Briefe ans Management, Teil 8

Liebes Management,

vergiss mal all Deine Prognosen.

Denkspiel: Wir gründen ein Café (als Beispiel zum Thema „Berechenbarkeit von Umgebungen“)

Stellt Euch vor, liebes Management, an einem belebten Platz in der Innenstadt gibt es fünf Cafés, die offensichtlich bestens laufen, alle haben ein ähnliches Angebot. Ihr plant die Eröffnung eines sechsten Cafés am Platz, denn Ihr sagt Euch: „Bei gleicher Lage, gleicher Größe und vergleichbarem Angebot ist der Erfolg berechenbar“. Gehen wir einmal davon aus, dass die angestammten Betreiber so freundlich sind, uns Einblick in deren Buchhaltung zu gewähren – jetzt haben wir das perfekte Material um in einem Businessplan Prognosen unserer Umsätze und Erträge zu berechnen. Stimmt’s?

Vorsicht: Wir betreten als Gründer immer Neuland. Allein die Tatsache, dass Euer Café neu ist, ergibt fundamentale Unterschiede hinsichtlich Bekanntheitsgrad (schlecht!), Image (nicht vorhanden!) und Team (unerfahren!). Schlechte Karten? Nein! Erkennt Ihr nicht die unschätzbaren Vorteile, die Ihr dadurch Euren Konkurrenten gegenüber habt? Ihr seid beweglich, Euer Konzept ist noch nicht eingefahren, der Teamspirit ist noch durch den Slogan „Auf zu neuen Ufern“ geprägt.

Unsere Strategie sieht jetzt so aus: Wir setzen uns in die Cafés, die es bereits gibt, und stellen uns fünf Fragen:

  1. Was gefällt mir? (Das mache ich auch)
  2. Auf was könnte ich verzichten, obwohl es als „üblich“ gilt? (Das lasse ich weg)
  3. Wovon wünsche ich mir etwas mehr? (Das betone ich)
  4. Wovon wünsche ich mir etwas weniger? (Das minimiere ich)
  5. Was fehlt, weil es „üblicherweise“ in Cafés nie Teil des Angebots ist (Das erfinde ich)

Wer aus dieser Perspektive Gastronomie betrachtet, könnte Restaurants ohne Bedienung (McDonalds) oder zum Hineinfahren (Drive-in) erfinden – wenn es sie nicht schon gäbe. Was erfinden wir? Die hier angestellten Überlegungen beruhen auf der Blue Ocean Strategie zur Entwicklung von Produkten und Märkten.

Nicht alles ist berechenbar
  • Kennt Ihr den Preis für Öl in 18 Monaten?
  • Wisst Ihr, wie hoch die Zinsen in einem Jahr sein werden?
  • Könnt Ihr den Arbeitsmarkt für Euer Fachgebiet in 5 Jahren vorhersagen?

Nein? Niemand kann das. Und doch ist die Welt voller Prognosen darüber und über tausende ähnliche Fragen.
Wenn wir ein Unternehmen gründen oder ein Projekt durchführen wollen, können wir, der Mehrheit folgend, schauen welche als seriös geltenden Institutionen (Marktforschungsinstitute, Universitäten, Rankingagenturen) übereinstimmend welche Aussagen zu einer bestimmten Frage treffen. Ein beliebtes Auswahlkriterium ist hier die Frage: wie genau trafen Vorhersagen dieses Institutes in der Vergangenheit ein?

Aus unseren so abgesicherten Informationen entwickeln wir nun eine Geschäftsidee, wir schreiben einen Businessplan mit strategischen und monetären Zielen und errechnen darin den zu erwartenden Gewinn.
Banken, Versicherungen und Immobilienwirtschaft sind nach diesem System – nennen wir es klassisches Management – vorgegangen, das Ergebnis ist bekannt. Nicht nur die sogenannten „Geldinstitute“, nein, ganze Staaten wollten gerettet werden und müssen quasi über einen Tropf mit hektisch gedrucktem Geld versorgt werden.

Die Erklärung der Banker: „Wir konnten ja nicht wissen, dass sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Wirklich nicht? Rahmenbedingungen ändern sich immer, mal schnell mal langsam. Das weiß jeder Mensch, wir hätten jeden Händler, Betriebswirtschaftler und jede Hausfrau fragen können. Wir können nur häufig keine Aussage darüber treffen, wie und in welche Richtung sich Rahmenbedingungen verändern.

Effectuation bezieht die Tatsache veränderlicher Umgebungen nutzbringend ein, statt sie zu ignorieren oder sich dagegen zu wappnen. Dem Prinzip der Umstände und Zufälle folgend, lässt mein Projekt sich durch Impulse inspirieren und vorantreiben, statt sie als Störung beim erreichen fester Ziele zu betrachten (Mehr zu Effectuation in diesem Blog. Webinar zu Effectuation auf diplomero)

Wohin damit?

Home Office ordnet Managementsysteme und -strategien wie Qualitätsmanagement, klassische Zielorientierung, Effectuation oder Blue Ocean in sein System ein. Durch die Zuordnung zu einem Raum im HOME Office wird die jeweilige Anwendung sinnvoll und praktikabel.