Du aber bist der Baum

Morgens, zehn Uhr in Deutschland: Komme gerade vom Joggen, die übliche Runde um den See. Die Sonne scheint, an der Badestelle steht eine mächtige Eiche, deren Stamm sich bereits nach einem Meter in drei starke Äste gabelt. Und in dieser Gabelung steht ein Junge und lacht, er ist vielleicht zwei Jahre alt.

Baum

Wie mächtig muss dieser Baum ihm erscheinen, wie ewig. Und als ich so die Perspektive des Jungen einnehme, erscheint auch mir der Baum ewig. Eichen sind mit hundert Jahren erwachsen, werden locker 500 Jahre alt, es gibt in Europa Wälder mit Eichen, die weit über tausend Jahre zählen. Aber ewig ist kein Baum.

Fällt ein Baum (ich komme gleich zum Management, dies wird kein Baumtagebuch), bleibt der Wald doch bestehen. Der Baum muss sogar fallen und absterben, damit der Wald als Ganzes Bestand hat.

Und fällt der Wald, zum Beispiel in heißen Klimazonen durch Waldbrand, so entsteht er neu, er hinterlässt fruchtbaren Boden. Es gibt immer einen nächst größeren Zusammenhang, in dem eine traurige Geschichte einen Sinn ergibt. Auch der Wald ist Teil eines Kontinents aus unterschiedlichen Biotopen: Wäldern, Seen, Steppen, Wüsten. Die Natur kennt keine Zerstörung, sie kennt nur Veränderung.

Und wir? Im Ruhrgebiet verschwanden in den 80er und 90er Jahre tausende von Arbeitsplätzen der Kohle- und Stahlindustrie. Neue Arbeitsplätze entstanden, zum Beispiel in Duisburg im Dienstleistungs- und Medienbereich – aber natürlich nicht für die Stahlarbeiter. Eine Stadt wandelt sich, mit sichtbarem Erfolg, Einzelschicksale bleiben unter Umständen auf der Strecke.

Veränderungsbereitschaft ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die Menschen heute abverlangt werden. Meine Schwester betreibt in London eine Rahmengalerie, erfolgreich seit vier Jahren. Jetzt muss sie umziehen, das Haus wird in Eigentumswohnungen umgewandelt. Veränderung. Das Ausmaß notwendiger Flexibilität nervt dabei manchmal gewaltig, groß ist die Sehnsucht nach Stetigem, Ewigem, einem Baum, der tausend Jahre alt wird. Die einzige Konstante heute scheint die Veränderung zu sein, Change-Management hat Konjunktur.

Dies ist also die Frage: Wie viel Veränderung lassen wir zu, um als Großes Ganzes überlebensfähig zu bleiben? Und wie viel Stabilität leisten wir uns, gestehen wir auch gerade denen zu, die nichts in Immobilien oder Rentenzusatzversicherungen stecken können? Die Stabilität einer Gesellschaft hängt nicht nur am Bruttosozialprodukt, am Exportüberschuss oder an anderen Querschnittszahlen. Sondern auch daran, wie sich das daraus erwachsende Glücks- und Sicherheitsgefühl verteilt.

Diese Fragen stellen sich immer. Die Antworten darauf werden immer in Bewegung sein, im Wandel. Und doch müssen wir um Antworten kämpfen. Immer. Als Ganzes. Als Wald.

 

 

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3 Gedanken zu „Du aber bist der Baum

  1. Lieber Herr Schmidt,

    ein wunderbarer Artikel. Vor allem das mit den Glücksgefühlen finde ich schön. Erinnert an einen Beitrag über Butan, den ich mal gelesen habe. Da gibt es statt des Bruttosozialprodukts ein „Bruttoglücksprodukt“….. Schöner Ansatz…

    Viele Grüsse
    Thomas Mampel

  2. Lieber Herr Mampel,
    vielen Dank für den Kommentar. Wie ich Ihnen ja schon geschrieben habe, ist die Eiche eine ERLE, das habe ich heute beim Fotografieren festgestellt.
    🙂

  3. Ja, Bhutan. Glückliche Menschen, wie man hört. Aus einem ZEIT Artikel 2011: „Artikel 9, Absatz 2 der nationalen Verfassung Bhutans: »Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.«
    Glück als oberstes Staatsziel? Die Welt hat das jahrelang belächelt…“

    Auch bei uns dreht sich der Wind, wenn auch sehr langsam. Während Viele beim Schlagwort Wirtschaftswachstum nur noch mit den Augen rollen, ist eine Enquetekommission der Bundesregierung immerhin auf der Suche nach der Balance aus Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Ihre Mitglieder sollen herausfinden, wie man das Bruttoinlandsprodukt künftig um einen Zufriedenheitsfaktor erweitern kann.

    Klingt nach dem richtigen Weg, finde ich. Wenn die Institutionen nur nicht immer so zaghaft und zögerlich wären. Aber sich ängstlich klammern an das Alte, statt Neues zu wagen, ist auch sehr menschlich. Ein Klima, in dem das Wort Zukunft nicht Angst, sondern Hoffnung und Zuversicht macht, wünsche ich mir.

    Sie tragen dazu bei, das Stadtteilzentrum Steglitz. Das ist wichtig.

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