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Hartmut Mehdorn und die Geiseln von Sydney

Hartmut Mehdorn prangt heute auf jeder zweiten Titelseite am Zeitungskiosk: „Mehdorn zwei Jahre eher fertig“, „Abflug Mehdorn“ lauten die Schlagzeilen. Der Arme! Hohn und Spott sind ihm zumindest heute während des ganzen Tages sicher. Die Titelseiten sind wie Steckbriefe, der Kiosk ein Pranger.

Mehdorn wird dafür sicher gut bezahlt und, viel wichtiger, er wusste genau, worauf er sich einlässt, er hat sich selbst für dieses Geschäftsmodell entschieden, mein Mitleid ist echt, aber begrenzt. Die Geiseln von Sydney haben diese Entscheidung nicht getroffen, aber auch ihre Gesichter sind abgebildet: Eine Frau, die Arme erhoben, Todesangst im Gesicht. Daneben ein Mann, ebenfalls in der „Hände hoch!“ Stellung der Bedrohten, sein Gesicht zeigt keine Regung. Was mag gerade in ihm vorgehen?

Ich bin kein Anwalt (aber unter anderem Fotograf) und weiß doch: Persönlichkeitsrechte an Bildern sind eindeutig definiert. Wer Kanzlerin oder Flughafenchef werden will, der gibt diese Rechte zumindest in der Dienstzeit quasi an der Garderobe ab, er kann sie sich nach Feierabend wieder abholen.

Wer in Sydney entführt, bedroht und gedemütigt wird, verliert offenbar auch seine Rechte am eigenen Bild. Das macht mich wütend. Überwiegt hier etwa mein Interesse an der Sensation? Oder ist Australien einfach so weit weg, dass es egal ist. Die abgebildete Frau jedenfalls kann sich, wenn sie den Schock verarbeitet hat, schon mal darauf einrichten, ewig „das Geiselopfer von Sydney zu sein“. Berliner Zeitung, Tagesschau App – Euch habe ich im Abo, weil Ihr seriös und anständig seid, heute liegt Ihr leider voll daneben.

P.S.: Die klassische Tagesschau um 20 Uhr verfremdete die Bilder derer, die gequält wurden. Der Informationsgehalt war unberührt. Danke dafür.