilt es anzusetzen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine geistige und kulturelle Heimat braucht, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt. Auch hier mag man nicht jeden gleichermaßen, teilt nicht jedermanns Ansichten und ist oft uneins. Dennoch gibt die Geborgenheit uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben. Gemeinsam mit all den anderen warmherzigen und offenen Menschen weltweit, die auch alle ihre Nestwärme brauchen.

Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für „Deutschland bleibe!“

Marketingmanagement:

Es muss Liebe sein (3)

Die Berliner Verkehrsbetriebe, also Betreiber von U-Bahn, Bus und Tram, hatten eine Idee. Nutzer sollten auf Twitter unter dem Stichwort #weilwirdichlieben ihre „schönsten BVG Momente“ schildern. Nun ist die Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“ nie dazu angetan gewesen, jemanden in Leidenschaft zu versetzen, sondern nervt in der Regel den Befragten. Die Aktion #weilwirdichlieben jedenfalls lief so ab:

Phase 1: Aktion
Irgendjemand in der BVG Abteilung Soziale Medien muss diese spontane Idee gehabt haben, vielleicht war es aber auch Ergebnis über Tage praktizierter Kreativtechniken eines beauftragten Think Tanks – wie auch immer. Gestern, am 13. Januar ging es früh morgens los. Die BVG lud mit den Worten: „Hallo Berlin! Wir eröffnen hiermit unseren #weilwirdichlieben-Account. Mit Herz und Hashtag. Einsteigen bitte!“ zum Dialog.

Bild 1

Phase 2: Reaktion
Schnell kommt die Sache in Schwung, allerdings in eine andere Richtung, als gewollt. BVG Nutzer haben ENDLICH ein Forum, in dem sie Dampf ablassen können. Tausende nutzen im Laufe des Tages diese Möglichkeit. Eine meiner Lieblingsgeschichten:

Fahrgast: „Fährst Du Zoo?“
Fahrer: „Nein, Bus“

Wer in Berlin lebt und regelmäßig Bus fährt weiß, dass dies kein Witz, sondern tägliche Realität ist.

Bild 2

Phase 3: Häme
Als Redakteur für Online Medien hat man’s vermutlich nicht leicht, so viel passiert ja eigentlich nicht im Netz. Genau genommen gar nichts. Jedenfalls nehmen von Spiegel Online bis Bild.de nahezu alle Medien die Vorlage gerne an und berichten voll Häme und Spott über dieses vermeintliche Eigentor der Verkehrsbetriebe. „Die Kampagne ging nach hinten los“ ist noch eine der vorsichtigeren Bewertungen.

Analyse
Meister Oogway in Kung-Fu Panda sagt „Es gibt keine guten und schlechten Nachrichten – es gibt nur Nachrichten“. Effectuation sagt: Wer in der Lage ist, Umstände und Zufälle zu nutzen, hat in dynamischen Situationen einen entscheidenden Vorteil gegenüber demjenigen, der Unvorhergesehenes als Bedrohung seiner Pläne betrachtet.

  • Das klassische, lineare Denken sieht eine Kampagne, die nicht zu dem gewünschten Ziel geführt hat.
  • Der Effectuator sieht eine Kampagne, die überraschend dynamisch verlaufen ist.

Hätte die BVG den üblichen Kummerkasten als Beschwerdeforum eingerichtet, kaum jemand hätte die Aktion beachtet. Aber niemand konnte ahnen, dass tausende Nutzer #weilwirdichlieben als Kummerkasten statt zu Liebesbekundungen nutzen würden.
Nun wird ein Mitarbeiter oder Manager nicht für seine Vorahnungen bezahlt, sondern dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Mit den richtigen Entscheidungen ist das aber so eine Sache. Es gibt in unserem Leben Entscheidungen, von denen wir im Nachhinein eindeutig sagen können, sie waren richtig. Andere waren vielleicht falsch, wir können sie zwar nicht rückgängig machen, würden heute aber anders entscheiden.
Dazwischen aber liegt ein riesiges Feld von Entscheidungen, aus denen etwas resultiert, was weder falsch noch richtig ist. In jedem Fall ist eine Entscheidung ein Schritt, der uns voranbringt, aus dem Entwicklung resultiert – siehe BVG. Wir gehen im Leben wie im Management selten einen Weg von A nach B sondern von dort wo wir stehen, zu einem Punkt, den wir am Anfang unserer Reise, zum Zeitpunkt unserer Entscheidung also, noch nicht kennen.

Anders ausgedrückt: Wenn Plan A nicht funktioniert, hält unser Alphabet immer noch 25 weitere Buchstaben für uns bereit. Glückwunsch, BVG! Macht was draus.

Es muss Liebe sein (2) | Es muss Liebe sein (1)

In eigener Sache:

Der Gastkommentar

Der Gastkommentar

Die Reaktionen auf meine Artikel in diesem Blog sind vielfältig, nicht selten erhalte ich SMS Nachrichten, Mails oder Kommentare in Gesprächen. Die Zustimmung macht Mut: „Toller Artikel, bewegend“, oder „Sehr wahr und gut geschrieben“. Interessant ist: Vor allem Widerspruch zu meinen Thesen wird sehr genau begründet, hergeleitet und erläutert. Und meistens, das ist das Phänomen, bin ich absolut einverstanden, mit dem, was ich lese. Löst Widerspruch sich auf in vernünftigen Argumenten? Spannend…
Manchmal setzen sich Leser meines Blogs so intensiv mit den Themen auseinander, dass ich mich entschieden habe, diese Texte als Gastbeiträge zu veröffentlichen.

Beginnen werde ich mit einem Kommentar meines Vaters zum Artikel über TTIP. Burkhard Schmidt macht sich Sorgen um das, was wir in Deutschland und Europa mit der teilweisen Umstellung auf ökologische Landwirtschaft schon erreicht haben. Er plädiert dafür, „keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufzugeben“.

 

Kommentar zu „TTIP und das Nürnberger Würstchen“

von Burkhard Schmidt
 
Lieber Oli,
ich schätze zwar Deine Gedanken im Wesentlichen, aber hier denkst Du meines Erachtens nicht weit genug. Unser Ernährungsverhalten ist weitaus einflussreicher auf unsere Umwelt und damit auch auf uns, als Du denkst.

Die Qualität der Nahrungsmittel, das heißt in diesem Falle ohne veränderte Gene, ohne Pestizide und überflüssigen Kunstdünger wirkt sich sehr viel stärker auf die Landschaft und das ganze Ökosystem aus, als Ihr “Großstädter” es wahrnehmen könnt.

Wenn ich sehe, dass hinter einem konventionell arbeitenden Trecker höchstens ein paar Möwen auf Futtersuche gehen, hinter einem Ökotrecker aber 25 Paare Störche, Bussarde, Milane, Reiher und Kraniche ihre Nahrung finden, dann wird mir klar, dass ohne die chemische Industrie mit ihrem enormen Energiebedarf für die Herstellung dieser überflüssigen Produkte das Leben in unseren Böden wieder entstehen kann. Dieses bakterielle Leben produziert auf natürliche Art und Weise die Nährstoffe für unsere Nahrung, ausreichend für unsere Gesellschaft. Und das hat Auswirkung auf unsere Landschaft und andere Teile unsers Lebens. Und deshalb darf es nicht sein, dass wir die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel, die in den letzten Jahrzehnten erreicht worden ist, wieder verlieren. Dafür setze ich mich ein. Im Handelsabkommen ist angedacht, die Angaben über Herkunft und Zusammensetzung im Zahlencode zu verstecken. Wer kann denn dann noch die Inhalte erkennen? In diese Verhandler in Brüssel, die diesen Blödsinn verzapfen um den Lobbyisten der Industrie in Berlin zu gefallen, habe ich kein Vertrauen.

Übrigens, die chemische Industrie, die den größten Teil des Saatmarktes beherrscht, hat Saaten entwickelt, die sich nach der Ernte nicht wieder vermehren können. Wer garantiert uns, dass nach dem langjährigen Verzehr dieser Produkte wir selber noch Kinder zeugen können, aber eben diese Kinder keine Nachkommen mehr hervorbringen können. Schwarzmalerei? Nein, denn viele Jahrzehnte sind Pestizide produziert, genehmigt und mit verheerenden Folgen für die Umwelt auf die Äcker gebracht worden gebracht worden. Erst danach kamen die Erkenntnis und das Verbot. Lasst uns deshalb keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufgeben.

Dein besorgter Vater