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Durch die Nacht zur Morgenröte, gemeinsam.

Die große Zahl von Flüchtlingen aus Krisengebieten erfordert zurzeit die Mobilisierung vieler deutscher und europäischer Ressourcen. Steuererhöhungen werden unvermeidlich sein, auf staatliche wie zivile Organisationen werden weitere Belastungen zukommen – und das ist gut so.

Irgendwann um das Jahr 1800 herum war die Bevölkerung Europas durch globale Erwärmung (das Ende der sogenannten „Kleinen Eiszeit“) und neue landwirtschaftliche Produktionsprozesse so stark angestiegen, dass es zur Belastung wurde. Alle Mäuler wurden zwar halbwegs gestopft, an Kleidung aber, die damals überwiegend noch aus Leder und Filz hergestellt wurde, mangelte es.

Es war ein neuer Rohstoff, der Schwung in die Sache brachte, oder besser: Aufschwung. Baumwolle aus Übersee lies sich leichter herstellen, transportieren und verarbeiten. Dass viel mehr Menschen als früher nicht nur mit Nahrungsmitteln und Unterkünften versorgt werden mussten, sondern auch mit trockener, wärmender Kleidung, wurde nicht von allen auf Anhieb als Chance betrachtet, es war ja auch eher Belastung. Das Gute an der Situation war, dass erst der Bevölkerungsschub einsetzte und dann, mit einiger Verzögerung, die Bedarfsdeckung. Als später zum innovativen Rohstoff auch noch Webstühle, Dampfmaschinen und moderne Transportlogistik hinzukamen, konnten sich die „Zusätzlichen“ quasi selbst versorgen. Sie arbeiteten nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern in Manufakturen, Speditionen und Verwaltungen. Aus Mäulern, die nach Brot schreien, wurden Arbeiter, Weber, Fahrer, Tagelöhner und Steuerzahler.

Es ist kein Märchen mit Happy End, eher eine Neverending Story. Alle 50 Jahre bringt ein neuer Rohstoff in Verbindung mit einer innovativen Technologie einen konjunkturellen Aufschwung – und damit eine tiefgreifende Veränderung etablierter gesellschaftlicher Strukturen. Im oben beschriebenen Beispiel war nicht alles gut, im Gegenteil. Sozial blieb kein Stein auf dem anderen, für die meisten Menschen, deren Familien und deren Arbeitsumfeld änderte sich so ziemlich alles: Die Art zu arbeiten, zu wohnen, Interessen durchzusetzen und das bisschen Freizeit miteinander zu organisieren. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Vereine und Verbände entstanden. Menschen organisierten sich neu und versuchten dabei aus dem alten Leben zu retten, was zu retten war. Nur kurze Zeit später kam in Europa mit der Dampfmaschine und der Eisenbahn schon die nächste Revolution, die industrielle.

In der jüngeren deutschen Geschichte gibt es ein weiteres Beispiel dafür, dass wir erst gemeinsam durch ein Tal schreiten müssen, um einen Gipfel zu erklimmen. Und wenn wir ihn erreicht haben, ist aus uns ein anderes WIR geworden.
Von 1945 – 1950 erreichten 14 Millionen Menschen auf der Flucht ihre Ziele in Deutschland und Österreich. Mit offenen Armen wurden sie in der Regel nicht empfangen, „wir“ lagen ja selbst moralisch und finanziell am Boden, da konnte mit zusätzlichen Bedürftigen niemand etwas anfangen. Gesammelt in Lagern, begann ihre Integration: Kinder gingen in die Schule, ab 14 Jahren auch zur Arbeit, Erwachsene auf die Felder und Fabriken. Das deutsche Wirtschaftwunder, das in den 50er Jahren einsetzte, wäre ohne diese Arbeitskräfte nicht vorstellbar. „Wir sind Weltmeister“, hieß es 1954. Und das Wir war ein anderes geworden.

Als Berater wissenschaftsbasierter und technologisch orientierter Startups habe ich das große Privileg, moderne und weitblickende, häufig noch sehr junge Menschen kennenzulernen und auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleiten zu dürfen. Eines dieser Teams entwickelt zurzeit eine hochinnovative Lösung für Herausforderungen im Finanzsektor. Auf der Suche nach einem Programmierer wurden sie auf der Plattform „Workeer – Die erste Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber“ fündig. Ein junger Mann aus einem der Länder, die gerade von Krieg und Terror überzogen sind, ist ein genialer IT Entwickler. Er spricht nur etwas Deutsch, hervorragend Englisch und ist bereits jetzt von großen IT Unternehmen umworben. Er hat sich für das kleine Startup entschieden. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er verstanden, dass wir, wenn wir die Nacht durchwandern, als neue Gemeinschaft die Morgenröte schauen können.

Fazit:
Flüchtlinge nerven manchmal und kosten jede Menge Geld und Anstrengung. Unseren Wohlstand aber können wir in einer Welt, die sich so schnell verändert wie nie zuvor, nicht erhalten, indem wir Mauern ziehen. Wachstum braucht Arbeitskraft und neue, innovative Impulse und Perspektiven. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und wird in den kommende 50 Jahren auf 60 Millionen schrumpfen, ein Großteil davon Rentner. Unseren Wohlstand können wir uns an die Backe schmieren. Es sei denn, wir haben den Mut, in Flüchtlingen das zu sehen, was sie sind und sein wollen: Mitmenschen, Bürger auf der Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand, Arbeitskräfte, Steuerzahler, Eltern und so weiter. Eine andere Chance haben wir nicht, denn vor jedem Aufschwung kommt ein Tal.

Dies ist die Vertiefung des Artikels „Durch die Nacht zur Morgenröte“, der am 7. Oktober auf Startupbrett erschienen ist.

Innovation

Der folgende Artikel ist eine Antwort auf einen Text aus dem Blog Mampels Welt, in dem der Autor Thomas Mampel nach dem Funktionieren von Innovation im sozialen Raum fragt. Meine Antwort: Echte Innovation setzt einen Mangel voraus, also unbeantwortete und relevante Fragen. Davon haben wir zurzeit viele.

Lieber Thomas,
zu Deinem Gedanken, ja Deiner Aufforderung geradezu, Innovation durch kreative, schöpferische Zerstörung voranzutreiben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal Stellung nehmen.
„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – dieses Zitat wird Victor Hugo zugeschrieben und er musste es wissen – er lebte und wirkte in der Zeit nach der Französischen Revolution, deren gesellschaftliche Auswirkungen wir bis heute spüren. Wir leben geradezu auf ihren Fundamenten.

Dein Aufruf zur schöpferischen Zerstörung leitet sich ja vom Wirtschaftswissenschaftler (und furiosen Lebemann) Joseph Schumpeter ab, der den Unternehmer als eben diesen schöpferischen Zerstörer interpretierte. Schumpeters „lange Wellen der innovativen Konjunktur“ belegen bis heute eindrucksvoll, dass etwas Neues erst durch einen Mangel entsteht, der behoben werden will. Bringe ich beide Gedanken, den von Hugo und den von Schumpeter, zusammen, so lautet die Aussage: „Nichts ist so zerstörerisch (und im nächsten Schritt so schöpferisch), wie eine Idee, deren Ende gekommen ist.“ Und die Idee, die ich meine, ist die Idee des Nationalstaates.

Staaten sind wie Geld, sie existieren eigentlich gar nicht. Papiergeld erhält seinen Wert

1. durch die Verabredung untereinander, das wir einem Schein einen bestimmten (aber nicht exakt bestimmbaren) Wert zuschreiben.

2. durch das Versprechen einer Zentralbank, dieses Papier zu akzeptieren und mit realen Werten abzudecken.

3. und nicht zuletzt dadurch, dass die große Mehrheit aller Beteiligten an die Idee „Geld“ glaubt.

Eine Verabredung also, Vertrauen untereinander, eine starke Institution sowie der Glaube an all das machen aus Metallmünzen, Papierscheinen und digitalen Ziffern eines der mächtigsten Systeme der Welt: Geld, mit all seinen Mechanismen und Auswirkungen.

Die Idee des Nationalstaates ist mindestens ebenso abstrakt, er wird ebenfalls durch Verabredungen, Vertrauen, starke Institutionen und den Glauben daran zusammengehalten. Und die Idee ist ebenso wirkmächtig, wie die Idee des Geldes. Der Unterschied, den ich sehe: Das Geld wird noch lange Bestand haben. Der Nationalstaat hat ausgedient. Ihm fehlen Antworten auf nahezu alle Fragen der Zukunft.

Wenn wir in einen Atlas oder in Google Maps auf das Gebilde „Deutschland“ schauen, das sich wiederum zu neun anderen (ebenso stolzen) Nationen abgrenzt, stellt sich bei den meisten von uns ein Gefühl von Identität ein. Egal, wie wir unserem (falls wir Deutsche sind) Land gegenüberstehen – ob wohlwollend oder skeptisch – die meisten von uns haben einen deutlichen Bezug. Wir setzen uns kritisch mit „unserer“ Geschichte auseinander, sind stolz auf „unser“ Land und zahlen Steuern. Dabei ist uns allen, aber erst wenn wir darüber nachdenken, klar, dass wir mit den allermeisten Menschen in Berlin, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern sehr wenig gemeinsam haben, wir kennen sie schlicht nicht. Und doch funktioniert die Idee. Spätestens seit 1848, seit dem Versuch, ein geeintes Deutschland zu schaffen (der zwar politisch scheiterte), war die Idee geboren. Und sie war, finde ich, klasse. Anders ausgedrückt: Ihre Zeit war gekommen, es war eine mächtige Idee. Kleinstaaten und Fürstentümer, deren Machtstreben zu Lasten der kleinen Leute ging, wurden zurückgedrängt. Sprache, Kultur und Wirtschaft erlebten einen Boom, der da ankam, wo er erzeugt wurde: bei den Bürgern. Die Idee des Nationalstaates war revolutionär und passte in die Zeit, die Zeit Victor Hugos. Seitdem hat es Deutschland zu Höchstleistungen gebracht, im Guten wie im Furchtbaren, wir sind Weltmeister in der systematischen Vernichtung von Menschen ebenso wie in der Herstellung von Landmaschinen, Autos und Werkzeugen. Es gab Zeiten, da ging es den allermeisten Menschen in Deutschland gut (im Vergleich zum Rest der Welt) und Zeiten, in denen Deutsche und Menschen anderer Nationen vor dem Deutschen Staat und seinen „Bürgern“ zittern mussten. Auf Vieles, das in unserem Land geschaffen wurde, bin ich stolz (und ich sage das mit Bedacht). Für anderes schäme ich mich.

Wie konnte es passieren, dass heute wieder Menschen anderer Nationen vor „besorgten Bürgern“ zittern und sich in Sicherheit bringen müssen? Unter ihnen ausgerechnet Menschen, die vor Krieg und Elend unter Lebensgefahr geflüchtet sind. Wie kann es sein, dass deutsche Rot Kreuz Helfer, die Zelte und Betten für Flüchtlinge aufstellen, angegriffen werden und anschließend zu Protokoll geben, so etwas hätten sie noch nie und nirgendwo sonst erlebt?

Es sind aber nicht die Schreihälse aus Freital, Lübeck oder Dresden, die mich am Nationalstaat Deutschland zweifeln lassen. Noch nicht einmal die Nationalsozialisten haben Deutschland beseitigen können, auch wenn sie am dichtesten dran waren. Nur ein paar Jahre, nachdem sie ihr Land moralisch und in nahezu jeder Hinsicht zerstört hatten, gelangte Deutschland zu mehr Ansehen, mehr Wohlstand und mehr Macht, als jemals zuvor. Nein, es ist jemand anderes, der durch sein Verhalten die Formen und Verabredungen unseres Zusammenlebens völlig in Frage stellt: der Flüchtling. Er steht vor unserer Tür und sagt, sinngemäß: „Ich möchte etwas abhaben vom Kuchen. Zumindest so viel, dass ich und meine Familie davon leben können. Ich bin auch bereit, bei der Herstellung zukünftiger Kuchen mitzuwirken. Ich kann backen und kenne Rezepte.“

Was wollen wir ihm antworten? Was können wir ihm antworten? Dass es „unser“ Kuchen ist, wir ihn aber gerne teilhaben lassen?

Wenn ich den Satz denke „Wir haben Deutschland aufgebaut“, dann sehe ich alte Menschen vor mir, die sich die Rente durch ihre Lebensleistung, wie man so schön sagt, redlich verdient haben (der eine oder andere auch unredlich, das tut hier aber nichts zur Sache). Vielleicht waren sie Postbote, Dachdecker oder Beamte. Sie haben möglicherweise tausende (wahrscheinlich zehntausende) Briefe an ihre Empfänger zugestellt. Sie haben dutzende Dächer gedeckt oder, als Beamte, unzählige Anträge bearbeitet – aber Deutschland aufgebaut hat keiner von ihnen. Ich kann auch meine eigene Lebensleistung beispielhaft heranziehen: ich habe drei Firmen gegründet, keine von denen ist (in der abstrakten Idee „Geld“ bemessen) besonders viel wert, aber sie ernähren mich. Von den Steuern (und Säumniszuschlägen), die ich Zeit meines Lebens gezahlt habe, kann die Stadt Berlin sich bestenfalls eine neue Parkuhr leisten, viel mehr nicht. Ebenso wie die Pensionäre bin ich weit davon entfernt, Deutschland aufgebaut zu haben. Aber Deutschland existiert, und zwar als Land voller Chancen, Annehmlichkeiten, Wohlstand und Möglichkeiten, es ist ein Land, dass so unglaublich verheißungsvoll in die Zukunft zeigt, dass einem schwindelig werden kann. „Unser“ Land ist ein Produkt komplexer, global angelegter und sich dynamisch verändernder Prozesse. Der Kuchen, von dem hier also die Rede ist, der hier angehäufte und genutzte Wohlstand, besteht zu einem guten Teil aus den Zutaten des Flüchtlings: Palmöl, Rohöl, Kupfer und andere Rohstoffe zum Beispiel, die der Flüchtling möglicherweise, als er noch kein Flüchtling war, selbst der Erde abgetrotzt hat. Kaffee, Kakao und Bananen, die er und seine Frau, wenn sie Bauern oder Tagelöhner waren bevor sie Flüchtlinge wurden, gepflanzt, gepflegt und geerntet haben. Während meine beiden Mädchen die Schule besuchen, haben seine Kinder vielleicht gerade deren Kleidung genäht – günstige, bunte T-Shirts und Hosen. „Unser“ Wohlstand, dieser Kuchen, beruht nicht zuletzt auf der Arbeitskraft der Flüchtlingsfamilie – und jetzt steht sie an der Tür. Was nun?

Ein anderes Bild: in einem Raum sind unterschiedliche Menschen versammelt, alle haben gemeinsam, dass sie in Deutschland leben. Auch die Bundeskanzlerin ist dabei, ihre Mitarbeiter haben zum „Bürgerdialog“ geladen, einer Veranstaltung, in der es darum geht, Angela Merkel mit Menschen ins Gespräch zu bringen. Wir alle haben gesehen (wer nicht, kann bei Youtube nachschauen), wie Angela Merkel dem palästinensischen Mädchen Reem erklärte, warum sie mit Abschiebung zu rechnen hat: weil sie Palästinenserin ist. Absurd, ein Raum voller Menschen, einer wird nur geduldet, es ist eine Frage der Nationalität. Der Grundgedanke „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ hat in einer globalen Welt keinen Bestand mehr. Egal, ob die Idee des Nationalstaates mir sympathisch erscheint, oder nicht, sie funktioniert nicht mehr. Ich hatte 50 tolle Jahre, in und mit „meinem“ Land, Jahre der Sicherheit, der Freiheit und des Friedens, und ich hatte viel Spaß. Aber jetzt müssen wir, fürchte ich, neu verhandeln. Ich fühle mich einigen Menschen, die keine Deutschen sind, sehr nahe: Ukrainer, Rumänen, Schweden. Mit denen teile ich Vieles, Interessen und Sichtweisen beispielsweise. Warum muss ein palästinensisches Mädchen verschwinden, nur weil sie Palästinenserin ist? Was unterscheidet, was verbindet?

Deutschland gehen die Antworten an Flüchtlinge aus, und zwar nicht, weil wir zu wenig Geld haben oder zu wenige hilfsbereite Menschen (beides ist nicht der Fall). Die Antworten, die Deutschland geben kann, sind aus der Zeit gefallen, sie werden immer aus der Perspektive „Wir hier da drinnen, ihr da draußen“ formuliert. Egal, ob ich jemanden Willkommen heiße oder mich im mit finsterer Mine vor sein neues Zuhause stelle – ich gehe immer davon aus, dass es irgendwie mein Kuchen ist, den ich teile.

Die französische Revolution, Victor Hugo und Joseph Schumpeter – bewegte Zeiten waren das im neunzehnten Jahrhundert, und so mancher europäische Nationalstaat von heute hat seine Wurzeln auch in dieser Zeit. Und heute? Frankreich nennt sich selbst die „Grande Nation“. England, das in den 80er Jahren praktisch seine gesamte Industrie selbst abgeschafft hat, zehrt bis heute eher von seiner Zeit als Weltmacht unter Segeln, als von heutiger, ökonomischer Stärke (es ist die abstrakte Idee des Geldes und der Finanzmärkte, die England in seiner heutigen Form am Leben hält). Deutsche Produkte sind immer noch als Qualität „Made in Germany“ weltweit beliebt, dabei erstreckt sich ihre Produktion längst über den gesamten Planeten. Germany funktioniert als Marke phantastisch – aber als Nation, deren Mitglieder sich hinter einer Idee, für die sie bereit wären, auf die Barrikaden zu gehen, versammeln? Wenn ich mir Cameron, Hollande und Merkel in einem Raum vorstelle, da ist vor lauter Ego nicht viel Platz für andere. Und die Energiequellen hierfür liegen überwiegend in längst Vergangenem. Man trifft sich, um sein jeweils eigenes Interesse möglichst durchzusetzen und nennt das „Europäische Union“.

Gekämpft haben Menschen aber immer für die Zukunft, und das ist meist die Zukunft anderer, die der Kinder und Enkel. Heute sind es die Flüchtlinge, die kämpfen. Die Nation der Flüchtlinge wächst Tag um Tag, es ist eine elende Nation, die wenig zu verlieren hat. „Die Elenden“ (Les miserables) so nannte auch Victor Hugo seinen Roman, der den Kampf auf Barrikaden für ein besseres Leben beschreibt. Der Kampf für ein besseres, lohnenswertes Leben, eine starke Idee, Energie aus einer ungewissen Zukunft. Fruchtbarer Boden für eine Revolution, für die Geburt einer starken Nation. Was haben wir dem entgegenzusetzen? Nichts vergleichbares, außer dem Festhalten an unserem Wohlstand. Das aber wird vergeblich sein.

Siegfried, eine Sagengestalt zwar, aber auch einer der Gründungsbotschafter der deutschen Nation, zog (in einer von unzähligen Versionen der Nibelungensage) mit den Burgundern gegen ein übermächtiges Heer zu Felde. Zu Beginn der erwarteten Schlacht ließ er seine Soldaten zurück und ritt allein auf die Gegner zu. Stunden vergingen, bis Siegfried, im Bunde und im vergnügten Gespräch mit dem gegnerischen Heerführer, zurückkam. Beide hatten beschlossen, die Schlacht ausfallen zu lassen und stattdessen gemeinsam in die Zukunft zu gehen, Land zu bestellen und Städte zu bauen – der Krieg kann warten. Eine Idee braucht Verabredungen, Vertrauen und Glauben.

Mit besten Grüßen an Dich, Deiner Leser und die meinen

Oliver

Flucht und Verantwortung

Was tun mit unserem Geld?

In Deutschland wird wieder selektiert, und zwar in „politische –„ und „Wirtschaftsflüchtlinge“. Statt aber davor Angst zu haben, dass Flüchtlinge uns belasten könnten, sollten wir uns lieber fragen, wie lange wir es uns noch leisten können, sie auszusperren.

Wir haben offenbar einfach kein Geld, uns auch noch um die Wirtschaftsflüchtlinge zu kümmern. In meinem Heimatort Krummesse beispielweise, 2.800 Einwohner, denkt der örtliche Sportverein darüber nach, einen Kunstrasenplatz anzuschaffen. Kosten: 700.000 Euro. Da ich nicht selber Fußball spiele, kann ich auch nicht beurteilen, welchen Vorteil der Kunstrasen gegenüber dem Naturrasen bringt. Ein guter Grund für die Anschaffung liegt aber auf der Hand: In Kronsforde, 500 Einwohner und zwei Kilometer weiter gelegen, bauen sie gerade einen. Da darf Krummesse natürlich nicht hintanstehen.

Rehna liegt ca. 30 Kilometer weiter im wohlhabenden Mecklenburg Vorpommern und ist nicht viel größer. Hier steht ein Leiterwagen auf dem Wunschzettel der Freiwilligen Feuerwehr, 300.000 Euro müssen dafür aufgetrieben werden. Es gibt in Rehna außer einem mittelalterlichen Kirchturm keine nennenswerten Hochbauten und die umliegenden Feuerwehren sind bereits mit Leitern gesegnet, Anfahrt im Notfall: 7 Minuten. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen: Jeder Junge weiß um den Wert eines Feuerwehrautos, eines roten Leiterwagens. Ein Traum.

Deutschland ist das Land solcher Träume, und viele von ihnen gehen in Erfüllung. Nicht nur in der Provinz, wir Berliner wissen (und ich fürchte, auch der Rest der Welt weiß) wovon ich rede: Ein internationaler Airport, ein Stadtschloss, eine Opernsanierung. Die da oben eben… Und wir? Wir sparen wo wir können… Der Strom- und Wasserverbrauch einer Waschmaschine beispielsweise ist seit den 50-er Jahren auf ein Zehntel gesunken! Allerdings hat sich der Gesamtverbrauch an Wäschepflege pro Kopf im gleichen Zeitraum verzehnfacht. Es muss halt nicht nur besonders sauber, sondern auch besonders schnell wieder trocken sein.

Unterm Strich darf man unsere Haltung wohl so zusammenfassen: Für ein paar Wirtschaftsflüchtlinge weniger Wäsche waschen, eventuell sogar auf das Niveau der 50-er Jahre zurückfallen, undenkbar. Zwar sind mir keine Geschichten überliefert, die von untragbaren hygienischen Zuständen der Wirtschaftwunderzeit berichten – trotzdem. Feuerwehrleiter, Kunstrasenplatz, Stadtschloss – wir nennen es Wohlstand, Ökonomen hauchen liebevoll: Wachstum.

Denen darf ich hier etwas verraten. Flüchtlinge aufzunehmen kostet Geld und ist anstrengend. Das Wachstum aber, das wir haben werden, wenn wir Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen, wird bald mit dem der 50-er Jahre vergleichbar sein. Wachstum ergibt sich am besten aus Umbruchsituationen, in der Regel sind dies Kriege und Katastrophen. Hier könnten wir Wachstumsschübe erzeugen, ohne zuvor einen Krieg anzuzetteln. Im Gegenteil, wir retten Leben. Und im Gegensatz zu Freiwilliger Feuerwehr, Stadtschloss, Weichspülgang und Wäschetrockner sind Flüchtlinge, wenn man sie lässt, produktiv. Wahrscheinlich besonders diejenigen, die wir als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Vielleicht haben wir sie ja so genannt, weil es sich in der Regel um motivierte Menschen handelt, die sich möglichst schnell in ein funktionierendes Wirtschaftssystem einbringen wollen.

Auch sie haben Träume, unerfüllte: Eine Familie ernähren zu können, eine Wohnung, ein Auto möglicherweise? Vielleicht ein Studium und eine Perspektive auf ein Leben. Relativ bescheidene Wünsche, erfüllbar eigentlich, zumindest für uns, die hier Geborenen und Aufgewachsenen. So ähnlich stelle ich mir die Sehnsüchte der Nachkriegsgeneration, die mit dieser Motivation als Motor das Wirtschaftwunder entfacht und getragen hat – alles war möglich. Und heute? Schaffen wir es, unsere Angst und unsere Schockstarre zu überwinden und Einwanderung zu ermöglichen?
Einmal ist es uns schon gelungen, die deutsche Wirtschaft brauchte damals auch dringend Arbeitskraft. Die Italiener eröffneten ihre Eisdielen und arbeiteten bei Bosch und Daimler. Die Türken der ersten Generation hatten neben Jobs am Fliessband Gemüseläden und Bäckereien, heute sind sie für einen erheblichen Teil des Inlandsproduktes verantwortlich. Noch doller treiben es die Vietnamesen: Die Eltern stehen eigentlich nur im eigenen Spätkauf, um ihren Kindern das Studium in der Medizin oder im Maschinenbau zu ermöglichen.

Was passiert, wenn wir Afrikaner nach Europa lassen, in das alte und stolze Europa, das so dringend einen Innovationsschub braucht? Was werden ihre Kinder studieren? Was werden DIE mit UNS machen, bevor beides zu einem NEUEN GANZEN wird? Ich möchte es gerne wagen, unbedingt.

Glücksmanagement und Gelegenheitsgurus

Wenn Sie zurückschauen auf ihr bisheriges Leben oder auf ihr Unternehmen – waren Ziele, die sie sich gesetzt haben, entscheidend für das, was Sie heute sind? Wahrscheinlich nicht, oder zumindest nicht ausschließlich.

Unser Leben kennt Zufälle, Glück und Schicksalsschläge. Wendungen und Gelegenheiten – verpasste und genutzte. Ziele spielen in jedem Managementhandbuch aber eine zentrale Rolle, Glück hingegen wird selten thematisiert. Dabei wissen wir alle, was Glück für uns bedeutet, wie es uns befördert, sobald es uns begegnet und wie es Energie in uns mobilisiert. Es geht nicht um Glück in einem esoterischen Sinne, noch nicht einmal ausschließlich in einem emotionalen – obwohl das natürlich wichtig ist. Es geht um Glück im Sinne von Prozessabfolgen, die nicht vorhersehbar sind. Es geht darum, Gelegenheiten als glückliche Wendung zu erkennen und zu nutzen. Mein Gelegenheitsguru zurzeit ist Christian Lindner, zu ihm später.

  • Früher wurden Lebensmittel gekühlt, indem Eisblöcke aus Gletschern oder langen Wintern transportiert, gelagert und genutzt wurden, das konnten sich natürlich nur wenige privilegierte leisten.
  • Dieses Geschäftsmodell wurde abgelöst durch professionell betriebene Kühlhäuser, in denen Waren gesammelt wurden.
  • Danach kam aus den USA die Privatisierung der Frische – der Kühlschrank für jeden Haushalt. Wir kennen und schätzen ihn bis heute.

Können Sie sich vorstellen, dass bald andere Systeme unseren Kühlschrank ablösen? Nein? Ich auch nicht. Die Verkäufer von Gletschereis und die Betreiber von Kühlhäusern konnten oder wollten sich offenbar auch nichts anderes vorstellen, als ihre jeweilige Gegenwart. Jedenfalls hat keiner dieser Unternehmer den Sprung ins nächste Geschäftsmodell geschafft. Sie hatten eben Ziele und bestimmt auch Businesspläne – und dann kam das Leben dazwischen.

Praktisches Management kennt zwei Leitfragen:

  1. Wie sieht die Zukunft aus und welchen Teil von ihr kann ich in Szenarien vorhersagen?
  2. Welchen Teil meiner Zukunft (und der Zukunft anderer, denn Zukunft gehört niemandem) kann ich aktiv beeinflussen?

Ziele akzeptieren weder, dass Zukunft Überraschungen birgt, noch sind sie geeignetes Mittel der Zukunftsgestaltung – außer unter festen Rahmenbedingungen, da sind Ziele das erste Mittel der Wahl.

Wer aber in dynamischen Situationen, und ich denke jetzt sowohl an die Zeit vorindustrieller Kühlsysteme als auch an unsere digitale Gegenwart, ein Unternehmen gründet und sich ausschließlich an Zielen orientiert, der wird Wendungen immer nur als Störung des Plans, nicht aber als glückliche Fügung, als Gelegenheit wahrnehmen.

Wenn Du still stehst, kommen die Dinge auf Dich zu, sagt Buddha. So ähnlich muss sich das auch Christian Lindner gesagt haben, Vorsitzender der heruntergewirtschafteten FDP. Er hielt im Landtag von NRW eine Rede, die wohl keiner weiter beachtet hätte, hätte nicht ein Kollege der SPD einen Zwischenruf zum Thema Insolvenz und Scheitern platziert. Christian Lindner beantwortete diesen Zwischenruf in aller Ausführlichkeit und mit viel Wut im Bauch, das Video bei Youtube ist ein Hit.

Und Christian Lindner, dessen Partei vor ein paar Wochen niemand auch nur mit spitzen Fingern angefasst hätte, ist plötzlich der Star bei Veranstaltungen wie der „Fuck Up Night“. Es ist nur ein kleiner Schritt zum Liebling der deutschen Startup Szene, und Herr Lindner wird diese Gelegenheit nutzen. Planbar war das nicht, aber jetzt, wo die Gelegenheit da ist, wird er sie nutzen. Wir können viel von ihm lernen.

+++ Eilmeldung +++

EZB stellt sozialem Sektor 1 Billion € zur Verfügung

Die Europäische Zentralbank EZB stellt in einem ab sofort wirksamen Programm innerhalb eines Jahres 1 Billion Euro für soziale Zwecke zur Verfügung. Konkret soll das Geld in Projekte der Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehung und Bildung sowie für soziokulturelle und ökologische Projekte bereitgestellt werden, das gab die EZB in einer Meldung bekannt. Auf der anschließenden Pressekonferenz begründete EZB Präsident Mario Draghi diese Entscheidung: „Wir müssen in die Gesellschaft investieren. Menschen darin zu befähigen, fester und verlässlicher Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft zu werden, ist eine Investition, die sich vielfach auszahlen wird. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden davon nachhaltig profitieren.“

Dass die EZB Geld in diesem Umfang nutzen würde, um Einfluss auf die Währungszone des Euro zu nehmen, war allgemein erwartet worden. Allerdings gingen Wirtschaftsexperten davon aus, dass der Ankauf sogenannter Staatsanleihen im Mittelpunkt des Programms stehen würde. Mit Anleihekäufen versuchen Zentralbanken üblicherweise, ihre Währungen zu beeinflussen und Deflation vorzubeugen. Der Kauf von Staatsanleihen kommt Banken zugute, die widerum dieses Geld günstig an Investoren weitergeben und so die Wirtschaft stützen sollen.

Dementsprechend deutlich fiel die Kritik an der Entscheidung Draghis aus, das Geld nicht den Finanzhäusern, sondern dem Sozialsektor bereitzustellen: „Die Mittel werden denen fehlen, die in Europa Stabilität und Wachstum garantieren“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Banken Jürgen Fitschen.

Unerwartete Unterstützung kam indes aus Deutschland. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Anleiheverkäufen stets kritisch gegenüberstand, verteidigte das Programm: „Wer sich mit Wirtschaftssystemen auskennt weiß, dass Geld nie von oben nach unten oder von unten nach oben fließt, sondern in Kreisläufen zirkuliert.“ Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Sprecher ausrichten: „Alle Entscheidungen der Europäischen Zentralbank sind mit den nationalen Regierungen abgestimmt und werden von uns ausdrücklich unterstützt. Es kann nicht angehen, dass die Milliarden, die von Menschen in Europa erarbeitet wurden, ausschließlich dem Finanzsektor zugute kommen. Diese Sozialinvestitionen werden sich auszahlen“.
Auch Hans Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und eigentlich treuer Kritiker der EZB, unterstützt in diesem Fall Mario Draghi: „Es ist ein mutiges Experiment und überschreitet wahrscheinlich die Kompetenzen der Zentralbank bei Weitem. Aber finanzpolitisch ist es klug. Während Banken das Geld im schlimmsten Fall statt für Investitionskredite für Spekulationen veruntreuen würden, fließt Kapital hier in die Breite. Es ist gut angelegt.“

Dabei birgt das Programm weitere Überraschungen: ein Teil des Geldes soll gar nicht in europäische, sondern in internationale Projekte fließen. In enger Abstimmung mit der Unesco sowie Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Greenpeace, Kirchen und Gewerkschaften werden Projekte in Afrika und Asien unterstützt. „Das Recht auf würdige Lebensbedingungen und auf Teilhabe an gesellschaftlichem Miteinander, das Recht auf Zukunftsperspektive ist ebenso global wie die bereits gut vernetzte Wirtschaft“, bekräftigt Draghi auf der Pressekonferenz.

Vor Redaktionsschluss meldete der Vatikan über den persönlichen Account von Papst Franziskus (@Pontifex): „Dies ist ein wichtiger und richtiger Schritt hin zu einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit“

Kurz danach bin ich aufgewacht.

Flüchtlinge zu Facharbeitern:

Willi ist weg

Dies ist der wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Willi ist weg. Der noch junge, grau getigerte Kater wird seit 10 Tagen vermisst. Ich weiß zufällig, dass ein Mädchen auf ihn wartet. Jetzt sind in unserer Siedlung Aushänge an Laternenpfählen angebracht, mit Fotos aus Zeiten, in denen die Familie vereint war. Überschrift: „Unser Willi ist weg“.

Willi

Was das bedeutet, kann ich aus leidvoller Erfahrung einschätzen: vor ein paar Monaten verschwand unsere Katze Lucky. Nach drei Tagen ging meine Tochter noch vor der ersten Schulstunde weinend durch die Siedlung und rief nach ihr. Am selben Nachmittag brachten auch wir Schilder an – beim letzten kam Lucky uns entgegen.

Ein weiterer Aushang informiert über ein ähnliches, aber doch auch wieder ganz anders gelagertes Ereignis: „Wer kennt diese Katze?“. Unter dieser Überschrift beschreibt eine Familie, dass ein scheuer, schreckhafter Kater seit Oktober regelmäßiger Übernachtungsgast ist. Dieser Kater ist schwarz, es ist also nicht Willi. Der Name des zugelaufenen ist, das liegt in der Natur der Sache, nicht bekannt.

Beide Schicksale teilen sich nun die Laternenpfähle. Kein Problem, es sind reichlich vorhanden.

Willi plus

Jetzt denke ich mir im Vorübergehen natürlich folgendes: Kann nicht die „Unser Willi ist weg“-Familie den „Wer kennt diesen Kater“-Kater einfach aufnehmen? Kein Ersatz für Willi, das ist klar, Willi ist nicht zu ersetzen. Aber vielleicht entsteht ja etwas Neues daraus. Vielleicht profitiert ja mit der Zeit mindestens eine der Parteien, die hier eine aktive Rolle spielen, also die „Unser Willi ist weg“-Familie, auch der „Wer kennt diesen Kater“-Kater, oder dessen Pflegefamilie oder… na ja, Willi wird nicht profitieren. Hoffentlich geht es ihm gut.

Ist das manchmal so? Zwei Probleme ergeben eine Lösung? Sie müssen ja nicht erst gemeinsam an einem Laternenpfahl hängen. Gibt es das Willi-Prinzip?

Ein Gedankenexperiment mit zwei anderen Geschichten. Die erste: Deutschland wird alt, zumindest immer älter. Sozialsysteme für Renten und Gesundheitsausgaben sind ungesichert, staatliche Aufgaben müssen an allen Ecken finanziert werden: was wird aus Bildung und Infrastruktur? Wer soll das bezahlen? Wer schafft morgen den Mehrwert mit seiner oder ihrer Hände, Kopf und Herzen Arbeit? Auf dem Land fehlen Ärzte in gefährlichem Ausmaß. Der Industrie, dem Bau und teilweise auch der Forschung gehen die Fachkräfte aus. Schon tausend Mal gehört? Gewöhnen wir uns lieber dran, wir werden es in Zukunft noch öfter und noch lauter hören.

Die zweite Geschichte, ist mindestens ebenso kompliziert und geht so: Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu. Noch ist es kein „Flüchtlingsstrom“, davon kann bei einigen tausend Menschen zum Beispiel in Berlin keine Rede sein. Aber es wird eng, zumindest im Erstaufnahmelager in Berlin-Siemensstadt sowie den zusätzlich organisierten Sporthallen. Einer der Gründe ist, dass drei Staaten auf dem Balkan zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt wurden. Rechtzeitig vor Inkrafttreten dieser neuen Regelung haben sich von dort noch ein paar tausend, überwiegend junge Männer, auf den Weg nach Deutschland gemacht. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Afghanistan und anderen Staaten, in denen schlicht und einfach Krieg, Elend und Chancenlosigkeit vorherrschen.

So. Das sind die beiden Geschichten. Willi ist weg. Der kommt auch nicht wieder, egal wie sehr wir uns wünschen, es wäre alles wieder so wie früher. Nun bin ich nicht der erste, der darauf kommt, dass in Zuwanderung ja statt einem Problem vor allem eine Lösung gesehen werden kann. Einige Politiker haben das immer wieder gesagt. Wahrscheinlich bin ich sogar der letzte, der diese beiden Geschichten gerade zusammengeführt hat, als ich gestern die Aushänge an unseren Laternen sah.

Und jetzt? Eigentlich müssten doch jetzt alle Schlangestehen. Jetzt kann es losgehen. Ich stelle mir, damit es geordnet bleibt, den Verlauf in etwa so vor:

Zuerst dürfen sich die Fußballer und andere Sportvereine nach den größten Talenten umsehen. Wo jetzt vereinzelt Jugendliche und Kinder mit ´nem Ball kicken – vor den Flüchtlingsheimen – werden spätestens im Frühjahr große Turniere veranstaltet: Talentscouting, und wer zuerst kommt, der mahlt ja bekanntlich zuerst. Aufwand: null, alles ist da. Zu verlieren hat hier niemand etwas, alle dürfen mitspielen. Für beheimatete Sportler sind die Wettkämpfe Training und Begegnung, für die Flüchtlinge Spaß, Sinn und Ablenkung – und vielleicht mehr. Sprachprobleme? Haben Pep Guardiola und Salomon Kalou ja auch nicht, Sport verbindet. Selbst Lothar Matthäus konnte sich während seiner Karriere in Italien und Deutschland immer klar und deutlich… okay, schlechtes Beispiel.

Als nächstes lösen wir unseren Mangel an Arbeitskräften in Pflege- und Heilberufen. Schwierig? Geht nicht so einfach? NATÜRLICH nicht! Jedenfalls NICHT EINFACH! Aber, hey, wir haben das Auto erfunden, wie einfach war das denn? Also: ein Plan muss her, die Menschen müssen jetzt erstmal begrüßt werden. Dann Sprachkurse, Begleitung bei Behördengängen (Zeit ist genug, die Kinder sind ja gerade auf dem Sportplatz). Wer von den Flüchtlingen hat schon Erfahrung, wer will überhaupt, wer kann überhaupt?
Die meisten werden sowieso abgeschoben? Das stimmt, zumindest bei denen aus den Balkanstaaten. Aber wer will, findet Möglichkeiten – nur wer nicht will, findet Gründe. Also: Druck auf die Politik, und damit meine ich Druck durch die Lobby der Rentner und der Betreiber von Altenheimen. Damit meine ich uns, mich, wer soll uns pflegen, wenn es soweit ist?

Ärzte. Kaum ein deutscher Arzt will im mecklenburgischen Nirwana hinter den sieben Bergen eine Praxis eröffnen und darauf warten, dass niemand kommt. Und die Mediziner aus den Kriegsgebieten? Haben wir sie überhaupt schon gefragt? Womit könnten wir sie locken? Vielleicht damit, dass sie ihre Familien mitbringen können. Versuchen wir’s – aussichtslos ist nur das Nichtstun! Gesundheitsministerium, Flächenländer, Verbände – schließt Euch zusammen und packt es an! (Um Himmels Willen, bildet keine Arbeitsgruppe, beauftragt einfach gute Leute). Ausbildungen müssen überprüft und gegebenenfalls leichter anerkannt, Perspektiven für Familien geschaffen werden.

Jetzt kommt der Burner: der deutsche Mittelstand, die Zulieferer der globalen Industrie, das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ich sehe Personalvorstände und Human Ressource Manager Recruiting Programme entwickeln – und dann stehen sie an, um die besten der besten. Und wieder wird es schwierig – na super! Es wäre ja auch so langweilig (und ich würde gar nicht drüber schreiben), wenn es einfach wäre. Kontakt anbahnen, kennen lernen, Dialog führen, zuhören. Der deutsche Mittelstand hat Weltkriege, Ölkrisen und Sozialdemokraten überlebt – er wird Wege finden. Flüchtlinge zu Facharbeitern.
Bosch, Siemens und Volkswagen wissen: mit dem Verkauf von Autos und Bohrmaschinen ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Aber womit dann? Bohrer werden auch morgen keine Daten sammeln, Google können wir nicht kopieren. Irgendwas mit Daten oder Service, mit Software oder Nachhaltigkeit? Ja, ihr seid verdammt nah dran, ganz heiß…! Vielleicht sind es gesellschaftliche Konzepte, die den deutschen Standort sichern.

Wir haben Angst, dass Google, Facebook und die Asiaten (deren Namen wir uns schon aus Protest nicht merken können) uns in der digitalen Entwicklung abhängen? Das haben sie doch längst! Aber Entwicklung verläuft niemals linear, deshalb stimmt das Bild von Spitzenreitern und Abgehängten nicht. Entwicklung verläuft gleichzeitig in unendlich viele Richtungen. Und das bedeutet: wir können morgen ganz vorne sein, nämlich in einer Domäne, die plötzlich wichtig geworden ist, und zwar weil wir dort eine Priorität setzen. Dann rennen andere hinterher, schauen auf uns. Schluckt unseren Staub! Die letzten werden die ersten sein, wenn die Marschrichtung sich dreht. Oder die Blickrichtung, die Perspektive. Der Kopf ist rund..

Deutschland, bleibe – schrieb Gerit Probst an dieser Stelle. Ja, Deutschland BLEIBE! Und wenn Du bleiben WILLST, Deutschland, dann kannst Du auf keinen Fall so bleiben wie Du BIST. Und ändern tust Du Dich ja sowieso, die ganze Welt ändert sich gerade mit noch nie dagewesener Geschwindigkeit. Und Entwicklung, das haben wir ebenfalls in diesem Blog an mancher Stelle gelesen, sollten wir nicht als Störenfried betrachten, vor dem es sich zu schützen gilt. Genau so aber sieht, Deutschland, Dein Umgang mit Flüchtlingen aus: Du bringst sie in Turnhallen unter und teilst sie dann auf in: „Schüblinge“ (Verwaltungsdeutsch) und „Integrierlinge“ (meine Interpretation). Anstatt dass wir einfach mal AKTIV, MUTIG und vor allem aus unserer sehr starken Position heraus schauen, wie man gemeinsam das Geschäfts- und Lebensmodell Deutschland weiterentwickeln kann! Wir SIND STARK, wir sind sogar superstark. Machen wir was draus.

Apple, Google und Facebook treiben die Welt mit immer neuen Angeboten im Tausch gegen Geld und Daten vor sich her. Bosch, Siemens, Volkswagen – diesmal seid Ihr es, die uns überraschen, und zwar mit völlig neuen Konzepten zur Rekrutierung und Ausbildung von Fachkräften. Schwierig? Es ist eine Herkulesaufgabe, wenn es jemand schafft, dann Ihr.

Am Ende noch die Antwort auf die Frage, weshalb dies mein wichtigster Artikel ist. Erstens: der Artikel, den ich gerade schreibe, ist immer der wichtigste. Zweitens: der Artikel ist die Antwort auf eine Frage, die mich seit Wochen beschäftigt, nämlich ob ich die gesellschaftlichen Themen meines Blogs endlich von den Managementthemen trennen sollte. Heute zumindest lautet die Antwort Nein, beides gehört zusammen, denn das eine wirkt ebenso mächtig auf das andere wie umgekehrt.

Mein letzter Gedanke gehört Willi. Bestimmt hat er eine Familie gefunden, die ihn liebt.

Menschen in Berlin

Der stärkste Einwand, der mir selbst beim Lesen kommt, ist natürlich der Zynismus, der darin liegt, nur die besten einzulassen. Ich glaube einfach, zwei Drittel der Flüchtlinge sind wahrscheinlich gut bis sehr gut in irgendwas – oder können durch Bildung, Ausbildung und vernünftigen, würdigen Umgang dazu ertüchtigt werden. Alle anderen sind Durchschnitt, die vertragen wir mit Sicherheit auch noch – kein Land und keine Wirtschaft lebt ausschließlich von Spitzenpersonal. Und es gibt so viel zu tun.

Arbeit ist so wichtig für die eigene Identität. Viele wollen ja vielleicht gar nicht. Sie müssen ja nicht müssen. Sie sollen aber dürfen.

Gestern fand der erste Deutschkurs in der Turnhalle Lippstädter Straße statt, in der seit dem 23. Dezember rund 300 Flüchtlinge, nennen wir sie einfach mal Menschen, leben. Herausgekommen sind „Guten Tag“, „Guten Abend“ und „Ich liebe Dich“ – sowie ein paar lächelnde Gesichter, weil der Tag von mehr erfüllt war als vom warten auf die Essensausgabe. Das nenne ich einen Anfang! Ich liebe Dich. Der wichtigste Satz der Welt – was kann da noch schief gehen, auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft.

Kommentar: Ich sag’s mit Liebermann

Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi war am Freitag wegen „Beleidigung des Islam“ mit 50 Peitschenhieben bestraft worden best pills to lose weight. 950 sollen folgen, jeweils Freitag. Fraglich, ob so eine Tortur, sollte sie bis zum Ende vollstreckt werden, überlebt werden kann.

In Paris marschierte eine Reihe von Politikern für die Pressefreiheit, darunter auch saudische Politiker und Diplomaten.

Saudi-Arabien führt deutsche Produkte und Dienstleistungen in nennenswertem Umfang ein, 2013 betrug das bilaterale Handelsvolumen 11 Mrd. Euro.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

 
 
 
 

Raif Badawi | Auswärtiges Amt | Max Liebermann

Der Gastkommentar:

Deutschland, bleibe

Der Gastkommentar

Gerit Probst, interkulturelle Trainerin, widerspricht meinem Artikel „Deutschland, schaff Dich ab“. Sie schreibt: „Jeder Mensch braucht eine geistige und kulturelle Heimat, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt… die Geborgenheit gibt uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben…
Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für ‚Deutschland, bleibe’“

 

Deutschland, bleibe

von Gerit Probst
 

Wir alle sind in diesen Tagen aufgerüttelt vom Zeitgeschehen: im Namen der Religionen geschehen furchtbare Dinge: Charlie Hebdo – medial ganz vorne dran, Boko Haram mordet in Nigeria, kleine Mädchen werden zu Selbstmordattentätern, der saudische Blogger Raif Badawi wird öffentlich ausgepeitscht, ein Ägypter wegen Atheismus zu Gefängnis verurteilt, während Repräsentanten seines Landes in Paris geheuchelte Sympathie für Meinungsfreiheit bekunden, es wird entführt, enthauptet, geschmäht. Diverse Gidas und Nongidas bevölkern die Strassen; Flüchtlingsströme drängen nach Europa – plötzlich sind Salafisten und Islamismus in aller Mund, religiöser Fanatismus und die Angst vor dem Islam sowie die mahnenden Gegenstimmen dominieren die Schlagzeilen.

Von Krieg ist die Rede: Terror gegen Abendland und Freiheit – der Islam, die rückständige Religion der Gewalt und Intoleranz gegen die Moderne, gegen den Westen und seine Errungenschaften.

Diese Simplifizierung aber birgt den eigentlichen Sprengstoff: was fanatische Terroristen niemals erreichen könnten, vermag diese Art der Darstellung und Empfindens: einen Graben quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Wenn wir Islam gleichstellen mit Islamismus, jede Form des Salafismus gleich mit gewaltbereitem Extremismus, jeden Muslim unter Generalverdacht stellen, schaffen wir Zustände, die den Terroristen in die Hände spielen.

Nicht der Islam ist unser Feind.

Es ist eine Binsenweisheit, dass im Namen aller großen Religionen entsetzliche Gräueltaten verübt wurden und werden. Zugegebenermaßen: während Burenkriege, Missionierungen, Kreuzzüge, Inquisition und Pogrome im Dunkel der Geschichte zu verblassen drohen, drängen sich ISIL, Al Qaida, Boko Haram und wie sie alle heißen nachdrücklich ins Bewusstsein.

Ein zweiter Blick aber zeigt, dass nicht nur in Paris auch Muslime unter den Opfern waren: in Syrien, Irak, Nigeria etc. waren neben Yesiden und Kopten v.a. Tausende Muslime Opfer des fundamentalistischen Irrsinns. Auch heute noch kämpfen und töten nicht nur muslimische, sondern auch christliche, jüdische, buddhistische, hinduistische und selbst konfuzianische Fundamentalisten im Namen ihrer Religionen; Fundamentalisten, welche den toleranten und milden Aspekten, die jeder Religion innewohnen, eine Absage erteilen.

Es gilt, gegen diesen Extremismus vorzugehen, gegen gewaltbereiten Fundamentalismus jeglicher Couleur. Nicht das Abendland muss sich gegen den Islam wehren – vielmehr sind es die friedlichen, offenen und toleranten Menschen dieser Welt, die sich – unabhängig von und ganz im Sinne ihrer Religionen gegen die Barbarei zur Wehr setzen müssen.

Der omanische Sultan Qaboos sagte – bezogen auf den Islam – in einer Rede im Jahr 2000: „Die freie Gesinnung, eigenständiges Nachdenken und selbstständige Entscheidungsfindung zu korrumpieren ist eine Todsünde. …“ Jede Religion bietet den Raum für eine offene, tolerante und versöhnliche Haltung und Lebensführung. Erfolgreich kann dies aber nur geschehen, wenn dem Fundamentalismus langfristig der Nährboden entzogen wird.
Militärische Mittel alleine können hier keine Lösung schaffen –vielmehr muss den Entstehungsursachen fundamentalistischer Strömungen entgegengewirkt werden: eine gewaltige, globale Herausforderung. Es ist schließlich kein Zufall, dass islamischer Terrorismus derzeit an so vielen Ecken der Welt aufbricht.

So segensreich viele Segnungen der Moderne sein mögen, einigen Teilen der Welt haben wir sie gewaltsam und wenig weitblickend angedeihen lassen. Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong hat dies einmal sehr anschaulich illustriert: „Wenn wir einen Kuchen mit falschen Zutaten (Reis statt Mehl etwa) und den falschen Geräten backen, wird das Endergebnis nicht mit dem Ideal des Rezepts übereinstimmen: es ist anders – es kann köstlich sein, kann aber auch ganz abscheulich werden. Vielleicht ist es besser, mit den vorhandenen und verfügbaren Techniken und Ingredienzen zu arbeiten, lokale Sachkenntnis (…) zu benutzen, um sich dem Vorbild möglichst weitgehend zu nähern. (…)einen eigenen, unverwechselbaren und modernen Kuchen zu backen.“

Es bedarf weltpolitischen Weitblicks, globaler wirtschaftlicher sowie politischer Ansätze und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühls, um nicht mit westlicher Arroganz neue Brandherde zu schaffen. Die gesellschaftlichen und politischen Zustände, Furcht und Orientierungslosigkeit sind wichtige Ursachen von Fundamentalismus, hier gilt es anzusetzen.

Ich glaube, dass jeder Mensch eine geistige und kulturelle Heimat braucht, Orientierungssysteme, die Geborgenheit schaffen und stark machen, vergleichbar der Wärme, die eine Familie gibt. Auch hier mag man nicht jeden gleichermaßen, teilt nicht jedermanns Ansichten und ist oft uneins. Dennoch gibt die Geborgenheit uns Kraft, eine Kraft, die uns befähigt, auf andere zuzugehen und Toleranz zu leben. Gemeinsam mit all den anderen warmherzigen und offenen Menschen weltweit, die auch alle ihre Nestwärme brauchen.

Deshalb plädiere ich im Sinne einer friedlichen Zukunft für „Deutschland bleibe!“

Marketingmanagement:

Es muss Liebe sein (3)

Die Berliner Verkehrsbetriebe, also Betreiber von U-Bahn, Bus und Tram, hatten eine Idee. Nutzer sollten auf Twitter unter dem Stichwort #weilwirdichlieben ihre „schönsten BVG Momente“ schildern. Nun ist die Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“ nie dazu angetan gewesen, jemanden in Leidenschaft zu versetzen, sondern nervt in der Regel den Befragten. Die Aktion #weilwirdichlieben jedenfalls lief so ab:

Phase 1: Aktion
Irgendjemand in der BVG Abteilung Soziale Medien muss diese spontane Idee gehabt haben, vielleicht war es aber auch Ergebnis über Tage praktizierter Kreativtechniken eines beauftragten Think Tanks – wie auch immer. Gestern, am 13. Januar ging es früh morgens los. Die BVG lud mit den Worten: „Hallo Berlin! Wir eröffnen hiermit unseren #weilwirdichlieben-Account. Mit Herz und Hashtag. Einsteigen bitte!“ zum Dialog.

Bild 1

Phase 2: Reaktion
Schnell kommt die Sache in Schwung, allerdings in eine andere Richtung, als gewollt. BVG Nutzer haben ENDLICH ein Forum, in dem sie Dampf ablassen können. Tausende nutzen im Laufe des Tages diese Möglichkeit. Eine meiner Lieblingsgeschichten:

Fahrgast: „Fährst Du Zoo?“
Fahrer: „Nein, Bus“

Wer in Berlin lebt und regelmäßig Bus fährt weiß, dass dies kein Witz, sondern tägliche Realität ist.

Bild 2

Phase 3: Häme
Als Redakteur für Online Medien hat man’s vermutlich nicht leicht, so viel passiert ja eigentlich nicht im Netz. Genau genommen gar nichts. Jedenfalls nehmen von Spiegel Online bis Bild.de nahezu alle Medien die Vorlage gerne an und berichten voll Häme und Spott über dieses vermeintliche Eigentor der Verkehrsbetriebe. „Die Kampagne ging nach hinten los“ ist noch eine der vorsichtigeren Bewertungen.

Analyse
Meister Oogway in Kung-Fu Panda sagt „Es gibt keine guten und schlechten Nachrichten – es gibt nur Nachrichten“. Effectuation sagt: Wer in der Lage ist, Umstände und Zufälle zu nutzen, hat in dynamischen Situationen einen entscheidenden Vorteil gegenüber demjenigen, der Unvorhergesehenes als Bedrohung seiner Pläne betrachtet.

  • Das klassische, lineare Denken sieht eine Kampagne, die nicht zu dem gewünschten Ziel geführt hat.
  • Der Effectuator sieht eine Kampagne, die überraschend dynamisch verlaufen ist.

Hätte die BVG den üblichen Kummerkasten als Beschwerdeforum eingerichtet, kaum jemand hätte die Aktion beachtet. Aber niemand konnte ahnen, dass tausende Nutzer #weilwirdichlieben als Kummerkasten statt zu Liebesbekundungen nutzen würden.
Nun wird ein Mitarbeiter oder Manager nicht für seine Vorahnungen bezahlt, sondern dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Mit den richtigen Entscheidungen ist das aber so eine Sache. Es gibt in unserem Leben Entscheidungen, von denen wir im Nachhinein eindeutig sagen können, sie waren richtig. Andere waren vielleicht falsch, wir können sie zwar nicht rückgängig machen, würden heute aber anders entscheiden.
Dazwischen aber liegt ein riesiges Feld von Entscheidungen, aus denen etwas resultiert, was weder falsch noch richtig ist. In jedem Fall ist eine Entscheidung ein Schritt, der uns voranbringt, aus dem Entwicklung resultiert – siehe BVG. Wir gehen im Leben wie im Management selten einen Weg von A nach B sondern von dort wo wir stehen, zu einem Punkt, den wir am Anfang unserer Reise, zum Zeitpunkt unserer Entscheidung also, noch nicht kennen.

Anders ausgedrückt: Wenn Plan A nicht funktioniert, hält unser Alphabet immer noch 25 weitere Buchstaben für uns bereit. Glückwunsch, BVG! Macht was draus.

Es muss Liebe sein (2) | Es muss Liebe sein (1)

In eigener Sache:

Der Gastkommentar

Der Gastkommentar

Die Reaktionen auf meine Artikel in diesem Blog sind vielfältig, nicht selten erhalte ich SMS Nachrichten, Mails oder Kommentare in Gesprächen. Die Zustimmung macht Mut: „Toller Artikel, bewegend“, oder „Sehr wahr und gut geschrieben“. Interessant ist: Vor allem Widerspruch zu meinen Thesen wird sehr genau begründet, hergeleitet und erläutert. Und meistens, das ist das Phänomen, bin ich absolut einverstanden, mit dem, was ich lese. Löst Widerspruch sich auf in vernünftigen Argumenten? Spannend…
Manchmal setzen sich Leser meines Blogs so intensiv mit den Themen auseinander, dass ich mich entschieden habe, diese Texte als Gastbeiträge zu veröffentlichen.

Beginnen werde ich mit einem Kommentar meines Vaters zum Artikel über TTIP. Burkhard Schmidt macht sich Sorgen um das, was wir in Deutschland und Europa mit der teilweisen Umstellung auf ökologische Landwirtschaft schon erreicht haben. Er plädiert dafür, „keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufzugeben“.

 

Kommentar zu „TTIP und das Nürnberger Würstchen“

von Burkhard Schmidt
 
Lieber Oli,
ich schätze zwar Deine Gedanken im Wesentlichen, aber hier denkst Du meines Erachtens nicht weit genug. Unser Ernährungsverhalten ist weitaus einflussreicher auf unsere Umwelt und damit auch auf uns, als Du denkst.

Die Qualität der Nahrungsmittel, das heißt in diesem Falle ohne veränderte Gene, ohne Pestizide und überflüssigen Kunstdünger wirkt sich sehr viel stärker auf die Landschaft und das ganze Ökosystem aus, als Ihr “Großstädter” es wahrnehmen könnt.

Wenn ich sehe, dass hinter einem konventionell arbeitenden Trecker höchstens ein paar Möwen auf Futtersuche gehen, hinter einem Ökotrecker aber 25 Paare Störche, Bussarde, Milane, Reiher und Kraniche ihre Nahrung finden, dann wird mir klar, dass ohne die chemische Industrie mit ihrem enormen Energiebedarf für die Herstellung dieser überflüssigen Produkte das Leben in unseren Böden wieder entstehen kann. Dieses bakterielle Leben produziert auf natürliche Art und Weise die Nährstoffe für unsere Nahrung, ausreichend für unsere Gesellschaft. Und das hat Auswirkung auf unsere Landschaft und andere Teile unsers Lebens. Und deshalb darf es nicht sein, dass wir die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel, die in den letzten Jahrzehnten erreicht worden ist, wieder verlieren. Dafür setze ich mich ein. Im Handelsabkommen ist angedacht, die Angaben über Herkunft und Zusammensetzung im Zahlencode zu verstecken. Wer kann denn dann noch die Inhalte erkennen? In diese Verhandler in Brüssel, die diesen Blödsinn verzapfen um den Lobbyisten der Industrie in Berlin zu gefallen, habe ich kein Vertrauen.

Übrigens, die chemische Industrie, die den größten Teil des Saatmarktes beherrscht, hat Saaten entwickelt, die sich nach der Ernte nicht wieder vermehren können. Wer garantiert uns, dass nach dem langjährigen Verzehr dieser Produkte wir selber noch Kinder zeugen können, aber eben diese Kinder keine Nachkommen mehr hervorbringen können. Schwarzmalerei? Nein, denn viele Jahrzehnte sind Pestizide produziert, genehmigt und mit verheerenden Folgen für die Umwelt auf die Äcker gebracht worden gebracht worden. Erst danach kamen die Erkenntnis und das Verbot. Lasst uns deshalb keinen Millimeter unserer erreichten Qualität aufgeben.

Dein besorgter Vater

Politischer Kommentar

Pegida, TTIP und das Nürnberger Würstchen

#Pegida und #Nopegida

An Pegida stört mich alles, an Nopegida in letzter Zeit einiges. Richtig geärgert habe ich mich, als auf Twitter das Bild eines älteren Pegida Demonstranten begeistert retweetet wurde, dessen Schild im Wort „Islamisierung“ einen Fehler aufwies. Kommentar: #Idiot. Heute musste ich dieses Bild sogar in meiner hochgeschätzten Berliner Zeitung sehen. Hallo? Seit wann machen wir uns denn über Rechtschreibschwäche lustig? Der nächste Schritt ist dann, sich über humpelnde zu erheben – sind ja nur Nazis. Einmal abgesehen davon, dass ich die allermeisten Pegidas nicht für Nazis halte – diese Form der „Kritik“ ist nicht mein, ist nicht unser Niveau!

Ich gehe hart ins Gericht mit Nopegida, gerade weil es mir am Herzen liegt. Ich bin stolz und erleichtert, dass Massenaufmärsche, verdunkelte Gebäude und so manche Politiker klar stellen, wir leben nicht 1933, sondern sind in der Mehrheit tolerant und aufgeschlossen.

#TTIP

Wer die Diskussion um das Wirtschaftsabkommen TTIP verfolgt, der könnte meinen, alle fressen Scheiße, nur wir nicht. Ich drücke das so drastisch aus, weil mich die Situation an eine ähnliche in den 80-er Jahren erinnert. Das deutsche Reinheitsgebot für Bier von 1516, nach dem ausschließlich mit den Zutaten Wasser, Malz und Hopfen gebraut werden darf, war nicht zu halten. Der deutsche Markt musste sich auf Druck der EU ausländischen Bieren, und damit auch anderen Rezepten öffnen. Die Panikmache begann, und sie war nicht nur gesteuert vom heimischen Brauereiwesen. Selbst die Tagesthemen fragten ängstlich: „Wann kommen sie wohl, die Billigbiere aus dem Ausland?“.

Ein paar Monate später tranken wir mexikanisches Maisbier aus der Flasche, garniert mit einem Scheibchen Limette, und waren beseelt vom frischen Wind ganz ohne alte Bierseeligkeit. Ernsthafte Erkrankungen, allergische Reaktionen oder gar der Untergang des Abendlandes sind mir nicht in Erinnerung.

Auch TTIP werden wir überleben. Nürnberger Rostbratwurst kommt aus Nürnberg, und das ist gut so, tatsächlich möchte ich keine Nürnberger Rostbratwurst aus Tennessee essen. Aber schon heute habe ich keine Ahnung, woher das Fleisch der Bratwurst kommt: Aus Nürnberg? Aus Wrocław? Aus Xinjiang? Die Vergabe von Herkunfts- und Gütesiegeln in der EU ist so unübersichtlich, dass wir uns nicht aufs hohe Ross setzen sollten. Hart verhandeln um vernünftige und nachvollziehbare Standards sollte die EU allemal, nur diese geozentrische Hochnäsigkeit nervt und erinnert eben auch an Pegida.

Einwanderung und die Öffnung von Märkten sind zwei Seiten einer Medaille, ich bejahe beide von Herzen. Die auszuhandelnde Frage ist dann das „Wie“, nicht aber das „Ob“.
Das Leben ist wie ein großer Fluss. Die Richtung des Ganzen ist vorherbestimmt. Ich als kleines Teilchen kann aber immer beeinflussen wie ich mich bewege. Schwimme ich rechts oder links in Ufernähe, lasse ich mich einfach treiben? Oder schwimme ich auch mal, solange die Kraft reicht, gegen den Strom?

Allen Pegida Anhängern, allen Skeptikern, allen Freunden, Bekannten und Kollegen, allen Lesern dieses Blogs und nicht zuletzt mir selbst rufe ich zu: Habt Mut! Habt Zuversicht! Begrüßt die Flüchtlinge und Einwanderer ebenso, wie Ihr den morgigen Tag begrüßt. Für beide gilt: wir wissen nicht, was er mitbringt, aber wir haben es doch selbst in der Hand! Die Zukunft gehört uns gemeinsam und steckt voller Wunder.

Du lebst auf einem blauen Planet, der sich um einen Feuerball dreht, mit ´nem Mond, der die Meere bewegt – und Du glaubst nicht an Wunder?

Ich glaube.

Es muss Liebe sein (2)

Mein letzter Artikel im Jahr 2014 ist der Liebe gewidmet. Und unserem sechsten Familienmitglied (neben den Eheleuten, den zwei Mädchen und der Katze): Brummi, der ´98 er Golf Kombi.

Wem das kitschig, kindisch oder albern erscheint, den verweise ich gerne auf einen meiner zahlreichen Artikel zu Management, Nachhaltigkeit und Marketing. Wer aber weiß, was Liebe ist, der ist hier richtig. Es ist meine älteste Tochter, die die Familie zusammen hält. Sie bestimmt, wer dazu gehört und überträgt ihren unbedingten Bindungswillen schnell auf alle. Und Brummi gehört eben dazu. Warum ich das schreibe? Für Brummi wird es wohl das letzte Silvesterfest sein, das er bei uns ist. Letztens konnte ich vor Sorge nicht schlafen, ein großer Ölfleck schien sich auf der verschneiten Straße breit zu machen.

Die Nacht verbrachte Brummi in der Einfahrt, eine Plane unter dem Motorraum. Am nächsten Morgen war die Plane sauber, der vermeintliche Ölfleck war wohl doch nur geschmolzenes Schmutzwasser gewesen. Aber wie lange wird er es noch machen? Ungewiss.

Brummi hat beide Mädchen aus der Geburtsklinik abgeholt und bringt sie bis heute täglich in die Kita und zur Schule. Er hat die Familie in zahlreiche Urlaube bis nach Dänemark und Kroatien getragen und schleppt zuverlässig jede noch so schwere Last, egal ob Großeinkauf oder Kanus.

Darf ich ehrlich sein? Ich stelle mir manchmal einen neuen Ford Focus vor oder einen Volkswagen Tiguan. Ich träume heimlich von einem Porsche Cayenne oder, je nach Stimmung, von einem elektrischen Tesla. Meine Kinder aber können sich kein anderes Auto als Brummi vorstellen. Ihr Plan ist, ihn irgendwann auf einem Schrottplatz abzustellen um ihn täglich zu besuchen.

Und wie es eben so ist, wenn Liebe im Spiel ist, entdecken meine Mädchen Eigenschaften an ihm, die anderen wohl nicht auf Anhieb ins Auge fallen. „Brummi ist doch super! Er ist schon so alt und fährt immer noch!“ Das nenne ich mal eine Sichtweise. Was für andere Autos selbstverständlich ist, wird für Brummi zum Alleinstellungsmerkmal.

Ein Wirtschaftsingenieur, Doktor und Staatssekretär a. D. sagte kürzlich zu mir sinngemäß, wie blöd doch die Wirtschaftswissenschaften seien. Diese meinen, alles über den Preis und über Währungshebel beeinflussen zu können. Die Sozialwissenschaften hingegen, so sagte er weiter, würden anerkennen, dass es Liebe gibt. Dass Menschen also von ganz anderen Motivationen angetrieben sind, als nur der Suche nach dem eigenen Vorteil.

Er hat Recht. Unser Auto lohnt sich wirtschaftlich schon lange nicht mehr. Es muss Liebe sein.

Allen Lesern, die meinem Blog bis hierhin gefolgt sind, wünsche ich für das kommende Jahr, dass sie viel Liebe geben und erhalten.

Nachtrag

Die Wirtschaftswissenschaften sind unter allen Gesellschaftswissenschaften diejenige, die Einflussfaktoren wie zum Beispiel „Liebe“ am wenigsten anerkennen – so habe ich den mir bekannten und von mir hoch geschätzten Wirtschaftsingenieur hoffentlich besser wiedergegeben, er bat mich zu Recht um Präzisierung. Und „blöd“ kommt natürlich von mir, das käme ihm niemals über die Lippen.
😉

Es muss Liebe sein (1)

Eine Weihnachtsgeschichte

Mach weiter, Lisa!

Bad Wimpfen ist ein verschlafenes Nest in der schwäbischen Provinz. Jahrhunderte alte Fachwerkhäuser lehnen sich aneinander um nicht auf der Stelle umzufallen, die wachsende Zahl der Rentner und die immer weniger werdenden Kurgäste tun es ihnen nach.

Hier in Bad Wimpfen lebt und arbeitet das Ärzte-Ehepaar Al Khoudri, genauer gesagt Dr. Christiane Krestel Al Khoudri und ihr syrischer Ehemann Dr. Bassam Al Khoudri. Der Großteil der Familie lebte bis vor kurzem noch nahe Damaskus und konnte dort nicht mehr sicher zur Arbeit und zur Schule gehen. Für die Al Khourdris in Bad Wimpfen gibt es seit zwei Jahren nur ein Ziel: die Familie zu retten. Bassam Al Khoudri und seine Frau setzten sich mit Behörden in Verbindung, kämpften um Einreisgenehmigungen und unterschrieben, für alle aufzukommen. Die Geschwister Bassams durften dann tatsächlich nach Deutschland einreisen, mit Ehepartnern und ihren minderjährigen Kindern, im November 2013 kam der erste Teil der Familie, bis heute sind es rund 40 Personen. 40 Menschen sind gerettet vor Krieg und Zerstörung, aber es sind eben zu viele, um von einem Ehepaar in Würde untergebracht, versorgt und versichert zu werden.

Seit die Al Koudris mit Wohnraum und Geld an ihre Grenzen kommen, sammelt die Stadt Spenden, veranstaltet Abende und räumt ungenutzten Wohnraum leer. Mit den Spenden der 2.800 köpfigen evangelischen Gemeinde konnte die Miete für ein ganzes Haus bezahlt werden in dem ein Teil der syrischen Großfamilie lebt. Es gibt Hausaufgabenhilfen und Deutschunterricht, die 14-jährige Maria konnte so bereits von der Hauptschule auf das örtliche Gymnasium wechseln. Zurzeit wird ein weiteres, leerstehendes Haus ausgeräumt und um eine zweite Küche erweitert. „Unsere Syrer“ ist in Bad Wimpfen inzwischen ein geflügeltes Wort.

Lisa aus Bad Wimpfen, 16 Jahre alt, wollte einen Schritt weitergehen. „Die Al Khoudris sind in Sicherheit, auch wenn ihre Situation schwierig ist. Aber was ist mit den Menschen, die noch auf der Flucht sind, oder untergekommen in einem türkischen Zeltlager?“ Lisa wollte helfen, konnte mit Spenden aber nicht dienen. Sie kann aber Geige spielen, und wer musiziert, ist damit meistens nicht allein. So veranstaltete sie mit Hilfe der evangelischen Kirchengemeinde einen Abend, zehn Musiker und ein Chor. Auch die Al Koudris waren dabei, es kamen 767,70 Euro zusammen, die umgehend gespendet wurden.

Benefizkonzert

Lisa ist nun enttäuscht, weil der Abend nur von 60 Personen besucht wurde, sie hatte mit mehr gerechnet. Ich finde 60 Menschen sind viele.

Mach weiter, Lisa! Mach gemeinsam mit der Kirche eine monatliche Veranstaltung daraus. Selbst wenn nur hundert, nur fünfzig Euro zusammen kommen, es lohnt sich. Und ich glaube, es wird eher mehr, als weniger Geld. Ich glaube, dass viele Menschen helfen wollen, aber keinen Ansatz finden. Ein monatliches Konzert, bei dem wir spenden und gleichzeitig Menschen treffen können. Menschen, die helfen wollen und Menschen, denen geholfen wurde – was gibt es besseres? Mach weiter Lisa!

Bunt und farbenfroh

Ich widme meine Weihnachtsgeschichte Anna Schmidt, die ich hoch schätze. In ihrem Blog „Bunt und Farbenfroh“ sorgt sie sich um den Zustand unseres Landes und um die Zukunft ihres Neffen, angesichts einer scheinbar breiten, fremdenfeindlichen Haltung, die es auf die Straße zieht, und die sich den Namen Pegida gibt („Unter der Mütze versteckt“ von Anna Schmidt).

Liebe Frau Schmidt, auch in mir weckt es Angst und Unbehagen, wenn, wie ´33, ein Sündenbock gesucht, gefunden und angefeindet wird. Aber im Unterschied zur finstersten Stunde unserer Geschichte gibt es heute tausende von Gegendemonstranten. Es gibt einen Bundespräsidenten, der in seiner Weihnachtsansprache zu Hilfe und zu Unterstützung für Flüchtlinge aufruft. Es gibt einen Twitter Shit Storm GEGEN Pegida, der jeden Montag zu einem Orkan anschwillt. Und es gibt Lisa, die stille Demonstrantin. Es gibt sie in Bad Wimpfen, in Berlin Steglitz und überall dort, wo Menschen helfen, spenden und gemeinsam Willkommen heißen.

Das alles wissen Sie, liebe Frau Schmidt, besser als ich, denn sie engagieren sich ja selbst. Sorgen sie sich nicht um das Wohl Ihres Neffen, er wächst hinein in eine bunte und bewegte Gesellschaft. Nicht „die Ausländer“, Menschen anderer Hautfarbe oder „anderen Glaubens“ (was soll das überhaupt sein?) sind die Minderheit – sie sind längst diejenigen, die unsere gemeinsame Zukunft mitschreiben. Die Minderheit, die wir wohl zähneknirschend tolerieren müssen, weil es sie immer geben wird, sind die Pegida Anhänger. Aus dieser Position heraus gehen sie auf die Straße, sie verlieren den Boden unter den Füßen. Und das ist gut so, die allermeisten von denen werden sich wieder beruhigen und unsere Welt so akzeptieren, wie sie ist: bunt, farbenfroh und einzigartig.


Lisa ist übrigens die Enkelin von Opa Oskar, dessen Flüchtlinggeschichte von ´44 ich hier bereits beschrieben habe. Sie sieht da keinen Zusammenhang. Ich denke, hier schließt sich ein Lebenskreis.

+++ Aktuelles +++

Hartmut Mehdorn und die Geiseln von Sydney

Hartmut Mehdorn prangt heute auf jeder zweiten Titelseite am Zeitungskiosk: „Mehdorn zwei Jahre eher fertig“, „Abflug Mehdorn“ lauten die Schlagzeilen. Der Arme! Hohn und Spott sind ihm zumindest heute während des ganzen Tages sicher. Die Titelseiten sind wie Steckbriefe, der Kiosk ein Pranger.

Mehdorn wird dafür sicher gut bezahlt und, viel wichtiger, er wusste genau, worauf er sich einlässt, er hat sich selbst für dieses Geschäftsmodell entschieden, mein Mitleid ist echt, aber begrenzt. Die Geiseln von Sydney haben diese Entscheidung nicht getroffen, aber auch ihre Gesichter sind abgebildet: Eine Frau, die Arme erhoben, Todesangst im Gesicht. Daneben ein Mann, ebenfalls in der „Hände hoch!“ Stellung der Bedrohten, sein Gesicht zeigt keine Regung. Was mag gerade in ihm vorgehen?

Ich bin kein Anwalt (aber unter anderem Fotograf) und weiß doch: Persönlichkeitsrechte an Bildern sind eindeutig definiert. Wer Kanzlerin oder Flughafenchef werden will, der gibt diese Rechte zumindest in der Dienstzeit quasi an der Garderobe ab, er kann sie sich nach Feierabend wieder abholen.

Wer in Sydney entführt, bedroht und gedemütigt wird, verliert offenbar auch seine Rechte am eigenen Bild. Das macht mich wütend. Überwiegt hier etwa mein Interesse an der Sensation? Oder ist Australien einfach so weit weg, dass es egal ist. Die abgebildete Frau jedenfalls kann sich, wenn sie den Schock verarbeitet hat, schon mal darauf einrichten, ewig „das Geiselopfer von Sydney zu sein“. Berliner Zeitung, Tagesschau App – Euch habe ich im Abo, weil Ihr seriös und anständig seid, heute liegt Ihr leider voll daneben.

P.S.: Die klassische Tagesschau um 20 Uhr verfremdete die Bilder derer, die gequält wurden. Der Informationsgehalt war unberührt. Danke dafür.

Exotische Gerichte:

Wiener Schnitzel

An dieser Stelle mein Geständnis: ich liebe Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Zur Erklärung, Wien ist die Hauptstadt der „Österreicher“, eines Bergvolkes, das seit Jahrhunderten inmitten der Alpen lebt und dem mächtigen Gebirge abtrotzt, was geht. Und weil sich der Österreicher nicht zuletzt der Aufzucht und Weiterverarbeitung von Rindvieh widmet, gibt es diese hervorragende Spezialität, das in Brotkrumen panierte Kalbsschnitzel. Sie sehen, ich mag’s exotisch.

Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Dazu esse ich Bratkartoffeln. Nie gehört? Die Kartoffel (Solanum tuberosum) ist eine Südamerikanische Wurzelknolle, die in Europa spätestens seit dem 16. Jahrhundert zu Hause ist. Der Lateiner nennt sie respektvoll „Trüffel“, während der Brandenburger seine ablehnende Haltung mit der Bezeichnung „Nudel“ unterstreicht. Dem weltoffenen Rest Deutschlands jedenfalls steht das gesunde und schmackhafte Gemüse in zahllosen Variationen zur Verfügung. Und mir eben gebraten. Ein Restaurant, das mit dem Slogan „Gute deutsche Küche“ für sich wirbt, ist vor mir nicht sicher, denn ich weiß: hier ist die Welt nicht nur zu Gast, sondern zu Haus.

Kultur ist ein dynamischer Austauschprozess, zu dem ich meinen Teil beitrage, indem ich mir möglichst häufig Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln schmecken lasse (am liebsten auf Einladung, Kalbsschnitzel ist nicht billig).

Wesentlich fundierter, ernsthafter, liebenswerter und wirksamer betreibt dies auch eine Gruppe von Studentinnen und Studenten der FU Berlin. Sie stellt in ihrem Kochbuch „Über den Tellerrand kochen“ die Lieblingsrezepte und die Geschichten von Menschen vor, die in Deutschland ein neues Zuhause suchen und erzählt dabei von einer Gesellschaft, die zusammenwächst. Gemeinsam möchten sie die Sichtweise auf die Themen Asyl und Flucht nachhaltig verändern.

Bild 2

Bild 1

„Deutschlandweit haben wir Einheimische und Flüchtlinge über das Kochen zusammengebracht. Das Feedback war enorm. Aus dem kleinen Aufruf wurde eine richtige Bewegung! Die dabei entstandenen Originalrezepte und die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge haben wir zusammengetragen. Daraus soll nun ein außergewöhnliches Rezeptbuch entstehen“ schreibt die Gruppe in ihrem Aufruf. Die Crowdfunding-Phase ist inzwischen erfolgreich abgeschlossen, die Resonanz war überwältigend, statt der erhofften 18.000 Euro sind fast 40.000 zusammengekommen. „Mit unserer bisher einzigartigen „Mach-Mit“ Aktion haben wir ganz Deutschland Flüchtlinge und Beheimatete zusammengebracht. Aus dem Aufruf von 5 Studenten wurde schnell eine deutschlandweite Bewegung. Überall fingen Menschen an, miteinander zu kochen.“
 
Bild 3

Das Ergebnis liegt vor, es ist ein Buch voller Rezepte und Geschichten aus aller Welt.

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Und noch einmal die Autorinnen und Autoren selbst: „Dieses Buch ist mehr als ein gewöhnliches Rezeptbuch. Es ist mehr als ein buntes Potpourri aus internationalen Originalrezepten. Es ist mehr als eine Sammlung von Erfahrungen der Menschen, die in Deutschland ein Zuhause suchen. Es ist mehr als die Geschichte von Leuten, die ihre Mitmenschen willkommen heißen. Es ist mehr als eine Summe von Begegnungen zwischen Personen unterschiedlicher Kulturen. Es ist die Dokumentation einer Gesellschaft, die zusammenwächst. Entstanden aus einem Aufruf, der Menschen verschiedenster Kulturen zum Kochen zusammenführte – weiter getragen durch all jene, die das Thema Asyl aus einem anderen Blickwinkel betrachten möchten – ermöglicht durch Dich. Die Erfahrungen aus über 30 Kochbegegnungen, die Rezepte aus aller Welt und die ganz persönlichen Geschichten der Flüchtlinge haben wir in diesem Buch zusammengefasst, um noch viele andere zu inspirieren aufeinander zu zugehen. Koch‘ auch Du über den Tellerrand und trage damit bei zu einem besseren WIR.“
 
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Und für alle, die noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, ist es sicherlich mehr als eine Verlegenheitslösung. Es ist eine Einladung.

Darauf einen Dujardin

Nach meinem letzten Erfolgsartikel „Die im Hinterhof Gras fressen“ widme ich mich an dieser Stelle also schon wieder einem kulinarischen Thema. Koch-Blogs sollen ja gut gehen. Da wo die Kartoffel vor 500 Jahren herkam nennt man das Wiener Schnitzel übrigens „escalopa kaiser“.

Sozialarbeit

Die im Hinterhof Gras fressen

Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. trägt Verantwortung für rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Verein betreibt Kitas, Schulhorte, Jugendprojekte und macht generationsübergreifende Angebote. Einnahmen aus sicheren Geschäftsfeldern fließen gezielt in Projekte, die finanziell anders keine Chance hätten: ein Beispiel von vielen ist das Kinderrestaurant Lichterfelde, in dem eine volle Mahlzeit schon für 1,- Euro zu haben ist, Kochkurs inklusive.

Die aktuelle Stellenanzeige für eine dringend gesuchte Kitaleitung klang überraschend selbstbewusst. Tenor: Achtung, lieber nicht bewerben – es sei denn, Sie zählen zu den Besten, denn nur die wollen wir. Im folgenden wurde die Haltung ausführlich erläutert mit der besonderen Verantwortung, die ein Träger von Kinder- und Jugendangeboten für seine Kunden trägt.

Darf der das? Das fragten sich offenbar nicht wenige Leserinnen und Leser, und beantworteten diese Frage gleich selbst und heftig. Thomas Mampel berichtet in seinem Blog von Beurteilung „nicht menschenfreundlich“, „unsympathisch“ und „neoliberal“. Mampel schreibt weiter: „…einer ( der sich selbst zu den “allerbesten” seines Berufsstandes zählt) würde sogar lieber “im Hinterhof Gras fressen, als für mich zu arbeiten – die Schimpfwörter lasse ich hier lieber weg”. Guten Appetit.

Ich bin nicht Bruegel, möchte an dieser Stelle aber zwei Bilder nebeneinander entwerfen: der Geschäftsführer eines wirtschaftlich stabilen mittelständischen Betriebes der Kettensägenbranche fährt Audi A8, veröffentlicht stolz seine Quartalsbilanzen (und die seiner Mitarbeiter) mit stetig steigenden Umsätzen und Renditen und sagt: „Bei uns arbeiten nur die Besten“. Völlig normal.

Entnehmen wir diesem Gemälde die industrielle Ausrichtung und ersetzen sie durch etwas, was ungleich wichtiger ist als Kettensägen, nämlich Lebensvorbereitung, Stabilisierung von Persönlichkeiten, Bildung und Sozialarbeit – dann wirkt die Orientierung am Erfolg plötzlich unanständig. Nicht nur den scharfen Kritikern wird es so gehen, ganz ehrlich, die meisten von uns werden spontan die Begriffe „Erfolgsorientierung“, „Elite“ (genau das sind „Die Besten“) einerseits, und „Inklusion“ und „Sozialarbeit“ andererseits nicht unter einen Hut bekommen. Auch mir geht es so.
Das sind dann allerdings genau die, die doof aus der Wäsche gucken, wenn die Kitaleitung eines Tages mit jemandem besetzt wird der, zum Beispiel, körperlich stark beeinträchtigt ist. Ein Rollstuhlfahrer gar? Eine Blinde oder Hörgeschädigte? Aber es war doch von „den Besten“ die Rede…?!

Wer allzu heftig kritisiert, sagt oft auch viel über sich selbst und seinen Blick in die Welt. Von „Wertschätzung“ ist in der Stellenanzeige die Rede, von „Offenheit“ und von „Vertrauen untereinander“. Was spricht eigentlich dagegen, hier die allerhöchsten Maßstäbe anzusetzen? Es entspricht ziemlich genau dem, was ich erwarte, wenn ich die beste Kita für mein Kind suche.

Noch ein zweiter Aspekt ist mir nicht weniger wichtig: die Ansprüche an Sozialunternehmen sind hoch, und das ist gut so. Allerdings werden sie zur Zerreißprobe, wenn wir unterschiedliche Maßstäbe an klassische Branchen und an Sozialbetriebe anlegen. Organisationen der Sozialarbeit sollen, um Steuergelder zu sparen, profitabel arbeiten – aber auf keinen Fall profitorientiert. Darüber hinaus sollen sie bitte in Bezug auf Immobilien, Firmenfahrzeuge und andere notwendige Ausgaben bescheiden sein – aber bitte ebenso erfolgreich wie Bosch, Siemens oder der Kettensägenexporteur Stihl. Viele Unternehmen der Sozialarbeit – also Anbieter von gesellschaftlich lebenswichtigen Kernleistungen wie Bildung, Betreuung und Begleitung – sind angesichts völlig veränderter Rahmenbedingung verunsichert. Was dürfen wir? Was sollen wir? Was wird von uns erwartet?

Einen Vortrag zum Thema „Social Entrepreneurs“ hatte ich mal unter das Motto gestellt: „Was Siemens von der Kita um die Ecke lernen kann“, nämlich Dialogfähigkeit und eine unvergleichbare und sehr direkte Nähe zum Kunden. Und was kann die Kita von Siemens lernen? Vielleicht allerhöchste Ansprüche an seine Mitarbeiterschaft zu stellen? Eher nicht, ich weiß nämlich zufällig, dass eben dies in den Kitas des Stadtteilzentrum Steglitz sowie in vielen anderen privaten, städtischen und kirchlichen Kitas längst üblich ist. Nur sagen darf man’s offensichtlich nicht.

Zum Nikolaustag

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In der Zeit, als Nikolaus bereits Bischof von Myra war, brach eine Hungersnot über das Land herein, es hatte zu lange Zeit nicht geregnet. Es ergab sich aber, dass ein mit Korn voll beladenes Schiff im Hafen anlegte. Die Rettung? Mitnichten!

Der Kapitän war nicht bereit, auch nur einen einzigen Sack Getreide herauszugeben. Er stand selber unter Druck: seine Rederei unterstand dem Kaiser – sollte er sich des Diebstahls schuldig machen und die Todesstrafe riskieren?

Da wurde der Bischof selbst bei ihm vorstellig. Auch er hatte eine höhere Autorität mitgebracht: Gott. Und er gab im entscheidenden Moment dem Kapitän ein gewagtes Versprechen: wenn die Bewohner von Myra ein paar Säcke von Bord tragen dürften, dann würde am Ende doch nicht ein einziger Sack an der Ladung fehlen: „Ihr könnt den armen Menschen ruhig etwas abgeben. Keiner von euch kommt ins Gefängnis oder wird getötet. Ihr könnt mir vertrauen.“ Er versprach nicht weniger als ein Wunder. War es Verzweiflung, oder der Glaube an seinen Dienstherren?

Der Kapitän jedenfalls gab nach und lies ordentlich Korn vom Bord tragen. Und als das Schiff später Konstantinopel erreichte, da fehlte tatsächlich kein einziger Sack.
Heute würde hoffentlich eine Telefonkonferenz zwischen Kapitän, Bischof und Kaiser die Situation schnell und einvernehmlich klären, damals aber war der Kapitän in der furchtbaren Situation, sich zwischen dem Tod vieler Menschen und seinem eigenen entscheiden zu müssen. Er ging ein hohes persönliches Risiko ein. Und Gott? Der ist eigentlich immer zugeschaltet. Er schenkt uns das Wunder, dass Getreide sich von selbst vermehrt, jeden Tag. Das ist für mich der Kern der Geschichte: Getreide wird mehr, je öfter Menschen es untereinander teilen. Die Geschichte vom Bischof Nikolaus und dem mutigen Kapitän ist auch eine Geschichte der Nachhaltigkeit.

P.S.: Teilen Sie gerne diesen Artikel. Auch er wird nicht kleiner dadurch sondern vermehrt sich – Wunder der Technik!
😉

Syrien ist das neue Schlesien

Mein Schwiegervater Oskar ist ein rechtschaffener Mann. Er war in seinem Leben überaus fleißig und wahrscheinlich meistens ehrlich. Opa Oskar (wie er seit ich zwei Kinder habe bei uns heißt) bewohnt mit seiner Frau ein Haus in Schwaben und fährt Volkswagen. Er hat insgesamt acht Enkelkinder. Die schlichte Tatsache, dass meine Kinder sich im Leben sicher fühlen können, hat auch mit ihm zu tun: würde meiner Frau und mir etwas zustoßen, müssten meine Mädchen doch nie wirtschaftliche Not fürchten. Opa Oskar ist ein Rückgrat für die aus seiner Sicht dritte Generation.

Oskar ist gut integriert in unsere Gesellschaft. Das ist nicht selbstverständlich, denn er ist ein Flüchtling. 1945 floh er als siebenjähriger mit seinen Eltern, einer Schwester und anderen Familienmitgliedern aus Schwarzwasser nach Deutschland, um in Baden-Württemberg neu anzufangen. Wie ihm ging es Millionen anderen, sie kamen aus Schlesien, Pommern und anderen Gebieten Mittel- und Osteuropas. Wo die Flüchtlinge ankamen, waren sie Belastung: Lager mussten aufgebaut, Menschen versorgt werden. Mit den Jahren aber änderte sich das Bild, die meisten von ihnen waren echte Anpacker und kämpften verbissen darum, ihr Leben neu zu sortieren. Heute funktioniert Wirtschaft oft dort besonders gut, wo nach dem Krieg viele Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)
Opa Oskars Eltern in der alten Heimat: Emma und Oskar (Senior)

Ich kenne weitere Geschichten, zum Beispiel die von Peter Brundke. Er kam 45 mit seinen „vier Müttern“ (seine Mutter und drei Tanten) aus dem heutigen Polen, er war damals 14 Jahre alt. Die Brundkes waren, wie alle Flüchtlinge, nicht gern gesehen und wurden ordentlich beschimpft. Die Angst der eingesessenen Anwohner: das Wenige, was 1945 da war, muss jetzt auch noch geteilt werden. Untergebracht wurde die Familie in einer Baumschule in Berlin Gatow. „Damit war mein Berufswunsch erledigt – ich wurde Gärtner“. Heute wird das „Garten- und Landschaftsbau Unternehmen Brundke und Thürmann“ erfolgreich in dritter Generation geführt und beschäftigt zahlreiche Angestellte.

Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)
Die damalige Baumschule Gatow (das sogenannte Gesindehaus)

Welche Chance geben wir einer syrischen Familie, nennen wir sie Al Sayed, sich ein neues Leben aufzubauen. Und welche Chance geben wir uns? Wird es in 40 Jahren eine Landschaftsgärtnerei Al Sayed in Berlin geben, mit vielen Angestellten? Oder ein IT Unternehmen? Menschen in aussichtslos erscheinenden Situationen haben allen Umständen zum Trotz oft erstaunlich viel Kraft, Mut und Zuversicht. Wie viel haben wir?

Politik und Management

Flüchtlinge willkommen

Heute in der Süddeutschen Zeitung lesen wir das erstaunliche Interview mit Oliver Junk, dem Oberbürgermeister von Goslar.

Gestern durfte ich für 20 Führungskräfte im Sozialbereich einen Impulsvortrag zum Thema Zielorientierung halten und warb dafür, Störungen von Außen auch auf ihr Chancenpotential zu überprüfen.

Und was macht Oliver Junk? Eben genau das. Während Kommunen über die finanziellen Belastungen stöhnen, die die Unterbringung von Flüchtlinge mit sich bringt, will der Bürgermeister von Goslar gern noch mehr Menschen in der Stadt im Harz aufnehmen. Er bewirbt Goslar ausdrücklich. Und das, obwohl die Stadt immer weniger Geld hat, sie liegt in einer wirtschaftlich schrumpfenden Region. Oder gerade deshalb?

Wenn der Kühlschrank, der meinen Mittelvorrat enthält, mit den Jahren immer schlechter gefüllt ist, kann ich Leute einladen, die was mitbringen: Motivation, Lebenserfahrung, Kinder, Perspektiven. Nun muss ich allerdings Rahmenbedingungen schaffen, ein Flüchtlingslager und Arbeitsverbot sind eher schlechte Vorraussetzungen. Junk wirbt für die dezentrale Unterbringung in der ganzen Stadt und denkt, dass Betriebe, Vermieter, Geschäfte und Schulen langfristig profitieren können. „Flüchtlinge sind eine Bereicherung für uns“. Den Mittelvorrat wieder wachsen lassen. Dazu passen aktuelle Studien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung über einen stetig steigenden Bildungsstand von Immigranten.

Junk weiß, seine wichtigsten Partner sind die Bürger der Stadt. Gefragt ob die seine Ideen mittragen, antwortet er: „Das weiß ich noch nicht“ – wie mutig und ermutigend! Ich habe diesen schlichten Satz schon oft gehört, aber noch nie aus der Politik. Sind wir es doch bis dato gewohnt, dass Mutti und Papi immer alles wissen. Die aktuelle Richtungsanweisungen tun sie dann kund, indem sie diese wahlweise in volle Säle brüllen (CSU), mit sonorer Stimme und skeptischer Mine in einen Mikrofonwald diktieren (SPD), den Pressesprecher oder Staatssekretär verkünden lassen (CDU) oder, wie bei den Grünen, gegensätzliche Positionen von unterschiedlichen Personen in schneller Abfolge quasi im Dialog mit sich selbst verkünden.

Junk ist verdammt mutig. Und her hat ein Rückgrad – 2013 wurde er mit 93,7 Prozent wiedergewählt.

Lineares Denken lässt sich kurieren

Unbenommen: Berlin hat andere Voraussetzungen als Goslar. Aber haben wir in Berlin die Kraft zu sagen: wir gucken mal, wie die das in Goslar machen? Liegen uns New York und Amsterdam wirklich so viel näher?
Wenn ich morgens aufstehe, will ich vor allem eins: das es heute ungefähr so läuft wie gestern. Unangenehme Überraschungen wollen wir alle am liebsten vermeiden. Dabei wissen wir alle, die Überraschungen kommen auf jeden Fall. Und Meister Oogway aus „Kung-Fu Panda“ sagt: „Es gibt keine guten oder schlechten Nachrichte, es gibt nur Nachrichten“. Entscheidend ist, was wir draus machen.
Wir wünschen uns unser Leben als linearen Verlauf und wollen Störungen vermeiden. So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlauf unserer Lebenslinie gerade bleibt, von der Vergangenheit über heute in die Zukunft. Kontinuität ist wichtig, um Leben gedeihen zu lassen.

An den Umgang mit Impulsen von Außen aber zeigt sich, wo das Leben uns noch hinführen kann. Oder an welche Orte wir uns und andere führen können. Gestern Abend saß ich mit jungen Menschen aus der Ukraine zusammen, Menschen, die gerade dabei sind, ihr Land zu verlieren. Sie promovieren, verbereiten Optimismus und Spaß, erzählen von gestorbenen Freunden, vom Krieg und von deutsch-rumänisch-ukrainischen Projekten, für die sie brennen. Sie lachen offenen Herzens zum Abschied und luden mich an ihre Universität ein, auf die sie so stolz sind. Über lineare Lebensträume würden sie wahrscheinlich nur staunen, sie sind längst woanders.

Sie ahnten wohl nicht, welche Inspiration und Bereicherung sie an diesem Abend – und darüber hinaus – sie für mich waren. Danke.

Delegation

Stoßseufzer

Die Wiege der Menschheit

Die Wiege der Menschheit liegt bekanntlich in Südafrika. Die Wiege der Elektromobilität liegt am Bahnhof Lichterfelde-Ost, im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf.

Werner von Siemens stellte zunächst 1879 noch in Moabit das erste Schienenfahrzeug der Welt vor, dessen Elektromotor seinen Strom von Außen geliefert bekommt – eigentlich eine abwegige Idee. Bei einer Leistung von 3 PS wurde mit einem 150 Volt Gleichstrommotor eine Geschwindigkeit von 7 km/h erreicht. Prototypen spielen heute mehr denn je in der Entwicklung technischer Lösungen eine zentrale Rolle.

Nach dem Prototyp kam die Testphase, und die spielte sich tatsächlich in Lichterfelde ab. Auf einer stillgelegten Gütertrasse wird eine Versuchsstrecke angelegt, am 16. Mai 1881 nimmt die erste elektrische Straßenbahn der Welt ihren Betrieb auf. Der Triebwagen konnte 20 Personen mit einer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h transportieren. (Eine Tafel der S-Bahn Berlin und der Stiftung „Werner-von-Siemens-Ring“ am Bahnhof Lichterfelde Ost weist auf die Geschichte hin.)

Auch die Entwicklung elektrischer PKW begann um diese Jahrhundertwende, es entstanden die „Lohner-Porsche“, Fahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb in den Lohner-Werken. Die Fahrzeuge wurden von Ludwig Lohner und Ferdinand Porsche entwickelt und waren mit Otto- und Elektromotor ausgestattet. Der Mixte-Wagen war ein Fahrzeug mit Hybridantrieb und wurde 1899 zum ersten Mal gebaut.

Heute ist im Land der Elektromobilität nicht allzu viel los, jedenfalls nicht auf den Straßen. Wer im E Mobil von Hamburg nach München fährt, dem stehen zwar Informationen über Ladesäulen zur Verfügung, nicht aber darüber, ob diese gerade frei sind (ein Ladevorgang kann mehrere Stunden dauern). Die deutsche Industrie mauert bei der Einführung einheitlicher Stecker-Standards (mein VW Golf muss doch auch keine VW-Tankstelle finden!) und es hapert bei der flächendeckenden Einführung eines Zapfsäulensystems. Absurd, denn Strom ist, im Gegensatz zu Benzin, bereits da vorhanden, wo Straßen, Laternen und Menschen sind – also praktisch überall. Das Unternehmen Ubitricity muss aber sehr kämpfen, um ihre einfachen und kostengünstigen Lade- und Bezahlsysteme an Laternen installieren zu dürfen.

Ich hoffe inständig, dass wir diese Chance als gemeinsame Möglichkeit begreifen. Ich appelliere an die Bundesregierung und ihre untergeordneten Verwaltungseinheiten, an die Anbieter von Fahrzeugen und Infrastruktur, an Konsumenten und andere Parteien: Die USA überholen uns auf der einen Seite, China auf der anderen, Norwegen wartet schon im Zielbereich (zum Thema Oslo und E Mobilität mehr in diesem Blog). Es kann doch nicht so schwer sein!

Kommentar:

Du Arschloch!

Eine Selbstanzeige

Würden wir heute die Wahl zum (sagen wir mal um Beleidigungsklagen zu vermeiden) „Underperformer“ der Woche austragen, dann hätten die folgenden Bewerber herausragende Chancen:

Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)
Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Johannes Teyssen (Eon), Jeff Bezos (Amazon)

Europäische und amerikanische Firmen haben Luxemburg als gedeihliche Umgebung für ihr höchstes Gut entdeckt: ihr Geld. Über komplexe und eigens mit den luxemburgischen Behörden ausgehandelte Firmenkonstrukte zahlen sie im Extremfall weniger als ein Prozent Steuern – das fand ein internationales, jounalistisches Recherchenetzwerk heraus (Luxemburg Leaks, SZ).

Nun gab es ja schon immer Unternehmen und Menschen, die meinten, Steuern zahlen reicht als Engagement fürs Große Ganze vollkommen aus, aber einigen scheint selbst das zu viel geworden zu sein. Gleichzeitig fordern ihre Verbände aber mehr öffentliche Ausgaben für wichtige Infrastruktur wie Datennetzwerke und Transportsysteme – das passt nicht zusammen!

Und es gibt noch einen Kandidaten. Er bestellt regelmäßig Bücher und andere Produkte bei Amazon und steht seit Jahren auf Apple Computer. Bei jedem Klick auf „Kaufen“ denkt er: „Ich bin ja nur einer von Millionen und kann die Welt nicht ändern“. Ich schaue ihm jeden Morgen beim Blick in den Spiegel in die Augen. Du Arschloch!

Geben und nehmen

Die Frage, ob Anbieter oder Kunden für ihre gemeinsame Welt verantwortlich sind ist obsolet. Jeder hat seine Rolle und ist verantwortlich dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen: Unternehmen, Konsumenten, Gesetzgeber, Verbände – letztlich aber jeder Mensch.
Berliner sind von dem oben beschriebenen Modell doppelt betroffen: Bei Hauskäufen werden normalerweise Grunderwerbssteuern fällig, die dem Bundesland zugute kommen. Die Stadt Berlin hat über ihre Wohnungsbaugesellschaften aber Häuser nach Luxemburg verkauft, der Kauf lief dann steuerfrei. Den Berlinern entgeht Geld, das die Stadt gut gebrauchen könnte. Und die Mieter haben jetzt einen Hausbesitzer, der sich erfahrungsgemäß wenig um ihre Belange kümmert: eine luxemburgisch-kanadische Holding. Na vielen Dank! (NDR zum Thema)

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich gönne jedem seinen Reichtum, wenn er ihn sich erarbeitet, ererbt oder im Casino gewonnen hat, von Herzen. Aber die beschriebenen Modelle sind in meinen Augen, auch wenn sie nach luxemburgischen Gesetzen legal sind, Betrug. Und zwar an allen, die Steuern zahlen, die arbeiten und auch an denjenigen, die das Geld dringend benötigen: Kinder, Jugendliche, Studenten, Forscher, syrische Kriegsflüchtlinge sowie jeder Mensch, dem der öffentliche Raum nicht vollkommen egal ist. Leben hat etwas zu tun mit Balance aus Geben und Nehmen.

Briefe ans Management, Einführung

In eigener Sache

Liebe Leserin, lieber Leser,

ab heute mach‘ ich HOME Office.

Die letzte Veröffentlichung dieses Blogs liegt rund ein halbes Jahr zurück. Ich habe in dieser Zeit Inspiration gesammelt, Unternehmen, Startups und – vor allem – interessante Menschen kennen gelernt sowie – nicht zuletzt – ein Buch zu schreiben begonnen. Es heißt im Arbeitstitel „Liebes Management…“ und wendet sich an etablierte Unternehmen ebenso wie an Gründerinnen und Gründer, an kometenhafte Startups wie an langsam wachsende Growups, an Interessierte und Visionäre, an Manager, Mitarbeiter und Funktionäre – eben an alle, die von der Frage beseelt sind: Wohin geht die Reise?

Die Welt ist dabei, sich im Zuge der Digitalisierung neu zu erfinden. Die grundlegenden Umwälzungen liegen indes noch vor uns: jeder Lebensbereich wird in den nächsten zehn Jahren von neuen Arbeits- und Geschäftsmodellen beeinflusst. Als Konsumenten, Arbeitnehmer und Unternehmensverantwortliche sind wir bereits jetzt Teil dieser Prozesse – passiv oder aktiv.

Deutschland und Europa brauchen jetzt eine Managementwende, um den Anschluss an Unternehmen wie Apple, Google und Facebook nicht zu verlieren und um die Welt in Zukunft ebenso sehr wie in den vergangenen 50 Jahren mit gestalten zu können.

Aus Deutschland kommen zurzeit noch die meisten Autos und die besten Bohrmaschinen. Amerikanische und asiatische Firmen aber bieten ihren Kunden im Tausch gegen Geld und Daten immer neue, komplette Lösungspakete und Erlebniswelten in allen Lebensbereichen: Mobilität, Wohnen, Kommunikation – nichts bleibt unberührt. Die entscheidende Frage also ist: wie schaffen wir (als Weltmeister der Prozessoptimierung) die Wende zu mehr Eleganz und Entwicklungsgeschwindigkeit im Management? Was in Deutschland unter Management verstanden und praktiziert wird, lässt weder Entwicklungsgeschwindigkeit zu, noch bietet es die Strahlkraft, die Energie und die Eleganz, die ein Unternehmen braucht, damit seine Produkte weltweit auf dynamischen Märkten auch in Zukunft als unentbehrlich wahrgenommen zu werden.

In der neuen Blog Kategorie „Briefe ans Management“ werden die beschriebenen Fragen besprochen beziehungsweise beschrieben. Und immer wieder wird hierbei eine neue Managementperspektive eingenommen, die geeignet ist, unseren Blick nicht nur auf die wesentlichen Fragen zu lenken, sondern auch Antworten zu geben. „HOME Office“ heißt das neue Managementmodell, das im Zentrum des Buches steht und an dieser Stelle in den Briefen ans Management nach und nach beschrieben wird.

Bitte bleiben Sie dem Blog treu und tragen Sie sich als Abonnent ein, um zukünftig über neue Artikel auf dem Laufenden zu bleiben.

Vielen Dank und alles Gute für Sie und Ihre Projekte!

 

Herzlichst – Ihr Oliver Schmidt

 

In den Briefen ans Management geht es um…
  1. …eine Wende im Management
  2. …aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und unsere Rolle darin
  3. …Situationen, ihre Komplexität und die daraus resultierende vorhersagbarkeit von Zukunft
  4. …eine neue Sicht auf Personal und Persönlichkeit
  5. …die Implementierung von Nachhaltigkeit in Unternehmen

Korrekturen

Der erste Teil einer neuen Spiegelserie „Unsere digitale Zukunft“ ist lesenswert (Spiegel Nr. 15 vom 7. April 2014). Die Quintessenz: wachsende Serverkapazitäten, die wirklich alle Daten erfassen können, sowie die Mobilisierung unserer Endgeräte (aktuell das Smartphone, bald Brille oder Armbanduhr) verändern jeden privaten, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Aspekts unseres Lebens. Es ist möglicherweise mehr als der übliche Strukturwandel, der alle 10 bis 15 Jahre mal diese, mal jene Branche erfasst. Es ist eine Umwälzung wie die Zeit der europäischen Völkerwanderung, an deren Ende nichts so blieb, wie es vorher war. Allerdings in der Geschwindigkeit eines Tsunamis.

Unter dem Stichwort „Schöpferische Zerstörung“ etwa lesen wir, dass nach Dienstleistung und Handel bald auch Banken und Versicherungen ihr Gesicht, nein: ihr Wesen vollkommen verändern werden. Kam mir bekannt vor – und richtig: die Leser dieses Blogs wissen das spätestens seit den Beiträgen „Das nächste Große Ding“ vom 30. März oder „Kreative Zerstörung“ vom 26. Februar 2014.

Einen Blick in die Zukunft wirft der Spiegel auch, und schaut dafür von Silicon Valley aus, wo die großen der Kommunikationsbranche wie Facebook und Google ihre Hauptquartiere haben, in die Welt. Der Spiegel zitiert den ehemaligen McKinsey-Deutschaland Chef Henzler, der sagt, „…dass sich viele künftige Entwicklungen dort heute schon abzeichnen.“ Meint Heribert Henzer etwa die Avantgarde Märkte, also Märkte, die in ihrer Entwicklung voraus sind und in denen wir die Zukunft lesen können wie in einer Kristallkugel? Diese Märkte beschrieb dieses Blog als Ergänzungsvorschlag für die klassische Branchenstrukturanalyse in „Frischzellen für Porter“.

Und noch ein Wirtschaftspromi kommt zu Wort, Susanne Klatten, Gesellschafterin bei BMW. Die Autos von morgen nennt sie „Datenträger auf vier Rädern“. Erstens sind sie das längst, außerdem ist diese etwas müde Prophezeiung wohl vor allem geprägt von der Hoffnung nach Bestand. Dass Mobilität sich viel komplexer und vor allem in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln wird, steht im Blogbeitrag „Das unentdeckte Land – die Zukunft“. Mobilität wird eine Mischung aus Verzicht und gelenkter Zuteilung sein, aus öffentlichem Personenverkehr und unterschiedlichsten Sharing Systemen, aus Elektroverkehr, vor allem aber aus individuellen Kombinationen all dieser Komponenten.

An einer Stelle irrt der Spiegel höchstselbst, nämlich wenn er die Stärke von Facebook mit dessen Reichweite begründet. Sicher, eine Milliarde Nutzer hat kein anderes Produkt, mit dem Kauf von Whatsapp ist noch einmal die Hälfte hinzugekommen. Aber die eigentliche Stärke liegt in der Auflösung der Grenze zwischen Nutzer und Produkt. Das Angebot richtet sich hier nicht nach der Nachfrage, beide werden eins.

Ein Satz ist so schön, und so wahr, den muss ich unterstreichen, es ist der Schlusssatz: „Im Kern ist die neue Wirtschaft wie die alte. Nur schneller“

+++ Breaking News +++

Es gibt eine neue Kategorie im Blog: Aktuelles. Zu gerne schreibe ich über Dinge, die gerade anliegen, aber nicht die notwendige Aufmerksamkeit erfahren. Oder alle reden drüber, aber eine wichtige Perspektive fehlt: meine.

An dieser Stelle wurde schon einiges geschrieben über das Spannungsfeld aus stationärem Handel vom Tante Emma Laden bis zur Shopping Mall einerseits und dem explodierenden Sektor Online Handel auf der anderen Seite. Überlebenskampf hier, Wachstum dort.

Gestern eröffnete das „Bikini Berlin“, und dieses Projekt ist erstaunlich in mancher Beziehung. Vor allem sinnbildlich, war es doch bis vor kurzem noch eine heruntergekommene Ruine aus den 50er Jahren, völlig aus der Zeit gefallen, ein Echo des wirtschaftwunderlichen Konsumversprechens. Ein passendes Bild für den Zustand des Einzelhandels in Deutschland. Und eben jenes Haus wurde jetzt renoviert, wie man hört ordentlich aufgemotzt mit guten Ideen. Dachterrasse mit Blick in den Zoo, „Bikini Boxen“ geben temporären Minihändlern ein zu Hause, die angekündigte Eventkultur im Haus verdient möglicherweise sogar ihren Namen. Es geht eben nicht nur um „Shop until you drop“, sondern um Erlebnisse. Vielleicht sogar um mich? Das wäre das Optimum. Ich wünsche dem Bikini alles Gute und werde es mir demnächst mal live anschauen.

Dies ist ein Trend: was früher normal war ist heute gesucht. Der Bauer, der vor einem Jahrhundert seinen Mist aufs Feld fuhr um es zu düngen ist heute die Ausnahme, der „Bio-Bauer“, seine Produkte sind gefragt und sein Segment verzeichnet hohe Wachstumsraten. Verbraucher und Einzelhändler lernen gerade, welchen Luxus es darstellt, dass Tante Emma hintern Tresen steht und uns nicht nur Kartoffeln verkauft, sondern noch einen Rezeptvorschlag alter Schule mit auf den Weg gibt. Das Rezept könnte ich googeln, ihre Zuwendung nicht.

Der nächste spannende Termin ist heute: BMW Spandau war (und bleibt) zuständig für die Produktion schwerer Motorräder für alte Männer. Als heute früh aber die Bänder anrollten, startete zusätzlich die Produktion eines E-Rollers. Noch zaghaft: Zehn Mitarbeiter montieren zehn Roller am Tag. Nicht viel für ein Werk, dessen Tageskapazität bei 600 Motorrädern liegt, doch die Produktion kann jederzeit hochgefahren werden. Für 15.000 Euro gibt’s dann Fahrspaß mit gutem Gewissen, so zumindest lautet das Versprechen von BMW.

Die Entwicklung der Elektromobilität kommt in Deutschland nur zögerlich voran, mal abgesehen von der Straßenbahn – 1881 fuhr in Groß-Lichterfelde die erste „Elektrische“ der Welt. Mobilität in der Stadt wird bald eine Mischung aus öffentlichem Nahverkehr und E Mobilität sein. Ein spannender Prozess, an dem wir in Berlin hoffentlich weiter aktiv mitwirken.

Ebenfalls gestern: mein Seminar „Nachhaltige Kommunikation für Gründerinnen und Gründer“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Langer Atem im Aufbau von Kundenbeziehungen, Dialog und Zusammenarbeit statt Werbemonolog und in all dem auf Transparenz und Relevanz achten – das ist die Quintessenz eines spannenden Tages. Immer wieder besonders, Eberswalde.

Hochschule für nachhaltige Eberswalde
Der Dozent ’n Viertelstündchen früher, die Studenten ’n Viertelstündchen später – und dann passt’s

Zum Artikel „Hochschule mit Hirschgeweih“ über die HNE Eberswalde

„Herzlich willkommen Frau Präsidentin Park Geun-hye“

Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye wird heute zu einem Staatsbesuch in Berlin erwartet, sie trifft sich mit Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck. Ich heiße sie herzlich willkommen.

Was ich nicht willkommen heiße ist die befremdliche Kampagne, mit der Samsung – offenbar so etwas wie der südkoreanische Hoflieferant – den Besuch seit Tagen vorbereitet: Banner an Hausfassaden, Leuchtreklame und heute ganzseitige Anzeigen in Tageszeitungen. Bin ich der einzige, der sich an die DDR Politkultur erinnert fühlt? Fehlt nur noch die Beflaggung entlang der Route vom Flughafen.

Unternehmenskommunikation
Unternehmenskommunikation – dokumentiert mit meinem SAMSUNG

„Herzlich willkommen Frau Präsidentin Park Geun-hye

Über 130 Jahre Freundschaft und tiefes Vertrauen zwischen beiden Nationen sind die Basis für die zukünftige Zusammenarbeit und den wachsenden Wohlstand der Republik Korea und der Bundesrepublik Deutschland.“

Klar. Und die Deutsch-Sowjetische Freundschaft ist die Basis für den wachsenden Wohlstand der Werktätigen in der DDR – äh – BRD.

Als Besitzer eines Samsung Smartphones denke ich beim Anblick des dekorierten Baugerüstes: da hängt mein Geld. Mein Geld, von dem ich bislang dachte, es werde in neue Produkte und innovative Ideen gesteckt, gerne auch in Unternehmensstrategien. Aber bitte nicht in liebdienerische Huldigungen an Staatsoberhäupter.

Wenn Merkel und Gauck demnächst von einer Auslandsreise zurückkehren erwarte ich, dass Volkswagen, Siemens und die BSR Plakate kleben mit „Herzlich Willkommen zurück, Frau Dr. Merkel. Guten Flug gehabt?“ Oder „Herzlich Willkommen, Bundespräsident Gauck, großer Führer, Garant für Demokratie, Freiheit und Wohlstand.“

Unter der Textzeile aber kommt’s noch schlimmer, nur leider hat man sich an diesen Anblick schon gewöhnt: zwei Mädchen, ungefähr fünf Jahre alt, halten je ein südkoreanisches und ein deutsches Winkelement in die Kamera. Auch dazu kann man Kinder missbrauchen. Ich stelle ein Fotoshooting und die Verbreitung des entstandenen Produktes nicht auf eine Stufe mit sexuellem Missbrauch, frage aber: müssen Kinder für Smartphones und internationale Wirtschaftspolitik werben? Für Kinderkleidung, Roller oder Ernähungskampagnen – warum nicht? Aber wozu müssen Kinder, die die Folgen und die Umstände ihrer Handlungen nicht annähernd einschätzen können, ihre Gesichter für – entschuldigung – so einen Scheiß herhalten? Ich möchte mich nicht daran gewöhnen.

Larissa

Dschungelcamp“, „Ich bin ein Star holt mich hier raus!“, „#IBES“ – wer geliebt wird hat viele Namen, und bei der RTL-Sendung mit Rekordquoten scheint das so zu sein. Für die meisten Zuschauer hieß diese Staffel irgendwann einfach: Larissa.

Neben ganz viel Leere, zumindest in der zweiten Woche, gab es aber auch einiges zu lernen in Sachen Marketing, Kommunikation und Strategie:

 

Lehre 1 – Wie man’s macht (Branding at its best)

Nicht nur Larissa hat den Interessierten unter uns gezeigt, wie Markenentwicklung und Storytelling funktionieren – Einzug als Prinzessin auf der Erbse, nach einer Woche Führungsfigur, dann bodenständige  Sympathiepuktesammlerin. Auch die Sendung selbst hat im Laufe der Jahre eine erstaunliche Transformation erfahren, ohne die Regeln oder den Ablauf auch nur ein einziges Mal selbst ändern zu müssen.

Waren die Teilnehmer anfangs noch tragische, häufig ökonomisch und privat ruinierte Persönlichkeiten, tritt die Next Generation selbstbewusst auf. Kein Wunder: die Regeln sind bekannt, selbst Ekelprüfungen können weder die Teilnehmer selbst noch den Zuschauer schocken. Alle versichern das Camp als „tolle Herausforderung“ und „Spaß“ mitzunehmen – häufig sogar glaubhaft.

Wir beobachten perfekte Markenpolitik: Wiederholung des immer Gleichen bei gleichzeitiger Abwechslung, und – gemeinsam mit dem Kunden – die Transformation zu etwas neuem.

 

Lehre 2 – Wie man’s besser nicht macht

Das Camp hat ein Riesenecho, berichtet wird auf Papier, im Blog, auf TWITTER und in der Kantine. Die Printpublikationen, die uns seit Jahrzehnten nicht nur mit Informationen, sondern vor allem mit Gewohnheiten versorgen (Frühstückszeitung, Lesen in der U-Bahn, SPIEGEL in der Badewanne) haben seit ein paar Jahren ein Rechtfertigungsproblem – und ausgerechnet da zeigt uns die BERLINER ZEITUNG, wie man es nicht machen sollte.

Im Feuilleton berichtet sie ausführlich über alles, was im Dschungel stattgefunden hat. Aber, da IBES nach Redaktionsschluss läuft, erfährt der Leser nichts von gestern, sondern von vorgestern! Überraschendes Konzept, das sich dem Leser kaum erschließt, haben wir doch die Nachrichten bis dahin nicht nur aus unterschiedlichen Quellen längst erhalten, sondern auch schon sozial verarbeitet.

 

Lehre 3 – Die Prophezeiung

Die Einschaltquoten des Dschungelcamps sind am Höhepunkt angelangt, damit wird die Sendung vom „Star“ zur „Cash-Cow“ – eine deutlich schwierigere Position (Produktportfolio nach BCG). In der kommenden Staffel wird folgendes geschehen: durch Regeländerungen wird RTL versuchen, dem Ganzen neuen Schwung zu verpassen und den Lebenszyklus ihres Produktes zu verlängern. Wir dürfen gespannt sein.

Hochschule und Hirschgeweih

Dass die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) eine ganz besondere Einrichtung ist, weiß der Autor dieses Blogs aus eigener Erfahrung: Als Leadcoach im Stipendienprogramm Exist und als Geschäftsführer Hultgren – Nachhaltigkeitsberatung gibt er dort Workshops für Existenzgründer. Der Blick in einen Seminarraum des Waldcampus zeigt: diese Hochschule ist nicht wie jede andere.

Im Seminar der HNEE
HNEE, Waldcampus

Gestern wurde an der HNEE ordentlich gefeiert, denn eine ihrer Lehrkräfte wurde als „Professor des Jahres“ ausgezeichnet. Jörn Mallok lehrt seit 2002 Unternehmensführung und Produktionswirtschaft, ausgezeichnet wurde er für seine praxisnahe Lehre, die das selbstständige Denken und Arbeiten fördert sowie zugleich Raum für eigene Ideen lässt. Der Preis wird seit 2006 von der Zeitschrift Unicum Beruf in drei Kategorien vergeben. Mallok wird im Bereich Wirtschaftswissenschaften geehrt, 400 Kandidaten waren diesmal nominiert.

Interview mit Jörn Mallok im Inforadio

Zur Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE)

Hultgren Nachhaltigkeitsberatung, gibt Workshops und Vortäge zum Thema Management, Existenzgründung und Nachhaltigkeit